»Dieser Anwalt verkauft für den Besitzer?« Das erschien mir logisch.

»So war es ursprünglich gedacht.« Pohle bestätigte das. »Und ich hätte auch fast schon einen Käufer gehabt. Das Objekt ist ja nicht mehr viel wert in dem Zustand. Da muss man eine Menge investieren, damit man es wieder nutzen kann.«

»Das ist klar«, nickte ich. »Aber das war dem Käufer nicht so klar? Deshalb ist er abgesprungen?«

»Nein, er wäre immer noch interessiert.« Pohle seufzte. »Aber die Voraussetzungen haben sich geändert. Die Besitzerin wohnt jetzt in dem Haus.«

»Die Besitzerin?« Erstaunt runzelte ich die Stirn. »Ich dachte, die wäre im Westen?«

»Das dachte ich auch«, sagte Pohle. »Aber als wir das Objekt besichtigen wollten, hat sie uns«, er machte eine kleine Pause, »vor die Tür gesetzt.«

»Eine alte Dame?« Ich hätte fast gelacht.

»So alt ist sie auch wieder nicht.« Pohles Stimme klang unzufrieden. »Und unfreundlich wie ein ganzes Regiment Dragoner.«

Ich musste schmunzeln. Nicht jeder mochte Immobilienmakler. Das hatte ich auch schon am eigenen Leib erfahren müssen. »Da kann man nichts machen«, sagte ich. »Wenn es eindeutig ihr Haus ist, kann sie damit verfahren, wie sie will. Verkaufen oder nicht verkaufen. Und Sie sagten ja, es wäre sowieso nicht viel wert. Dann kann Ihre Provision nicht so hoch sein, dass es ein großer Verlust ist.«

Ich dachte, ich hätte nur eine Tatsache festgestellt, aber an seiner Reaktion merkte ich, dass da noch mehr sein musste.

»Nein, die Provision wäre nicht so hoch«, antwortete er langsam, als müsste er sich jedes Wort einzeln überlegen. »Aber ich dachte mir . . . Sie sind doch eine Frau . . .« In mein erstauntes Lachen hinein räusperte er sich und setzte dann fort: »Deshalb dachte ich, Sie könnten doch mal mit ihr reden. So von Frau zu Frau.«

»Mit der Besitzerin?« Mein wachsendes Erstaunen setzte ein paar Rädchen in meinem Gehirn in Gang. Nele mochte ja gemeint haben, Pohle hätte angerufen, weil er mich wiedersehen wollte, aber mir schienen da doch ganz andere Interessen im Spiel zu sein. »Was ist so wichtig daran?«

»Na ja . . . Der Käufer . . . Der potenzielle Käufer . . . hat da eine Idee.« Pohle wollte offensichtlich nicht so richtig mit der Sprache herausrücken.

In mir klingelten ganz gewisse Glöckchen. »Er ist kein Käufer, nicht wahr? Er ist ein Investor«, fragte ich deshalb gar nicht erst, sondern stellte es gleich fest. »Er will das Haus abreißen und da etwas anderes bauen. Etwas weit Profitableres.« Ich lachte, um ihm anzuzeigen, dass bei mir jetzt der Groschen gefallen war. »Und daran sind Sie beteiligt. Es geht gar nicht um die Provision.«

»Er könnte Sie auch beteiligen«, sagte Pohle sofort. »Das würde er bestimmt tun.«

»Davon bin ich überzeugt«, murmelte ich. »Wenn es um Geld geht, haben die Wessis immer die Nase vorn.«

»Sie ist auch ein Wessi«, erwiderte Pohle. »Also geht uns das eigentlich gar nichts an.«

Damit hatte er gleich meine Vermutung bestätigt, dass es sich bei dem Investor nur um einen Wessi handeln konnte. Wie die Geier waren die. Ich atmete tief durch. »Und warum lassen Sie die zwei das dann nicht unter sich regeln?« Immer weniger hatte ich Lust, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Was ging vor allem mich das alles an?

Kurz war es still, als ob Pohle überlegen müsste. Dann sagte er plötzlich: »Das wäre doch ein guter Anlass, sich einmal wiederzusehen. Wir hatten damals auf dem Seminar so wenig Zeit, uns zu unterhalten. Wir könnten einen Kaffee zusammen trinken.«

Ich musste schmunzeln. Hatte Nele da vielleicht doch recht gehabt? Meistens hatte sie einen ziemlich guten Riecher, was Männer betraf.

»Nur deshalb soll ich extra nach Beelitz kommen?«, fragte ich. »Ich habe ein ziemlich gutes Café hier bei mir um die Ecke.«

Er seufzte. »Ja, war eine blöde Idee, ich weiß.« Wieder überlegte er eine Weile. »Aber dass Sie jetzt nicht aufgelegt haben oder mich gleich abschmettern, zeigt mir, dass Sie nicht ganz uninteressiert sind. Oder irre ich mich da?«

Der Junge ist gar nicht so dumm. »Ich mag alte Häuser«, sagte ich. »Da haben Sie recht. So etwas interessiert mich immer.«

»Dann kann ich Sie vielleicht doch noch herlocken?« Seine Stimme klang hoffnungsvoll. »Sie sind doch auch Geschäftsfrau. Und ich kann mich daran erinnern, dass wir damals auf dem Seminar über den nicht so rosigen Geschäftsgang in unserer Branche gesprochen haben. Wenn man kein Investor ist, wenn man nicht Millionen auf der Bank hat. Was bei uns beiden glaube ich nicht der Fall ist.«

»Ich werde diese Frau nicht zu etwas überreden, das sie nicht will«, erwiderte ich scharf. »Es geht bei solchen Dingen nicht nur um Geld.«

»Aber sie hat nie in diesem Haus gewohnt«, hielt er dagegen. »Sie kann nicht aus sentimentalen Gründen daran hängen. Das haben Sie ja wahrscheinlich gemeint.«

»Auch«, sagte ich.

»Und sie will es verkaufen. Also geht es ihr ganz klar um Geld«, setzte Pohle seine logische Beweisführung fort. »Nur will sie nicht mit mir darüber reden. Ich habe keine Ahnung, was ich falschgemacht habe, aber plötzlich hat sie zugemacht. Dabei bin ich mir keiner Schuld bewusst.«

Wahrscheinlich müsste ich mir das Gespräch Wort für Wort wiedergeben lassen. Dann wäre bestimmt klar, was er Falsches gesagt hat. »Sie haben nur über den Kaufpreis gesprochen?«, fragte ich. »Sonst nichts?«

»Na ja . . .« Er wand sich. »Ich habe eigentlich gar nicht so viel gesagt. Der Investor hat auf ein paar Sachen hingewiesen, die an dem Haus nicht in Ordnung sind –«

»Um den Preis zu drücken, hm?«, vermutete ich. »Und das hat ihr nicht gefallen.«

»Zuerst sagte sie nur, der Preis wäre ja ohnehin schon sehr niedrig. Aber als er dann nicht lockerließ«, Pohle holte tief Luft, »hat sie einfach auf die Tür gezeigt.«

Die Frau gefällt mir. Ich musste schmunzeln. »Er hat sie verärgert«, stellte ich fest. »Sie mag ja vielleicht nicht in dem Haus gewohnt haben, aber wenn es ihr jetzt gehört, muss es mal ihrer Familie gehört haben, nehme ich an.«

Auf einmal sah ich wieder die Bilder aus dem Traum vor mir und hörte sogar Geräusche. Kinderlachen. Eine Familie, die im Garten saß. Weiße Stühle, die in der Sonne blitzten . . .

»Gibt es dort weiße Stühle?«, fragte ich, ohne darüber nachzudenken. »Im Garten?«

»Weiße Stühle?« Die Überraschung war seiner Stimme deutlich anzuhören. »So Plastikstühle für den Garten, meinen Sie?«

»Nein«, sagte ich. »Keine Plastikstühle.«

»Die hat doch wahrscheinlich jeder«, entgegnete er gleichgültig. »Aber ob da jetzt welche sind, das weiß ich nicht. Darauf habe ich nicht geachtet. Ist das denn wichtig?« Immer noch wirkte er verwundert.

Laura Beck: Verwunschen und bezaubert

1 Heute Nacht hatte ich einen Traum. Normalerweise erinnere ich mich nicht an meine Träume, aber...
»Dieser Anwalt verkauft für den Besitzer?« Das erschien mir logisch. »So war es ursprünglich...
»Nein, überhaupt nicht wichtig.« Ich schüttelte den Kopf. »Kam mir nur so in den Sinn....
Was aber auch wiederum ein Vorteil war, denn selbst wenn da jetzt jemand an einem der praktisch...
»Wenn Sie mir sagen, wo die ist, bringe ich Sie dorthin.« Sie hatte das Wasser aus dem Teekessel...
»Das ist doch selbstverständlich«, stimmte ich ihr sofort zu und nahm einen Schluck Tee. Er war...