»Sonst«, ich seufzte tief auf, »bin ich anscheinend einiges.«

»Ja.« Das klang etwas gedehnt, wie Nele das sagte. Sie betrachtete mich kurz. Längere Phasen des Sinnierens waren ihr eher unangenehm. »Und das ist eine Veränderung, die auffällt. Ist irgendwas passiert?«

Zuerst wollte ich wieder aufbrausen, aber dann hielt ich mich zurück. Schon allein, dass ich hatte aufbrausen wollen, zeigte mir, dass Nele den Finger auf einen wunden Punkt gelegt hatte.

»Nichts«, sagte ich. »Wir haben nur zusammen Tee getrunken. Und dann hat sie mich mit meinem Fahrrad im Kofferraum zur Pension gefahren.«

Unwillkürlich runzelte Neles Stirn sich erneut. »Pension?«, fragte sie irritiert. »In Beelitz?«

»Tja.« Ich zuckte die Schultern. »Ich bin eben nicht geübt im Lügen. Mir ist nichts Besseres eingefallen. Ich habe behauptet, ich hätte dort ein Pensionszimmer und ein Fahrrad gemietet. Wäre im Urlaub.« Ich verzog das Gesicht. »Das Fahrrad hatte ich auch tatsächlich gemietet. Aber im Fahrradladen neben Pohles Agentur.«

Schallendes Gelächter kam von Neles Seite. »Also mangelndes Engagement, um ein Haus zu verkaufen, kann dir niemand vorwerfen!«

»Nein, das wohl nicht«, sagte ich. »Ist ja schließlich auch mein Beruf. Du legst dich auch nicht gerade auf die faule Haut, wenn du deine Provision verdienen willst.«

»Geht ja nicht anders.« Jetzt zuckte sie die Schultern. »Wir sind nun mal keine Angestellten oder Beamten, die gemütlich am Ende des Monats ihr Gehalt bekommen, egal, ob sie gearbeitet haben oder nicht.«

Ich beugte mich vor und legte mein Kinn in die Hand. »Ich frage mich, was ihr Beruf ist.« Überlegend blickte ich auf Nele, ohne sie zu sehen. Sie war höchstens ein verschwommener Schatten. »Ob sie überhaupt einen hat. Lea von Rohden.« Fast ließ ich mir den Namen auf der Zunge zergehen. »Was für ein Beruf würde zu so jemandem passen?«

»Zu jemand mit von und zu?« Kopfschüttelnd widmete Nele sich jetzt ihrem Schreibtisch, suchte Unterlagen zusammen. »Müssen die überhaupt arbeiten?«

»Von und zu heißt doch nichts«, erinnerte ich sie. »Ist ja nicht mehr wie zu Kaisers Zeiten.«

»Klingt aber so.« Sie hob die Nase in die Höhe und säuselte affektiert: »Nele von Meinert.« Dann grinste sie. »Nee. Irgendwie nicht. Passt nicht zu mir.«

»Zu mir auch nicht«, stimmte ich ihr schmunzelnd zu, lehnte mich zurück und sah Nele nun direkt an. Der Nebel hatte sich verzogen. »Aber zu ihr passt es. Obwohl sie das von weglässt, wenn sie sich vorstellt. Steht wohl nur in ihrem Ausweis.«

»Ach so?« Das schien Nele zu überraschen. »Aber sie arbeitet trotzdem nicht?«

»Was heißt trotzdem?«, fragte ich schulterzuckend. »Sie kommt mir vor wie jemand, der nichts mit der Außenwelt zu tun haben will. Im Moment jedenfalls nicht.« Ich holte tief Luft. »Weshalb es umso merkwürdiger ist, dass sie Kontakt zu einem Makler aufgenommen hat, um das Haus zu verkaufen.«

»Vielleicht braucht sie Geld«, sagte Nele, wie immer äußerst pragmatisch. »Da kommt so ein Haus gerade recht.«

»Das schon.« Ich nickte. »Aber sie lebt in dem Haus, als ob es noch vor hundert Jahren wäre. Kein Luxus.« Mein Gesicht verzog sich ganz von selbst. »Was natürlich dafür spricht, dass sie eventuell Geld brauchen könnte.«

»Sag ich doch.« Nele war mit dem Ausgang des Gesprächs zufrieden. Sie packte ein paar Sachen zusammen und stand hinter ihrem Schreibtisch auf. »Ich muss los. Eberswalde ruft.« Mit fragend gehobenen Augenbrauen sah sie mich an, als sie an mir vorbeiging. »Und du fährst wieder nach Beelitz, um da . . . Urlaub zu machen?« Sie lachte.

»Das weiß ich noch nicht«, sagte ich.

Ich befand mich in einem richtigen Dilemma. Da war irgendetwas mit Lea von Rohden, das merkte ich. Sie hatte ein Problem – das mich natürlich nichts anging – und ich hatte auch ein Problem. Mit ihr. Oder vielleicht eher mit mir.

Nachdem Nele fröhlich wie immer das Büro verlassen hatte, ging ich zum Fenster und sah hinaus. Was sollte ich jetzt tun? Beruflich war das eigentlich klar, aber war es wirklich nur beruflich?

Der verdammte Pohle! Ich hätte ihn an die Wand schmettern können – wenn ich dazu geneigt hätte. Eine Frau wie Lea von Rohden hatte mir gerade noch gefehlt!

Es war noch gar nicht so lange her, dass meine letzte Beziehung zu Bruch gegangen war. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn Ramona hatte eine Menge zerbrochen, bevor sie mich endgültig verlassen hatte. Als sie die Tür hinter sich zuschlug, konnte ich erst einmal Besen und Schaufel holen.

Ramona war genau das gewesen, was Nele beschrieben und ich mich geweigert hatte anzuerkennen: groß, blond, blauäugig, breite Schultern. Nicht dass sie eine Frau wie ein Schrank gewesen wäre, aber sie konnte sich eine Jacke über die Schultern werfen, ohne hineinzuschlüpfen, und auf ihren kleiderbügelgeraden Schultern blieb sie tatsächlich hängen, auch wenn sie sich bewegte. Bei mir rutschte so eine Installation immer sofort herunter.

Bei Lea von Rohden würde sie das auch tun. Sie bewegte sich ein wenig so, als hätte sie einmal Ballettunterricht gehabt, geschmeidig trotz einer gewissen Müdigkeit in ihren Bewegungen, aber sie wäre in einem Ballett eher die Elfe gewesen, nicht der stolze Schwan.

Sie machte trotz ihres äußerlich abweisenden Verhaltens – einen Tee konnte man bei ihr jederzeit haben, hatte ich das Gefühl, mehr aber auch nicht – einen weichen und verletzlichen Eindruck. Wie das hässliche Entlein, das sich nie zum Schwan gemausert hatte.

Dabei war sie wirklich das Gegenteil von hässlich. Sie zeigte sich der Welt ungeschminkt und wirkte erschöpft, innerlich wie äußerlich, aber sie hatte ein sehr ansprechendes, leicht herzförmiges Gesicht, aus dem die beinah übergroß erscheinenden Bernsteinaugen hätten strahlen können, wenn nicht so etwas wie ein düsterer Schleier über ihnen gelegen hätte.

Dieser Schleier war es wahrscheinlich, was mich unsicher machte. In früheren Zeiten hatten Frauen Hüte mit Schleier getragen, und wie genau so eine Frau kam Lea von Rohden mir vor. Sie hatte keinen Hut getragen und schon gar keinen Schleier, doch sie vermittelte den Eindruck, als hätte sie es.

Es gab nur wenig, was ich über sie wusste – eigentlich so gut wie gar nichts –, aber ich hätte gern mehr über sie erfahren. Und das war definitiv kein berufliches Interesse. Sie reizte meine Neugier als Frau. Was war das nur, was hinter diesem vermeintlichen Schleier lag?

Vielleicht war es aber auch nur die Atmosphäre des Hauses, die mir solche Gedanken eingab. Es war in der Tat ein düsteres Haus. Dieser zugewachsene Garten oder eher Park, der ihm fast die unzugängliche Unwirklichkeit eines Dornröschenschlosses verlieh . . . So etwas hatte ich selten gesehen. Es gab ungepflegte Gärten, ungepflegte Häuser, um die sich lange niemand mehr gekümmert hatte, doch das war es hier nicht.

Laura Beck: Verwunschen und bezaubert

1 Heute Nacht hatte ich einen Traum. Normalerweise erinnere ich mich nicht an meine Träume, aber...
»Dieser Anwalt verkauft für den Besitzer?« Das erschien mir logisch. »So war es ursprünglich...
»Nein, überhaupt nicht wichtig.« Ich schüttelte den Kopf. »Kam mir nur so in den Sinn....
Was aber auch wiederum ein Vorteil war, denn selbst wenn da jetzt jemand an einem der praktisch...
»Wenn Sie mir sagen, wo die ist, bringe ich Sie dorthin.« Sie hatte das Wasser aus dem Teekessel...
»Das ist doch selbstverständlich«, stimmte ich ihr sofort zu und nahm einen Schluck Tee. Er war...
»Sonst«, ich seufzte tief auf, »bin ich anscheinend einiges.« »Ja.« Das klang etwas gedehnt, wie...
Das Haus und auch der Park hatten etwas Verwunschenes. Ich war kein Märchenfan, aber selbst mich...
»Ist hier in der Küche Essgeschirr?«, fragte ich. »Oder muss ich das aus dem Salon holen?« »Sie...
Sie blieb für eine ganze Weile stumm. Wahrscheinlich gingen ihr genau die Gedanken durch den Kopf,...
Das wusste ich noch nicht einmal so genau. So weit hatte ich eigentlich noch gar nicht gedacht....
»Dann weiß ich jetzt wenigstens schon, wie sie aussieht«, sagte ich, auch wenn ich darauf gern...