»Nein, überhaupt nicht wichtig.« Ich schüttelte den Kopf. »Kam mir nur so in den Sinn. Wahrscheinlich weil es das so oft gibt. Sie haben recht.«

Das war überhaupt keine logische Erklärung, aber ich kam mir plötzlich sehr komisch dabei vor, dass dieser Traum, den ich da heute Nacht gehabt hatte, sich wieder in mein Bewusstsein geschlichen hatte.

Warum nur? Ich hatte mit Träumen sonst überhaupt nichts am Hut. Entweder ich erinnerte mich gar nicht daran oder sie verblassten sehr schnell und ich konnte sie nicht zurückholen, selbst wenn ich wollte. Was war nur an diesem Traum, dass er anscheinend an meinem Gedächtnis haftete wie Kaugummi, den jemand unter einen Stuhl geklebt hatte?

Stuhl. Schon wieder. Ich kam einfach nicht davon los.

Wahrscheinlich würde ich erst davon loskommen, wenn ich nach Beelitz fuhr und diesen Garten sah. Und eventuell auch diese Stühle. Irgendwelche Stühle. Die gab es schließlich in jedem Garten.

Dann würde dieser Traum – oder die Erinnerung daran – vermutlich schnell ein Ende haben, denn ganz bestimmt war alles ganz anders, als ich das im Traum gesehen hatte. Und dann würde dieser Traum mich auch nicht mehr verfolgen.

Ich schüttelte noch einmal den Kopf, aber diesmal ging das Schütteln fast bis in meine Schultern über wie bei einem Hund, der aus dem Wasser kommt. Als wollte ich die weißen Stühle, den Traum, alles, was damit zu tun hatte, einfach abschütteln.

»Sie haben mich neugierig gemacht, Herr Pohle«, erwiderte ich mit einer bewusst geschäftsmäßigen Stimme. »Jetzt will ich dieses Haus tatsächlich sehen. Ich sagte ja, ich habe ein spezielles Interesse für alte Häuser«, schob ich noch schnell nach, damit ich mir nicht allzu albern vorkam. »Wo sollen wir uns treffen?«

3

Beelitz ist nicht gerade der Nabel der Welt, das sah man sofort, wenn man hineinfuhr.

Vorbei an einer Kleingartenanlage landete ich in einer Straße gesäumt mit Einfamilienhäusern, unterbrochen von größeren oder kleineren Betrieben. Ein Stadtzentrum in dem Sinne gab es nicht, es bestand lediglich aus ein paar Reihenhäusern mit Geschäften, dem einen oder anderen Restaurant, sogar ein Döner hatte sich hierher verirrt. Ansonsten nur Einfamilienhäuser, viel Grün, Bäume, ein Sowjetischer Soldatenfriedhof, wie man das eben so kannte.

Im nicht richtig vorhandenen Stadtzentrum traf ich mich mit Pohle. Er hatte ein kleines Büro in einem der Geschäftsreihenhäuser.

»Wir fahren jetzt also zusammen dahin?«, fragte ich ihn.

Er verzog das Gesicht. »Ich glaube, es ist besser, wenn sie mich nicht noch einmal sieht. Sie wird mich gar nicht reinlassen«, sagte er.

Das war natürlich gut möglich. »Aber mich kennt sie überhaupt nicht.« Ich strich mir sinnierend übers Kinn. »Wenn ich allerdings sage, dass ich Maklerin bin, wird sie mich vielleicht auch gar nicht erst hereinlassen.«

Ziemlich ratlos sah er mich an. Anscheinend hatte er dazu, wie ich eventuell ins Haus kommen könnte, nicht die geringste Idee. Ich war seine Idee gewesen. Von Frau zu Frau . . . Ich hätte noch im Nachhinein lachen können.

»War da eben nicht ein Fahrradgeschäft?«, erinnerte ich mich.

Er schmunzelte. »Nicht nur Fahrrad. Fahrrad, Roller, Gartentechnik. Alles, was das Herz in einem ländlichen Gebiet begehrt.«

»Vermieten die auch Räder?« Nachdenklich fragend sah ich ihn an.

Pohles Augenbrauen schossen überrascht in die Höhe. »Ich glaube nicht, dass dafür hier Bedarf besteht.«

»Jetzt besteht Bedarf«, entschied ich entschlossen. »Ich brauche ein Fahrrad. Möglichst ein kaputtes.«

Das verstand er nun überhaupt nicht mehr. Seine Augen wurden groß wie Fußbälle.

»Oder eins, das demnächst kaputtgeht«, erklärte ich. »Ein Schlauch mit einem Platten reicht schon.« Ich nickte ihm zu. »Wenn Sie mir beschreiben, wie ich zu dem Haus komme, fahre ich dann mit dem Rad da hin.«

Mittlerweile hatte er offensichtlich beschlossen, dass ich verrückt war. »Was wollen Sie denn machen?«

»Ich weiß zwar nicht, wie unfreundlich Frau . . .« Auffordernd blickte ich ihn an.

»Von Rohden«, sagte er. »Lea von Rohden.«

»Oh. Von.« Das hatte ich nicht erwartet.

Er zuckte lediglich mit einer Schulter. »Heißt nicht mehr viel heutzutage, oder? Aber vielleicht bildet sie sich noch was drauf ein.«

»Das werden wir dann sehen.« Ich holte tief Luft. »Also wie unfreundlich Frau von Rohden auch immer ist«, fuhr ich fort, »aber wenn jemand eine Panne mit dem Rad hat, kann man sich doch eigentlich nicht weigern zu helfen, oder?«

Sehr skeptisch verzog er das Gesicht. »Sie kann, würde ich vermuten.«

»Nun ja, einen Versuch ist es wert.« Ich zuckte die Achseln. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Davon hatte er anscheinend noch nie etwas gehört. Kein Wunder, dass er mich zu Hilfe rief, statt es selbst weiter zu versuchen.

»Wenn Sie meinen . . .« Er war augenscheinlich nicht überzeugt. »Warten Sie. Ich gehe mit«, sagte er und schnappte sich sein Handy. »Lutz ist ein netter Kerl, aber wenn er Sie nicht kennt, weiß ich nicht, ob er Ihnen ein Fahrrad leiht. Wo er gar keinen Fahrradverleih hat.« Er seufzte ein wenig. »Die Leute auf dem Land brauchen manchmal ein bisschen länger, um sich umzustellen.«

Lutz war nicht nur ein netter Kerl, sondern auch ein Kerl wie ein Baum. Mit einem Bart, der so schwarz sein Kinn umgab, dass darin hätten Vögel nisten können. Er konnte sicherlich selbst ein schweres Hollandrad mit dem kleinen Finger anheben. Zwar war er meiner Idee gegenüber mindestens so skeptisch wie Pohle, aber anscheinend wollte sich keiner der Männer eine Blöße geben. Das war meine Gelegenheit. Die ich nutzte.

»Sie müssen nur der Straße hier folgen«, erklärte Pohle mit ausgestrecktem Arm, als wir dann vor dem Geschäft standen. »Ist nicht weit.«

Hier in diesem Nest war vermutlich nichts weit. Da hatte ich keine Sorge. Auch wenn das Rad, das Lutz mir widerstrebend anvertraut hatte, sicherlich noch aus DDR-Produktion stammte, wirkte es solide und zuverlässig. Zu zuverlässig vielleicht, aber da würde ich schon einen Weg finden.

»Gut«, sagte ich. »Danke. Dann versuche ich mal mein Glück.« Ich nickte ihm zu und radelte mit einem entschlossenen Schub los.

Keine Gangschaltung, das war auf jeden Fall schon mal gut. Nicht für mich, aber für den Eindruck, den das Rad machte. Ich keuchte etwas. War schon eine Weile her, dass ich Rad gefahren war. Aber glücklicherweise war hier ja alles flach.

Eine Gaststätte mit brasilianischer Küche glitt an mir vorbei. Was es hier alles gab . . . Ein Brautmodengeschäft? Wie viele Leute heirateten denn in einem solchen Dorf dauernd, dass sich so etwas lohnte?

Die Straße führte trotz des langsamen Fahrrads als Bewegungsmittel so schnell wieder aus der Stadt hinaus, dass ich beinah an der Zufahrt zu dem Anwesen vorbeigefahren wäre, denn sie lag kaum sichtbar zugewuchert zwischen Bäumen.

Laura Beck: Verwunschen und bezaubert

1 Heute Nacht hatte ich einen Traum. Normalerweise erinnere ich mich nicht an meine Träume, aber...
»Dieser Anwalt verkauft für den Besitzer?« Das erschien mir logisch. »So war es ursprünglich...
»Nein, überhaupt nicht wichtig.« Ich schüttelte den Kopf. »Kam mir nur so in den Sinn....
Was aber auch wiederum ein Vorteil war, denn selbst wenn da jetzt jemand an einem der praktisch...
»Wenn Sie mir sagen, wo die ist, bringe ich Sie dorthin.« Sie hatte das Wasser aus dem Teekessel...
»Das ist doch selbstverständlich«, stimmte ich ihr sofort zu und nahm einen Schluck Tee. Er war...
»Sonst«, ich seufzte tief auf, »bin ich anscheinend einiges.« »Ja.« Das klang etwas gedehnt, wie...
Das Haus und auch der Park hatten etwas Verwunschenes. Ich war kein Märchenfan, aber selbst mich...
»Ist hier in der Küche Essgeschirr?«, fragte ich. »Oder muss ich das aus dem Salon holen?« »Sie...
Sie blieb für eine ganze Weile stumm. Wahrscheinlich gingen ihr genau die Gedanken durch den Kopf,...
Das wusste ich noch nicht einmal so genau. So weit hatte ich eigentlich noch gar nicht gedacht....
»Dann weiß ich jetzt wenigstens schon, wie sie aussieht«, sagte ich, auch wenn ich darauf gern...