Beim Betreten des Hausflurs fiel Carolina aber zuerst einmal der leichte Pferdegeruch auf, der hier Einzug gehalten hatte mit den Reitstiefeln, die sie seit Neuestem besaßen. Denn ein weiteres unerwartetes Tier in ihrem Leben war Santana. Die irische Tinkerstute gehörte Adels ehemaliger Servicechefin Claudia, die im Ort einen kleinen Hof besaß und dort Reitunterricht gab.

Niemals, aber auch wirklich niemals hätte Carolina sich auf einem Pferd gesehen. Doch Seli hatte es tatsächlich geschafft, sie zu überreden, bei Claudia mit Reitunterricht anzufangen.

Zusammen machten sie das seit einigen Monaten. Und es war klasse. Die große schwarz-weiß gescheckte Stute war so sanft und rücksichtsvoll, dass Carolina sofort ihre Angst verloren und sich Hals über Kopf in sie verliebt hatte. Sie hatte sogar zu Seli gesagt, dass Santana die zweite Frau in ihrem Leben war. So weit war sie gegangen und über sich selbst schockiert.

Die Reitlehrerin hingegen war ein anderer Fall. An sie war im Gegensatz zu ihren Pferden einfach nicht heranzukommen. Und Carolina hatte sehr vieles probiert, um sie zu knacken.

Adel schwor, dass sie auch der Schwesternschaft angehörte, aber Carolina hatte weder Anzeichen dafür noch dagegen gefunden. Auf Anspielungen reagierte sie einfach nicht.

Seli meinte, dass Carolina das zu stark forcierte. Aber Selis Methode der Zurückhaltung hatte bisher auch keine Früchte getragen. Manche Leute blieben einem eben einfach verschlossen.

Für Carolina war das allerdings nur schwer zu akzeptieren. Sie hatte noch nicht ganz aufgegeben, Santanas Besitzerin einzuwickeln. Schon allein für Santana. So legte sie sich das für sich selbst zurecht. Seli lachte nur darüber.

Carolina führte den Besuch ins Wohnzimmer. Wobei sich Willa in Selis Haus bestens auskannte und auch gleich in die Küche ging, um mit den Getränken zu helfen, während Carolina Adel aufs Sofa dirigierte. Direkt neben Chloé.

»Ich kann sie hinunterkomplimentieren, falls du nicht neben einer Katze sitzen möchtest. Sie ist allerdings meistens total harmlos.«

Chloé warf ihr dafür einen vernichtenden Blick zu, dann widmete sie sich Adel, die ihr bereits die Hand zum Schnuppern hinhielt. Gnädig ließ sich Chloé von Adel streicheln und Carolina war wieder einmal erstaunt, wie charmant dieses Katzenbiest zu allen Leuten außer ihr sein konnte.

Carolina schnaubte einmal abfällig durch die Nase, was Chloé sehr wohl verstand, wenn sie ihren hämischen Blick richtig deutete, und ging zu Willa in die Küche. Adel sah ihr mit hochgezogenen Augenbrauen hinterher. Es war Carolina völlig klar, dass Adel sie schräg und amüsant fand. Ihre nonverbale Kommunikation mit der Katze fiel da vermutlich auch wieder drunter.

Ein vollgestelltes Tablett mit Espresso, Tee und Keksen später und sie ließen zu dritt das Gespräch mit der Bürgermeisterin Revue passieren.

»Sie müsste uns aus der Hand fressen. Solche Projekte gibt es seit Corona-Zeiten doch überhaupt nicht mehr. Wer traut sich denn solch einen immensen Schritt überhaupt gerade?«, fragte Willa und hörte sich für Willa-Verhältnisse ärgerlich an.

»Ich fand ihr Verhalten auch hochgradig seltsam. Fast schon verdächtig. Wenn wir nicht in Weiler wären, würde ich irgendwelche Machenschaften im Hintergrund vermuten«, erwiderte Adel nachdenklich.

Gut, dass Maxi nicht dabei war mit ihrer ausufernden Fantasie. Die hätte sofort eines ihrer schaurig-guten Bücher daraus gemacht. Mord, Totschlag und Intrigen in einem beschaulichen Dorf. Wer wäre das zerstückelte Opfer? Die Bürgermeisterin? Das hätte Carolina irgendwie gefallen.

»In diesem verschlafenen Pups-Kaff passiert doch nie etwas Aufregendes«, sagte sie und seufzte dramatisch dazu. Außer dass es hier verdammt aufregende Frauen gab. Mit der aufregendsten teilte sie das Bett. Und der Katze wohl oder übel.

Die Katze, die sich nicht zu schade war, sich zwischen Willa und Adel aufzuführen wie ein Flittchen. Wirklich wahr. Chloé streckte alle viere von sich und ihren puscheligen Bauch in die Luft, der abwechselnd von zwei Frauen zart gekrault wurde.

Carolina schnaubte wieder durch die Nase, aber Chloé ignorierte sie dieses Mal vollständig.

»Trotzdem ist es auffällig«, hielt Adel an dem Gesprächsfaden fest. »Ich meine, da gibt es ein Gebäude im Dorf, das eine herausragende historische Bedeutung hat. Andere Gemeinden hätten das schon seit Jahrzehnten ausgeschlachtet, dass die britische Prinzessin Ann dort des Öfteren genächtigt und Erika Mann in den späten Fünfzigern Schreibkreise abgehalten hat. Das ist doch fast unglaublich. Die Denkmalschutzauflagen kommen ja nicht von ungefähr.«

Willa hielt Carolina ihre Teetasse hin und ließ sich von ihr aus Selis großer Keramikteekanne nachschenken. »Und dass wir die ersten Frauen sind, die auf das Schwesternhaus aufmerksam wurden, kommt mir auch unglaublich vor«, sagte sie und nippte kurz an ihrem frisch eingeschenkten Tee. »Ein von Nonnen geleiteter Rückzugsort für Frauen. Zur Kontemplation, um zu sich zu finden, um zu beten. Heutzutage würde man ja Retreat dazu sagen. Aber gleichzeitig auch immer ein kreativer Ort. Irgendwie modern. Und das in Weiler.«

Carolina schenkte Adel ebenfalls Tee nach und sich selbst schließlich aus der Edelstahlespressokanne eine weitere Portion flüssiges Koffein. »Das hat das Pups-Dorf gar nicht verdient«, sagte sie zu Willas Ausführungen. Eigentlich gehörte das Schwesternhaus irgendwohin, wo es auch wertgeschätzt wurde.

Willa als gebürtiger Weilererin konnte das natürlich so nicht stehenlassen, obwohl sie ja auch eine Hassliebe mit ihrem Herkunftsdorf verband. »Aber das Pups-Dorf hat auch keine Erinnye als Bürgermeisterin verdient.«

Adel deutete mit dem Zeigefinger bestätigend auf Willa. Sie fand Timm Anderl offenbar genau so furchtbar.

Aber Carolina, die auch irgendwo in sich ein geheimes Plätzchen für Ice Queens hatte, musste doch etwas ergänzen. »Erinnye! Das ist übertrieben. Diese Timm ist doch keine Rachegöttin, die ist doch lediglich eine knallharte Karrierefrau, die nur auf ihren eigenen Vorteil aus ist. Glaubt mir das. Ich durchschaue die Weiber wie keine Zweite.«

Das löste eine Salve an Lachkrämpfen und Ausrufen aus, für die Carolina einen bösen Blick von Chloé erntete, als ob sie wüsste, dass sie den Lärm ausgelöst hatte.

6
My Real SF Girl

Claudia streichelte Santana einmal zum Gutenachtsagen über ihre große schwarz-weiße Nase mit den weichen Nüstern, wendete sich vom Gatter ab und warf einen letzten Blick über den im Dunkel liegenden Hof.

Alles lag friedlich da, ein Pferd schnaubte zufrieden im Stroh stehend. Sie meinte herauszuhören, dass es Nelio war.

Zufrieden ging sie auf ihr etwas ungepflegt aussehendes Haus zu. Irgendwie war für Hausrenovierungen nie genügend Zeit und Geld da. Die Unterbringung der Pferde ging immer vor. So war das eben in ihrem Leben und es machte ihr überhaupt nichts aus, dass im Gegensatz zum Stall, der Scheune und der kleinen Reithalle in ihrem Haus alles noch so war, wie sie es vom Vorbesitzer übernommen hatte. Sie brauchte keinen Luxus.

Claudia hatte um halb acht ihre letzte Reitstunde gegeben und dann noch ihren letzten Rundgang über den Hof gemacht, um noch einmal alles zu kontrollieren. Conchita stets an ihrer Seite.

Als sie jetzt ins Haus ging, streifte sie ihre Stiefel am Schmutzfang ab und lief auf Socken weiter hinein.

Zuerst fütterte sie Conchita, die wie immer ihr Abendessen herunterschlang, als ob in der nächsten Sekunde Wölfe kämen und ihr alles wegschnappen würden. Dann rannte sie – auch wie jeden Abend – wieder zur Haustür und verlangte, hinausgelassen zu werden. Das war ihr Vorrecht als Hofhündin, dass sie ohne Claudia patrouillierte.

Als vor drei Jahren ihre Herde ausgebüchst war, war Conchita noch zu klein gewesen, um das zu verhindern. Heutzutage würde das nicht mehr passieren. Zum einen, weil Claudia seither die Gatter am Abend, nachdem die letzten Reitschüler*innen gegangen waren, zwei oder drei Mal darauf kontrollierte, dass sie richtig geschlossen worden waren. Zum anderen, weil Conchita wahnsinnig klug war und genau wusste, was zu tun war, wenn die Pferde ausreißen wollten.

Sie hatten das geübt. Conchita zeigte zum einen mit Bellen an, dass es ein Problem gab, und zum anderen ließ sie die Pferde nicht vom Hof. Bei ihren Übungen hatte Conchita – wie der beste Schäferhund seine Schafherde – durch Zirkeln die Pferde zusammengetrieben und beieinander gehalten.

Lo Jakob: Die Bürgermeisterin, ihre Reitlehrerin, deren Pferde und die ganze Feuerwehr

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