»Dann weiß ich jetzt wenigstens schon, wie sie aussieht«, sagte ich, auch wenn ich darauf gern verzichtet hätte. Als mysteriöse Figur im Hintergrund war sie schon schlimm genug.

In den E-Mails fand ich mehrere vor allem berufliche auf Englisch und Deutsch, im Gesendet-Ordner jedoch auch einige, die Lea an Rebecca geschickt hatte, nachdem sie verschwunden war. In jeder fragte sie, wo sie wäre und wann sie nach Hause käme. Auf keine der Mails war je eine Antwort gekommen. Also erübrigte es sich wohl, wenn ich das noch einmal versuchte.

Ich schickte mir die E-Mail-Adresse jedoch an meine eigene Adresse weiter. Im Browser fand ich im Verlauf einen Instagram-Account. Ich öffnete den Link, und erneut blickte mir das jetzt schon bekannte Gesicht entgegen, in verschiedenen Situationen, an verschiedenen Orten – es schienen jedoch üblicherweise irgendwelche Partys zu sein – und mit verschiedenen Leuten.

»Sagten Sie nicht, Sie kennen den Instagram-Account von Rebecca nicht?«, fragte ich unwillkürlich, bevor ich mir überlegen konnte, ob das klug war.

»Kenne ich auch nicht«, sagte sie und sah mich verständnislos an.

»Er ist aber im Browserverlauf.« Ich drehte den Laptop um und zeigte ihr den Bildschirm.

Sie schnappte nach Luft und wurde kalkweiß. Ich hatte Angst, sie würde vom Stuhl kippen. Schnell drehte ich den Bildschirm wieder zu mir zurück. »Tut mir leid«, sagte ich. »Ich wollte Sie nicht erschrecken.«

Sie atmete tief durch. »Es war nur so . . . überraschend«, bemerkte sie fast entschuldigend. »Sonst sehe ich immer nur das eine Bild von ihr. Das sah jetzt aus, als ob sie . . .«, sie schluckte, »als ob sie wieder da wäre. Sind da irgendwelche aktuellen Fotos?«, fügte sie hoffnungsvoll hinzu. Das Kalkweiß ihres Gesichtes verwandelte sich in ein leichtes Rosa.

Ich blickte auf die Datumsangaben. »Nein.«

»Sie hat meinen Computer benutzt, wenn sie ihren gerade nicht greifbar hatte«, erklärte sie. »Der Browserverlauf ist hauptsächlich ihrer. Ich habe ihre Social Media nie aufgerufen.«

Es war interessant, wie sie Social Media aussprach. Mit einem unverwechselbar britischen Akzent. Aber wenn der Browserverlauf tatsächlich zum größten Teil Rebeccas war, war das doch eine Fundgrube. Die sie nicht ausgeschöpft hatte. Ich fragte mich, warum.

Ich ging alle Links durch, die ich fand, aber nirgendwo gab es aktuelle Bilder. Alle Postings – zuvor manchmal mehrmals am Tag – rissen abrupt an einem Datum vor ungefähr drei Monaten ab.

Jeder Account hatte ein paar Hundert Follower, also eine Influencerin war sie nicht gewesen. Wohl aber das, was man früher Socialite genannt hatte oder auch It-Girl. »Die Leute auf den Bildern«, fragte ich. »Kennen Sie die? Sind das gemeinsame Freunde?«

»Nein.« Lea schüttelte den Kopf. »Sie hat viele Freunde. Ich kenne die meisten jedoch nicht. Und die, die ich mal gesehen habe«, sie machte eine unbestimmte Handbewegung, »von denen kenne ich auch nur höchstens den Vornamen.«

Ich schürzte die Lippen. Immer mehr fühlte sich das Ganze wie eine Sackgasse an. Aber ich wollte nicht so schnell aufgeben.

Der letzte Post auf Instagram hatte ein paar interessante Kommentare wie »Hey, hab dich schon länger nicht mehr gesehen. Melde dich mal« oder »Weiß jemand, was mit Rebecca los ist? Auf meine DMs meldet sie sich nicht, hab sie auch schon länger nicht gesehen.«

Daraus hatte sich dann ein kleiner Antwortthread entwickelt mit:

»Geht mir genauso. Ist was passiert?«

»Was ist mit ihrer Freundin? Hat die mal jemand gefragt?«

»Die ist auch nicht erreichbar. In der Wohnung scheint sie jedenfalls nicht zu sein.«

»Echt merkwürdig. Mache mir schon Sorgen.«

»Ich auch.«

»Ich auch.«

Das wiederholte sich in Variationen auf jedem Account, aber wie das heute so üblich ist in unserer schnelllebigen Zeit und besonders in den sozialen Medien, ging das nicht lange, und schon bald hatte sich niemand mehr für Rebecca und ihr Verschwinden interessiert. Andere aktuellere Dinge zogen die Aufmerksamkeit ihrer sogenannten Freunde auf sich, die natürlich keine echten Freunde waren, die sich wirklich Sorgen um sie machten. Das war nur so ein Spruch, der nichts bedeutete und den man dann auch gleich wieder vergaß.

Ich schrieb Rebecca eine DM, auch wenn ich mir davon keinen Erfolg versprach. Dennoch wollte ich es wenigstens versuchen. Und wenn es nur um Leas Willen war. In die DM schrieb ich, dass Lea sich Sorgen machte. Denn bei ihr stimmte das ja wirklich.

Dann versuchte ich es noch zuerst mit der Namens-, dann auch mit der Bildersuche über Google – Bilder hatte ich ja nun genug, auch das Hintergrundbild lud ich mir herunter –, aber obwohl Tante Google sonst immer alles weiß, in diesem Fall wusste sie nichts.

So aktiv, wie Rebecca auf den sozialen Medien gewesen war, wunderte es mich schon sehr, dass auf einmal nichts mehr von ihr zu finden sein sollte. Sie musste fast übermenschliche Fähigkeiten haben, ihren Aufenthaltsort so gut verschleiern zu können, dass nicht einmal Google etwas von ihr wusste, keinen ihrer Nicknames, ihren Klarnamen oder sonstiges kannte. Beziehungsweise nur Ergebnisse lieferte, die mindestens drei Monate zurücklagen.

Wenn Rebecca Lea nur verlassen hatte – worauf ich tippte, weil es der naheliegendste Grund war, warum jemand aus einer Wohnung und einer Beziehung verschwand. Ich erinnerte mich da nur allzu gut an Ramona und ihre Vorgängerinnen. Vielleicht wollte Lea das nur nicht wahrhaben –, dann hätte Rebecca entweder Insta gar nicht aufgegeben oder sie hätte einen neuen Account erstellt. Selbst für den Fall, dass sie nicht nur Lea, sondern ihren gesamten Bekanntenkreis komplett ausgetauscht hatte, hätte sie das tun können.

Aber sie hatte es nicht getan. Dann blieben nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder sie hatte sich einen neuen Namen zugelegt für die Social Media oder sie war tatsächlich richtig echt verschwunden. Warum auch immer.

Was ich noch nicht probiert hatte, waren eventuelle Telefonnummern. Ich fand zwei in Leas Kontakten, die ich an mein Handy schickte. Nach dem Schock, den der Anblick von Rebeccas Instagram-Account bei Lea ausgelöst hatte, wollte ich nicht in ihrer Gegenwart anrufen. Wer wusste, wer sich da meldete? Eine neue Geliebte? Ein Ehemann? Bei Menschen wie Rebecca wusste man nie.

Diese gefühlt Tausenden von Selfies, mit den verschiedensten Leuten, Männlein wie Weiblein, das hatte mir ein Bild von einer Frau vermittelt, die Leute geradezu sammelte. Daran hatte bei ihr anscheinend nie großer Mangel geherrscht.

Während Lea hier allein saß und ihr nachtrauerte . . . Innerlich schüttelte ich den Kopf, weil ich nicht verstehen konnte, was zwei solch unterschiedliche Menschen zusammengebracht und verbunden hatte. Sie hatten absolut nichts gemeinsam. Lea erschien mir wie eine sehr empfindsame, tief nachdenkliche Frau, wohingegen Rebecca höchst oberflächlich wirkte, nur auf ihr kurzfristiges Vergnügen aus und nach mir die Sintflut.

Aber neben dem Gleich und gleich gesellt sich gern gab es ja auch immer das Gegensätze ziehen sich an. Dafür war ich auch ein Beispiel. Warum sollte es bei Lea und Rebecca nicht genauso gewesen sein?

Ich überlegte noch einmal, ob ich noch etwas an Informationen vergessen hatte zu speichern, dann klappte ich den Laptop zu.

»Sie wissen hundertprozentig, dass Sie nicht in Ihrer Wohnung ist?«, fragte ich Lea.

Mit leicht verwundeten Augen sah sie mich an. »Dann hätte meine Haushälterin mir Bescheid gesagt.«

Haushälterin. Ja, klar. Sonst gönnte sie sich wirklich nichts, aber so viel Zeit musste sein.

»Gut«, sagte ich und stand auf. »Dann habe ich glaube ich alles, was ich brauche.«

»Stellen Sie eine Anzeige für das Haus auf Ihre Webseite?«, fragte sie.

Das schien mir eine erstaunlich technische Frage für ihre Verhältnisse zu sein, und ich hob unwillkürlich die Augenbrauen. »Warum sollte ich das tun?«, fragte ich. »Sie wollen doch gar nicht verkaufen.«

»Aber wenn Rebecca das Haus sieht . . .« Sie überlegte. »Sie kennt es ja gar nicht«, murmelte sie vor sich hin. Dann plötzlich ruckte ihr Kopf hoch. »Das Bild!«

Ich runzelte die Stirn. »Rebeccas Bild?«, fragte ich. »Es soll mit in die Anzeige?«

Heftig schüttelte sie den Kopf. »Nicht ihr Bild. Das Bild!«

ENDE DER FORTSETZUNG

Laura Beck: Verwunschen und bezaubert

1 Heute Nacht hatte ich einen Traum. Normalerweise erinnere ich mich nicht an meine Träume, aber...
»Dieser Anwalt verkauft für den Besitzer?« Das erschien mir logisch. »So war es ursprünglich...
»Nein, überhaupt nicht wichtig.« Ich schüttelte den Kopf. »Kam mir nur so in den Sinn....
Was aber auch wiederum ein Vorteil war, denn selbst wenn da jetzt jemand an einem der praktisch...
»Wenn Sie mir sagen, wo die ist, bringe ich Sie dorthin.« Sie hatte das Wasser aus dem Teekessel...
»Das ist doch selbstverständlich«, stimmte ich ihr sofort zu und nahm einen Schluck Tee. Er war...
»Sonst«, ich seufzte tief auf, »bin ich anscheinend einiges.« »Ja.« Das klang etwas gedehnt, wie...
Das Haus und auch der Park hatten etwas Verwunschenes. Ich war kein Märchenfan, aber selbst mich...
»Ist hier in der Küche Essgeschirr?«, fragte ich. »Oder muss ich das aus dem Salon holen?« »Sie...
Sie blieb für eine ganze Weile stumm. Wahrscheinlich gingen ihr genau die Gedanken durch den Kopf,...
Das wusste ich noch nicht einmal so genau. So weit hatte ich eigentlich noch gar nicht gedacht....
»Dann weiß ich jetzt wenigstens schon, wie sie aussieht«, sagte ich, auch wenn ich darauf gern...