1

Heute Nacht hatte ich einen Traum. Normalerweise erinnere ich mich nicht an meine Träume, aber dieser war so lebendig – und so erschreckend. Es war dunkel, und ich stand vor einem eisernen Tor, das eine Art Park zu verschließen schien, der dahinter lag. Man konnte durch die in geschwungenen Formen geschmiedeten Teile des Tores auf eine Auffahrt schauen, die offensichtlich schon eine Weile nicht gepflegt worden war, denn Sträucher, Äste, Efeu und wild gewachsenes Gras und Unkraut überwucherten den Kies und die Platten, die einmal einen breiten Pfad zum Eingang des Hauses gebildet hatten.

Ich war noch nie in einem solchen Haus gewesen, und ich würde wahrscheinlich auch nie in einem sein, denn es wirkte wie ein hochherrschaftliches Anwesen. Ein sehr vernachlässigtes hochherrschaftliches Anwesen, in dem schon lange niemand mehr wohnte. Aber vor vielen Jahren musste es schön hier gewesen sein. Im Sonnenschein, nicht in der Dunkelheit, die nun alles umgab.

Auf einmal schien es mir, als hörte ich Kinderlachen, sah weiße Stühle in der Sonne blitzen, in denen Menschen saßen, die sich anscheinend angeregt unterhielten, sich amüsierten. Niemand schien unglücklich zu sein, niemand schien Sorgen zu haben. Es war wie eine Szene aus dem Paradies oder aus einem Film, einem alten Film, in dem eine Familie sich zur Sommerfrische auf dem Land getroffen hatte. Eine Familie, der es gutging, die wohlhabend genug war, sich so ein Anwesen wie dieses hier leisten zu können.

Die Sonne verschwand auf einmal, als wäre sie plötzlich heruntergefallen, und hinterließ wieder nur bedrückende Schwärze.

2

»Träumst du mal wieder?« Eine Stimme riss mich aus meinen Gedanken.

Ich schüttelte den Kopf. »Nicht wirklich. Ich habe mich nur an einen Traum erinnert, den ich heute Nacht hatte.«

»Ouh . . .« Ein neugieriges Grinsen überzog das Gesicht meiner Kollegin oder eigentlich eher Geschäftspartnerin Nele. »Erzähl mir mehr. War es ein feuchter Traum?«

»Du bist unmöglich, Nele.« Obwohl ich Neles Direktheit manchmal schon peinlich fand, war sie nicht nur meine Kollegin, sondern auch eine Freundin, und ich konnte über ihre Frage nur lachen. »Nein, so ein Traum war es nicht. Ich habe von einem Haus geträumt. Und einem Park.« Ganz automatisch runzelte sich meine Stirn, weil die Bilder bereits verschwammen, obwohl sie eben noch so klar vor meinem inneren Auge gestanden hatten.

»Ach so.« Enttäuscht winkte Nele ab. »Ein Haus, das du verkaufen sollst?«

Noch einmal musste ich den Kopf schütteln. »Nein. Kein Haus, das ich kenne. Und das hätte auch nie jemand gekauft. Es war total heruntergekommen, in keinem guten Zustand. Der Park sah aus wie ein Urwald. Als ob da schon lange niemand mehr leben würde.«

»Was hast du denn für komische Träume?« Irritiert runzelte nun auch Nele die Stirn. »Ich glaube, meine Liebe, du solltest endlich mal wieder auf die Piste gehen. Du hattest zu lange keinen Sex. Dass du schon von Häusern träumst . . . Als ob du jetzt mit deinem Beruf verheiratet wärst.«

»In gewisser Weise«, ich blickte zu ihr hoch, weil ich am Schreibtisch saß und Nele davor stand, »bin ich das ja auch. Ich hetze von einem Termin zum nächsten.«

»Apropos«, schloss Nele gleich an. »Wie ist das heute? Wie teilen wir das auf? Ich muss sowieso nach Eberswalde. Dann könnte ich auch gleich den neuen Kunden dort übernehmen. Fährst du dann nach Beelitz?«

»Beelitz? Was ist in Beelitz?« Leicht verwirrt schaute ich sie an.

»Ach, stimmt, das weißt du ja noch gar nicht.« Nele schlug mit einer Hand durch die Luft. »Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, dir das zu sagen. Da hat gestern ein Maklerkollege angerufen, der dein Urteil zu einem Haus will. Ihr habt euch wohl mal irgendwo auf einem Seminar getroffen.« Sie grinste. »Und ich glaube, es geht gar nicht um das Haus. Er will dich wiedersehen.«

»Seminar?« Ich überlegte und versuchte, mich zu erinnern. »Wann war ich denn auf einem Seminar?«

»Dieses Gründungsdingens?«, vermutete Nele mit hochgezogenen Augenbrauen. »Da war ich damals nicht dabei.«

»Ach ja.« Auf einmal erinnerte ich mich. »Da war so ein Kerl, der mir hinterhergestiegen ist.« Ich lächelte. »Na ja, so übel war er gar nicht. Eigentlich ganz nett. Aber eben . . . ein Mann.«

»Und du hast ihm nicht eindeutig gesagt, dass du nicht an Männern interessiert bist?«, fragte Nele, ging jetzt aber zu ihrem eigenen Schreibtisch und packte ein paar Sachen zusammen.

Ich schüttelte leicht den Kopf. »Dazu kam es gar nicht. Das waren ja nur ein paar Stunden, die wir da in diesem Konferenzraum von dem Hotel waren. Und meistens haben wir den Vorträgen zugehört.«

»Na, dann solltest du jetzt auf jeden Fall nach Beelitz fahren und ihn aufklären.« Nele schmunzelte. »Vielleicht ist das Haus ja wirklich was für uns, und sein Interesse an dir bringt uns was.«

»Dann solltest besser du fahren«, schlug ich ebenfalls schmunzelnd vor. »Das hat wesentlich mehr Aussicht auf Erfolg. Du bist Single und du stehst auf Männer.«

»Ich glaube nicht, dass das dasselbe wäre. Zumindest nicht für ihn.« Nele grabschte ihre Handtasche und griff fast gleichzeitig nach dem Aktenkoffer, in dem sie die Prospekte untergebracht hatte, die sie mitnehmen wollte. »Und ich muss nach Eberswalde. Das liegt in der entgegengesetzten Richtung von Beelitz.« Sie hob die Augenbrauen. »Nun mach schon. Du fandst ihn doch ganz nett. So schlimm kann er also nicht sein. Außerdem vertraue ich da voll auf deine männermordenden Fähigkeiten als Lesbe. Seine Nummer steht im To do.« Sie lachte und ging eilig zur Tür. »Jetzt muss ich aber los. Tschüss!« Und schon war sie verschwunden.

»Unmöglich«, stellte ich wieder einmal kopfschüttelnd fest. Dann rief ich das To do auf. Sie hatte einiges dort eingetragen für heute, und die Nummer unseres Kollegen aus Beelitz prangte mir ebenfalls gleich entgegen.

Ich könnte ihm absagen, überlegte ich. Eigentlich habe ich genug zu tun.

Im selben Moment klingelte jedoch das Telefon und nahm mir die Entscheidung ab. Denn als ich den Anruf annahm, war es genau dieser Kollege.

»Guten Tag, Herr Pohle«, begrüßte ich ihn. »Meine Partnerin hat mir schon weitergegeben, dass Sie angerufen haben. Sie haben ein Objekt für uns?«

»Vielleicht«, sagte er. »Ich bin mir selbst nicht ganz sicher. Bisher gab es das Haus auf meiner Landkarte eigentlich gar nicht. Wir wussten nur, dass es jemand aus dem Westen gehört, der sich nicht darum gekümmert hat. Es verfiel immer mehr.«

»Und jetzt soll es verkauft werden?«, fragte ich.

»Jaa . . .« Seine Antwort klang verdächtig gedehnt.

»Aha.« Solche Indikatoren kannte ich. »Es gibt ein Problem. Erbengemeinschaft oder so etwas?«

Es raschelte ein wenig in der Leitung, was wahrscheinlich hieß, dass er den Kopf schüttelte. »Nein, die Besitzverhältnisse scheinen geklärt zu sein. Ein Anwalt aus Mainz hat mich angerufen. Da ist alles in Ordnung.«

Laura Beck: Verwunschen und bezaubert

1 Heute Nacht hatte ich einen Traum. Normalerweise erinnere ich mich nicht an meine Träume, aber...
»Dieser Anwalt verkauft für den Besitzer?« Das erschien mir logisch. »So war es ursprünglich...
»Nein, überhaupt nicht wichtig.« Ich schüttelte den Kopf. »Kam mir nur so in den Sinn....
Was aber auch wiederum ein Vorteil war, denn selbst wenn da jetzt jemand an einem der praktisch...
»Wenn Sie mir sagen, wo die ist, bringe ich Sie dorthin.« Sie hatte das Wasser aus dem Teekessel...
»Das ist doch selbstverständlich«, stimmte ich ihr sofort zu und nahm einen Schluck Tee. Er war...