»Das ist doch selbstverständlich«, stimmte ich ihr sofort zu und nahm einen Schluck Tee. Er war wirklich sehr stark. Deshalb griff ich zum Milchkännchen und färbte ihn weiß. Was natürlich nicht klappte. Selbst sehr viel Milch ergab nur ein recht dunkles Hellbraun. »Sie hatten recht«, sagte ich. »Man braucht die Milch.«

»Es ist die englische Art.« Sie erklärte das, während sie sich nun in einen der Sessel setzte, die dem Sofa gegenüberstanden, ihre Teetasse grazil mit zwei Fingern balancierend. »Stark ist dort normal. Manchmal sieht Tee in England wirklich fast aus wie Kaffee. Dagegen ist meiner schwach.«

IKEA-Bestelltischchen für jeden waren hier nicht. Solche Möbelstücke waren eine moderne Einrichtung. Hier in diesem Haus fühlte sich alles an wie das Gegenteil von modern. Wie eingeschlafen, ehrlich gesagt. Als wäre nicht nur das Haus, sondern alles hier wie in einem Dornröschenschlaf gefangen.

Und es wollte noch nicht einmal erwachen, wenn Besuch kam. Ich war definitiv nicht der Prinz, der Dornröschen wachgeküsst hatte, woraufhin dann das ganze Haus erwachte, von der Küche bis zu den Rosensträuchern im Garten.

Wachgeküsst . . . Unwillkürlich wanderte mein Blick auf ihre Lippen. Es waren schmale Lippen, keine auch nur angedeutete Tendenz zu einem Schmollmund oder Ähnlichem.

Das hätte aber auch nicht zu ihr gepasst. Diese schmalen Lippen waren nicht das, was man als schmale Lippen bezeichnete, weil jemand die Lippen zusammenpresste. Es waren vornehm schmale Lippen, die nichts Zusammengepresstes hatten, sie fügten sich einfach nur nahtlos in den Gesamteindruck von Vornehmheit ein, der alles an dieser Frau namens Lea umgab.

Kein Wunder, dass Pohle hier gescheitert war, dachte ich. Er war in diese fast etwas verwunschene Dornröschenschloss-Atmosphäre hereingeplatzt und hatte nur von Geld gesprochen, von Modernisierung, von all dem, was von einem Salon wie diesem, einem Haus wie diesem mit einer Besitzerin wie dieser so weit entfernt war wie der Mond.

Das musste man ganz anders angehen.

Wenn ich auch noch nicht so genau wusste, wie.

4

»Na, was ist mit dem Haus in Beelitz?« Nele fragte es nur beiläufig, während sie etwas auf dem Display ihres Handys betrachtete. »Interessant?« Sie blickte für einen Wimpernschlag auf. »Oder nur der Makler, der es verkaufen will?« Anzüglich grinste sie.

»Der wäre höchstens für dich interessant«, gab ich etwas geistesabwesend zurück. »Ich sagte ja, er ist ein netter Kerl. Solltest ihn dir vielleicht mal ansehen.«

»Und das Haus in Beelitz übernehmen?« Neles Stirn runzelte sich.

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Das mache ich schon.« Ich seufzte. »Wahrscheinlich.«

»Wahrscheinlich?« Leicht irritiert blickte Nele zwischen ihrem Display und mir hin und her. »Wieso wahrscheinlich?«

»Weil ich nicht weiß, ob ich mit der Besitzerin klarkomme«, sagte ich. »Und sie noch nicht weiß, dass ich Maklerin bin.«

»Du warst gar nicht in dem Haus?« Wieder nur kurz blickte Nele auf. Musste sehr interessant sein, was sie da auf dem Bildschirm hatte. Es fesselte ihre Aufmerksamkeit zu mindestens neunundneunzig Prozent.

»Doch«, sagte ich. »Aber ich hatte einen Unfall mit dem Fahrrad nötig, um da reinzukommen.«

Neles Kopf ruckte hoch. »Du hattest einen Unfall?« Völlig verständnislos runzelte sie die Stirn. »Mit einem Fahrrad?«

»Nicht wirklich.« Ich verzog das Gesicht. »Ich habe nur so getan.«

»Du?« Das lenkte Neles Aufmerksamkeit endgültig auf mich. Sie starrte mich überrascht an. »Aber du bist doch die Ehrlichkeit in Person. Für eine Maklerin, meine ich«, schränkte sie zum Schluss noch ein.

»Normalerweise«, sagte ich, »sind mir Lügen zu anstrengend. Und es liegt mir auch nicht, das stimmt. Aber in diesem Fall . . .«, ich lehnte mich in meinem Bürostuhl zurück, »hatte ich das Gefühl, es musste sein. Pohle und dieser Wessi-Investor hatten da verbrannte Erde hinterlassen. Damit wollte ich nicht in Verbindung gebracht werden. Dann hätte sie mir wahrscheinlich noch nicht mal mit dem Fahrrad geholfen, sondern mich gleich kalten Blickes in die Wüste geschickt.«

»Reizende alte Dame«, meinte Nele schmunzelnd.

»Sie ist keine . . . alte Dame«, erwiderte ich zögernd.

»Ach?« Wir kannten uns lange genug, dass mein Tonfall Nele zu hochgezogenen Augenbrauen veranlasste. »Wie alt denn?«

»Ungefähr so alt wie ich«, sagte ich. »Vielleicht ein, zwei Jahre älter.«

Lea von Rohden sah viel mitgenommener aus als ich, deshalb fand ich das immer noch schwer einzuschätzen. Sie hätte sogar ein, zwei Jahre jünger sein können als ich. Auch das hätte gepasst.

Ihr Gesicht hatte zwar abgezehrt ausgesehen, aber so gut wie faltenfrei bis auf die kleinen Fältchen um die Augenpartie herum. Über dreißig waren wir wohl beide, aber wie viel über dreißig, darauf hätte ich bei ihr keine Wette abgeschlossen.

»Hmhm.« Nele sah mich an. »Ist sie attraktiv?«

Ich wusste natürlich, worauf sie hinauswollte, deshalb atmete ich tief durch. »Auf ihre Art schon«, sagte ich. »Sie ist sehr . . . vornehm.«

»Uh, vornehm.« Nele machte eine theatralische Geste, und ihr Tonfall hätte fast auf eine Bühne gehört.

»Nicht auf die Art vornehm«, entgegnete ich leicht gereizt. »Es ist einfach ihre Natur. Sie ist sehr . . . zart.«

»Zart«, wiederholte Nele zweifelnd. »Ist doch sonst nicht dein Typ.«

»Es geht doch nicht um einen Typ.« Meine Gereiztheit wuchs. »Ich habe überhaupt keinen Typ.«

Neles Mundwinkel zuckten. »Das würde ich so nicht sagen.«

So, wie ich sie jetzt anstarrte, musste sie meine Gereiztheit in meinen Augen sehen. »Ach ja? Oder eher: ach nein?«

»Ach nein«, sagte Nele. »Groß, blond, blauäugig, gerade Schultern? Klingelt da was?«

»Keine meiner Freundinnen sah so aus«, behauptete ich.

»Alle deine Freundinnen sahen so aus«, behauptete dagegen Nele.

Ich wusste leider, dass ich meine Behauptung gegen besseres Wissen aufgestellt hatte, aber so richtig wollte ich das nicht zugeben. »Dann ist sie tatsächlich nicht mein Typ«, knurrte ich beinah. »Sie ist klein und dunkelhaarig, eher runde Schultern als gerade. Nicht unbedingt der athletische Typ.«

»Augenfarbe?«, fragte Nele.

»Braun«, sagte ich. »Oder eher: bernsteinfarben.«

»Attraktiv«, stellte Nele mit einem Zungenschnalzer fest. »Sag ich doch.« Sie beugte sich zu mir vor. »Du hast dir sogar ihre exakte Augenfarbe gemerkt. Also musst du wohl hineingesehen haben. Sonst fällt einem das nicht so auf.«

»Was du alles weißt . . .« Ich brummte wie ein alter Bär, das merkte ich sogar selbst.

»Ich gönne es dir ja«, erwiderte Nele gutmütig. »Wird wirklich mal wieder Zeit. Nur . . . eine Kundin? Und vor allem: Vor Abschluss des Geschäfts?«

»Ach, nach Abschluss des Geschäfts wäre es in Ordnung?«, fragte ich bissig.

»Meine Güte, nun schlag doch nicht so um dich.« Tadelnd blickte Nele mich über ihre Brillengläser hinweg an. Es war eine sehr schicke Brille, die man kaum sah. »So kenne ich dich ja gar nicht. Du bist doch sonst sogar bei den schwierigsten Kunden die Ruhe selbst.«

Laura Beck: Verwunschen und bezaubert

1 Heute Nacht hatte ich einen Traum. Normalerweise erinnere ich mich nicht an meine Träume, aber...
»Dieser Anwalt verkauft für den Besitzer?« Das erschien mir logisch. »So war es ursprünglich...
»Nein, überhaupt nicht wichtig.« Ich schüttelte den Kopf. »Kam mir nur so in den Sinn....
Was aber auch wiederum ein Vorteil war, denn selbst wenn da jetzt jemand an einem der praktisch...
»Wenn Sie mir sagen, wo die ist, bringe ich Sie dorthin.« Sie hatte das Wasser aus dem Teekessel...
»Das ist doch selbstverständlich«, stimmte ich ihr sofort zu und nahm einen Schluck Tee. Er war...
»Sonst«, ich seufzte tief auf, »bin ich anscheinend einiges.« »Ja.« Das klang etwas gedehnt, wie...
Das Haus und auch der Park hatten etwas Verwunschenes. Ich war kein Märchenfan, aber selbst mich...
»Ist hier in der Küche Essgeschirr?«, fragte ich. »Oder muss ich das aus dem Salon holen?« »Sie...
Sie blieb für eine ganze Weile stumm. Wahrscheinlich gingen ihr genau die Gedanken durch den Kopf,...
Das wusste ich noch nicht einmal so genau. So weit hatte ich eigentlich noch gar nicht gedacht....
»Dann weiß ich jetzt wenigstens schon, wie sie aussieht«, sagte ich, auch wenn ich darauf gern...