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Timm

Timm hatte den Termin eigentlich nur mit der Dorfhausärztin vereinbart. Aber jetzt standen in ihrem pompösen Vorzimmer im Weilerer Rathaus, das ehemals das Schloss der Herren zu Weiler war, drei Frauen, die sie erwartungsvoll anschauten.

Im ersten Moment war Timm überrascht, dann schlagartig verärgert und schließlich verwirrt. Auf die exakte Reihenfolge konnte sie sich nicht festlegen, vielleicht war es auch alles gleichzeitig. Sie mochte solche Überfälle nicht. Ganz und gar nicht. Da kam meist nichts Gutes dabei heraus.

Aber da standen nun drei auffällige Exemplare der Gattung Frau vor ihr auf dem ausgetretenen dunkelroten Perserteppich, und es ließ sich nicht umgehen, dass sie sich ihnen stellte. Doch am schlimmsten war: Timms Gaydar schlug maximal aus.

Von der Dorfärztin Willa Schneck wusste sie ja, dass sie lesbisch war und mit der Schriftstellerin zusammen, die indirekt ihren Vorgänger zu Fall gebracht hatte. Durch den zuverlässigen Dorfklatsch wusste sie so ziemlich alles, was es über die Beziehung der beiden Frauen zu wissen gab. Ihre Sekretärin Frau Klettke sorgte auf unauffällige Art dafür.

Die beiden anderen Frauen in ihrer Begleitung weckten in ihr aber gleichermaßen die Vermutung, dass hier eine Abordnung des hiesigen Lesbenkränzchens bei ihr vorstellig wurde. Bestimmt waren das auch noch Feministinnen, die dachten, sie als Bürgermeisterin müsste automatisch auch eine sein, und damit gewisse Erwartungen verbanden.

Das konnte sie gerade noch gebrauchen. Der Brand vor ihrem Haus war an Aufregung vollkommen ausreichend für die nächsten paar Wochen. Zumal die Polizei absolut nichts herausbrachte, außer dass der Brand vermutlich gelegt wurde. Vermutlich!

Sich jetzt diese Frauen vom Hals zu halten – was auch immer sie wollten, war im Grunde egal –, würde mit Sicherheit nicht einfach werden. Vor allem nicht, wenn Timm berücksichtigte, welche Macht die Ärztin im Dorf hatte. Niemand hatte das Ohr der Dörfler so ungeteilt wie die Ärztin. Außerdem war sie über alle Maßen beliebt. Sie wurde fast schon verehrt. Da müsste Timm sehr diplomatisch sein mit einer Abfuhr und dem schnellstmöglichen Abwimmeln. Sie wollte so wenig wie irgend möglich mit diesem Lesbenkränzchen zu tun haben.

»Hallo Frau Doktor Schneck und Begleitung, kommen Sie doch bitte herein.« Timm gratulierte sich wieder einmal dazu, wie gut sie schauspielern konnte. Niemand käme auf den Gedanken, dass sie sich gerade innerlich übergab.

Sie selbst fand, dass sie sich superfreundlich und offen anhörte. Wenn auch etwas abrupt und einige Höflichkeitsrituale überspringend wie Vorstellung, Small Talk und dergleichen. Da kam ihr aber ihr Ruf als schnörkellose Bürgermeisterin zugute, die rein sachlich ihr Amtsgeschäft durchzog. Niemand erwartete von ihr Bauchpinselei.

Die Dorfärztin folgte ihr mit den beiden unbekannten Frauen im Schlepptau in ihr stattliches Amtszimmer. Das war einer der Vorteile in Weiler. Das Rathaus war wirklich unglaublich edel.

Das ehemalige Schloss befand sich in einem exzellenten Zustand und die Räumlichkeiten, die die Bürgermeisterin nutzte, waren entsprechend großzügig geschnitten und hochherrschaftlich ausgestattet. Glänzende Parkettböden, hohe Räume, historische Fenster. Der Ausblick aus ihrem Amtszimmer war sogar sehr hübsch, wenn man auf solche Dinge stand. Der Blick aus einem Raumschiff wäre ihr lieber gewesen.

Timm war es ansonsten relativ einerlei, da sie eh so gut wie nie die Zeit hatte, aus dem Fenster zu starren und das Panorama zu genießen. Sie nutzte lediglich den Effekt, den das ganze Ambiente auf die Besucher in ihrem Amtszimmer hatte.

Die Ärztin kannte das Schloss ja, auch wenn es ein Stockwerk tiefer in ihrer Praxis nicht ganz so hochherrschaftlich-bombastisch zuging.

Die dunkelhaarige Frau, die sie dabeihatte, sah allerdings recht unbeeindruckt aus, als ob solch ein Anblick für sie alltäglich wäre, und das erstaunte Timm etwas.

Die Rothaarige mit den üppigen Kurven hingegen hielt sich nicht zurück, ihre Bewunderung kundzutun: »Heilige Göttin, das ist ja wohl ein luxuriöser Schuppen hier.«

So konnte man das auch ausdrücken. Innerlich grinste Timm darüber, äußerlich reagierte sie überhaupt nicht darauf. Sie war auf ein schwieriges Treffen eingestellt. Denn es galt, kein bisschen zu zeigen, dass sie im Grunde dem gleichen Verein angehörte wie diese drei Frauen. Ein Verein, dem sie nicht wirklich angehören wollte.

Es wäre fatal, sich hier zu verplappern. Sie musste möglichst großen Abstand halten, wenn sie ihr Langzeitziel erreichen wollte. Oberbürgermeisterin einer Großstadt. Sie würde also kalt wie eine Hundeschnauze sein. Sie würde den Terminator geben. Nur cleverer. »Unsere Gemeinde Weiler hat sehr viel zu bieten und wir sind stolz darauf. Was kann ich also für Sie tun?«

Sie bedeutete den drei Frauen, sich auf die bereitstehenden Stühle vor ihrem Schreibtisch zu setzen. Timm wusste, dass sie sich spröde anhörte. Plattitüden von sich zu geben, war ihr mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen, aber manchmal fiel es ihr immerhin noch auf.

Sie bemerkte auch den versteckten Blick, den die Dorfärztin im Hinsetzen der Dunkelhaarigen bei ihren Worten zuwarf. Ein leichtes Augenrollen, das wohl dezent sein sollte, sie aber trotzdem sehr wohl wahrnahm. Auch das sarkastische Augenbrauenhochziehen, das die Dunkelhaarige erwiderte, als sie sich auf einem der historischen Stühle mit den gedrechselten hohen Lehnen niederließ, die so unbequem waren, dass sich Gespräche allein deshalb auf das Minimum reduzieren ließen. So hoffentlich auch dieses.

Timm musste verdammt aufpassen. Diese Frauen waren hintertrieben und schienen eine bestimmte Meinung über sie zu haben. Sie wollte nicht wissen, was die alles beinhaltete.

»Reden wir nicht lange um den heißen Brei. Weiler ist ein Kaff, aber es hat etwas, das andere Käffer nicht haben«, verkündete die üppige Rothaarige laut, die in der Mitte saß und sich auf dem unbequemen Stuhl drapierte wie eine Queen auf ihrem Thron.

Oh, wie recht diese Frau in einem Punkt hatte. Weiler war ein verdammtes Kaff. Aber was sollte das sein, was Weiler angeblich hatte? Timm hatte es bisher noch nicht entdecken können.

»Carolina, echt jetzt? Du wolltest diplomatisch sein.« Die Dorfärztin protestierte zwar, schien sich allerdings auch über die üppige Person zu amüsieren, deren Vornamen Timm immerhin jetzt schon mal wusste.

»Diplomatie ist was für Pussys«, fuhr diese unbeeindruckt im gleichen Stil fort. »Und obwohl ich eine habe, bin ich keine.« Ein markerschütterndes Lachen ließ Timms Amtszimmer vibrieren.

Timm konnte ein erheitertes Zucken ihres Mundwinkels nicht verhindern und auch die beiden anderen Frauen grinsten über diese politisch vollkommen inkorrekte Aussage.

Timm unterdrückte diese Erheiterung sofort wieder und faltete die Hände auf ihrem Schreibtisch. Sie versuchte, vollkommene Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen. Als ob dieser Besuch hier das übliche Tagesgeschäft wie die restlichen 364 Tage im Jahr wäre und nicht eine absolute Ausnahme.

»Und was ist das, was Weiler hat?«, fragte sie ruhig in das abflauende Gelächter hinein.

Sie teilte natürlich die Ansicht über Diplomatie und Pussys. Von ganzem Herzen. Aber auch das war etwas, das sie für sich behielt. Man durfte absolut nicht zu viel von seinen Ansichten, Meinungen und persönlichen Vorlieben herauslassen, wenn man ans Ziel kommen wollte. Zumindest, wenn das Ziel ein öffentliches Amt sein sollte. Eine der Lehren ihres alten Chefs und Mentors, die sehr wertvoll waren.

»Weiler hat ein Baudenkmal, das es hier in der Gegend kein zweites Mal gibt und das bisher brachliegt, obwohl man daraus etwas Herausragendes machen könnte.«

Timms Blick schwenkte nach rechts. Denn diese sachliche Aussage kam unvermittelt von der Dunkelhaarigen, die sich bisher äußerst zurückgehalten hatte.

Die Frau streckte ihr über den Schreibtisch die Hand zur Begrüßung hin. »Adelheid von Gemseck. Ich besitze und betreibe Das Schlösschen in Bad Worich.«

Ausgesucht korrekt, ausgesucht höflich und auch ausgesucht professionell. Die Besitzerin des Schlösschens? Davon hatte Timm sogar schon gehört, obwohl sie nicht direkt hier aus der Gegend stammte.

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