Dennoch hatte sie sich mit den Umständen arrangiert und konnte sich nicht mehr vorstellen, in den kalten Nordosten zurückzukehren. Ein bisschen mehr Geld wäre schön gewesen, aber zumindest war ihr Job im Einkaufscenter nicht zu anstrengend, und wenn man einmal davon absah, dass Mr. Henderson immer wieder vergaß, die Gehaltsschecks rechtzeitig auszustellen, sogar eine ziemlich sichere Einkommensquelle.

Während sie Rechnungen kontrollierte und Post ablegte, bemerkte sie, wie das euphorische Gefühl, das sie für eine Weile auf Händen getragen hatte, langsam nachließ. Das war schade. Aber was sollte man machen? Schließlich konnte man nicht jeden Tag ins Casino gehen und fast zweitausend Dollar gewinnen.

Je näher der Feierabend rückte, desto mehr sehnte sie sich nach dem Gefühl zurück. Aber sie hatte auch Angst, dass sie das, was sie gewonnen hatte, wieder verlieren könnte. Es war wie eine Zwickmühle.

Nachdem sie noch ein paar Lebensmittel eingekauft hatte, ging sie mit der braunen Papiertüte im Arm nach Hause und packte dort bewusst langsam aus. Sie stellte den Saft in den Kühlschrank, obwohl sie wusste, dass sie ihn gleich wieder herausnehmen würde, um etwas davon zu ihrem abendlichen Sandwich zu trinken. Auch als sie sich ihr Sandwich zubereitete, tat sie das fast wie in Zeitlupe.

Was vielleicht ganz gut war, denn so vermied sie es, etwas von der Gesichtscreme, die sie im Kühlschrank aufbewahrte, damit sie in der Hitze nicht verdarb, statt Peanut Butter auf ihr Sandwich zu schmieren. Erst im letzten Moment stellte sie fest, dass sie das falsche Töpfchen geöffnet hatte.

Irgendetwas zog sie ins Casino, und sie konnte nichts dagegen tun.

3

Sie schlief unruhig, und der nächste Tag im Büro war auch nicht besser.

Warum nicht noch einmal fünf Dollar riskieren? ging es ihr durch den Sinn. Schließlich musste sie sich im Moment das Geld noch nicht einmal vom Mund absparen. Es war einfach da.

So fand sie sich am Abend fast ohne ihr eigenes Zutun vor dem Eingang ihres Stammcasinos wieder. Anscheinend war Steve heute nicht im Dienst, ein anderer Türsteher zog die große Glastür vor ihr auf.

Sie nickte ihm zu, als sie hineinging. Sofort umfing sie die schummrig glitzernde Beleuchtung wieder. Es war wie eine eigene Welt, die nichts mit der da draußen zu tun hatte.

Ihre Tasche an sich gepresst ging sie zu ihrem Stammplatz hinüber. Sie traute den klapprigen Schlössern in ihrer Wohnung nicht, deshalb trug sie das ganze Geld mit sich herum, auch wenn sie heute nur ihre üblichen fünf Dollar setzen wollte.

Eine Weile beobachtete sie das Spiel, ohne sich zu beteiligen. Wieder war die Croupière im Dienst, die sie vor zwei Tagen das erste Mal gesehen hatte. Sie beherrschte die Chips mit schlafwandlerischer Sicherheit, und nach der dritten Runde, in der Annie nicht mitgespielt hatte, blickte sie fragend zu ihr auf.

»Wollen Sie Ihr Glück heute gar nicht versuchen?«

Ihre Stimme klang anders, wenn sie nicht einfach nur die Spielzüge und Gewinne verkündete. Sie hatte einen eher schleppenden, fast singenden Tonfall, wie es für Leute üblich war, die aus dem Süden stammten.

Annie lächelte. »Ich glaube nicht, dass ich noch einmal so viel Glück habe«, antwortete sie. »Und ich kann das Geld gebrauchen.«

»Hübsches Kleid.« Die Croupière lächelte sie ebenfalls an.

»Das Einzige, was ich mir von dem Gewinn gekauft habe.«

»Machen Sie Ihr Spiel!« Mit Schwung brachte die Croupière das Rouletterad zum Drehen und warf die Kugel hinein. Während sie mit einem Auge dessen Verlauf verfolgte, musterte sie mit dem anderen immer noch Annie. »Ungewöhnlich.«

Beinah entschuldigend zuckte Annie die Schultern. »Ich bin sparsam.«

»Nichts geht mehr!« Der Kopf mit den streng zurückgekämmten schwarzen Haaren wandte sich dem Spielfeld zu, während die Kugel sich ihr Ziel suchte. »Dreizehn. Schwarz. Ungerade. Niedrig. Zweites Dutzend.« Ein leichtes Schmunzeln ließ die Mundwinkel der Croupière zucken, als sie erneut einen Blick auf Annie warf. »Wäre das nicht Ihre Zahl gewesen?«

Annie spürte, wie es in ihren Fingerspitzen kribbelte. zweihundert Dollar wären siebentausend, wenn sie gewann . . .

Sie öffnete ihre Handtasche und schloss sie wieder.

Zweihundert Dollar . . . das war so viel Geld . . .

Aber siebentausend war wesentlich mehr . . .

Das nächste Spiel zog wie hinter einem Schleier vor ihr vorbei. Sie hörte gar nicht, welche Zahl gewonnen hatte.

Langsam öffnete sie die Tasche wieder, und noch langsamer glitt ihre Hand hinein . . .

»Machen Sie Ihr Spiel!«

Schnell zog Annie ein paar Scheine heraus und warf sie auf das grüne Tuch. »Dreizehn«, sagte sie.

Mit einer fließenden Bewegung zog die Croupière das Geld zu sich heran und ersetzte es durch Chips, die sie auf die Dreizehn schob.

»Nichts geht mehr!«

Die Kugel rollte stumm. Annie hörte nichts mehr. In ihren Ohren war nur noch ein alles übertönendes Rauschen.

Endlich sah sie, wie das Rad angehalten wurde.

»Null«, verkündete die ausdruckslose Stimme der Croupière. Alle Einsätze wurden schlagartig eingezogen, und das Tuch war leer. Niemand hatte auf die Null gesetzt, und da die Null weder rot noch schwarz noch gerade oder ungerade war, gab es auch hier keine Auszahlung. Die Bank kassierte ganz allein.

Entgeistert starrte Annie auf das leergeräumte Spielfeld. Erst nach einer Minute konnte sie sich wieder rühren. Da lief das nächste Spiel schon, und die Felder füllten sich erneut mit Einsätzen.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Zweihundert Dollar. Einfach so für nichts. Sie schüttelte den Kopf. Nie wieder.

Ihre Tasche war immer noch aufgeklappt, und sie sah einen einzelnen Fünf-Dollar-Chip darin schimmern. Den musste sie das letzte Mal beim Umtauschen vergessen haben.

Nie wieder würde sie spielen. Also konnte sie diesen Chip auch nicht mehr gebrauchen.

Mit einer verächtlichen Bewegung warf sie ihn hinter sich, als sie sich umdrehte und zum Ausgang begab.

Als sich die Glastür schon vor ihr öffnete, wurde sie auf einmal von einem Sicherheitsmann zurückgehalten, der seine Hand auf ihre Schulter legte. »Sie müssen mitkommen.«

»Wie bitte?« Annie war völlig perplex. Sicherheitsleute waren doch nicht für Verluste am Spieltisch zuständig, höchstens für Diebstähle und so. Auf einmal lief sie rot an. »Das Geld in der Tasche gehört mir. Ich habe es vorgestern hier gewonnen!«, teilte sie ihm wütend mit.

Er grinste. »Und eben haben Sie wieder gewonnen. Sind wohl ein richtiges Glückskind. Ich soll Sie zum Tisch zurückholen, damit Sie Ihren Gewinn nicht vergessen.«

»Gewinn?« Annie runzelte die Stirn. »Aber ich habe verloren.«

»Nee, kann nicht sein.« Er machte eine in das Casino zurückweisende Handbewegung. »Der Chef vom Tisch hat mich zu Ihnen geschickt, weil da noch Chips von Ihnen sind.«

Annies Stirn runzelte sich noch mehr. »Sind Sie sicher?«

»Mehr weiß ich nicht.« Er zuckte die Schultern. »Ich soll Sie nur holen.«

Zögernd folgte Annie ihm zum Tisch zurück.

»175 für fünf«, begrüßte die Croupière sie lächelnd. »180 insgesamt.« Sie schob ihr ein kleines Häufchen Spielchips hin.

»Ich habe doch gar nicht gesetzt«, wunderte Annie sich.

»Ich habe genau gesehen, dass der Chip von Ihnen geflogen kam.« Die Croupière nickte. »Er landete auf der Sechsundzwanzig. Und die Sechsundzwanzig ist gekommen.«

Es dauerte zwar ein paar Sekunden, aber dann schüttelte Annie verdattert den Kopf. »Der Fünf-Dollar-Chip?«, fragte sie. »Der ist auf den Tisch geflogen?«

Kingsley Stevens: Spiel der Liebe

1 »Hey Annie. Wie geht’s?« Der Türsteher am Eingang des Casinos nickte Annie freundlich zu. »Gut,...
Die restlichen Chips, die noch auf dem Tuch lagen, waren Gewinnchips und wurden entsprechend ihrer...
»Aber Cynthia . . . « Heute war Annie weder nach Streit noch nach Unterwerfung um des lieben...
Dennoch hatte sie sich mit den Umständen arrangiert und konnte sich nicht mehr vorstellen, in den...
»Es kommt öfter vor, dass Spieler Chips von weiter hinten werfen«, erklärte die Croupière, die...
5 Obwohl sie es in den letzten Tagen ein wenig geschont hatte, zog sie am nächsten Abend ihr neues...
»Sieht seriöser aus am Tisch«, sagte Bess. »Und es behindert weniger bei der Arbeit.« Sie warf den...
»Bei anderen Spielen kann man sich immer noch einbilden, man könnte etwas am Ausgang ändern«,...
Es war nur ein flüchtiger Kuss, fast ein schwesterlicher, und dennoch schien Bess wie erstarrt....
»Oh ja, Bess . . . Ja . . . Hmmmm . . . « Annie seufzte und stöhnte. Und Bess war sehr zufrieden...
Annies Zunge war wie ein kleiner selbstständiger Zwerg, der sich an Bess’ Quell labte, als würde...
Sie würde ab sofort nicht mehr spielen gehen. Oder wenn, dann nicht in dem Casino, in dem Bess...