Die ganze Aussage bereitete ihr etwas Sorgen. Solche professionellen Leute waren gefährlich. Weil man die normalerweise nicht einfach abwiegeln konnte.

Aber noch wusste sie nicht, was die drei Frauen wollten. Timm zwang sich wieder zu Gelassenheit und einem neutralen, abwartenden Gesichtsausdruck.

»Genau. Und weil wir etwas daraus machen wollen, sind wir hier.« Endlich sagte die Dorfärztin auch etwas mit ein bisschen Substanz, aber Timm wurde nicht schlauer daraus.

»Wollen Sie mir etwa das Rathaus abkaufen?«, fragte sie mit einem ganz leichten Hauch von Humor, denn das war das einzige Baudenkmal, das Timm einfiel. Aber das war schließlich absurd.

»Nein, viel besser«, erwiderte die Rothaarige und grinste einmal in die Runde.

»Besser? In Weiler? Das ist das einzige ehemalige Schloss, das wir haben. Ansonsten haben wir keine Baudenkmäler.«

Timm hasste es, so im Dunkeln zu tappen. Sie hasste es auch, dass sich diese drei Frauen gerade in einer überlegenen Position befanden, weil sie offensichtlich irgendetwas nicht kapierte. Normalerweise war es umgekehrt. Timm war sonst anderen stets einen Schritt voraus.

»Doch, haben wir. Das Schwesternhaus«, erklärte die Dorfärztin ernst und erwischte Timm damit vollkommen auf dem falschen Fuß.

»Das bezeichnen Sie als Baudenkmal?«, fragte Timm konsterniert.

Aber natürlich hatten die Frauen rein formal recht. Das Schwesternhaus war ja aus einem einzigen Grund noch nicht einfach dem Erdboden gleichgemacht. Weil es vom Denkmalamt als schutzwürdig eingestuft worden war. Warum, war ihr schleierhaft. Natürlich war es mal ein stattliches Anwesen gewesen. Irgendwann vor ungefähr hundert Jahren oder mehr. Aber jetzt stellte es nur noch ein Ärgernis dar.

»Sie wollen mir diese alte Bruchbude abkaufen? Was wollen Sie denn mit dem Schwesternhaus?«

Jahrelang hatte die Gemeinde versucht, das Gebäudeensemble loszuwerden. Jahrelang stand es leer und gammelte vor sich hin, ohne dass auch nur irgendjemand Interesse daran gezeigt hätte. Selbst zu einem noch so geringen Preis.

Und jetzt, da Timm endlich eigene Pläne hatte – von denen natürlich in Weiler noch niemand etwas wissen durfte –, kamen diese drei Frauen daher. Das fehlte ihr gerade noch. Das könnte ihren Plan – nun ja, es war ja eigentlich gar nicht ihrer – zunichtemachen, denn er basierte darauf, dass es keine Alternative gab.

Am besten wäre es natürlich gewesen, wenn es nichts mehr gegeben hätte, über das es eine Entscheidung zu fällen gab. Wenn das bescheuerte Gebäudeensemble mit dem Holzstoß zusammen abgebrannt wäre bis auf die Grundmauern.

Die Frau, die sich als Adelheid von Gemseck vorgestellt hatte, holte zu einer Antwort aus, die Timm in ihrer Professionalität das Blut in den Adern gefrieren ließ.

»Wir haben die Idee, eine Art Ärzte- und Kulturzentrum daraus zu machen. Das fehlt hier in der Gegend. Mein Schlösschen in Bad Worich stellt da keine Konkurrenz dar. Es ist weit genug weg, sodass es eine Synergie erzeugen würde. Genauso verhält es sich auch mit der medizinischen Versorgung. Das Kurzentrum in Bad Worich deckt nur einen begrenzten Teil ab, ebenso Willas Praxis im Dorf und die übrigen Landärzte. Die richtige Mischung würde die Versorgung in der Region sowohl im Kulturbereich als auch im medizinischen Bereich perfekt ergänzen.«

Nicht genug, dass sich das nach dem Traum jeder Bürgermeisterin anhörte, Frau von Gemseck zog auch noch Unterlagen aus einer Mappe, die zeigten, wie weit diese Idee bereits gediehen war. Wenn das nach draußen drang, war der Plan mit dem Investor geplatzt. Denn natürlich würde der Gemeinderat nach diesem Projekt gieren. Sie sollte das als Bürgermeisterin auch tun, denn die Vorteile für Weiler wären immens.

Aber davon hätte sie selbst auf lange Sicht keinen so immensen Vorteil. Ihre Karriere, ihre erträumte Zukunft als Oberbürgermeisterin einer Großstadt. Der geheime Plan hingegen schon. Ihr alter Chef und Mentor hatte ihr zu diesem Schachzug geraten. Er hatte auch die Verbindung zum Investor hergestellt. Allein hätte Timm das nie bewerkstelligt.

Mit seinen Ratschlägen war sie bisher nie schlecht gefahren. Seine Führung hatte sie immerhin in jungen Jahren zur Bürgermeisterin von Weiler gemacht. Auch wenn sie jetzt etwas Bauchgrimmen hatte, sie würde weiter genau das tun, was er empfahl. Das lästige Bauchgefühl wurde allerdings stärker, je länger sich das alles hinzog. Und jetzt das hier.

Sie brauchte einfach Zeit, um eine Entscheidung zu fällen. Aber diese drei Frauen mit ihren ausgefeilten Plänen setzten ihr jetzt die Pistole auf die Brust, auch wenn sie es nicht wussten. Timm hatte gedacht, einfach insgesamt mehr Zeit zu haben, um sich endgültig zu entscheiden, ob sie den Plan durchzog oder ihn im Sande verlaufen ließ. Denn sie war nicht hundertprozentig überzeugt. Das musste sie sich selbst eingestehen.

Timm nahm die Unterlagen aus der Mappe entgegen, die ihr Frau von Gemseck hinhielt. Um Zeit zu schinden, blätterte sie sie mit einem interessierten Ausdruck durch, den sie bewusst aufsetzte.

Verdammt, verdammt, verdammt. Das Konzept war richtig solide ausgearbeitet. Wenn sie das morgen dem Gemeinderat so vorlegte, würde der das mit Kusshand durchwinken.

»Das sieht durchaus interessant aus«, sagte sie und nahm aus dem Augenwinkel wahr, wie sich die drei Frauen empörte Blicke zuwarfen. Und sie hatten ja recht. Als Bürgermeisterin hätte sie eigentlich Luftsprünge machen sollen. »Wie sieht es denn mit der Finanzierung aus?«, fragte sie, weil das wohl auf der Hand lag und sie ja irgendetwas sagen oder fragen musste.

Als nicht sofort eine Antwort kam, hob Timm den Kopf. Aha, hatte sie doch noch den Schwachpunkt des Vorhabens gefunden.

»Da gibt es noch eine kleine Lücke«, gab die Dorfärztin zu. »Aber wir hoffen, sie demnächst zu schließen.«

Da war sie, die Zeit, die sie brauchte. Timm stürzte sich darauf wie ein Bussard auf die Feldmaus, die er zum Frühstück verspeisen wollte. »Solange das nicht auf festem Fundament steht, kann ich das bei allem guten Willen nicht in den Gemeinderat einbringen«, erklärte sie sehr ernst, ohne sich die Erleichterung anmerken zu lassen, die sie bei dieser Aussage verspürte.

»Aber wenn wir die Finanzierung stehen haben, werden Sie das tun? Heißt es das im Umkehrschluss?«, fragte die Dorfärztin und versuchte, sie damit in eine Ecke zu manövrieren.

Wer hätte gedacht, dass diese sonst eher stille und zurückhaltende Vertreterin der Schneck-Dynastie im Dorf solch eine geschickte Unterhändlerin sein konnte. Mist, sie hatte sich tatsächlich fast in eine Ecke hineingeredet.

Timm nickte bedächtig und zögerlich, nicht wirklich ein Zugeständnis. Immerhin gab ihr der Aufschub die nötige Zeit. Zeit, um den Plan ihres Mentors in die Wege zu leiten oder um einen neuen Plan auszuhecken.

Die üppige Rothaarige konnte wohl nicht länger an sich halten und schaltete sich wieder ein. »No problemo. In Weiler haben die Leute interessante Geldquellen, da lässt sich bestimmt ein Goldtopf angraben.«

Dafür bekam sie einen Ellenbogen in die Rippen und Timm wurde sofort hellhörig. »Wie meinen Sie das, Frau . . . entschuldigen Sie, ich habe nicht mitbekommen, wie Sie heißen.« Konnte sie ja gar nicht, weil sie sich nicht vorgestellt hatten.

»Nennen Sie mich Torpedotante.«

Timm stutzte mit einem Anflug von Verwirrung. Was sollte das sein? Ein Nachname?

»Frau Torpedotante, was meinen Sie mit Geldquellen?«, fragte Timm und kam sich dabei ziemlich ungelenk vor, weil es sich schlicht blödsinnig anhörte. Dafür erntete sie auch noch ein spöttisches Lächeln auf drei Frauengesichtern. Wieder hatten die drei sie in die unterlegene Position gebracht.

Timm fletschte innerlich die Zähne. Sie mochte es ganz und gar nicht, wenn man über sie lachte.

»Ich heiße Carolina Zacharias, aber Torpedotante ist mein Spitzname. Ohne Frau also. Ganz einfach«, sagte die üppige Rothaarige.

So einfach wie ›Einfach Claudia‹. Da hatte sie sich auch so blödsinnig steif angehört, musste sie im Nachhinein gestehen.

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