1. Akt
1
Claudia

»Bürgermeisterin, dein Holzstapel brennt.« Claudia bekam die wenigen Worte kaum heraus, weil ihr Mund so trocken war vor Aufregung. Und sie hörten sich selten bescheuert an. Ihr rechtes Augenlid zuckte. Natürlich tat es das. Verdammt.

»Was?«, fragte die Frau, die ihr zum ersten Mal direkt gegenüberstand und so aussah, als ob sie gar nichts verstanden hätte.

Claudia zeigte nach rechts, weil der Mut sie in dem Moment verließ. Sie hatte sich das alles anders vorgestellt. Ganz anders. In bunten Farben, mit viel romantischer Musik unterlegt und passend für den kitschigsten Lesbenliebesfilm aller Zeiten.

Aber so war es gar nicht. Es stand nur ihr altes linkisches Selbst hier vor dem kleinen ehemaligen Pförtnerhaus und sah aus wie die Vollidiotin, die sie war, wenn sie verknallt in eine tolle Frau war.

Die glatte, kluge Stirn der Bürgermeisterin runzelte sich, und sie schaute dahin, wo Claudia hinzeigte. An den Rand des Grundstücks in Richtung Kurpark von Weiler, wo ein Holzstoß aus verwittertem Material schon seit Jahren windschief gestanden hatte und vor sich hinrottete. Jetzt brannte das alte Holz lichterloh und erleuchtete den trüben Wintermorgen. Eine fette Rauchsäule stieg in den Himmel über dem Dorf.

Die Bürgermeisterin starrte ungläubig auf das kleine Inferno. Eine Gelegenheit, sie aus der Nähe zu betrachten, die sich Claudia nicht entgehen ließ.

Seit Timm Anderl vor einem Dreivierteljahr als Nachfolgerin des alten Bürgermeisters gewählt worden war, hatte Claudia sich mit jedem Tag mehr in sie verschossen. Es war schrecklich pubertär von ihr, das wusste sie, aber sie konnte es trotzdem nicht sein lassen.

Die junge neue Bürgermeisterin war ein Fixstern an ihrem Horizont.

Leider beruhte das nicht auf Gegenseitigkeit.

Timm Anderl hatte sie bisher noch nicht einmal wahrgenommen, obwohl Weiler nun wirklich nicht so groß war und bei plus/minus fünftausend Dörflern jede jeden kannte.

Deshalb heute auch die Nothilfe mit dem Holzstapel. Claudia hatte ihn höchstpersönlich in der Nacht präpariert und dann vor ungefähr fünfzehn Minuten beim Vorbeilaufen mit Conchita schnell und unauffällig angezündet. Gewartet und gewartet, gebibbert und gezittert, bis das teilweise sehr modrige Holz richtig Feuer fing und nicht einfach wieder ausging, wie es lange Minuten ausgesehen hatte.

Währenddessen hatte sie immer mit Blick auf den Holzstoß eine kleine Runde nach der anderen durch den Park gezogen.

Auch diese Spaziergänge hatte sie nur angefangen, um am Gelände des heruntergekommenen Schwesternhauses vorbeizukommen, wo die Bürgermeisterin seit drei Monaten im ehemaligen Pförtnerhaus wohnte.

Das Schwesternhaus war ein Gebäudeensemble, das schon seit Jahren leer stand, und mindestens genauso lange wurde schon nach einer Lösung für die eigentlich schöne alte Anlage gesucht. Warum jetzt die neue Bürgermeisterin in das einzige noch bewohnbare Gebäude gezogen war, wusste Claudia nicht, aber sie hatte Tag eins des Einzugs fett im Kalender stehen.

Denn genauso lange kam sie schon zufällig jeden Tag mit Conchita vorbei. Die arme Conchita wusste nicht, was ihr geschah, aber ihr Großpudelmischling fand es trotzdem gut.

Normalerweise machten sie ja keine Spaziergänge wie andere Leute, die mit ihren Hunden an der Leine durchs Dorf zogen. Normalerweise waren sie in Wald und auf Wiesen unterwegs, Claudia auf einem Pferd und Conchita vollkommen leinenfrei. Leinen waren etwas für unerzogene Stadthunde.

Aber im Park musste auch Conchita eine Leine tragen. Sie nahm es mit erstaunlich viel Gleichmut. Ein Gleichmut, der Claudia auch gerade guttun würde.

Jetzt war es also soweit. Sie stand Timm Anderl gegenüber. Sie tat aber nichts anderes, als die Bürgermeisterin anzustarren, während die inzwischen ziemlich entsetzt in Richtung flammenden Holzstoß starrte.

Timm Anderl war deutlich kleiner als Claudia mit ihren ein Meter dreiundsiebzig. Ziemlich klein sogar nach durchschnittlichen Maßstäben. Sie hatte Teile ihrer üblichen Bürgermeisterin-Uniform an. Ihre übliche Tracht, so nannte das Claudia bei sich. Timm Anderl trug stets eine Abwandlung davon: dunkelblaue oder schwarze Damenbusinessanzüge, mal mit Rock und mal mit Hose. Lediglich die Farbe der Bluse darunter variierte immer. Heute war es eine dunkelrote. Aus Seide, wie es aussah.

Die braunen, halblangen Haare der Bürgermeisterin sahen so aus, als ob sie gerade erst aufgestanden war, denn sie waren noch nicht so gestriegelt wie sonst. Sonst tanzte kein einziges Haar aus der Reihe. Aber sie sah trotzdem umwerfend gut aus, wie Claudia fand. Manche im Dorf hielten sie für streng und unnahbar. Irgendwie kalt und emotionslos.

Aber das störte Claudia gar nicht. Weil sie fand, dass es Timm Anderl extrem gutstand. Die weit auseinanderstehenden dunklen Augen in dem scharfkantigen Gesicht strahlten mit durchdringender Intelligenz. Die etwas zu große römische Nase betonte diesen Eindruck von Klugheit noch. Darunter ein Mund, wie ihn Claudia noch an niemandem gesehen hatte. Nicht an einer echten, wahrhaftigen Person.

Dieser Mund mit seinem sinnlichen Schwung war in seiner Schönheit etwas für Fotomodelle oder griechische Statuen, wie sie sie mal im Urlaub gesehen hatte. Dieser herrliche Mund machte das ganze Gesicht weicher und deshalb fand Claudia auch, dass die ganze Strenge nicht wirkte. Das machte der Mund unmöglich.

Auf diesen Mund starrte sie jetzt, weil er mit nur etwas mehr als zwei Meter Abstand noch unwiderstehlicher war als von Ferne.

Sie vergaß sogar den brennenden Holzstapel darüber. Bis sie in ihrer vernebelten Anbetung wahrnahm, dass die Bürgermeisterin das Handy in der Hand hatte und hektisch irgendeine Nummer suchte.

Das war ganz anders geplant! Sie wollte den Holzstapel selbst löschen!

Sie hatte sich sogar anfangs überlegt, extra deshalb in die Freiwillige Feuerwehr einzutreten, aber den Plan hatte sie ganz schnell wieder aufgegeben. Was brachte es ihr, mit zwanzig anderen ein Feuer zu löschen und in der Uniform in der Masse unterzugehen? Nichts.

Deshalb stand sie ja jetzt hier, mit Conchita im Schlepptau und dem festen Vorsatz, allein die Heldin zu spielen. Um die Bürgermeisterin so zu beeindrucken, dass sie sie kennenlernen wollte. Pubertärer Plan. Aber sie hatte keinen anderen.

»Verdammt, wie lautet die Nummer der Feuerwehr?«, murmelte die Bürgermeisterin vor sich hin und Claudia glaubte nicht, dass sie angesprochen war.

Wenn sie jetzt nichts sagte, war alles dahin. Dann hatte sie ganz umsonst die Brandstifterin gegeben und sich damit strafbar gemacht. Als ob sie das noch auf ihrer Liste obendrauf bräuchte. Noch strafbarer.

Claudia räusperte sich vernehmbar. »Ich lösche das. Kein Problem«, sagte sie so laut und deutlich, wie es ihr möglich war.

Auf dem Reitplatz hatte sie kein Problem damit, zehn kichernde und kreischende Mädchen quer über den Hof zu übertönen und ihnen noch Respekt einzuflößen. Aber hier hörte sich ihre Stimme dünn und unsicher an. Nicht wie eine Frau, die ein Ziel hatte, einen großen Plan verfolgte.

Jetzt endlich fixierten sie diese interessanten Augen, aber der Blick war ganz und gar nicht so, wie ihn Claudia gern gehabt hätte. Da lag keine Heldinnenverehrung darin, keine Dankbarkeit für ihren angebotenen Einsatz. Nein, diese Augen blickten sie fast schon zornig an.

»Seien Sie doch nicht albern«, sagte die Bürgermeisterin mit der ihr nachgesagten Strenge. »Dafür ist doch die Feuerwehr da, Frau . . .

»Einfach Claudia«, sagte Claudia. Gesiezt hatte die Bürgermeisterin sie auch noch. Vielleicht half es, wenn sie ihr gleich den Vornamen anbot. So war das doch im Dorf sowieso üblich. Wer siezte sich hier schon?

»Frau Einfach, vielen Dank, aber Sie brauchen nicht selbst zu löschen.«

Das war ja eine Katastrophe! Wie peinlich. Claudia hätte sich am liebsten vor Scham irgendwohin verzogen und eingesponnen wie eine Raupe. Oder mit einem Ein-Personen-Raumschiff in die Tiefen des Weltalls geschossen.

Sie merkte, wie sie rot wurde und es ihr insgesamt unangenehm heiß wurde. Wenigstens fiel das auf ihrer ganzjährig leicht gebräunten Haut nicht so auf wie bei so weißen Hauttönen wie die der Bürgermeisterin. Das war ihr einziger Trost.

Lo Jakob: Die Bürgermeisterin, ihre Reitlehrerin, deren Pferde und die ganze Feuerwehr

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