»Wenn Sie mir sagen, wo die ist, bringe ich Sie dorthin.« Sie hatte das Wasser aus dem Teekessel in eine altertümliche Teekanne gegossen, die mich an die meiner Großmutter erinnerte. Und die hatte sie schon von ihrer Mutter geerbt. »Kein Problem.« Sie brachte die Kanne zu dem großen Tisch, zögerte dann jedoch. »Normalerweise esse ich hier«, sagte sie zweifelnd. »Aber normalerweise habe ich auch nie Besuch. Ich bin immer allein. Dafür reicht es.«

Ich lachte. »Ich bin doch kein Besuch. Ich bin nur gegen Ihr Eingangstor geknallt.« Schuldbewusst verzog ich das Gesicht. »Durch meine eigene Dummheit. Das Fahrrad ist nur geliehen, und ich hätte mich erst einmal daran gewöhnen sollen.«

»Wenn Ihnen ein Reifen geplatzt ist, können Sie ja nichts dafür«, sagte sie. Sie blickte zur Tür. »Lassen Sie uns in den Salon gehen. Da sind auch Tassen. Zucker und Milch können wir hier aus der Küche mitnehmen. Oder nehmen Sie Zitrone?« Nun wirkte sie etwas schuldbewusst. »Ich fürchte, ich habe keine da.«

»Wenn man so hereingeplatzt kommt wie ich, kann man wohl keine großen Ansprüche stellen«, erwiderte ich etwas verlegen lächelnd. »Außerdem trinke ich Tee meistens schwarz. Es ist doch schwarzer Tee, kein Kräutertee?« Ich blickte sie fragend an.

Ich hatte einen entsprechenden Geruch nach Kräutern vermisst – und auch ihre Frage bezüglich der Zitrone wies darauf hin –, aber die Küche war so groß, da konnte ich mich natürlich auch geirrt haben. Und eine Frage konnte man immer falsch interpretieren. Möglicherweise gab es Leute, die auch ihren Kräutertee mit Zitrone verfeinerten, da kannte ich mich nicht so aus, denn ich trank nie welchen.

Sie nickte jedoch. »Zum Nachmittagstee gehört für mich echter Darjeeling. Kräutertee trinke ich nur, wenn ich krank bin.« Sie blickte zweifelnd auf die Kanne. »Er ist jedoch recht stark. Ich würde zumindest Milch empfehlen.«

Erneut musste ich lachen. »Ich trinke Kräutertee noch nicht einmal, wenn ich krank bin, muss ich zugeben. Aber schwarzen Tee mag ich. Den trinke ich oft abwechselnd mit Kaffee.«

»Ich trinke nie Kaffee«, sagte sie, ging zum Kühlschrank, nahm die Milch heraus und ging dann in mindestens zwei Metern Entfernung an mir vorbei. »Bitte, kommen Sie.«

Einen weiteren Blick warf sie mir nicht zu. Sie ging wohl davon aus, dass ich keine zusätzliche visuelle Aufforderung benötigte, um ihr zu folgen.

Und damit hatte sie recht. Ich fühlte mich regelrecht von ihr mitgezogen, stand auf und ging ihr nach – und erinnerte mich erst nach ein paar Metern, dass ich ja humpeln sollte. Das tat ich dann auch, wie albern ich mir auch immer dabei vorkam. Aber das hatte ich mir schließlich selbst eingebrockt.

Sie führte mich in ein großes Zimmer, eine Art Wohnzimmer, das sie jedoch Salon genannt hatte. Der Weg dahin war allein schon eine halbe Hausführung, denn der sogenannte Salon lag keinesfalls direkt in der Nähe der Küche. Er gehörte zum Wohnbereich, während die Küche und alles, was dort in der Nähe war, wohl den Wirtschaftsbereich markierte.

Die Küche hatte zumindest ein wenig benutzt ausgesehen, doch als wir nun den Salon betraten, hatte ich das Gefühl, es schlüge mir die Kälte jahrelanger Missachtung entgegen. Da Lea von Rohden – wie sie gesagt hatte – so gut wie immer allein war, hatte es sich für sie wohl nicht gelohnt, hier irgendetwas zu verändern, um das Zimmer wohnlicher zu machen oder gemütlicher.

Irgendjemand musste jedoch hier geputzt haben, denn Staub, wie er nach Jahren hätte liegen müssen, sah ich keinen. Möglicherweise hatte sie das für Pohles Besuch getan, denn ihm und dem Investor hatte sie das ganze Haus gezeigt, wenn ich das richtig verstanden hatte. Auf jeden Fall aber sicher die repräsentativsten Räume. Und das war dieser Raum eindeutig: repräsentativ. Man konnte sich richtig vorstellen, wie hier früher die Dame – oder vielleicht auch der Herr – des Hauses Gäste empfangen hatte.

In Schränken, die durch großzügige Glaseinsätze den Blick auf das gestatteten, was darin verwahrt wurde, stand altes Meißner Porzellan, und nachdem sie die Teekanne und das im selben Dekor gehaltene Milchkännchen auf einem kleinen Tisch mit verschnörkelten Beinen im wilhelminisch neobarocken Stil – das war der Stil des ganzen Salons – abgestellt hatte, ging sie zu einem der vitrinenartigen Schränke hinüber und nahm zwei dieser edlen Tassen mit deren Untertassen heraus. Auch die stellte sie auf den Tisch, um dann eine Schublade aufzuziehen, in der anscheinend das Familiensilber lag, denn sie kam mit zwei schön ziselierten silbernen Teelöffeln zurück.

»Zum Nachmittagstee gehört üblicherweise natürlich auch etwas zu essen, aber da ich nicht auf Besuch vorbereitet war, muss ich da leider genauso passen wie mit der Zitrone«, sagte sie mit einem entschuldigenden, aber durchaus selbstbewussten Ton in der Stimme. Sie wies auf ein kleines Sofa – mindestens hundert Jahre alt, so sah es aus –, neben dem der kleine Tisch stand, auf dem sie alles abgestellt hatte. »Bitte, setzen Sie sich doch. Mit Ihrem verknacksten Knöchel sollten Sie nicht so lange stehen.«

Tja, mein verknackster Knöchel . . . Aber wie man sich bettet, so liegt man, und also humpelte ich so gekonnt wie möglich zum Sofa und ließ mich so elegant wie möglich darauf nieder. Eleganz war – im Gegensatz zu dem Eindruck, den Lea von Rohden machte – nicht gerade mein zweiter Vorname, aber wenigstens versuchte ich, einen allzu ungraziösen Plumpser zu vermeiden.

»Danke«, sagte ich. »Das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Und zu essen brauche ich nichts. Ich trinke nachmittags nur Kaffee oder Tee.«

»Ich frage mich, wie Leute es ertragen können, ständig Kaffee zu trinken.« Sie verzog fast etwas abschätzig das Gesicht. »Ich könnte das nicht. Den ganzen Tag über.« Sie hatte mir eine Tasse Tee eingeschenkt und reichte sie mir. »Wenn er Ihnen zu bitter ist . . . Milch hilft.«

Es klang für mich wie ein Scherz, und doch war es keiner. Ich hatte den Eindruck, Lea von Rohden machte keine Scherze.

»Ach, übrigens . . .«, sagte sie. »Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt. Rohden.« Sie nickte mir zu. »Lea Rohden.«

Also auf ihr von bildete sie sich offensichtlich nichts ein, wie Pohle vermutet hatte. Aber das war wahrscheinlich nur der Neid der Besitzlosen.

»Sorbach«, sagte ich und wollte mich leicht erheben, aber sie machte sofort eine Geste, dass ich sitzenbleiben sollte. »Annett Sorbach.« Sie würde wohl kaum einen meiner Prospekte gesehen haben, auf denen mein Name als der einer der beiden Maklerinnen von Sorbach und Meinert stand, Neles und meiner Agentur. Zumindest hoffte ich das. »Entschuldigen Sie bitte. Ich hätte mich natürlich sofort vorstellen sollen.« Ich lächelte leicht um Verzeihung bittend.

»Sie waren in Schock«, sagte sie. Einer ihrer Mundwinkel zuckte, als wollte sich von dort aus auch ein Lächeln auf ihre Lippen stehlen, aber das tat es nicht. Es blieb im Ansatz stecken. »Aber ich weiß immer gern, mit wem ich es zu tun habe.«

Laura Beck: Verwunschen und bezaubert

1 Heute Nacht hatte ich einen Traum. Normalerweise erinnere ich mich nicht an meine Träume, aber...
»Dieser Anwalt verkauft für den Besitzer?« Das erschien mir logisch. »So war es ursprünglich...
»Nein, überhaupt nicht wichtig.« Ich schüttelte den Kopf. »Kam mir nur so in den Sinn....
Was aber auch wiederum ein Vorteil war, denn selbst wenn da jetzt jemand an einem der praktisch...
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»Sonst«, ich seufzte tief auf, »bin ich anscheinend einiges.« »Ja.« Das klang etwas gedehnt, wie...
Das Haus und auch der Park hatten etwas Verwunschenes. Ich war kein Märchenfan, aber selbst mich...
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Sie blieb für eine ganze Weile stumm. Wahrscheinlich gingen ihr genau die Gedanken durch den Kopf,...
Das wusste ich noch nicht einmal so genau. So weit hatte ich eigentlich noch gar nicht gedacht....
»Dann weiß ich jetzt wenigstens schon, wie sie aussieht«, sagte ich, auch wenn ich darauf gern...