Sie blieb für eine ganze Weile stumm. Wahrscheinlich gingen ihr genau die Gedanken durch den Kopf, die auch mir an ihrer Stelle durch den Kopf gegangen wären. Ob ich mich hier eingeschlichen hatte. Was ich damit bezweckte. Dass ich sie – wenn ich mich hier eingeschlichen hatte – belogen hatte.

Oder zumindest das verschwiegen hatte, was ich gleich hätte offenbaren sollen. Manche Leute betrachteten das als Lüge, andere waren da großzügiger. Sie erschien mir weniger großzügig als prinzipientreu.

»Haben Sie schon einen Käufer für das Haus?«, fragte sie da plötzlich aus dem Blauen heraus.

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Ich wollte es mir wie gesagt erst einmal ansehen. Man muss das . . .«, ich zögerte, während ich nach dem richtigen Wort suchte, »Wesen«, sagte ich dann, »eines Hauses erst einmal erfassen, bevor man weiß, was für einen Käufer es braucht.«

Verwundert hob sie die Augenbrauen. »Sie würden es nicht an jeden verkaufen?«

Wieder musste ich daraufhin den Kopf schütteln, diesmal durchaus auch ein wenig bedauernd. »Natürlich muss ich Geld verdienen. Es ist mein Beruf, Häuser zu verkaufen, aber trotzdem versuche ich, beiden Seiten gerecht zu werden, Käufer und Verkäufer. Oftmals hängen an einem Haus so viele Erinnerungen, manchmal auch Entbehrungen, große finanzielle Opfer, Schicksale. Leute müssen verkaufen, obwohl sie das gar nicht wollen, weil sie Geld brauchen . . .« Das war ein Wink mit dem Zaunpfahl. Ich war gespannt, ob sie darauf anspringen würde.

»Ich brauche kein Geld«, sagte sie tatsächlich sofort. »Darum geht es nicht.«

Aha. Das war eine klare Antwort. Der Anschein trog. Warum auch immer sie hier so bescheiden lebte, sie musste es nicht. »Das ist natürlich immer eine gute Ausgangslage.« Ich beugte mich vor und sah mit einem magenknurrenden Gefühl – glücklicherweise knurrte mein Magen nicht wirklich – das Brötchen vor mir auf dem Teller an. Warum hatte ich nicht bis nach dem Frühstück gewartet, um ihr zu sagen, dass ich Maklerin war? »Dann kann man in Ruhe einen Käufer suchen. Einen, der zu dem Haus passt.«

»Den habe ich schon«, sagte sie.

Meine Augenbrauen schossen in die Höhe, weil ich so überrascht war. »Den haben Sie schon?«

»Es ist eine Käuferin«, führte sie aus, nahm sich jetzt ebenfalls ein Brötchen, schnitt es durch und stach mit ihrem Messer ein Stückchen Butter ab. Auch für die Butter hatte ich eine Porzellanschale gefunden, als ich den Tisch deckte. »Sie müssen sie nur zuerst einmal finden.«

Da meine Augenbrauen sich bereits wieder gesenkt hatten, hinderte ich sie jetzt daran, noch einmal in die Höhe zu schießen. »Sie erst einmal finden?«, echote ich.

Sie fügte der Butter auf ihrem Brötchen Marmelade hinzu. »Ja«, sagte sie und biss hinein. Sie kaute eine ganze Weile, bevor sie herunterschluckte, als ob sie über ihren nächsten Satz nachdenken müsste. »Sie ist irgendwo da draußen«, war das Ergebnis ihres Nachdenkens. »Ich kann sie nur nicht erreichen.«

Ich fühlte regelrecht, wie ich verdattert dasaß. Das warf einiges um, was ich bisher für gegeben angenommen hatte. Ich räusperte mich. »Das heißt, Sie haben weder Adresse, E-Mail-Adresse oder Telefonnummer von ihr?«

»Keine aktuelle«, sagte sie. »Sie ist verschwunden. Aber ich weiß, dass sie dieses Haus lieben würde.«

Verschwunden? Was meinte sie denn damit? Die Sache wurde immer rätselhafter. Fragend blickte ich sie an. »Sucht sie denn ein Haus?«

»Man muss nicht suchen, um zu finden«, erwiderte sie ziemlich orakelhaft. »Sobald sie das Haus sieht, wird sie wissen, dass sie es gefunden hat.«

Zweifellos. Ich runzelte heftig die Stirn. Langsam hatte ich immer mehr das Gefühl, dass dieser Bissen, der Verkauf dieses Hauses, mir vielleicht im Halse steckenbleiben würde. Um gegen dieses Gefühl anzugehen, versorgte ich mein Brötchen ebenfalls mit Butter, legte noch eine Scheibe Käse obenauf und biss hinein. So musste ich auch nicht darüber nachdenken, was ich jetzt antworten sollte, denn im Augenblick fiel mir weder eine Frage noch eine Antwort ein.

»Sie wollte immer so ein Haus«, fuhr Lea zwischenzeitlich fort. »Leider ist sie verschwunden, bevor ich dieses Haus von meinem Vater geerbt habe.«

»Ihr Vater ist gestorben?«, fragte ich.

Sie nickte gelassen. »Ich habe ihn kaum gekannt. Meine Eltern haben sich schon scheiden lassen, als ich noch ein kleines Kind war. Meine Mutter hat wieder geheiratet. Ich habe wenig Kontakt zu ihr. Sie lebt in einer ganz anderen Welt. Mein Vater«, sie schüttelte den Kopf, »wollte eigentlich nie verheiratet sein und hat es dann auch kein zweites Mal versucht.« Sie verzog das Gesicht. »Er war ein sehr egoistischer Mensch. Hielt sich als Mann für etwas ganz Besonderes und hatte lieber Freundinnen als Ehefrauen, die Ansprüche an ihn stellen konnten.« Missbilligend rollte sie ein wenig die Augen.

»Aber dann hat er Ihnen trotzdem das Haus vermacht?« Ich wunderte mich.

»Weil er niemand anderen hatte, nehme ich einmal an.« Sie zuckte die Achseln. »Ich war sein einziges Kind. Zumindest das einzige, das seinen Namen trägt. Uneheliche Kinder hatte er möglicherweise noch mehr.«

»Und diese Frau, diese Käuferin, von der Sie gesprochen haben«, fragte ich, »ist niemand aus Ihrer Familie?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe eigentlich keine Familie. Irgendwo gibt es vielleicht noch irgendwelche entfernten Cousins oder Cousinen, das könnte sein. Aber die kenne ich nicht.«

»Sie ist also keine Verwandte«, murmelte ich mehr zu mir selbst als zu ihr.

Sie hob den Kopf und wandte das Gesicht zu mir. Auf einmal erschien tatsächlich ein Lächeln darauf. »Rebecca? Nein. Sie ist keine Verwandte. Sie ist meine große Liebe.«

Sie sagte das so schlicht und selbstvergessen, als ob das die eine einzige Wahrheit ihres Lebens wäre. Auch ihr Gesichtsausdruck passte dazu. Er war fast träumerisch.

Obwohl ich momentan gar kein Brötchen im Mund hatte, musste ich schlucken. Erneut räusperte ich mich. »Und wie ist sie verschwunden?«

»Sie hat mit mir zusammen gewohnt. In Berlin«, sagte sie. »Und eines Tages ist sie nicht mehr wiedergekommen.«

Na, das konnte Verschiedenes heißen. Vielleicht hatte diese wunderbare große Liebe nicht dasselbe Gefühl gehabt wie Lea und hatte sie einfach verlassen. Sie war Leas große Liebe, doch Lea nicht ihre. Aber das konnte ich so natürlich nicht sagen.

»Aha«, sagte ich stattdessen. »Und ihre letzte Adresse war bei Ihnen?«

Wieder nickte sie. »Eine andere habe ich nicht. Und hatte auch sie nicht. Wir haben zwei Jahre in meinem Penthouse gewohnt.«

Ein Penthouse in Berlin. Wow. Dann konnte sie wirklich nicht arm sein. Und mein bedeutete wahrscheinlich Eigentum, nicht gemietet. Warum sie dann jetzt allerdings hier war, statt da auf ihre große Liebe zu warten, wo die sie wesentlich leichter finden konnte, war mir ein Rätsel.

Die Märchenfee, als die sie mir schon fast erschienen war, war auf jeden Fall vergeben. Da brauchte ich mir keine Illusionen mehr zu machen. Falls ich mir die je gemacht hatte. Hatte ich?

Laura Beck: Verwunschen und bezaubert

1 Heute Nacht hatte ich einen Traum. Normalerweise erinnere ich mich nicht an meine Träume, aber...
»Dieser Anwalt verkauft für den Besitzer?« Das erschien mir logisch. »So war es ursprünglich...
»Nein, überhaupt nicht wichtig.« Ich schüttelte den Kopf. »Kam mir nur so in den Sinn....
Was aber auch wiederum ein Vorteil war, denn selbst wenn da jetzt jemand an einem der praktisch...
»Wenn Sie mir sagen, wo die ist, bringe ich Sie dorthin.« Sie hatte das Wasser aus dem Teekessel...
»Das ist doch selbstverständlich«, stimmte ich ihr sofort zu und nahm einen Schluck Tee. Er war...
»Sonst«, ich seufzte tief auf, »bin ich anscheinend einiges.« »Ja.« Das klang etwas gedehnt, wie...
Das Haus und auch der Park hatten etwas Verwunschenes. Ich war kein Märchenfan, aber selbst mich...
»Ist hier in der Küche Essgeschirr?«, fragte ich. »Oder muss ich das aus dem Salon holen?« »Sie...
Sie blieb für eine ganze Weile stumm. Wahrscheinlich gingen ihr genau die Gedanken durch den Kopf,...
Das wusste ich noch nicht einmal so genau. So weit hatte ich eigentlich noch gar nicht gedacht....
»Dann weiß ich jetzt wenigstens schon, wie sie aussieht«, sagte ich, auch wenn ich darauf gern...