Annies Zunge war wie ein kleiner selbstständiger Zwerg, der sich an Bess’ Quell labte, als würde er sonst verdursten. Sie fühlte ein immer höher aufflackerndes Buschfeuer sich in ihr ausbreiten. Unaufhaltsam. Unbesiegbar.

Die Flammen leckten schon am Himmel beziehungsweise an jeder empfindlichen Stelle ihres Körpers. Jeder Widerstand dagegen schien sinnlos. Alles in Bess sehnte sich danach, sich Annie zumindest für den Augenblick hinzugeben.

Das entschied es. Auch wenn da in ihrem Hinterkopf noch immer ein kleines Alarmlämpchen blinkte, sie wollte es nicht sehen und schaltete es ab.

Na ja, eine Nacht schadet vielleicht nicht.

7

Annie wachte automatisch jeden Morgen um dieselbe Zeit auf, auch ohne Wecker. An diesem Morgen war sie im ersten Moment jedoch etwas irritiert, als sie sich umsah. Das war nicht ihre Wohnung und das war nicht ihr Bett.

Ein Blick auf die andere Betthälfte neben sich klärte sie jedoch sofort auf. Da lag Bess. Und das hier war ihre Wohnung, ihr Bett. Innerhalb von Sekundenbruchteilen erinnerte Annie sich wieder.

Sie lächelte leicht. Es war keine schlechte Erinnerung. So guten Sex wie mit Bess hatte sie vielleicht noch nie gehabt, ganz genau konnte sie das nicht sagen. Das war immer schwer zu vergleichen. Auf jeden Fall war es sehr . . . erfüllend gewesen.

Dieser erste Gedanke verschwand jedoch schnell. Denn so schön es auch gewesen war, sie hatte immer mehr das Gefühl, dass Bess ihr die Wahrheit gesagt hatte. Dass sie nichts für Annie war.

Sie wusste nicht genau, woher dieser Gedanke kam. Vielleicht war es diese Geschichte mit Bess’ Vater und mit dem, was er ihr beigebracht hatte, oder diese Geschichte, dass sie ihre Gedanken vor anderen immer gut verstecken konnte. Auch vor Annie. Zumindest hatte Bess das gesagt. So richtig testen hatte Annie das ja noch nicht können.

Aber als Croupière musste man seinen Gesichtsausdruck immer gut im Griff haben, das war sicherlich eine Tatsache. Und mit dem zusätzlichen ›Training‹ durch ihren Vater war Bess darin vielleicht sogar besser geschult als jeder andere.

Sie betrachtete Bess, die anscheinend immer noch tief und fest schlief. Es war aber auch noch früh. Annie hatte sich die frühe Zeit des Aufstehens auf dem Land, um die Tiere zu versorgen, nie abgewöhnt.

Bess hatte viele Tattoos. Keine, die man sehen konnte, wenn sie angezogen war – möglicherweise mochten das die Arbeitgeber in Casinos nicht –, aber jetzt konnte Annie sie fast alle betrachten. Jedenfalls die, die nicht von Bess’ Haaren oder der leichten Comforter-Bettdecke versteckt wurden. Das musste sie aber gar nicht, denn sie hatte sie eigentlich stundenlang betrachtet. Ganz aus der Nähe.

Besonders ein Katzentattoo war ihr dabei aufgefallen. Es wirkte weniger kunstvoll gemacht als der Rest. Die Katze war eindeutig erkennbar, aber das schien eher ein Lehrling verbrochen zu haben als ein Meister. Da hatte Bess wahrscheinlich Pech gehabt.

Ansonsten waren ihre Tattoos perfekt. Sie passten zu ihr, zu ihrer wilden, ungezähmten Ausstrahlung, zu ihrem Äußeren, das etwas südländisch Rassiges hatte. Zu ihrem leicht dunklen Teint, der von der Sonne Nevadas oder auch von eventuell südamerikanischen Vorfahren stammen konnte. Zu ihren sinnlichen Lippen –

Hörst du wohl auf! Sie hätte sich am liebsten selbst auf die Hand gehauen, die schon dazu unterwegs gewesen war, Bess die Haare von der Schulter zu streifen. Sie durfte sich einfach nicht in so etwas hineinsteigern.

Das war immer so nach dem Sex. Anscheinend wirkten bei ihr diese Kuschelhormone noch sehr lange nach. Und dadurch hatte sie sich schon in die eine oder andere nicht so schöne Situation gebracht. Das musste aufhören!

Entschlossen warf sie den Comforter von sich, leicht genug für dieses heiße Wetter, und stand auf, wobei sie versuchte, sich nicht zu schnell zu bewegen und keine Geräusche zu machen. Sie suchte ihre Sachen zusammen und ging ins Bad, um sich anzuziehen. Als sie soweit war, schlich sie sich aus Bess’ Wohnung hinaus.

An der Tür warf sie noch einmal einen Blick zurück. Bess’ schwarze Haare bildeten einen wundervollen Kontrast zu dem hellen Kissen. Und sie waren so weich . . .

Wie gern hätte Annie jetzt noch einmal darübergestrichen. Aber das war zu gefährlich.

Deshalb zog sie einfach nur die Tür hinter sich zu und ging schnell den Korridor entlang zur Treppe.


»Hallo Annie! Na, wieder mal auf dem Weg, den Boss zu beeindrucken?« Cynthia ging hämisch grinsend hinter Annies Schreibtisch vorbei. Was Annie vor sich in der Scheibe sah. »Hast du hier übernachtet?«

Annie drehte sich mit ihrem Stuhl um. »Weil ich früher da bin als du? Das ist ja nun wirklich nicht schwer. Du kommst immer zu spät. Ist ja nicht das erste Mal.«

In Anbetracht dessen, dass Annie noch zu Hause gewesen war, sich geduscht und umgezogen hatte, und dann erst nach dem Frühstück ins Büro gekommen war, hatte sie sich heute sogar erheblich mehr Zeit gelassen als sonst. Aber sie war immer noch weit früher als Cynthia dagewesen. Was Bände sprach.

»Bist du jetzt mein Boss?«, fauchte Cynthia sie an, während sie stehenblieb und dann noch einmal ein paar Schritte zurückkam. »Muss ich etwa bei dir meine Stempelkarte vorzeigen? Kontrollierst du alles?«

»Du weißt, dass das Unsinn ist, Cynthia.« Annie seufzte und drehte ihren Stuhl wieder zum Bildschirm zurück. »Aber man muss wirklich nicht hier übernachten, um früher da zu sein als du.«

Cynthia stemmte die Hände in die Hüften und stellte ein Bein vor, als wollte sie für ein Foto posieren. »Das kommt davon, weil du nachts nichts zu tun hast. Weil du ein absolut langweiliges Leben führst, ganz allein in deinem schmalen Bettchen.«

Fast hätte Annie aufgelacht, aber sie beherrschte sich. »Ja, du hast ganz recht«, gab sie mit neutraler Stimme zurück. »Nachts findet bei mir nichts statt. Ich bin die Jungfrau vom Dienst.«

Obwohl Cynthia ein bisschen wirkte wie eine Segeljacht, der man plötzlich den Wind aus den Segeln genommen hatte, schnaufte sie noch kurz durch wie ein unzufriedenes Pferd, während sie wahrscheinlich darüber nachdachte, was sie Annie antworten sollte. Aber wie immer war ihr Kopf so leer wie ihr Blick. »Wie kann man nur so bescheuert sein?«, war alles, was ihr einfiel, bevor sie endgültig abdampfte.

»Ja, das ist die Frage, nicht wahr?«, murmelte Annie zu sich selbst.

Aber das bezog sich nicht auf Cynthia, das bezog sich auf Bess. Mittlerweile hatte Annie das Gefühl, das war eine ziemlich große Dummheit gewesen.

Sie wusste gar nicht, was sie dazu getrieben hatte. Wahrscheinlich hatte Bess sie dazu aufgestachelt, weil sie ihr die ganze Zeit das Gefühl gegeben hatte, dass sie ihr nichts zutraute. Dass sie meinte, jede von Annies Handlungen wäre vorhersagbar.

Das hatte Annie geärgert. Sie fand, dass sie sehr viele Entscheidungen traf, die nicht vorhersagbar waren. Schon allein, dass sie von zu Hause weggegangen war. Und dann sogar nach Las Vegas. Niemand aus ihrer kleinen Stadt hatte das vor ihr getan. Zumindest nicht Vegas.

Doch für Bess war das natürlich nichts Besonderes. Sie hatte sich nie länger als ein paar Tage an ein und demselben Ort aufgehalten. Sie war eine Vagabundin, deren Heim dort war, wo sie ihren Hut aufhängte. Falls sie einen hatte.

Nein, nein. Das konnte nicht sein. Sie beide hatten nichts gemeinsam. Der Sex war gut gewesen, aber das konnte man mit jeder Frau haben. Diese verdammten Kuschelhormone hatten sie schon zu oft dazu gebracht, sich immer gleich zu verlieben. Das durfte ihr nicht noch einmal passieren.

Kingsley Stevens: Spiel der Liebe

1 »Hey Annie. Wie geht’s?« Der Türsteher am Eingang des Casinos nickte Annie freundlich zu. »Gut,...
Die restlichen Chips, die noch auf dem Tuch lagen, waren Gewinnchips und wurden entsprechend ihrer...
»Aber Cynthia . . . « Heute war Annie weder nach Streit noch nach Unterwerfung um des lieben...
Dennoch hatte sie sich mit den Umständen arrangiert und konnte sich nicht mehr vorstellen, in den...
»Es kommt öfter vor, dass Spieler Chips von weiter hinten werfen«, erklärte die Croupière, die...
5 Obwohl sie es in den letzten Tagen ein wenig geschont hatte, zog sie am nächsten Abend ihr neues...
»Sieht seriöser aus am Tisch«, sagte Bess. »Und es behindert weniger bei der Arbeit.« Sie warf den...
»Bei anderen Spielen kann man sich immer noch einbilden, man könnte etwas am Ausgang ändern«,...
Es war nur ein flüchtiger Kuss, fast ein schwesterlicher, und dennoch schien Bess wie erstarrt....
»Oh ja, Bess . . . Ja . . . Hmmmm . . . « Annie seufzte und stöhnte. Und Bess war sehr zufrieden...
Annies Zunge war wie ein kleiner selbstständiger Zwerg, der sich an Bess’ Quell labte, als würde...
Sie würde ab sofort nicht mehr spielen gehen. Oder wenn, dann nicht in dem Casino, in dem Bess...