Conchita hätte ihren Wallach Nelio damals auf keinen Fall entkommen lassen, der dann später in der Nacht bei dem Versuch, ihn einzufangen, eine Feuerwehrfrau in die Rippen getreten hatte. Etwas, das er vorher und hinterher nie wieder getan hatte. Austreten. Nicht gegen Menschen.

Claudia sah die Schuld nicht bei Nelio. Er war nur ein Pferd und so waren Pferde eben. Unberechenbar, wenn sie Angst hatten. Die Feuerwehrfrau hatte so ziemlich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte. Sie hätte ihn einfach loslassen sollen, dann wäre er lediglich wieder davongerannt.

Dass es hinterher im Dorf geheißen hatte, Claudia und ihre verrückten Pferde seien eine Gefahr, wusste Claudia sehr wohl. Und noch mehr an abstrusen Behauptungen.

Sie wusste inzwischen auch, dass die getretene Feuerwehrfrau mit der Dorfärztin zusammen war und dass sie mittlerweile eine Freundin ihrer ehemaligen Chefin war. Das änderte für Claudia aber nichts. Warum auch? Im Dorf waren alle immer irgendwie miteinander verwandt, verschwägert oder sonst wie verbunden. Das war nicht zu vermeiden und einer der großen Nachteile des Landlebens. Sie musste irgendwie damit zurechtkommen und ansonsten keine weiteren Gedanken daran verschwenden.

Claudia holte ihr eigenes Abendessen aus dem Kühlschrank. Ein fertiger Hotdog, den sie minus Plastikfolie in die Mikrowelle stopfte. Die Folie zu entfernen war das Maximum an Kochen, was sie zustande brachte.

Nach zwei Minuten auf 800 Watt holte sie das brutzelnde Fertigprodukt heraus, gab eine Portion Senf drauf, die mitgeliefert wurde, und ging mit dem fertigen Hotdog in der Hand zu ihrem Laptop. Das war ihr abendliches Ritual. Fast Food und Computer.

Seit dem brennenden Holzstoß waren jetzt vier Wochen vergangen und alles war ruhig. Nachdem die beiden Polizisten sie zum Feuer befragt hatten, war niemand mehr bei ihr aufgetaucht. Weder um sie zu verhaften noch um weitere Fragen zu stellen.

Claudia ging davon aus, dass das auch nicht mehr passieren würde. Der Schaden war gering und dafür machte man vermutlich keinen Aufstand, um herauszufinden, wer einen vergammelten Holzstoß in Brand gesetzt hatte. Wenn überhaupt Brandstiftung ermittelt worden war.

Sie hatte im Vorfeld aber auch wirklich lange gehirnt, wie sie das alte Holz anzünden konnte, ohne dass Verdacht aufkam.

Bei ihren morgendlichen Spaziergängen mit Conchita hatte sie kleine Holzstücke, Laub und Geäst gesammelt und dann zu Hause getrocknet. Mit Resten von Bienenwachskerzen hatte sie daraus eine Art selbstgemachten Grillanzünder hergestellt. Sie war sich fast sicher gewesen, dass sich davon nichts nachweisen ließ. Es hatte zwar wirklich gebraucht, bis das feuchte Holz des Stapels Feuer fing, aber es hatte funktioniert.

Leider. Sie bereute diese verrückte Aktion wie kaum etwas in ihrem Leben. So etwas Saudummes. Und das für eine Frau! Eine Frau, die sie noch nicht einmal wirklich bemerkt hatte. Nicht einmal, als sie vor ihr gestanden und versucht hatte, die Heldin zu spielen.

Claudia ärgerte sich immer noch maßlos über sich selbst. Und das war gut, denn es hielt diese pubertäre Schwärmerei im Zaum. Sie war noch einmal davongekommen. Mit Ach und Krach. Das Feuer war wirklich sehr heilsam gewesen und sie hatte die Bürgermeisterin seither gemieden wie ein Ferengi-Händler Ausgaben jeder Art. Maximal!

Endlich biss sie in den Hotdog und öffnete die Seite auf ihrem Laptop, die sie derzeit jeden Abend besuchte. Sie war jetzt im Internet unterwegs und die Suche nach Frauen verlief dort zwar auch nicht gerade problemlos, aber immerhin einfacher als im echten Leben. Sie hatte sich auf einer Onlineplattform angemeldet und sich bereits mit ein paar Frauen geschrieben. Das war bisher jedoch alles im Sand verlaufen, aber ihr Alias My Real SF Girl bekam immer wieder Zuschriften.

Der Sprung von My Real SF Girl zur echten Claudia war gar nicht so weit, wie sie fand. Gut, sie hatte angegeben, in der Großstadt zu wohnen, aber sonst stimmte alles. Sie war Science-Fiction-Fan. Und sie spielte in ihrem Alias sogar mit ihrem Nachnamen. Jemand, der sie sehr gut kannte, hätte ihre Identität also vielleicht erraten können. Ihre ehemalige Chefin Adel wäre schlau genug dafür, wenn sie sich auf lesbischen Dating-Plattformen herumtreiben würde. Das tat sie aber nicht, weil sie glücklich verheiratet war und mit den beiden Kindern keine freie Minute hatte.

Die Pferde hatte Claudia alias My Real SF Girl in ihrem Profil weggelassen, schließlich standen nicht so viele Frauen auf Pferde. Weniger, als man landläufig so dachte. Zumindest keine ihrer Ex-Freundinnen. Das waren alles seltsamerweise Tierhasserinnen gewesen. Kein Wunder hatte das mit keiner funktioniert. Aber deshalb fand sie es jetzt auch sicherer, die Pferde erst einmal zu verschweigen. Sie würde das aber, sobald sie eine vielversprechende Frau gefunden hatte, abchecken. Eine Tierhasserin kam nicht mehr infrage.

Claudia nahm einen weiteren großen Bissen von ihrem Hotdog, ohne ihn wirklich zu schmecken. Denn beim Öffnen ihrer Inbox sah sie gleich, dass sie eine neue Nachricht hatte. Heute hatte sich eine gewisse Thea bei ihr gemeldet, die auch Science-Fiction mochte und im gleichen Postleitzahlenbereich wohnte wie sie. Das verdiente auf alle Fälle eine Antwort, auch wenn das Foto dieser Thea so aussagekräftig war wie ihr eigenes. Nämlich gar nicht.

Claudia konnte nur den Ausschnitt eines sehr hellen Gesichts sehen, das eine große Sonnenbrille trug. Das Foto war stark überbelichtet und mit Weichzeichner unscharf gemacht. Also so verfremdet, dass es fast jede Frau hätte sein können. Ihr eigenes Foto war ja auch nicht besser, nur anders.

Sie war von hinten in einem schwarzen Rollkragenpulli zu sehen, ein Teil ihrer Schulter, ein Teil ihres Profils, der Ansatz ihrer Locken. Das alles sehr dunkel und vor schwarzem Hintergrund. Sie war vollkommen unkenntlich und sie hatte lange gebraucht, bis sie dieses Foto in ihrem Schlafzimmer so hinbekommen hatte. Es sah aber künstlerisch aus und das machte das wohl bei den Frauen auf der Datingplattform wieder wett.

Star Wars oder Star Trek? fragte My Real SF Girl als Erstes. Sie redete inzwischen nicht mehr lange herum und klärte erst einmal ein paar ihr wesentlich erscheinende Dinge, die gleich klarmachten, wie die Frauen tickten, ob sie Humor hatten und so weiter. Denn sie hatte sich schon mit Frauen abgegeben, die sich dann als vollkommen inkompatibel herausgestellt hatten. Claudia war zu freundlich und zu nett, um sich dann einfach nicht mehr zu melden oder die Frauen vor den Kopf zu stoßen.

Aber da hatte sie schon dazugelernt. Es brachte ja nichts, die Frauen hinzuhalten, eine falsch verstandene Rücksichtnahme, wenn sie genau wusste, dass sie kein weiteres Interesse an ihnen hatte. Da hätte sie vielleicht auch die Tierfrage gleich stellen sollen, aber sie war eben einfach kein Profi in diesen Dingen. Noch nicht. Und sie hoffte auch, dass sie es nie werden musste.

Vielleicht sollte sie nächstes Mal mit der Tierfrage einsteigen – magst Du Tiere? Ganz einfach –, aber dieses Mal hatte sie eben eine andere wesentliche Frage gestellt.

Fast sofort kam über die App eine Antwort. Thea war offensichtlich ebenfalls momentan mit der Datingplattform beschäftigt. Sie hatte wohl abends auch nichts Besseres zu tun.

Star Wars ist okay, aber nichts ist besser als Janeway und Seven of Nine.

Yes!

Das war genau die Antwort, die Claudia auch gegeben hätte. Star Trek, und zwar eine ganz bestimmte Serie aus diesem Universum. Das Raumschiff Voyager und seine Abenteuer.

Die Raumschiffkapitänin Janeway und die Borg-Frau Seven of Nine bauten in der Original-Serie eine von den Machern als Mutter-Tochter-Ding angelegte Beziehung auf, die allerdings von den lesbischen Fans ganz anders gelesen worden war und ein ganzes Universum an Fan-Fiction produziert hatte.

Claudia hatte allerdings noch nie jemanden getroffen, der oder die wie sie auch diese Geschichten verschlungen hatte. Heutzutage mit der Fülle an Filmen und Serien, die frauenliebende Frauen im Cast hatten, war die Fan-Fiction eine aussterbende Kunst, und Claudia hoffte, dass all diese Autorinnen mittlerweile Science-Fiction-Romane mit lesbischen oder zumindest queeren Geschichten schrieben.

Lo Jakob: Die Bürgermeisterin, ihre Reitlehrerin, deren Pferde und die ganze Feuerwehr

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