»Du weißt genau, wovon ich spreche.«

Jetzt hielt die Frau, die so heruntergekommen aussah und anscheinend irgendeine Art von Zusammenbruch hatte, wenn Claudia das richtig einschätzte, den Blickkontakt aufrecht. Ihr schien es wirklich sehr ernst zu sein.

Aber Claudia konnte ihr nicht trauen. »Das tue ich nicht. Ich gebe Reitunterricht und Therapiereiten. Bei mir kann man allerhöchstens ein Stallhalfter kaufen, aber ansonsten ist das hier nicht der Bäcker Schneck.«

Claudia machte eine ausgreifende Geste in ihr Reiterstübchen, bezog damit die vielen Trophäen auf den Regalen ein, die Fotoahnengalerie ihrer Pferde, die Kinderzeichnungen von Pferden an den Wänden. Die etwas ramponierte Küchenzeile mit den zusammengewürfelten Tassen neben der Kaffeemaschine und dem verkalkten Wasserkocher. Und die günstigen Ikeastühle, die um den abgeschabten Tisch standen, ebenfalls.

Sogar die braunen Bodenfliesen, stets dreckig von den vielen Reitstiefeln, die jeden Tag direkt aus dem Stall hier ihre Spuren hinterließen, selbst bereits fünf Minuten nach dem Wischen.

Nein, es sah hier nun wirklich nicht nach dem aus, was die Frau von ihr wollte.

Aber natürlich täuschte der Anblick. Durch die Pandemie war sie gezwungen gewesen, kreativ zu werden, um ihre Pferde und sich ernährt zu kriegen. Im Schlösschen, wo sie die Servicechefin gewesen war, bis ihre Chefin Adelheid von Gemseck sie nicht länger halten konnte, hatte die Pandemie fast sämtliche Hochzeiten und anderen Veranstaltungen unmöglich gemacht. Und der Hof hatte sich noch nie allein tragen können. Dafür war er einfach zu klein. Sie hatte zu wenige Pferde dafür. Aber sie hatte andere Ressourcen und die hatte sie genutzt.

Nun war das Ganze aber irgendwie außer Kontrolle geraten. Wenn jetzt schon diese Frau Schneck hier saß und zum ›Einkaufen‹ kam. Meine Güte, wie hatte das nur passieren können, fragte sich Claudia innerlich leicht panisch.

Claudia hatte ursprünglich eine Ausbildung zur Hotelkauffrau in Bad Worich gemacht und dann irgendwann nach einigen Stationen im Schlösschen angefangen.

Pferde waren schon immer ihr Traum gewesen. Sie wollte schon als Jugendliche Pferdewirtin oder Pferdebereiterin werden, aber ihre Eltern ließen das absolut nicht zu. Sie musste alles mit Kursen nachholen neben der Ausbildung und der Arbeit. Sie war stolz darauf, dass sie alles aus eigener Kraft geschafft hatte. Sie war Bereiterin, Reitlehrerin und Reittherapeutin, außerdem hatte sie den Fahrschein für Kutschen. Sie bot Wanderritte an und ihr Hof war eine Wanderreitstation.

Claudia fand sich auf ihre Art ganz schön erfolgreich. Sie hatte normalerweise keine Probleme, zusammen mit ihrem Job ausreichend Einnahmen zu erwirtschaften – unter normalen Umständen. Sie hatte es geschafft, sich ihren Traum zu erfüllen, auch wenn das ihre Eltern überhaupt nicht so sahen. Und auch sonst sehr viele Leute das nicht verstanden.

Oft wurde sie unterschätzt. Die Bedienung, die als Hobby ein paar Pferde hielt. So wurde in Weiler über sie geredet. Und das waren die, die positiv sprachen.

Das kam ihr aber ausnahmsweise zugute. Denn niemand traute ihr das zu, was diese Frau von ihr wollte. Und so sollte es auch bleiben. Da konnte sie noch so aufgelöst aussehen, sie würde nicht dem größten Tratschmaul von Weiler etwas verkaufen, damit die herging und sie bei nächstbester Gelegenheit anzeigte, wenn es ihr in den Sinn kam.

Wer hatte dieser erzkonservativen Spinatwachtel überhaupt eine Schachtel mit ihrem Premiumprodukt gegeben? Das war ja wohl der Skandal an sich. Sie müsste sich mal sehr vorsichtig umhören, wer das gewesen sein könnte.

»Mein Sohn wollte mir zuerst nicht sagen, woher er das hat, aber er war mir wirklich etwas schuldig. Oh ja. Das kann man so sagen. Seit Monaten wusste er es schon. Seit Monaten! Wusstest du es auch, Claudia?«

Claudia erschrak über diesen Redeschwall, der sich plötzlich über sie ergoss. Die Frau war doch ziemlich durchgeknallt oder kurz vorm Nervenzusammenbruch. Claudia wusste gar nicht, dass die Frau sie duzen durfte, und wer war der Sohn? Was sollte sie wissen? Und die Frage aller Fragen: Wie bekam sie diesen durchgedrehten Drachenschneck von ihrem Hof runter, bevor ihre Pferdemädchen und Reitschülerinnen kamen?

»Ich habe keine Ahnung. Was soll ich denn gewusst haben?« Sie versuchte es vorsichtig mit einer ausweichenden Antwort, da ihr gerade nichts Besseres einfiel.

»Dass mein Klaus eine Affäre mit so einem jungen Flittchen hat. Das weiß doch inzwischen das ganze Dorf. Ich war die Letzte, die es erfahren hat. Seit Monaten! Und jetzt ist das Miststück angeblich auch noch schwanger.«

Jetzt wurde Claudia so langsam klar, warum die Frau ihr Premiumprodukt nachkaufen wollte. Denn unter normalen Umständen hätte sie wohl einen weiten Bogen darum gemacht, es niemals gegessen, geschweige denn in ihrem nach Pferden riechenden Reiterstübchen nachkaufen wollen.

Mit der Information des fremdgehenden Gatten fiel Claudia auch endlich ein, welchem Zweig der hiesigen Schneckfamilie der Drachenschneck angehörte. Wenn ihr Mann Klaus war, dann war ihre Tochter die Dorfärztin, ihr Sohn war Wilhelm, einer ihrer besten Kunden, und das hier war die notorische und allseits verhasste Gertrud Schneck. Wie hatte sie den Namen nur vergessen können?

»Das wusste ich nicht.« Claudia versuchte, es sich nicht anmerken zu lassen, dass sie jetzt im Bilde war. Denn gemeinerweise wollte ein Lachen aus ihr herausbrechen. Sie verkniff sich aber die innere Häme, denn das war gemein und keine gute menschliche Regung. Auch wenn diese Frau hier es einem nicht leicht machte, nicht zu denken, dass es ihr ein Stück weit recht geschah.

Das ganze Dorf wusste, dass sie ihre Tochter mies behandelte, obwohl die wirklich ein herzensguter Mensch und eine sehr gute Ärztin war. Dass sie Gerüchte in Umlauf brachte und gegen alles hetzte, was nicht in ihr DIN-normiertes Weltbild passte. Dass sie Tiere nicht ausstehen konnte und ihr Garten geradezu eine Todesfalle für Vierbeiner jedweder Größe war. Sechsbeiner und Achtbeiner vermutlich sowieso.

»Alle wussten es! Alle! Er hat mich verlassen, der Dreckskerl. Mit vierundsechzig Jahren hat das Schwein mich für eine sechsunddreißigjährige Nutte verlassen.«

Claudia bezweifelte, dass die Geliebte der Prostitution nachging, was wieder einmal mehr zeigte, wie diese Gertrud Schneck tickte. Sie war wirklich das Paradebeispiel eines Menschen, der oder die von einem ihrer Produkte nur profitieren konnten. Sie würde ihr trotzdem nichts verkaufen. Niemals.

»Er kommt bestimmt zurück.« Das sagte Claudia nur, weil sie dachte, dass das Gertrud Schneck hören wollte und dann vielleicht endlich ihr Reiterstübchen räumte.

»Der kann mir gestohlen bleiben. Den nehme ich nicht mehr zurück. So viel Stolz habe ich noch, dass ich solch einen Mann nicht mehr in mein Haus lasse.«

Sie schauten sich einen Moment an. Fast verspürte Claudia so etwas wie Mitleid mit diesem Drachenschneck. Das war gar nicht gut. Denn dann ließe sie sich womöglich irgendwann erweichen.

»Was ist jetzt mit dem Verkauf?«, fragte die Frau in einem herausfordernden Ton, der Claudia jede Anwandlung von Mitgefühl austrieb. Außerdem sah sie durchs Fenster, wie ein Polizeiauto auf den Hof fuhr und parkte.

Der Drachenschneck sah es ebenfalls und fuhr vom Stuhl hoch. »Jetzt geht es dir an den Kragen«, zischte sie schadenfroh.

Diese miese Hexe, dachte Claudia. Entschuldigung an alle Hexen da draußen, dachte sie eine Sekunde später.

Sie war nicht sonderlich beunruhigt wegen der beiden Polizisten, die gerade ausstiegen und sich umsahen. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie wegen des Brandes hier waren. Und auch nur, weil sie ihn entdeckt und der Bürgermeisterin gemeldet hatte. Claudia war sich fast zu hundert Prozent sicher, dass ihr weder der Brand noch ihr zweites finanzielles Standbein nachgewiesen werden konnten. Und fast hundert Prozent musste gerade reichen.

»Du gehst jetzt besser, Gertrud.«

Der Drachenschneck sah für einen Augenblick so aus, als ob sie ihr Ärger machen wollte, trollte sich dann aber doch zur Tür des Reiterstübchens hinaus. Claudia ging hinter ihr her, um die beiden Polizisten zu begrüßen.

»Ich komme wieder«, knurrte der Drachenschneck zum Abschied.

Das stand zu befürchten. Aber ein Problem nach dem anderen.

Lo Jakob: Die Bürgermeisterin, ihre Reitlehrerin, deren Pferde und die ganze Feuerwehr

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