Die restlichen Chips, die noch auf dem Tuch lagen, waren Gewinnchips und wurden entsprechend ihrer Chancen ausgezahlt. Das alles geschah in kürzester Zeit, denn die Croupiers beherrschten die Zahlen und Berechnungen im Schlaf.

Eine schlanke Hand mit schmalen, langen Fingern schob einen Gewinn direkt vor Annies Nase, aber das lag nur daran, dass sie am roten Feld stand, da sie ja nicht gespielt hatte. Dennoch schaute sie unwillkürlich auf und in die Augen der Frau, die den Gewinn auszahlte.

Für einen Moment sah sie die Reflexion eines Lichtkegels, der über dem Spielfeld hing, in einer dunklen Pupille, dann verschwand das Auge wieder aus ihrem Blickfeld.

Dennoch hatte Annie das Gefühl, die Croupière hatte sie eindringlicher als üblich gemustert. Aber vielleicht lag das auch nur daran, dass sie noch neu war und die Stammgäste erst einmal kennenlernen musste.

Ein paar Spiele ließ Annie noch vorbeiziehen, dann setzte sie ihren Fünf-Dollar-Chip . . . und verlor.

Sie seufzte. Natürlich. Was auch sonst? So war es doch immer.

Sie tastete nach dem Chip, den Steve ihr gegeben hatte. Es wäre wirklich vernünftiger gewesen, ihn für die Miete zu verwenden. Aber heute war ihr Geburtstag. Und was, wenn Steve fragen würde? Sie hatte ihm die Hälfte des Gewinns versprochen.

Es würde keinen Gewinn geben, also war es doch egal, ob er nichts bekam, weil sie verloren oder weil sie gar nicht gespielt hatte.

Aber heute ist mein Geburtstag! wiederholte sie in Gedanken. Fast trotzig warf sie den Chip auf die Dreizehn. Die gewann sowieso nie. Normalerweise setzte sie eher auf einfache Chancen. Einen Chip nur auf eine einzelne Zahl zu setzen erschien ihr von vornherein als Vergeudung, denn die Chancen, dabei zu gewinnen, waren verschwindend gering.

Der Kessel wurde in Gang gesetzt. Die Kugel rollte . . . und rollte . . . und rollte.

Das Geräusch erschien ungeheuer laut in Annies Ohren.

Sie schloss die Augen, als die Kugel fiel. Sie wollte es gar nicht wissen.

Aber dann hätte sie auch ihre Ohren verschließen müssen, denn kaum war das Rad angehalten worden, verkündete die Croupière: »Dreizehn. Schwarz. Ungerade. Niedrig. Zweites Dutzend.«

Annies Herzschlag setzte fast aus. Was? Nein. Sie musste sich verhört haben. Doch als sie die Augen öffnete, sah sie, dass ihr Einsatz immer noch auf der Zahl lag, während die anderen Einsätze eingezogen wurden.

Kurz darauf wurde ein großer Betrag in ihre Richtung geschoben. »1750 für fünfzig« war der Kommentar dazu, mit genauso ausdrucksloser Stimme wie bei jedem anderen Gewinn. Für Croupiers waren diese Zahlen bedeutungslos.

Annie starrte die Ansammlung Chips vor sich nur an. Wann hatte sie zum letzten Mal tausend Dollar auf einem Haufen gesehen? Mehr als tausend Dollar? Wahrscheinlich noch nie.

»Wollen Sie den Einsatz stehenlassen?«, fragte dieselbe Stimme in derselben ausdruckslosen Art, als Annie sich nicht rührte.

Immer noch brauchte sie eine Sekunde, bis sie endlich antworten konnte. »Nein! Nein, auf keinen Fall!« Schnell griff sie zu und zog die Chips vom Spielfeld.

»Machen Sie Ihr Spiel«, ertönte es daraufhin, und ein paar Sekunden später wurde das Rad wieder in Gang gesetzt.

Annie konnte es immer noch nicht glauben. Die Chips, die da vor ihr lagen, waren alle ihre? Sie hatte gewonnen?

Endlich schlich sich ein Lächeln in ihre Mundwinkel. Was für ein Geburtstagsgeschenk! Nun konnte sie nicht nur ihre Miete bezahlen, sondern auch noch ein paar andere Sachen. Und sie musste keine Angst haben, wenn Henderson wieder einmal in Verzug geriet.

Fast benommen packte sie die Chips, trug sie auf beiden Händen vor sich her und begab sich zur Kasse.

»Annie.« Der Mann hinter dem Schalter lächelte. »Endlich einmal gewonnen?«

»Und wie.« Annies Mundwinkel begaben sich noch mehr nach oben. »Muss wohl daran liegen, dass ich heute Geburtstag habe.«

»Na dann: Herzlichen Glückwunsch!« Der Mann kassierte die Chips und schob einen Packen Scheine durch das Gitter. »Dann kauf dir mal was Schönes.«

»Die Hälfte gehört Steve«, sagte Annie, während sie versuchte, die vielen Scheine in ihrer Tasche unterzubringen. »Er hat mir einen Fünfziger zum Geburtstag geschenkt.«

Der Mann verzog das Gesicht. »Manche von uns können sich das nicht leisten.« Er war eindeutig sauer auf Steve.

»Hier.« Annie schob fünfzig Dollar durch das Gitter zurück. »Für die Angestellten.«

Der Mann nahm das Geld und steckte es in einen Schlitz neben seinem Arbeitsplatz. »Danke«, sagte er. »Und viel Spaß noch heute beim Geldausgeben.« Er war zwar sauer auf Steve, aber offensichtlich nicht auf Annie. Er lächelte sie wieder freundlich an.

»Das war das erste und bestimmt auch das letzte Mal, dass ich gewonnen habe«, lachte Annie. »Da werde ich lieber ein bisschen sparen!« Sie nickte ihm zu und steuerte den Ausgang an.

Dort zog sie ein Geldbündel aus der Tasche und überreichte es Steve. »Ich habe gewonnen!«, verkündete sie ihm strahlend. »Das ist deine Hälfte!«

»Wirklich?« Er konnte es wohl auch nicht glauben. »So viel?«

»Ich habe auf die Dreizehn gesetzt«, strahlte Annie weiter. »Mache ich sonst nie.«

»Das war eigentlich nicht ernst gemeint mit der Hälfte«, sagte Steve und wollte ihr das Bündel zurückgeben.

»Weil du dachtest, ich verliere.« Annie nickte. »Aber nun habe ich gewonnen, und es war dein Fünfziger. Also gehört dir die Hälfte. Wie vereinbart.«

Steves Augen strahlten auch. »Dann bekommt meine Frau doch noch ihr Geschenk.«

»Hoffentlich«, sagte Annie und ging schon zur Straße. »Und grüß sie von mir. Wir haben heute wohl beide Geburtstag.«

»Mach ich.« Steve winkte ihr zu, musste aber schon dem nächsten Kunden die Tür aufhalten.

Mit ausgreifenden Schritten brachte Annie schnell eine ganze Strecke hinter sich, bevor sie stehenblieb und überlegte. Wo wollte sie eigentlich hin?

Sie blickte zum Casino zurück. Sollte sie es noch einmal probieren, weil heute anscheinend ihr Glückstag war?

Zögernd drehte sie sich um, ging ein paar Meter, blieb wieder stehen.

Nein, das war Unsinn. So verlockend es auch war. Aber sie würde nur wieder alles verlieren.

Die Entscheidung fiel ihr schwer, denn normalerweise hatte sie nicht so viel Geld, um es zu verlieren. Sie beschränkte sich auf fünf Dollar Einsatz. Und selbst diese fünf Dollar musste sie sich quasi vom Mund absparen.

Aber das Gefühl, das sie erfasst hatte, als der Angestellte die Chips in so viele Scheine umtauschte, war unbeschreiblich gewesen. Es war reine Euphorie. Als ob sie auf Wolken schweben würde.

Und das Geld war ihr eigentlich in den Schoß gefallen. Wenn sie es jetzt wieder verlor, hatte sie in Wirklichkeit überhaupt nichts verloren. Denn normalerweise hätte sie das Geld gar nicht gehabt.

Immer wieder lief sie vor und zurück wie ein aufgescheuchtes Huhn, das nicht wusste, wo die Körner lagen.

Endlich entschied sie sich und ging mit starrem Blick über die Straße.

Sie musste ihre Miete bezahlen.

Das war jetzt das Wichtigste.

2

»Was für’n schickes Kleid, Annie!« Cynthia, Annies Kollegin und Nemesis, begrüßte sie am Morgen eindeutig neidisch im Büro. »War das im Sonderangebot?«

»Nein.« Annie lächelte gespielt freundlich. Eigentlich hatte sie öfter mal das Bedürfnis, Cynthia mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen, aber sie wollte nicht im Gefängnis landen. »Es hat mir einfach nur gefallen.«

»Hattest du nicht gestern noch gesagt, du wüsstest nicht, wie du deine Miete bezahlen sollst?« Cynthia grinste bösartig. »Hat dein Vermieter auf eine andere Art . . . kassiert? Und noch was draufgelegt?«

Kingsley Stevens: Spiel der Liebe

1 »Hey Annie. Wie geht’s?« Der Türsteher am Eingang des Casinos nickte Annie freundlich zu. »Gut,...
Die restlichen Chips, die noch auf dem Tuch lagen, waren Gewinnchips und wurden entsprechend ihrer...
»Aber Cynthia . . . « Heute war Annie weder nach Streit noch nach Unterwerfung um des lieben...
Dennoch hatte sie sich mit den Umständen arrangiert und konnte sich nicht mehr vorstellen, in den...
»Es kommt öfter vor, dass Spieler Chips von weiter hinten werfen«, erklärte die Croupière, die...
5 Obwohl sie es in den letzten Tagen ein wenig geschont hatte, zog sie am nächsten Abend ihr neues...
»Sieht seriöser aus am Tisch«, sagte Bess. »Und es behindert weniger bei der Arbeit.« Sie warf den...
»Bei anderen Spielen kann man sich immer noch einbilden, man könnte etwas am Ausgang ändern«,...
Es war nur ein flüchtiger Kuss, fast ein schwesterlicher, und dennoch schien Bess wie erstarrt....
»Oh ja, Bess . . . Ja . . . Hmmmm . . . « Annie seufzte und stöhnte. Und Bess war sehr zufrieden...
Annies Zunge war wie ein kleiner selbstständiger Zwerg, der sich an Bess’ Quell labte, als würde...
Sie würde ab sofort nicht mehr spielen gehen. Oder wenn, dann nicht in dem Casino, in dem Bess...