»Aber Cynthia . . .« Heute war Annie weder nach Streit noch nach Unterwerfung um des lieben Friedens willen zumute. »Ich bin doch nicht du. Ich weiß, dass du schon lange keine Miete mehr bezahlst . . .«

Cynthia musste offenbar für einen Augenblick überlegen, was das bedeutete, dann plusterte sie sich auf wie ein Truthahn kurz vor Thanksgiving. »Attraktive Frauen müssen sich um so was nicht kümmern.« Die Betonung lag sehr auf attraktiv, denn Cynthia hielt sich für ein Geschenk an die Männerwelt. Und fand alle anderen Frauen, einschließlich Annie, maßlos unattraktiv.

»Dann sei doch froh«, sagte Annie so freundlich zu Cynthia wie selten zuvor in ihrem Leben. Sie war immer noch nicht ganz von ihrer Wolke heruntergestiegen. »Da hast du ja noch ein paar Monate Zeit, bevor du Miete zahlen musst.«

Auch darüber musste Cynthia erst einmal nachdenken, bevor sie prustend wie ein Nilpferd abzog. Für eine Weile hatte sie wahrscheinlich genug.

Schmunzelnd setzte Annie sich an ihren Platz hinter der Glasscheibe, von wo aus sie in den Supermarkt hinuntersehen konnte. Von hier oben sahen die Regale fast wie Spielzeugteile aus. Als ob sie ein übergroßes Kind aneinandergereiht hätte.

Sie ließ ihren Blick lächelnd darüberschweifen, ohne wirklich hinzusehen. Ach, war das ein Erlebnis gewesen, in diese Boutique gehen zu können und sich einfach etwas auszusuchen, ohne auf die Preise achten zu müssen! Davon konnte sie jetzt eine ganze Weile zehren. Denn außer diesem Kleid würde sie sich nichts Außergewöhnliches gönnen.

In der Scheibe spiegelte sich eine Figur, die hinter ihr vorbeihuschte.

»Mr. Henderson . . .« Sie drehte sich schnell um.

»Ja, ja, ich weiß.« Er hob beide Hände, als müsste er sich gegen einen Schlag wehren. Möglicherweise erinnerte er sich an seine letzte Begegnung mit Steve. »Sie bekommen Ihren Gehaltsscheck.«

»Wann?«, rief Annie ihm hinterher, aber da war er schon verschwunden.

Sie seufzte. Normalerweise hätte sie das jetzt in Panik versetzt, aber heute . . . Nein. Sie lächelte und lehnte sich zurück. Geld zu haben war wirklich eine großartige Sache.

Der Tag verlief wie viele andere vor ihm, langweilig und unspektakulär. Annie versuchte, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, aber immer wieder schweiften ihre Gedanken ab zu dem Ereignis, das gestern kurzfristig ihre Situation verändert hatte.

Sie wusste, dass es nur Glück gewesen war, dass sich solche Ereignisse nicht so einfach wiederholen ließen. Zwar spielte sie gern, aber sie war dem Spiel nicht verfallen wie so viele andere. Deshalb konnte sie frei entscheiden, ob sie spielen wollte oder nicht. Und sie hielt das Spiel nicht für eine Einkommensquelle.

Aber es war ihr erster Gewinn gewesen. Daran erinnerte man sich wohl immer.

Lächelnd schüttelte sie über sich selbst den Kopf. Ja, es war eine schöne Erinnerung, aber nicht mehr. Sie würde wieder ins Casino gehen, so wie schon das ganze letzte Jahr, und regelmäßig ihre fünf Dollar verlieren, ohne dass sich daran etwas änderte.

Andererseits – für fünfzig Dollar hatte sie 1750 Dollar bekommen, hätte sie hundert Dollar gesetzt, wären es 3500 Dollar gewesen. Was für eine Zahl! Und bei zweihundert Dollar hätte sie siebentausend Dollar gewonnen . . . Fast eine unvorstellbare Summe für sie.

Normalerweise hatte sie keine zweihundert Dollar geschweige denn dass sie sie ins Casino getragen hätte, aber im Augenblick . . . war das anders. Es war immer noch Geld da, das wie Manna vom Himmel gefallen schien.

Sie war nie verschwenderisch gewesen, als Farmerstochter war sie es wie ihre ganze Familie gewöhnt, nicht viel Geld zu haben. Die Frage, mehr Geld auszugeben, als man hatte, hatte sich nie gestellt. Bescheidenheit und Zurückhaltung im Umgang mit Geld waren ihr von klein auf anerzogen worden. Wenn sie sich als Kind einen Lolli kaufen konnte, hatte sie das schon glücklich gemacht.

Genauso wie dieses Kleid, das sie jetzt trug. Sie stand auf und betrachtete sich selbst in der Glasscheibe. Es war wirklich ein schönes Kleid, und sie hätte nichts dagegen gehabt, noch mehr solche Kleider zu kaufen. Ein oder zwei passten sicher noch in ihren winzigen Kleiderschrank hinein.

Aber das war Unsinn. Sie setzte sich wieder. Hätte sie sich das Kleid nicht kaufen können, wäre sie dann unglücklich gewesen, hätte ihr Leben ohne das keinen Sinn mehr gehabt? Natürlich nicht.

Sie schnaubte durch die Nase. Auf was für Gedanken man kam, wenn man mehr hatte, als man wirklich zum Leben brauchte. Ihre Mutter hätte nur gelacht und all diese Überlegungen unnütz gefunden. Für sie wäre ganz klar gewesen, dass man so viel Geld auf die Bank legte.

Abgesehen davon, dass sie nie in ein Casino gegangen wäre. Zwar hatte Annie nie mit ihr darüber gesprochen, weil es damals dazu noch keinen Anlass gegeben hatte, aber möglicherweise hätte ihre Mutter gemeint, dass ein solches Verhalten dem widerspräche, was sonntags in der Kirche gelehrt wurde.

Schon dass Annie nach Las Vegas gegangen war, hatte ihre Mutter nicht verstanden. Ihr Vater war da weniger voreingenommen, aber auch er prophezeite ihr keine guten Aussichten in dieser Stadt des Lasters. Er hatte sie gebeten, gut auf sich aufzupassen, und ihr versichert, dass zu Hause stets ein Platz für sie war. Sie könne jederzeit zurückkommen.

Wenn sie das hätte tun wollen, wäre sie aber wahrscheinlich gar nicht erst gegangen. Sie hätte wie viele ihrer Schulfreundinnen einen netten Farmersjungen aus der Nachbarschaft heiraten können. Vermutlich hätte sie dann schon drei Kinder gehabt.

Das war aber nie ihr Traum gewesen. Schon öfter hatte sie darüber nachgedacht, ob es ihre Eltern sehr schockiert hätte, dass ihr Interesse an den Jungs aus der Nachbarschaft eher gering war. Dafür fand sie deren Schwestern wesentlich interessanter.

Wie sollte sie erklären, dass die wenigen Male, die sie in der nächstgrößeren Stadt gewesen war, eines Tages in einem Kuss mit einer Frau gegipfelt hatten, die sie gerade einmal ein paar Stunden kannte?

Es hatte sie selbst überrascht, wie selbstverständlich sich das angefühlt hatte. Verglichen mit den Küssen, die einige ihrer männlichen Schulkameraden ihr gegen ihren Willen geraubt hatten. Auf einmal hatte sie gewusst, wo sie hingehörte. Und damit reifte der Entschluss in ihr, in eine Stadt zu ziehen. Denn auf dem Land sah sie keine Zukunft für sich.

Es war nicht gleich Las Vegas gewesen. Zuerst hatte ihr Altoona in ihrem Heimatstaat Pennsylvania gereicht. Verglichen mit dem Dorf, aus dem sie kam, war ihr selbst dieses kleine Städtchen groß erschienen. Groß genug auf jeden Fall, um ein paar Frauen kennenzulernen.

So hatte sie ihre Jungfräulichkeit verloren und nach ein paar weiteren Versuchen festgestellt, dass es ihr zu kalt in Pennsylvania war. Das galt für die Herzen ebenso wie für das Wetter.

Auf dem Discovery Channel hatte sie dann einmal eine Dokumentation über die Wüste in Nevada gesehen, und da sie gerade fror und sich mit dicken Socken und einem überdimensionalen Pullover ins Bett gelegt hatte, erschien ihr die Hitze sehr verführerisch. Die vielen schillernden Lichter in den Bildern von Las Vegas taten ein Übriges – und schon packte sie ihre Sachen und startete in den Süden.

Dass die Wirklichkeit einen dann immer schnell auf den Boden der Tatsachen zurückbrachte, merkte sie schon bald. Auch in Altoona hatte sie nicht viel verdient, aber das Leben dort war recht billig gewesen. Hier in Las Vegas gab es zuerst einmal massenhaft Leute, die einen Job suchten, das drückte die Gehälter, und dann schienen die Lebenshaltungskosten sich an den Gewinnen der Millionäre zu orientieren.

Kingsley Stevens: Spiel der Liebe

1 »Hey Annie. Wie geht’s?« Der Türsteher am Eingang des Casinos nickte Annie freundlich zu. »Gut,...
Die restlichen Chips, die noch auf dem Tuch lagen, waren Gewinnchips und wurden entsprechend ihrer...
»Aber Cynthia . . . « Heute war Annie weder nach Streit noch nach Unterwerfung um des lieben...
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»Es kommt öfter vor, dass Spieler Chips von weiter hinten werfen«, erklärte die Croupière, die...
5 Obwohl sie es in den letzten Tagen ein wenig geschont hatte, zog sie am nächsten Abend ihr neues...
»Sieht seriöser aus am Tisch«, sagte Bess. »Und es behindert weniger bei der Arbeit.« Sie warf den...
»Bei anderen Spielen kann man sich immer noch einbilden, man könnte etwas am Ausgang ändern«,...
Es war nur ein flüchtiger Kuss, fast ein schwesterlicher, und dennoch schien Bess wie erstarrt....
»Oh ja, Bess . . . Ja . . . Hmmmm . . . « Annie seufzte und stöhnte. Und Bess war sehr zufrieden...
Annies Zunge war wie ein kleiner selbstständiger Zwerg, der sich an Bess’ Quell labte, als würde...
Sie würde ab sofort nicht mehr spielen gehen. Oder wenn, dann nicht in dem Casino, in dem Bess...