Was aber auch wiederum ein Vorteil war, denn selbst wenn da jetzt jemand an einem der praktisch blinden Fenster gestanden hätte, hätte er mich wohl kaum sehen können. Oder sie.

Ich fuhr vorbei und stieg hinter dem Grundstück ab, versteckte mich so lange, bis ich die Luft aus einem meiner Reifen gelassen hatte. Dann führte ich das Rad zurück zum Grundstück und ließ es gegen das schmiedeeiserne Tor fallen, dass es einen Mordskrach machte. Gleichzeitig stieß ich einen Schrei aus, als hätte ich mich furchtbar verletzt.

Warum kam mir dieses Tor so bekannt vor? Irgendwie erinnerte mich das an was . . .

Im Haus blieb es still. Nichts rührte sich. Noch einmal ließ ich Metall auf Metall schrammen und gab schmerzerfüllte Geräusche von mir. Gut, dass diese alten Räder aus Eisen waren und nicht aus Aluminium oder gar Karbon wie der ganze moderne Kram.

Endlich hörte ich etwas. Schritte auf dem Kies.

Halb gegen einen Flügel des Tores gestützt dasitzend, halb schon am Boden liegend lehnte ich mich stöhnend gegen Zaun und Rad.

Der andere Flügel des Tores, gegen den ich nicht lehnte, wurde geöffnet. »Was ist passiert?«, fragte eine Frauenstimme, die mir durch und durch ging. Sie hatte ein Vibrato, das einem Cello Ehre gemacht hätte. Dunkel und warm.

»Mein Reifen ist geplatzt«, stöhnte ich und wies auf das Rad, das neben mir lag. »Dabei bin ich in das Tor geknallt.«

»Ach du liebe Güte«, bemerkte sie bestürzt.

Als ich nun zu ihr aufblickte, musste ich schlucken. Alte Dame, hatte ich vermutet? Und auch wenn Pohle gesagt hatte, sie wäre gar nicht so alt, war ich doch immer noch der Überzeugung gewesen, dass sie die Mitte des Lebens weit überschritten haben musste.

Aber das hatte sie nicht. Sie war in meinem Alter. Vielleicht ein paar Jahre älter, aber nicht viele.

»Tut mir leid«, sagte ich, stand auf und klopfte mir den Staub von der Hose. Ich humpelte etwas, um bemitleidenswerter zu erscheinen, als ich versuchte, mein Rad aufzuheben.

»Lassen Sie nur«, sagte sie. »Das mache ich schon. Kommen Sie herein. Da können Sie sich von dem Schreck erholen.«

Na, das war einfacher gewesen als erhofft, ins Haus zu kommen, dachte ich.

Ich humpelte ihr hinterher, während sie mein Fahrrad aufs Grundstück schob und an der Hauswand anlehnte.

Haus ist nicht gleich Zuhause – das wusste ich, denn schließlich hatte ich schon viele Häuser besichtigt, eingeschätzt und verkauft, und auch hier merkte ich es sofort, als ich hinter ihr dieses durchaus beeindruckende Landhaus betrat. Sie war noch nicht lange hier – das hatte Pohle mir ja gesagt –, aber es gab Leute, die machten sich ein Haus, in das sie einzogen, sofort zu eigen. Sie verteilten überall persönliche Kleinigkeiten, nahmen das Haus in Besitz und passten es sich an, verliehen ihm eine persönliche Aura. Ihre persönliche Aura.

Das war hier auf keinen Fall geschehen. Das Haus wirkte genauso vertrocknet wie der Vorgarten draußen, der schon eine Weile nicht mehr bewässert worden war. Man sah ihm an, dass es sehr lange Zeit nicht bewohnt worden war, aber was das Irritierendste war, war der Eindruck, dass es auch jetzt nicht bewohnt wurde. Obwohl Frau von Rohden eindeutig hier wohnte.

»Tee?«, fragte sie jetzt, allerdings ohne zu lächeln, während sie mich kurz anschaute. »Ich hatte den Kessel gerade aufgesetzt.« Sie ging zu dem alten Gasherd, der in einer dunklen Ecke der großen Küche stand, in die sie mich geführt hatte.

Diese Küche war für andere Dimensionen gebaut als heutige Einbauküchen. Sie lag etwas abseits im Haus, fast wie in einem eigenen Flügel. Man hatte Platz hier, sodass auch mehrere Leute miteinander am Herd und an dem großen Holztisch – massive Eiche, schätzte ich – in der Mitte arbeiten konnten.

Personal war das Erste, was mir einfiel. Das hier war keine Küche für die moderne Hausfrau – oder den Hausmann –, die kurze Wege liebten und alles gleich zur Hand haben wollten. In dieser Küche hatten sich in früheren Zeiten Köchinnen und Küchenmädchen die Arbeit geteilt, die reichlich anfiel, um die kulinarischen Gelüste hoher Herrschaften zu bedienen.

Frau von Rohden wirkte darin einigermaßen verloren. Selbst wir beide zusammen konnten dieser Küche nicht den Anschein verleihen, dass sie richtig genutzt wurde.

Dass die Besitzerin dieses Hauses sie überhaupt für die Zubereitung von Essen nutzte, darauf gab es keinen Hinweis. Lea von Rohden wirkte so abgezehrt, als hätte sie schon lange nichts Richtiges mehr gegessen. Tee bereitete sie vielleicht zu, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie an diesem Herd stand, um sich etwas Leckeres zu essen zuzubereiten. Das sie dann auch noch mit Genuss zu sich nahm.

Was für ein schöner Name: Lea. Ich musste fast lächeln, als ich den Namen dachte. Es war ein Name, den man automatisch mit etwas verband. Mit einer Art von Vornehmheit und Eleganz, die heute eher selten war. Genauso antiquiert wie dieses Haus.

In gewisser Weise strahlte Lea von Rohden diese Vornehmheit und Eleganz aus, das konnte man nicht bestreiten, aber es war eine ähnliche Vornehmheit und Eleganz wie die des Hauses: mit abgeblättertem Putz.

»Es tut mir leid, dass ich Sie bei Ihrem Nachmittagstee störe«, sagte ich, denn ich hatte das Gefühl, gute Manieren könnten sie mir gewogen stimmen. Obwohl sie die wahrscheinlich ohnehin erwartete. Sodass so etwas vielleicht weniger beeindruckend für sie war, sie es eventuell noch nicht einmal bemerkte, es sie aber auch nicht gleich abschreckte, wie dieser ungehobelte Wessi-Investor es getan hatte. »Ich werde gleich wieder gehen, sobald ich ein bisschen besser laufen kann.« Ich lachte leicht. »Denn ohne mein Fahrrad muss ich ja zurücklaufen und schieben.«

»Ich kann Sie fahren«, sagte Lea von Rohden. Der Kessel, den sie jetzt vom Gasherd nahm, sah so aus, als hätten ihn wirklich noch die Hände von Dienstmädchen berührt. Er war leicht verbeult und ganz offensichtlich schon sehr oft benutzt worden. Der Gasherd hatte ihn von unten schwarzgebrannt.

Ein Schreck fuhr mir durch die Glieder. Mich fahren? Wohin? Zu meinem Auto, das vor Pohles Maklerbüro stand? Dann wusste sie sofort Bescheid, wer ich war. Oder würde vielleicht zumindest vermuten, dass ich mit Pohle zu tun haben könnte. Und ich hatte das eindeutige Gefühl, es war noch viel zu früh, um sie mit dieser Tatsache bekanntzumachen. Ich musste erst ihr Vertrauen gewinnen, bevor ich mein weiteres Vorgehen festlegen konnte.

»Ich . . . ähm . . . Ich bin nur zu Besuch hier«, stammelte ich von ihrem unerwarteten Angebot etwas aus dem Konzept gebracht. Wenn ich über die Idee hinaus, sie hier mit meinem getürkten Fahrradunfall aus der Reserve zu locken und mir gewogen zu stimmen, überhaupt eins hatte. »Ich wohne in einer Pension.« Irgendwo an der Straße hatte ich auch so ein Schild gesehen.

Laura Beck: Verwunschen und bezaubert

1 Heute Nacht hatte ich einen Traum. Normalerweise erinnere ich mich nicht an meine Träume, aber...
»Dieser Anwalt verkauft für den Besitzer?« Das erschien mir logisch. »So war es ursprünglich...
»Nein, überhaupt nicht wichtig.« Ich schüttelte den Kopf. »Kam mir nur so in den Sinn....
Was aber auch wiederum ein Vorteil war, denn selbst wenn da jetzt jemand an einem der praktisch...
»Wenn Sie mir sagen, wo die ist, bringe ich Sie dorthin.« Sie hatte das Wasser aus dem Teekessel...
»Das ist doch selbstverständlich«, stimmte ich ihr sofort zu und nahm einen Schluck Tee. Er war...
»Sonst«, ich seufzte tief auf, »bin ich anscheinend einiges.« »Ja.« Das klang etwas gedehnt, wie...
Das Haus und auch der Park hatten etwas Verwunschenes. Ich war kein Märchenfan, aber selbst mich...
»Ist hier in der Küche Essgeschirr?«, fragte ich. »Oder muss ich das aus dem Salon holen?« »Sie...
Sie blieb für eine ganze Weile stumm. Wahrscheinlich gingen ihr genau die Gedanken durch den Kopf,...
Das wusste ich noch nicht einmal so genau. So weit hatte ich eigentlich noch gar nicht gedacht....
»Dann weiß ich jetzt wenigstens schon, wie sie aussieht«, sagte ich, auch wenn ich darauf gern...