»Ist hier in der Küche Essgeschirr?«, fragte ich. »Oder muss ich das aus dem Salon holen?«

»Sie kennen sich so gut hier im Haus aus, als würden Sie hier wohnen, nicht ich.« Das schien sie zu stören.

Oder nicht? Ich war mir nicht so ganz sicher.

»Das einfache Service ist hier.« Sie zeigte auf einen Schrank. »Die Tassen sind dort.« Das war der Schrank daneben.

Was ich nun herausnahm, war kein Meißner Porzellan, aber es war auch alt. Vielleicht tatsächlich das Geschirr, das die Dienstboten benutzt hatten.

Ich schüttelte innerlich den Kopf. Schon so alt? Nein, doch eher nicht. Ich kannte mich in solchen Sachen ziemlich gut aus. Achtzigerjahre, schätzte ich. Alt, aber nicht antik.

Es war nicht schwer, für zwei Personen den Tisch zu decken, was ich dann auch tat. Kaffeelöffel – oder nein, Teelöffel – fand ich ebenfalls in einer Schublade direkt am Tisch, ohne sie danach fragen zu müssen. Der Tisch war auf keinen Fall Achtzigerjahre, der war viel älter. Deshalb die Schubladen darin, die für sehr viel Besteck und Handtücher Platz boten.

Schnell war alles arrangiert, sogar ein Keramikkörbchen für Brot, Brötchen oder Früchte hatte ich gefunden und die Auswahl an Brötchen – von Vollkornbrötchen bis zu einfachen Weizenbrötchen, weil ich nicht gewusst hatte, was sie lieber mochte –, die ich gekauft hatte, darin dekorativ angeordnet.

Zwischenzeitlich hatte sie den Tee aufgebrüht und brachte ihn an den Tisch. Teekanne und Milchkännchen passten nicht zum Dekor des Alltagsgeschirrs, das sein Dasein hier in der Küche fristete, aber so etwas störte ja auch nicht. Ich hatte keine Teekanne beim Geschirr gesehen, also hatte sie die Kanne möglicherweise deshalb aus dem Salon geholt, weil die hier in der Küche kaputtgegangen war. Vielleicht schon in den Achtzigerjahren, vielleicht jetzt.

Wenn sie schon länger hier gewohnt hätte, hätte ich vermutet, sie hätte vielleicht Ramona gekannt. Sie war eine große Geschirrzerbrecherin. Bei jedem unserer Streits – die immer von ihr ausgegangen waren – war mein Geschirrbestand weniger geworden. Vielleicht hatten wir uns deshalb immer nur bei mir gestritten, nie bei ihr. Oder vielleicht auch deshalb, weil wir uns meistens bei mir aufgehalten hatten, da ihre Wohnung sehr klein war.

»So einen schön gedeckten Tisch habe ich schon lange nicht mehr gesehen«, sagte sie, als sie sich setzte.

Ich hatte abgewartet, welches ihr Platz sein würde, weil ich ihr ihren nicht wegnehmen wollte, und setzte mich erst danach auf den anderen.

»Ein paar freundliche Leute behaupten von mir, ich hätte ein Händchen für Dekoration«, sagte ich und schaute sie lächelnd an. »Obwohl das hier natürlich keine ist. Noch nicht einmal eine Tischdecke. Aber ich muss sagen«, mit den Fingern fuhr ich über die Maserung des Tisches, die an manchen Stellen fühlbar war, an den meisten war sie glattgeschliffen, »dieser Tisch hier ist schon allein Dekor. Der ist so groß, dass daran zwanzig Leute Platz finden könnten.« Ich schaute die langgestreckte Tafel hinunter.

»Das war früher wohl auch so«, sagte sie. »Als das Haus noch bewohnt war.«

Jetzt ist es nicht bewohnt? dachte ich. Du bist niemand?

Aber eine einzelne Person in so einem großen Haus, da hatte ihre Bemerkung wohl so ihre Berechtigung. So ein Haus wirkte erst bewohnt, wenn eine große Familie es nutzte. Ab sechs Kindern aufwärts.

Sie zog meine Tasse zu sich heran und schenkte den Tee ein. »Ich habe ihn nicht ganz so stark gemacht wie gestern«, sagte sie. »Weil Sie das nicht mögen.«

»Oh, das würde ich nicht sagen.« Lächelnd nahm ich die Tasse wieder entgegen. »Mit genügend Milch schmeckt das sehr gut. Kannte ich so gar nicht.«

»In England ist das ein richtiges Kräftigungsmittel.« Sie hatte ihrem Tee Zucker und Milch hinzugefügt und rührte jetzt um. »Dort trinkt man Tee quasi zur Stärkung. Deshalb muss er wohl so stark sein.«

»Sie sprechen viel von England«, sagte ich, nahm einen Schluck und überlegte, ob ich noch mehr Milch hinzufügen sollte oder ob sie das als Beleidigung empfinden würde, da sie ihn doch für mich extra schwach gemacht hatte. Schwach war unzweifelhaft relativ. »Haben Sie dort gelebt?«

Sie nickte. »Eine Weile«, sagte sie, während sie mit elegant abgespreiztem kleinem Finger einen Schluck von ihrem Tee nahm.

Ich fügte meinem noch etwas Milch hinzu, kombinierte das aber mit dem gleichzeitigen Greifen nach einem Brötchen, in der Hoffnung, das mit der Milch wäre dann nicht so auffällig. »Was ist eine Weile?«, fragte ich, während ich das Brötchen aufschnitt. »Monate, Jahre?«

»Jahre«, sagte sie.

Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie darüber sprechen wollte. Deshalb fragte ich nicht weiter.

»Ich habe dort gearbeitet«, fügte sie jedoch ganz unerwartet ungefragt hinzu. »Ich bin Landschaftsarchitektin.«

»Oh«, entfuhr es mir ungewollt. So sah der Park wirklich nicht aus. Allerdings war sie ja auch noch nicht so lange hier.

Dennoch war es bei jemandem, der genau diesen Beruf gelernt und auch ausgeübt hatte, schon ungewöhnlich, dass sie den Zustand, der hier um das Haus herum herrschte, ertragen konnte.

»Ich weiß«, sagte sie. »Ich müsste mich schämen. Weil ich das alles hier bisher so gelassen habe.«

»Es ist ja nicht –« Ich schluckte, weil ich mich jetzt ein bisschen schämte, dass ich dieses Oh hatte entschlüpfen lassen, sodass sie sofort gewusst hatte, was ich dachte. Das war mir wirklich peinlich. Normalerweise hatte ich mich besser unter Kontrolle. »Sie sind ja nicht dafür verantwortlich«, korrigierte ich meinen ersten Satzanfang. »Sie wohnen ja noch nicht lange hier.«

Erstaunt hob sie die Augenbrauen und sah mich an. »Woraus entnehmen Sie das?«

Ich lehnte mich in meinen zum Tisch passenden Eichenstuhl zurück und atmete tief durch. »Weil ich Maklerin bin«, sagte ich. »Ich habe gehört, dass Sie das Haus verkaufen wollen.«

Mit einem harten Klirren setzte sie ihre Tasse auf der Untertasse ab. Ohne etwas zu sagen, starrte sie mich mit ihren funkelnden Bernsteinaugen an.

Besänftigend hob ich die Hände. »Deshalb bin ich nicht hier«, sagte ich schnell. »Oder . . .«, ich schüttelte schuldbewusst den Kopf, »in gewisser Weise schon. Ich wollte mir das Haus einmal ansehen. Ich liebe alte Häuser.«

»Sie verkaufen sie«, berichtigte sie mich mit eisschrankkühler Stimme.

»Leider muss ich das.« Ich zuckte verlegen die Schultern. »Es ist ja der Beruf, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Und behalten«, ich lachte leicht, »könnte ich sie ohnehin nicht alle. Aber dieses hier«, ich drehte mich leicht auf dem Stuhl um und schaute in den parkartigen Garten hinaus, »würde ich gern behalten.« Seufzend drehte ich mich zu ihr zurück. »Obwohl das natürlich nicht geht. Selbst wenn Sie mir den Auftrag erteilen würden, es zu verkaufen, könnte ich es selbst niemals kaufen. So reich bin ich nicht.«

Laura Beck: Verwunschen und bezaubert

1 Heute Nacht hatte ich einen Traum. Normalerweise erinnere ich mich nicht an meine Träume, aber...
»Dieser Anwalt verkauft für den Besitzer?« Das erschien mir logisch. »So war es ursprünglich...
»Nein, überhaupt nicht wichtig.« Ich schüttelte den Kopf. »Kam mir nur so in den Sinn....
Was aber auch wiederum ein Vorteil war, denn selbst wenn da jetzt jemand an einem der praktisch...
»Wenn Sie mir sagen, wo die ist, bringe ich Sie dorthin.« Sie hatte das Wasser aus dem Teekessel...
»Das ist doch selbstverständlich«, stimmte ich ihr sofort zu und nahm einen Schluck Tee. Er war...
»Sonst«, ich seufzte tief auf, »bin ich anscheinend einiges.« »Ja.« Das klang etwas gedehnt, wie...
Das Haus und auch der Park hatten etwas Verwunschenes. Ich war kein Märchenfan, aber selbst mich...
»Ist hier in der Küche Essgeschirr?«, fragte ich. »Oder muss ich das aus dem Salon holen?« »Sie...
Sie blieb für eine ganze Weile stumm. Wahrscheinlich gingen ihr genau die Gedanken durch den Kopf,...
Das wusste ich noch nicht einmal so genau. So weit hatte ich eigentlich noch gar nicht gedacht....
»Dann weiß ich jetzt wenigstens schon, wie sie aussieht«, sagte ich, auch wenn ich darauf gern...