Sie würde ab sofort nicht mehr spielen gehen. Oder wenn, dann nicht in dem Casino, in dem Bess angestellt war. Und in dem Annies Glückstisch stand . . .

Nun ja, einen Tod musste man sterben. Sie seufzte tief auf. Roulettetische gab es in jedem Casino. Das war kein Grund, in ein spezielles Casino zu gehen.

Bess war ein Grund. Aber das musste ein für alle Mal vorbei sein. Es hatte keine Zukunft. Wahrscheinlich noch nicht einmal eine Gegenwart. Wer wusste, wie Bess heute zu Annie stand, nachdem sie aufgewacht war? Nachdem diese Nacht vorbei war? Sie hakte das wahrscheinlich einfach ab. Sie hatte bestimmt schon viele Frauen gehabt. Für eine Nacht.

Und eine solche Frau wollte Annie auf keinen Fall sein.

8

»Verdammte Scheiße!« Bess raufte sich die Haare. »Auf was habe ich mich da eingelassen?«

Sie schaute in den Badezimmerspiegel, vor dem sie gerade dabeigewesen war, sich zu schminken. Nicht besonders auffällig, nur so, wie es für die Arbeit als angemessen betrachtet wurde.

Und da war plötzlich Annies Gesicht im Spiegel erschienen. Was für ein Mist!

Sie hatten eine tolle Nacht gehabt, ja okay, aber das war doch kein Grund, weiterhin an diese Frau zu denken.

Es gab viele tolle Nächte, wenn es um Sex ging. Das war doch nichts Besonderes. Manchmal wusste sie nicht, was die ganze Aufregung sollte. Vor allen Dingen dieses Ding mit der Liebe. Das hatte sie noch nie verstanden.

Das eine oder andere Mal hatte sie eine Frau getroffen, die das von ihr verlangt hatte, aber da hatte sie immer nein sagen müssen. Sie verstand Liebe nicht, und sie wollte sie nicht. Sie wusste gar nicht, was sie damit anfangen sollte. Und sie wusste auch nicht, was eine Frau von ihr erwartete, der sie das geben sollte. Das war einfach nicht ihr Gebiet.

Ehrlich gesagt hatte sie befürchtet, dass Annie so eine Frau wäre. Sie war genau der Typ. Aber dann war sie heute Morgen einfach verschwunden gewesen, ohne auch nur einen Zettel zu hinterlassen. Das hatte Bess dann doch ziemlich überrascht, als sie aufgewacht war.

Sie dachte an ihr Gespräch bezüglich der Vorhersagbarkeit. Vielleicht spielte diese Annie ein Spielchen mit ihr, wollte sie beeindrucken, wollte sie dazu veranlassen, dass sie ihr hinterherlief. Was ein bisschen schwierig gewesen wäre, da Bess ja noch nicht einmal wusste, wo sie wohnte.

Aber sie würde heute bestimmt sehnsuchtsvoll lächelnd ins Casino kommen und erwarten, dass Bess sich darüber freute. Schaudernd schüttelte Bess sich. Das waren immer die schlimmsten Momente. Wenn jemand wusste, wo sie wohnte oder arbeitete, konnte sie nicht gut ausweichen. Und Annie wusste sogar beides.

Doch diesmal war das, worüber sie sich ärgerte und was sie richtig wütend machte, nicht das, was die andere Frau tun würde, sondern das, was sie selbst empfand. Wieso bekam sie Annie einfach nicht aus ihrem Kopf?

Ja, das war toll gewesen heute Nacht. Vor allen Dingen, weil dieses kleine Entjungferungsding dabeigewesen war, wenn auch nicht richtig. Aber so etwas war trotzdem immer aufregend.

Normalerweise stand sie nicht auf Jungfrauen, die waren meistens ziemlich langweilig im Bett, aber Annie war ja auch keine gewesen. Sie war nur in diesem einen Punkt noch etwas unerfahren. Ansonsten hatte sie sich ziemlich erfahren verhalten und Bess damit sehr großes Vergnügen bereitet.

Das konnte aber doch nicht so einen großen Eindruck in ihr selbst hinterlassen haben. Sie schüttelte den Kopf und trug dann etwas Eyeliner auf. Wahrscheinlich war sie nur leicht aus der Spur gebracht, weil sie im Moment einen kleinen Engpass hatte. Das Geld wurde langsam knapp, und so ein Minigehalt als Croupière war eigentlich ein Witz, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Da sie gerade erst in Vegas angekommen war, hatte sie den ersten Job angenommen, der sich ihr bot, um ihre Miete bezahlen zu können, aber das konnte keine Dauerlösung sein. Sie musste etwas Besseres finden.

Grundsätzlich war es ja okay, ihre Wohnung war noch nicht einmal so schlecht wie viele andere, aber sie schoss bei der Miete ziemlich viel zu aus ihrem Ersparten. Das würde nicht lange reichen.

Vegas bot jedoch viele Möglichkeiten, mehr als Reno, wo sie vorher gewesen war, dennoch so ziemlich in der gleichen Art. Der einzige Unterschied war nur, in Vegas konnte man innerhalb kürzester Zeit in irgendeiner der vielen Chapels heiraten, in Reno ließ man sich schnell und ohne viel Aufwand scheiden.

Weder das eine noch das andere kam für Bess jedoch in Frage. Das musste auch Annie sich abschminken, dieses kleine Mädchen aus den Hinterwäldern von Pennsylvania, wo man bestimmt brav heiratete, bevor man Sex hatte, um dann Dutzende von Hinterwäldlerkinderchen zu produzieren.

Nun ja, zumindest in der Beziehung war Annie anders, denn mit Frauen war das gar nicht so einfach. Aber Annie war genau der Typ, der bestimmt Kinder haben wollte und ein Haus mit einem Garten und einem weißen Zaun darum herum, in dem ein alberner Hund herumsprang, der alle erschreckte.

Das war noch nie Bess’ Ziel gewesen. Das konnte sie sich überhaupt nicht vorstellen. Nicht für sich selbst jedenfalls. Sie hatte in solchen Häusern gelebt zum Teil, wenn ihr Vater sie irgendwo abgegeben hatte, aber das war nie ihr Zuhause gewesen. Sie hatte immer darauf gewartet, dass er zurückkam und sie abholte.

Nein, das war wirklich überhaupt nicht ihr Ding. Ja, es war nett gewesen, ein Dach über dem Kopf zu haben, regelmäßige Mahlzeiten, ein bisschen etwas in der Schule zu lernen – auch wenn sie sich da meistens gelangweilt hatte, außer im Rechnen –, wo die Leute sie manchmal wie ein exotisches Tier betrachteten, das plötzlich zu ihrem Fenster hereingeflattert war. Aber zum Schluss hatte sie sich immer nach der Freiheit der Straße zurückgesehnt, wo sie tun und lassen konnte, was sie wollte, denn die Erziehungsmethode ihres Vaters war Leben und leben lassen. Er hatte Bess eigentlich überhaupt nicht erzogen. Er hätte gar nicht gewusst, wie das ging.

Die Frauen, die sie in diesen Häusern aufgenommen hatten – denn es waren die Frauen gewesen, die Männer hatten sich nicht dafür interessiert –, waren zum Teil nett gewesen, zum Teil nicht so, aber eins war ihnen allen gemeinsam: Sie lebten ein Leben voller Pflichten und ohne viel Spaß. Bess hatte sich überhaupt nicht mit ihnen identifizieren können.

Mit der Zeit hatte sie gemerkt, dass es zwei Arten von Leben gab, eins für Männer und eins für Frauen, aber wenn überhaupt, identifizierte sie sich eher mit den Männern. Nicht unbedingt mit den Männern, die jeden Tag zur Arbeit gingen und am Ende der Woche eine kleine Summe Geld nach Hause brachten, die gerade für das Nötigste reichte, aber mit einem Mann wie ihrem Vater. Obwohl sie wusste, dass sein Leben kein Vorbild war.

Dennoch hätte sie jederzeit das Leben hinter so einem weißen Zaun gegen ein Leben wie das ihres Vaters eingetauscht. Es war einfach ihr Leben. Sie konnte nicht sesshaft werden und ewig an einem Ort bleiben. Wie langweilig war das denn? Und sie konnte auch nicht von einem Gehalt leben, wie viele es als normal betrachteten. Wo blieb denn da der Spaß?

Wenn sie sich mit jemandem wie Annie einließ, wäre sie jedoch vermutlich innerhalb kürzester Zeit hinter so einem weißen Zaun eingesperrt gewesen. Das hätte eine Frau wie Annie von ihr erwartet. Deshalb hatte sie Beziehungen zu solchen Frauen bisher so weit wie möglich vermieden. Es war das eine oder andere Mal passiert, aber das war eher ein Versehen gewesen.

Und Annie war auch ein Versehen. Es würde keine Intimitäten mehr zwischen ihnen geben, gar nichts.

Egal, was Annie sich vorstellte.

ENDE DER FORTSETZUNG

Kingsley Stevens: Spiel der Liebe

1 »Hey Annie. Wie geht’s?« Der Türsteher am Eingang des Casinos nickte Annie freundlich zu. »Gut,...
Die restlichen Chips, die noch auf dem Tuch lagen, waren Gewinnchips und wurden entsprechend ihrer...
»Aber Cynthia . . . « Heute war Annie weder nach Streit noch nach Unterwerfung um des lieben...
Dennoch hatte sie sich mit den Umständen arrangiert und konnte sich nicht mehr vorstellen, in den...
»Es kommt öfter vor, dass Spieler Chips von weiter hinten werfen«, erklärte die Croupière, die...
5 Obwohl sie es in den letzten Tagen ein wenig geschont hatte, zog sie am nächsten Abend ihr neues...
»Sieht seriöser aus am Tisch«, sagte Bess. »Und es behindert weniger bei der Arbeit.« Sie warf den...
»Bei anderen Spielen kann man sich immer noch einbilden, man könnte etwas am Ausgang ändern«,...
Es war nur ein flüchtiger Kuss, fast ein schwesterlicher, und dennoch schien Bess wie erstarrt....
»Oh ja, Bess . . . Ja . . . Hmmmm . . . « Annie seufzte und stöhnte. Und Bess war sehr zufrieden...
Annies Zunge war wie ein kleiner selbstständiger Zwerg, der sich an Bess’ Quell labte, als würde...
Sie würde ab sofort nicht mehr spielen gehen. Oder wenn, dann nicht in dem Casino, in dem Bess...