Das Haus und auch der Park hatten etwas Verwunschenes. Ich war kein Märchenfan, aber selbst mich sprang das an. Das hatte ich ja schon beim Tee mit Lea bemerkt. Eine verwunschene Prinzessin, die sich nicht selbst befreien konnte, die sehnsuchtsvoll auf etwas wartete und doch die Hoffnung schon beinah aufgegeben hatte, dass dieses Wundervolle noch geschehen könnte.

Ist irgendwas passiert? hatte Nele mich gefragt, und das hätte ich gern auch Lea von Rohden gefragt. Sie war plötzlich in Beelitz aufgetaucht, ohne Vorwarnung, ohne Vergangenheit, ohne dass jemand sie kannte oder wusste, wer sie war. Außer dass sie dieses Haus anscheinend geerbt hatte, hatte sie keine Verbindung zu Beelitz, nie dort gewohnt, nie dort gelebt.

Diese Verbindungslosigkeit merkte man ihr auch an, fand ich. Es schien, als ob sie zu gar nichts eine Verbindung hätte, noch nicht einmal zu sich selbst. Auf jeden Fall bemühte sie sich nicht, Verbindungen zu Außenstehenden herzustellen.

Dass ich einfach so in ihr Leben geplatzt war, hatte sie zwar hingenommen – was für ihre Hilfsbereitschaft sprach, denn sie hätte mich ja auch vor dem Haus liegenlassen können, ohne sich um mich zu kümmern, hätte gar nicht herauskommen müssen –, aber es war, als ob ich ihr Leben dennoch nicht betreten hätte. Auch wenn ich ihr Haus betreten hatte.

Das reichte ja auch. Schließlich war ich nur Maklerin, keine gute Freundin oder gar Verwandte.

Warum reichte es mir dann nicht?

Das war jetzt die große Frage, nicht wahr?

5

Diesmal war ich mit dem Auto vorgefahren. Mit meinem eigenen. Ich stand vor dem Eisentor und betrachtete das, was dahinterlag. Seit gestern hatte sich daran natürlich nichts geändert. Warum sollte es auch?

Suchend blickte ich mich um. Gab es hier eine Klingel? Das letzte Mal hatte ich ja keine gebraucht.

Ja, da war eine. Aber auch schon sehr verrostet. Ebenso wie das Tor und der Pfosten, an dem sie angebracht war, war sie aus Metall, nicht aus Kunststoff. Ich drückte darauf – was schon bedeutete, einen gewissen Widerstand zu überwinden, als ob sich der Rost lange Zeit tief eingefressen hätte –, hörte aber nichts.

Ein paar Sekunden wartete ich, dann drückte ich noch einmal. Diesmal erschien es mir, als hörte ich in weiter Entfernung so eine Art kratzendes Krächzen. Gleich darauf kam Lea von Rohden, die von ihrem von nichts wissen wollte, mit einem fragenden Blick auf das Tor zu.

»Ach, Sie sind es«, sagte sie.

»Ja, ich.« Mit einem schiefen Lächeln fügte ich hinzu: »Ich weiß, ich hätte vorher anrufen sollen. Aber ich wollte mich bedanken.«

»Das müssen Sie nicht.« Mittlerweile war sie am Tor angekommen, schien zu zögern, öffnete es dann jedoch. »Außer einem Tee kann ich Ihnen leider auch heute nichts anbieten. Ich war noch nicht einkaufen.«

Obwohl sie mich gestern mit ihrem Wagen zurückgebracht hatte, hatte sie diese Gelegenheit nicht genutzt? Ihr mussten wirklich ganz andere Dinge durch den Kopf gehen.

»Aber ich«, sagte ich schmunzelnd und hielt eine Tüte hoch. »Frühstück?« Ich blickte zum Himmel, als gäbe es dort eine Uhr. »Oder wohl eher zweites Frühstück. Ich habe allerdings wirklich noch nicht gefrühstückt. Ich trinke morgens nur Kaffee.«

»Wie nachmittags«, sagte sie, und wenn sie dabei gelächelt hätte, wäre es eine freundliche Einladung gewesen. So war es nur eine Einladung, als sie mir das Tor aufhielt.

Ich ging hindurch, blieb stehen, drehte mich um und wartete auf sie, während sie das Tor sorgfältig wieder schloss. Wie eine Zugbrücke, die sie nur widerwillig heruntergelassen und jetzt wieder hochgezogen hatte.

»Sie humpeln ja gar nicht mehr«, bemerkte sie leicht stirnrunzelnd, als sie auf mich zukam. »Es freut mich, dass es Ihnen bessergeht.«

»Ja«, bestätigte ich das etwas unbehaglich. »Es geht mir besser.«

Was nicht wirklich zutraf. Mit dem Knöchel hatte ich nichts gehabt, also ging es mir genauso wie gestern, in meinem Inneren jedoch hatte sich einiges zum weniger Guten gewandelt. Zu einer Unruhe, die ich sonst so nicht kannte.

»Sie hätten wirklich nichts mitbringen müssen.« Mit einem Blick auf meine Tüte ging sie an mir vorbei über die mit Moos und Unkraut überwucherten Platten zum Haus zurück.

Ich folgte ihr. »Ich möchte Sie nicht immer Ihrer Vorräte berauben«, sagte ich.

»Ich habe gar keine Vorräte.« Das traf wahrscheinlich zu, doch es klang wie eine ironische Bemerkung, wie ein Zitat.

Aber genauso, wie ich nicht glaubte, dass sie zum Scherzen neigte, hatte ich das Gefühl, sie neigte zu Ironie. Mein Eindruck war, hier einen ausgesprochen ernsten Menschen vor mir zu haben, der nicht leicht zum Lachen zu bringen war.

»Außer natürlich Tee, Milch und Zucker«, fügte sie jetzt tatsächlich einschränkend hinzu. Wohl um ganz genau zu sein und nichts zu behaupten, was nicht hundertprozentig stimmte.

Wenn sie schon bei solchen Kleinigkeiten so genau war und nichts Falsches sagen wollte, wie würde sie da erst –? Lieber nicht darüber nachdenken.

»Davon kann man sich aber nicht ernähren«, sagte ich stattdessen. Und so leicht unterernährt sah sie ja auch aus. »Mögen Sie Brötchen, Käse, Butter und Marmelade? Eier? Das habe ich mitgebracht. Ich hoffe, ich habe nichts vergessen.«

Sie warf kurz einen Blick zu mir zurück, als sie nun durch die Haustür trat. »Das ist mehr, als ich brauche«, sagte sie.

»Aber Sie machen mir doch die Freude, mit mir zu frühstücken?«, fragte ich. »Langsam bekomme ich nämlich wirklich Hunger. Es ist gleich halb elf. Das ist immer so meine Zeit.« Ich lachte leicht. »Ungewöhnlich, ich weiß.«

»Nicht so ungewöhnlich. Mir geht es genauso«, sagte sie und ging hinein.

Das überraschte mich jetzt ein bisschen, aber nachdem ich mich von dieser leichten Überraschung wieder erholt hatte, ging ich ihr nach, schloss die Haustür hinter mir und folgte ihr den langen Weg bis in die Küche hinein.

»Wissen Sie was?«, sagte ich und stellte meine Tüte auf dem Tisch ab. »Warum frühstücken wir nicht hier? Das ist ein wunderbarer alter Eichentisch. So etwas findet man heute nur noch selten. Und es ist ungezwungener als im Salon.«

»Sie fanden es im Salon gezwungen?« Mit ihren langsamen, müden und dennoch ballettartigen Bewegungen ging sie zum Herd, wahrscheinlich um Wasser für Tee aufzusetzen. »Kaffee haben Sie nicht mitgebracht?«, fragte sie. »Ich habe nämlich keinen.«

Das hatte ich ja gewusst. Oder zumindest schwer vermutet.

»Nein«, sagte ich. »Ich brauche keinen Kaffee. Ihr Tee ist so hervorragend, dass man da Kaffee wirklich nicht vermisst. Außerdem hatte ich heute Morgen schon zwei Tassen.«

Eigentlich eher Becher, aber das klang immer so nach Campinggeschirr, auch wenn es ein Keramikbecher war, in dem ich meinen Kaffee nahm.

Sie nickte. »Dann mache ich Tee.«

Laura Beck: Verwunschen und bezaubert

1 Heute Nacht hatte ich einen Traum. Normalerweise erinnere ich mich nicht an meine Träume, aber...
»Dieser Anwalt verkauft für den Besitzer?« Das erschien mir logisch. »So war es ursprünglich...
»Nein, überhaupt nicht wichtig.« Ich schüttelte den Kopf. »Kam mir nur so in den Sinn....
Was aber auch wiederum ein Vorteil war, denn selbst wenn da jetzt jemand an einem der praktisch...
»Wenn Sie mir sagen, wo die ist, bringe ich Sie dorthin.« Sie hatte das Wasser aus dem Teekessel...
»Das ist doch selbstverständlich«, stimmte ich ihr sofort zu und nahm einen Schluck Tee. Er war...
»Sonst«, ich seufzte tief auf, »bin ich anscheinend einiges.« »Ja.« Das klang etwas gedehnt, wie...
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»Ist hier in der Küche Essgeschirr?«, fragte ich. »Oder muss ich das aus dem Salon holen?« »Sie...
Sie blieb für eine ganze Weile stumm. Wahrscheinlich gingen ihr genau die Gedanken durch den Kopf,...
Das wusste ich noch nicht einmal so genau. So weit hatte ich eigentlich noch gar nicht gedacht....
»Dann weiß ich jetzt wenigstens schon, wie sie aussieht«, sagte ich, auch wenn ich darauf gern...