Das wusste ich noch nicht einmal so genau. So weit hatte ich eigentlich noch gar nicht gedacht. Nele hatte da schon weiter gedacht als ich. Dass Lea von Rohden eine gewisse Anziehungskraft auf mich ausübte, das konnte ich nicht bestreiten, welche Art von Anziehungskraft jedoch, das war mir bisher noch nicht so klar gewesen. Immerhin war sie in allererster Linie eine potenzielle Kundin, die ein Haus verkaufen wollte.

Laut der Information von Pohle jedenfalls, die sich gerade etwas wandelte. Ich nahm an, Lea hatte vorgehabt, auch ihm das zu sagen, was sie jetzt mir gesagt hatte, aber bevor sie das überhaupt tun konnte, war er schon mit diesem Investor aufgetaucht, der jeden weiteren Kontakt verhindert hatte.

Darum musste ich mich jedoch nicht kümmern, denn das lag außerhalb meines Interesses. Provision hin oder her, ein Haus wie dieses hier abzureißen und diesen schönen alten großen Park, so zugewuchert er auch sein mochte, in ein Supermarktgelände, ein Industriegebäude oder ein neues Wohngebiet in der Art einer Plattenbausiedlung zu verwandeln, das würde ich nie unterstützen.

»War sie in den sozialen Medien aktiv?«, fragte ich. »Ist heute ja praktisch jeder.«

Lea sah mich kurz an, als wäre ich ein Genie, das auf einen Gedanken gekommen ist, auf den sie nie gekommen wäre. Sie war ganz sicher die eine Ausnahme, die die Regel bestätigte und nicht in den sozialen Medien aktiv war. Irgendwie würde das zu ihr passen. Schließlich nickte sie. »Ja, war sie. Aber dafür habe ich mich nie interessiert.«

Eben. Genauso, wie ich mir das vorgestellt hatte. »Haben Sie einmal auf ihrem Twitter-, Facebook- oder Instagram-Account nachgeschaut, ob sie dort kürzlich etwas gepostet hat?«, erkundigte ich mich dennoch.

Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe zwar einen Laptop, aber ich gehe so gut wie nie ins Internet.«

»Kann man auch mit dem Handy«, sagte ich, weil ich das Gefühl hatte, eher eine ältere Dame vor mir zu haben, die noch ohne Internet und Handy aufgewachsen war, als eine junge Frau in meinem Alter.

Auf diese meine Bemerkung antwortete sie noch nicht einmal, sondern sah mich nur an, als würde sie erwarten, dass ich weitere Vorschläge machte.

»Damit würde ich es zuerst einmal versuchen«, sagte ich. »Ihre Instagram-Adresse oder Snapchat wäre ein guter Anfang, denke ich.«

Wortlos stand sie auf, verließ die Küche und kam kurz darauf mit einem Laptop wieder. Älteres Modell. Sah aber trotzdem aus wie neu. Sie benutzte ihn wohl tatsächlich nicht viel.

Sie stellte das Gerät neben meinem Platz auf den Tisch. »Bitte, bedienen Sie sich«, sagte sie und ließ sich wieder auf ihrem eigenen Platz nieder. »Irgendwo da drin muss es sein.«

Überrascht hob ich die Augenbrauen, schob mir den letzten Bissen meines Brötchens in den Mund und klappte den Laptop auf. »Passwort?«, fragte ich.

»Keins.« Sie schien das völlig selbstverständlich zu finden. Aber sie hatte auch ganz sicher keine Geheimnisse auf ihrem PC, die niemand wissen durfte. Noch nicht einmal private.

Das überraschte mich nun tatsächlich nicht mehr. Indem ich versuchte, ganz emotionslos an die Sache heranzugehen, als würde ich ein neues Angebot für ein Haus ins Internet stellen, startete ich das leicht altertümliche Gerät. Der Akku war zumindest geladen, merkte ich. Das wunderte mich ein bisschen, wenn sie den Laptop nie oder so gut wie nie benutzte, aber das war nicht die Art Geheimnis, dem ich hier auf den Grund gehen wollte.

Ob ich das wirklich wollte, darüber dachte ich jetzt erst einmal nicht nach. Obwohl ich normalerweise nicht dazu neigte, Dinge, mit denen ich mich nicht beschäftigen wollte, zu verdrängen, tat ich es dieses Mal absichtlich und konzentrierte mich nur auf die Aufgabe an sich.

Was jedoch gar nicht so einfach war, denn als der Computer den Startvorgang abgeschlossen hatte, was etwas länger dauerte als bei modernen Geräten und mir die Gelegenheit gab, noch meinen Tee auszutrinken, erschien unvermittelt das Bild einer Frau auf dem Bildschirm, die nur Rebecca sein konnte.

Es war fast wie ein Schock für mich. Unbewusst hatte ich wohl einfach den unveränderten Startbildschirm von Windows erwartet. Aber auch wenn Lea sich sonst nicht mit dem Computer beschäftigt hatte, ihre große Liebe als Hintergrundbild, das hatte sie hingekriegt.

Rebecca war zu meinem Erstaunen keine klassische Schönheit. Ich wusste nicht, warum ich das erwartet hatte, aber anscheinend hatte ich es, sonst hätte mich ihr Anblick jetzt nicht so verblüfft. Sie schien ziemlich lange, glatte Haare zu haben, rotblond oder rot, je nachdem, wie man es benannte. Und die Haarfarbe wirkte sogar echt.

Sie hatte beinah so etwas wie ein Mona-Lisa-Lächeln auf den Lippen, mehr als nur angedeutet wie beim Original, aber eindeutig eine Art Amüsiertheit über die Welt widerspiegelnd, die sie nicht ganz ernst zu nehmen schien. Auf den ersten Blick eine lebenslustig erscheinende junge Frau, die keine besonderen Kennzeichen hatte, wie das in Ausweisen immer so schön hieß.

Wenn da nicht ihre Augen gewesen wären. Ihre Augen waren wirklich . . . bemerkenswert. Sie waren hell, changierten leicht ins Grünliche, wie das bei Rothaarigen so oft der Fall ist, und hatten einen harten Schimmer. Grün schimmernde Diamanten, die alles schneiden konnten, das es wagte, sich ihnen in den Weg zu stellen.

Im Gegensatz zu Leas herzförmigem Gesicht hatte Rebecca ein ovales, man hätte sogar sagen können eiförmiges. Was bei den meisten Leuten das Gesicht weicher erscheinen ließ, bevor es dann endgültig ins Mondförmige, Runde überging, wenn sie älter wurden und an Gewicht zulegten.

Bei Rebecca trug die Form ihres Gesichts keinesfalls zu einem Eindruck von Weichheit oder gar Sanftheit bei. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass sie je so etwas vermittelt hatte. Das hatte sie gar nicht nötig.

Auch wenn sie nicht klassisch schön war, aber sie war eindeutig attraktiv. Und das wusste sie auch. Ihre Ausstrahlung konnte ich selbst über den Bildschirm spüren. Sie wusste, was sie wollte, und sie bekam es auch. Zumindest war sie davon überzeugt.

Ich hätte fast geseufzt. Doch es gelang mir, das zu unterdrücken. Schon auf dem Startbildschirm wurden mir etliche ungelesene E-Mails in der Mailanwendung angezeigt. Ich klickte auf das Symbol, und das Mailprogramm öffnete sich.

»Ist das Rebecca auf dem Hintergrundbild?«, fragte ich überflüssigerweise.

Wieder zeigte sich dieses spezielle Lächeln auf Leas Gesicht. Es schien wie für Rebecca reserviert, extra für sie gemacht. »Ja«, sagte sie. »So habe ich sie immer bei mir. Ich lasse den Laptop drüben in der Bibliothek auf dem Schreibtisch stehen, wenn ich lese. Wenn ich dann hinschaue, ist sie da.«

Das erklärte auch, warum der Laptop geladen war. Sie benutzte ihn als Bilderrahmen. Dafür gab es zwar eine Menge anderer und geeigneterer Möglichkeiten, aber anscheinend hatte sie keine Lust, die zu erforschen.

Laura Beck: Verwunschen und bezaubert

1 Heute Nacht hatte ich einen Traum. Normalerweise erinnere ich mich nicht an meine Träume, aber...
»Dieser Anwalt verkauft für den Besitzer?« Das erschien mir logisch. »So war es ursprünglich...
»Nein, überhaupt nicht wichtig.« Ich schüttelte den Kopf. »Kam mir nur so in den Sinn....
Was aber auch wiederum ein Vorteil war, denn selbst wenn da jetzt jemand an einem der praktisch...
»Wenn Sie mir sagen, wo die ist, bringe ich Sie dorthin.« Sie hatte das Wasser aus dem Teekessel...
»Das ist doch selbstverständlich«, stimmte ich ihr sofort zu und nahm einen Schluck Tee. Er war...
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Das Haus und auch der Park hatten etwas Verwunschenes. Ich war kein Märchenfan, aber selbst mich...
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Sie blieb für eine ganze Weile stumm. Wahrscheinlich gingen ihr genau die Gedanken durch den Kopf,...
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»Dann weiß ich jetzt wenigstens schon, wie sie aussieht«, sagte ich, auch wenn ich darauf gern...