An ihre morgendliche Helferin hatte sie noch öfter denken müssen. ›Einfach Claudia‹ war nämlich wie vom Erdboden verschluckt, wie weggebeamt, und Timm hatte nicht nach ihr fragen wollen. Ihr war schon klar, dass sie irgendwo im Dorf oder im Umkreis wohnen musste. Die Frage war nur, wo. Und noch eine Frage war, warum sie das überhaupt interessierte. Sie hatte andere Sorgen.

Timm konzentrierte sich wieder darauf, was die Frau mit der unverschämten Klappe redete.

»Und mit den Geldquellen meinte ich eigentlich nur den Geschäftssinn der Dorfbewohner«, ergänzte die rothaarige Torpedotante. »In schwierigen Zeiten neue Einnahmequellen aufzutun. Auch abseits ausgetretener Pfade. In gesellschaftlichen Grauzonen unterwegs zu sein. Das Gras auf der anderen Seite ist schließlich grüner und so.«

Wieder bekam Torpedotante einen Ellenbogen der Ärztin ab. Sie quasselte ganz offensichtlich zu viel. Und anscheinend über Dinge, die Timm nicht erfahren sollte.

Timm versuchte, sich die konfusen Sätze genau einzuprägen, und nahm sich vor, später herauszufinden, worauf diese Torpedotante anspielte. Geheimnisse existierten für Timm nicht. Sie war schließlich die Bürgermeisterin von diesem Kaff und sie witterte etwas. Das war wie ein Silbenrätsel, das es zu lösen galt, und darin war sie besonders gut.

Sie musste nur erst einmal dieses Lesbenkränzchen aus ihrem Amtszimmer hinausbefördern.

5
Torpedotante

Diese Bürgermeisterin hatte etwas. Früher hätte Carolina mit ihr auf Teufel komm raus geflirtet, weil sie so eiskalt rüberkam. Jetzt redete sie sich lediglich um Kopf und Kragen.

»Also, der Vergleich mit grünem Gras ist natürlich bescheuert. Aber dem Wortspiel konnte ich nicht –« Ihr Redeschwall wurde mitten im Satz von einer Hand auf ihrer linken Schulter unterbrochen. Adel, die sie noch wirklich gar nie berührt hatte, brachte sie damit so aus dem Gleichgewicht, dass sie verstummte. Glücklicherweise! Bevor sie einen törichten Fehler beging und noch mehr ausplauderte. Denn ganz offensichtlich wusste diese Frau Anderl von nichts. Ihr wissbegieriger, aber auch hintertriebener Blick sagte alles.

»Was meine Projektpartnerin lediglich sagen wollte, war, dass wir die Finanzierungslücke mit Sicherheit demnächst beseitigen können. Dann würden wir gern wieder auf Sie zukommen und auf Ihre Unterstützung hoffen. Können wir so verbleiben?«, fragte Adel und erwies sich wieder einmal als das schlaue Gehirn ihres Großprojekts.

Die Bürgermeisterin sah aus, als ob sie auf eine Zitrone gebissen hätte. Ihr äußerst attraktiver Mund zog sich zusammen und die vollen Lippen kräuselten sich. Irgendetwas passte ihr ganz und gar nicht, denn ansonsten war sie ziemlich regungslos gewesen, ganz genau, wie es der Dorfklatsch verbreitete. Kalt wie eine Hundeschnauze. Aber Carolina fragte sich, was die Frau mit dem erstaunlich queer klingenden Namen für ein Problem mit ihnen oder mit ihrem Projekt hatte.

Ein gemähtes Wieschen hatte Willas Tante Margit ihr Projekt genannt. Ein merkwürdig altmodischer Ausdruck. Heutzutage würde man es wohl eher eine Win-Win-Situation nennen.

Carolina hatte erwartet, dass ihnen die Bürgermeisterin um den Hals fallen würde. Aber nein. Da saß sie hinter ihrem gewaltigen Schreibtisch und sah so aus, als ob sie nichts lieber täte, als sie aus ihrem pompösen Büro zu werfen.

Bisher hatte Carolina noch nicht das Vergnügen mit ihr gehabt, sie hatte lediglich die ganzen Gerüchte im Dorf über sie gehört und nicht viel darauf gegeben. Im Dorf wurde immer getratscht. Dass jetzt eine Frau Bürgermeisterin war und bestimmt viele sie gewählt hatten, weil es erstens keinen geeigneten Gegenkandidaten gab, zweitens schnell ein Ersatz für den alten Bürgermeister hermusste und drittens viele sie in Ermangelung von Informationen bei ihrem Namen bestimmt für einen Mann gehalten hatten, führte natürlich zu einem erhöhten Tratschbedürfnis. Dann noch eine Frau, die nicht aus dem Dorf kam, alleinstehend war und sich bisher als extrem durchsetzungsfähig erwiesen hatte.

Carolinas Sympathien hatte sie bis zu dieser Begegnung allein schon deshalb gehabt. Sie wusste nur zu gut, wie konservativ das Dorf als Ganzes sein konnte, und stand deshalb immer noch auf Kriegsfuß mit Weiler.

Wie absurd das war. Maxi, die zuerst hier aufs Dorf gezogen war, lebte jetzt wieder in der Großstadt. Sie behielt aber weiterhin das kleine Hexenhäuschen am Dorfrand als Wochenendhaus für den Sommer oder als Notfallübernachtungsmöglichkeit für Willa im Winter.

Und sie, Carolina, die immer gegen das Dorf gelästert hatte und es immer noch tat, wohnte de facto so gut wie hier. Seli hatte vor Kurzem ihr Haus inklusive Katze zu einem sehr günstigen Preis gekauft. Schließlich hatte sie sämtliche dringenden Sanierungsarbeiten der letzten Jahre gemacht. Sie hatte mehrere große Balken mithilfe von Werner, ihrem Chef, ersetzt und sogar die hintere Treppe komplett erneuert. Carolina hatte ihr selbstverständlich einen zinslosen Kredit gegeben.

Dass die Katze mit zum Haus gehörte, hätte Carolinas Ansicht nach noch einen weiteren riesigen Rabatt erwirken sollen, aber so sah das Seli überhaupt nicht. Doch Carolina hatte mittlerweile eine Art Waffenstillstand mit Chloé geschlossen. Sie beäugten sich weiterhin argwöhnisch, aber das akute Misstrauen war fast verschwunden.

Manchmal ertappte sie sich sogar dabei, dass sie in ihrer Atelierwohnung nach der Katze Ausschau hielt. Dass sie manchmal fast erwartete, sie auf einem besonders attraktiven Plätzchen kuschelig zusammengerollt zu sehen. Aber das hatte sie Seli nun wirklich verschwiegen. Ihre Lebensgefährtin von mehr als zwei Jahren hätte das mit Sicherheit als Zeichen ihrer Zuneigung zu Chloé gewertet und nicht als simplen Gewöhnungseffekt.

Wie eine Katze mit bösen Absichten kam ihr jetzt auch diese Timm Anderl vor. Auf eiskalte Art war sie sehr gutaussehend. Wenn man auf dieses Ice-Queen-Dingens stand, das sie ausstrahlte.

Carolina kniff die Lippen zusammen, um bloß kein weiteres Wort entfleuchen zu lassen. Sie ärgerte sich bereits über sich selbst und konnte sich schon vorstellen, was für eine Abreibung sie hinterher von ihren beiden Begleiterinnen kriegen würde.

Manchmal war ihr Mund einfach schneller als ihr Gehirn. Der redete von Dingen, die besser nicht ausgesprochen wurden. Wie das offene Geheimnis, das im Dorf herumging. Wie hatte sie nur so doof sein und auch noch das Wörtchen Gras sagen können? Carolina stöhnte innerlich auf. Denn es war ja wohl an der Reaktion der Bürgermeisterin offensichtlich gewesen, dass ihr diese Gerüchte noch nicht zugetragen worden waren.

Adel und Willa tauschten mit der Bürgermeisterin noch ein paar Abschiedsfloskeln aus, die an Ödheit nicht zu überbieten waren.

Woher kam diese Feindseligkeit, die sie von hinter diesem antiken Schreibtisch kommend spürte? War es gute, alte Homophobie, die sich anscheinend hartnäckig bei manchen Menschen hielt, obwohl die Gesellschaft als Ganzes eigentlich hätte schon längst darüber hinweg sein sollen? Und das bei einer modern wirkenden Frau wie dieser jungen Bürgermeisterin? Oder war Frau Anderl schlicht als Mensch feindselig, weil sie es einfach nicht anders konnte?

Das glaubte Carolina allerdings nicht, da sonst die Gerüchte im Dorf negativer ausgefallen wären. Oder war sie inkompatibel mit anderen Frauen, weil sie es gewohnt war, in einer Männerdomäne zurechtzukommen? Das konnte durchaus sein, aber dann hätte sie nicht solch eine Abneigung ausstrahlen müssen.

Auf jeden Fall war sie geschickt darin, nicht willkommene Gäste hinauszukomplimentieren, denn sie standen nach erstaunlichen siebzehn Minuten bereits wieder im Treppenhaus. Und nach achtzehn Minuten vor dem Rathaus.

Willas Praxis war heute Vormittag geschlossen und so sollte es auch bleiben. Carolina wusste, sobald Willa sie betrat, kam garantiert irgendjemand mit irgendetwas Dringendem daher und es war vorbei mit der freien Zeit der Ärztin.

Deshalb führte sie ihre ebenso verdutzten Projektpartnerinnen auf kürzestem Weg zu Selis Haus. Einmal an der Kirche vorbei die kleine Gasse hinunter und schon waren sie da.

Seli war natürlich arbeiten, aber Chloé vermutlich zu Hause. Vor April ging sie nur hinaus, um gewisse Geschäfte zu erledigen und in ihrem Revier nach dem Rechten zu schauen. Sonst hielt sie sich permanent im Haus auf und schlief meistens. Was für ein Leben!

Lo Jakob: Die Bürgermeisterin, ihre Reitlehrerin, deren Pferde und die ganze Feuerwehr

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