Thea kannte also schon mal die Serie, das war aus ihrer megatollen Antwort klar ersichtlich. Das mit der Fan-Fiction würde sie noch aus ihr herauskriegen.

Claudia alias My Real SF Girl schickte also mehrere Emojis als Erwiderung, die ihre Begeisterung zum Ausdruck bringen sollten. Den erhobenen Daumen, das Smiley mit den drei herumschwebenden Herzen und ein Alien. Letzteres nur einfach so, weil sie das gern mal verwenden wollte und ihr das gerade als eine gute Gelegenheit erschien. Wenn diese Thea das nicht verstand, wurde das vermutlich eh nichts mit ihnen. Humor war absolut wichtig.

Es kam sofort ein tränenlachendes Emoji zurück. Na also. Thea hatte Humor. Und eine Frage ploppte auf: Liest du auch Science-Fiction-Romane? Oder hauptsächlich Fan-Fiction?

Dass Thea tatsächlich wusste, was Fan-Fiction war, bestätigte sich damit auf ganz simple Art und brachte ihr gleich mal hundert Punkte ein. Sie hätte ja auch einfach nur Fan der Fernsehserie Star Trek: Voyager sein können, ohne die Fan-Fiction-Welt dahinter zu kennen.

Dass sich gerade bestätigte, dass Claudia zum ersten Mal eine Frau gegenüber hatte, die wie sie diese Geschichten kannte und liebte, war richtig aufregend. Ihr Herz pochte freudig.

Janeway-Seven-Fan-Fiction ist ja wohl ein absolutes Muss, oder? Aber ich lese auch alles andere, was ich an Science-Fiction mit lesbischem Content finden kann. Und du?

Die drei Punkte in der App hüpften sofort wieder vor sich hin. Gleich würde sie von Thea eine Antwort bekommen. Bisher lief die Konversation besser als alle, die sie mit möglichen Kandidatinnen über die Datingplattform bisher hatte. Und das, obwohl richtig nerdige Stichworte gefallen waren, bei denen viele andere Frauen schon ausgestiegen wären.

Claudia legte den Rest des kaltgewordenen Hotdogs neben ihrem Laptop auf der aktuellen Futterbestellung und den Listen mit den gebuchten Reitstunden ab, wo er ein paar fettige Flecke produzierte, und vergaß ihn sofort vollständig.

So fixiert war sie auf den Bildschirm und auf das, was da sicherlich gleich als Antwort auftauchen würde.

2. Akt
1
Timm

Timm versuchte, sich wie üblich an ihrem großen Schreibtisch mit dem Tagesgeschäft als Bürgermeisterin zu beschäftigen. Die lange erwartete Bundesstraße, die Weiler ganz anders anbinden würde und die sie sich als Erfolg auf die Fahne schreiben konnte, auch wenn das an anderer Stelle entschieden worden war. Die in diesem Jahr anstehenden Dorffeste, die endlich wieder stattfinden konnten, und mehr Aufregung verursachten, als solche Dinge es wert waren. Hundekot auf dem Kinderspielplatz, der die jungen Eltern im Dorf in übertriebene Panik versetzte, und metaphorisch betrachtet jetzt auf ihrem Schreibtisch gelandet war.

Das waren so ihre Spielwiesen an jedem normalen Tag. Mal mehr vom einem, mal mehr vom anderen, aber grundsätzlich eine bunte Mischung. Das machte ihre Stellung als Bürgermeisterin ja auch so interessant. Es war nicht nur Verwaltung und genau das machte Timm Spaß. Sogar der Umgang mit den Menschen, obwohl sie sich selbst nicht als leutselig bezeichnet hätte. Angeblich eine Grundvoraussetzung für Bürgermeister*innen in kleinen Kommunen, die sie nicht mitbrachte.

Aber sie wusste, dass sie überall ihr Gesicht zeigen musste. Das hatte ihr alter Chef und Mentor Gereon immer betont. Ein Bürgermeister oder eine Bürgermeisterin einer kleinen bis mittleren Kommune, der oder die sich zu gut war, bei jedem Kleintierzüchterverein und Konsorten vorstellig zu werden und das regelmäßig, war schon so gut wie abgewählt.

Timm nahm einen Schluck aus ihrer Tasse mit dem letzten Rest kalten Kaffees und schob die aktuellen Akten zur Seite. Sie machte ihren Job die meiste Zeit gern, aber heute war wieder ein Tag, an dem sie andere Gedanken umtrieben und sie sich nur schwer aufs Tagesgeschäft konzentrieren konnte.

Selbst zwei Wochen nach dem Gespräch mit den drei Frauen beschäftigte Timm nichts so sehr wie die zwei Informationen, die sie da bekommen hatte. Das Schwesternhaus sollte nach Willen des Lesbenkränzchens eine Art Eventlocation für Hochzeiten, Retreats und anderes Zeugs werden, das kein Mensch brauchte. Nach Timms Meinung. Aber das durfte sie niemals aussprechen.

Was allerdings wirklich eine gefährlich gute Idee war, war die Sache mit dem Ärztehaus. Das konnte funktionieren. Das hatte sie schon in anderen Kommunen mitgekriegt.

Ihr Plan beziehungsweise Gereons Plan sah vor, dass sie zusammen den Gebäudekomplex erwarben. Sozusagen als Rettung aus einer ausweglosen Situation. Weil ja bisher niemand das Gebäude haben wollte und es so langsam zu einer Gefährdung wurde – siehe die Schriftstellerin, die darin fast umgekommen wäre. Wenn erst einmal die Lost-Place-Szene darauf aufmerksam wurde, verbreitete sich das im Internet rasend schnell und das würde zum Problem für die Gemeinde werden. Eine unschlagbare Argumentationskette. Fand Gereon. Sie selbst war sich allerdings nicht so sicher, ob das so gut ziehen würde im Dorf, wie er dachte.

Sie beide würden dann das Schwesternhaus in Kooperation mit einem Bauträger und Immobilienspekulanten, den Gereon gut kannte, abreißen und luxuriöse Apartmenthäuser für Städter dort bauen. Mit der Lage am Rande des Parks und der kurzen Fahrtzeit in die Großstadt, wenn erst einmal die neue Bundesstraße gebaut wäre, würde das ein gemähtes Wieschen – wie es Gereon so penetrant nannte. Was sollte das überhaupt sein? Was machte eine gemähte Wiese besser als eine nicht gemähte? Und wer wollte schon eine Wiese haben? Das war doch gar nicht erstrebenswert, fand Timm.

Sie hatte Bauchgrimmen wegen dieses Plans. Von Anfang an schon. Weil diese Sache etwas war, das man ihr auf lange Sicht womöglich ankreiden konnte, wenn es irgendwann einmal ans Licht kam bei irgendeiner Kandidatur. Die Presse grub schließlich gern solche Geschäftspraktiken aus, die nach Vorteilnahme rochen. Und das hier würde stinken wie ein französischer Weichkäse, der das Verfallsdatum überschritten hatte.

Schon seit Tagen hatte sie es vor sich hergeschoben. Aber es blieb ihr nichts anderes übrig. Sie musste Gereon von der Neuentwicklung erzählen.

Sie schob die Kaffeetasse beiseite und nahm ihr Smartphone zur Hand, das immer am rechten Rand des großen Schreibtischs lag. Sie wollte dieses Gespräch nicht über den Amtsapparat führen. Nicht weil sie wirklich glaubte, dass Frau Klettke ihre Gespräche mithörte, was über die Anlage theoretisch möglich wäre. Ihre Sekretärin respektive Gemeinde-Sachbearbeiterin hatte noch nie Timms Misstrauen erweckt. Sie war nicht der Typ, der schnüffelte und in allem seine Nase drin hatte, obwohl sie über alles im Dorf Bescheid wusste. Aber eine Schnüfflerin war sie nicht. Trotzdem wollte Timm vorsichtig sein.

Sie suchte in ihren Kontakten Gereons Nummer heraus. Sie hatte ihn auch aus ähnlicher Vorsicht nur unter Gereon abgespeichert. Das hatte allerdings so wenig Sinn, wie nicht mit dem Festnetzapparat zu telefonieren.

Es war halb fünf. Eine Uhrzeit, zu der Gereon gut zu erwischen war, seit er in Pension war. Zwischen Tennisplatz und Happy Hour. Pension hieß bei ihm nicht Ruhestand.

»Die Frau Anderl ruft mich an. Womit habe ich mir das nur verdient? Sie lässt wochenlang nichts von sich hören und dann ruft sie mich an, wenn ich gute Neuigkeiten habe. Du bist wie ein Bluthund, Timm«, klang Gereons wohlklingender Tenor aus dem Handy.

Und wie immer schaffte ihr Mentor es, sie vollkommen aus der Bahn zu werfen. Alle bereits überlegten und zurechtgelegten Informationen waren schlagartig veraltet, mindestens zehn Schritte lag sie jetzt hinter ihm. Weil das immer so ablief, bewunderte sie ihn auch dermaßen.

Gereon lachte ein bisschen über die Bluthund-Anmerkung und ließ sie so wissen, dass er das gar nicht wirklich ernst meinte.

»Welche Neuigkeiten hast du denn?«, fragte sie gleich dienstbeflissen und hätte sich dafür in den Hintern beißen können. »Und eigentlich wollte ich dir auch etwas erzählen«, fügte sie hastig hinzu, obwohl ihr klar war, dass Gereon sie jetzt eh nicht mehr hörte.

Und genau so war es auch. Er sprach über sie hinweg mit der Selbstsicherheit von einem, der es gewohnt war, dass andere verstummten, sobald er auch nur den Mund aufmachte. »Ich treffe mich heute Abend mit unserem Freund Sondermann. Es geht voran mit unserem Vorhaben. Jetzt musst nur noch du liefern. Aber das ist ja mehr eine Formsache, Timm.«

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