Das war keine Frage. Es war vielmehr eher eine Art Befehl. Das war Gereons Seite, die sie nicht mochte, aber trotzdem bewunderte. Er war ein absoluter Machtmensch. Und er war rücksichtslos. Diese Seite an ihm ängstigte sie sogar etwas. Wenn er sich in etwas festgebissen hatte, dann ließ er nicht mehr los. Da konnte wer weiß was passieren, Gereon blieb stur und dann fielen die Bauernopfer rechts und links nur so wie Spielsteine.

Timm war klar, dass schon übermorgen sie das nächste sein könnte. Oder vielleicht auch gleich, wenn sie ihm in solch einer Stimmung Widerworte gab.

Deshalb tat sie das Vernünftige und schwieg über die drei Frauen und ihre Pläne. Für den Moment. Es würde die richtige Gelegenheit kommen, um ihm zu sagen, dass es Konkurrenz für ihr Vorhaben gab. Ziemlich gefährliche Konkurrenz.

»Dann wünsche ich dir mit ihm einen schönen Abend. Wo trefft ihr euch?« Timm mochte nicht, wie sie sich manchmal mit Gereon verhielt. Sie redete ihm dann nach dem Mund, war zu bemüht, ihm alles recht zu machen, und tippelte metaphorisch um ihn herum wie eine Geisha. Sie mochte es nicht, tat es aber trotzdem.

Seit sie Auszubildende bei ihm war und er sie unter seine Fittiche genommen hatte, hatte sich das so eingespielt. Er hatte keinen der jungen Männer aus seinem Dunstkreis ausgewählt, er hatte sie auserkoren. Weil er in ihr eine Härte und einen Willen zum Erfolg gesehen hatte, den er in den jungen Männern nicht gefunden hatte. Zumindest so seine Begründung.

Manchmal, wenn Timm schlecht drauf war, dann dachte sie, dass es eher ein Fall von Formbarkeit gewesen war. Er hatte sie so zurechtbiegen können, wie er es brauchte. Und wenn sie in diesen Momenten noch tiefer blickte, dann fragte sie sich auch, was ihr das ganze Mentoring gebracht hatte. Sie war Bürgermeisterin in einem 6123-Einwohner-Kaff. Wenn nicht über Nacht einer davon wegstarb und es nur noch 6122 wurden.

Rein objektiv betrachtet war sie beruflich nicht weit gekommen. Mal ehrlich. Wenn sie sich mit anderen verglich, die in ihrem Alter schon Bundestagsabgeordnete oder Stadträte in Millionenstädten waren, dann ging es ihr ganz furchtbar und sie hätte vor Frust am liebsten geschrien. Vielleicht sollte sie das wirklich mal tun. Aber dann vielleicht am besten Gereon anschreien, der ihr die Welt versprach, aber sie nur bis Weiler gebracht hatte.

»Da, wo sich Männer von Welt eben treffen. Wir gehen ins Bordell. Du kannst ja mitkommen.«

Er lachte. Ihr alter Mentor lachte! Und Timm überkam zum ersten Mal eine echte Wut auf ihn. Dass er sich wirklich nicht entblödete, das zu sagen.

Er wusste natürlich, dass sie auf Frauen stand, und er hatte von Anfang an darauf bestanden, dass sie sich nicht öffentlich outete. Seinetwegen hatte sie schon so manche Beziehung einfach sausen lassen. Nicht, weil er es gefordert hätte, dazu hatten Anspielungen und dezente Hinweise genügt, und schon war Timm gesprungen.

Sie war so vorsichtig gewesen all die Jahre. Und jetzt machte er sich darüber lustig. Zog sie auf. Denn natürlich war die Aufforderung, mit ins Bordell zu kommen, ein extrem fieser Witz. Denn er machte sich damit über mehrere Dinge gleichzeitig lustig: dass sie auf Frauen stand, dass sie im Schrank feststeckte und schon seit Jahren überhaupt keine Beziehungen und Affären mehr hatte, dass sie in seinen Augen eine sexuell frustrierte Karrierefrau war. Eine Karrierefrau ohne Erfolg auch noch.

»Viel Spaß«, knirschte Timm mit unterdrückter Wut.

»Werde ich haben. Ich vögel eine für dich. Tschüssi.«

Und damit hatte er schon aufgelegt.

Timm schmiss ihren Tischkalender gegen die Holzvertäfelung ihres Amtszimmers. Er machte ein befriedigendes lautes Geräusch. Zuerst beim Auftreffen auf die Wand und dann einen zweiten Bums beim Aufprall auf dem Boden inklusive flatternder Blätter.

Frau Klettke streckte augenblicklich ihren Kopf zur Tür herein. »Alles in Ordnung?«, fragte sie und sah sich im Zimmer um. Natürlich entdeckte sie den Kalender, hob ihn sogar auf.

Nicht einmal in Ruhe einen Tobsuchtsanfall konnte man in diesem Dorf haben. Alles, aber auch wirklich alles wurde beobachtet.

»Nichts ist in Ordnung.« Das entfuhr Timm in ihrem Ärger. Sie wollte eigentlich sagen: ›Alles in bester Ordnung‹, aber dazu war sie gerade nicht in der Lage. »Aber Sie können leider nicht helfen, Frau Klettke.«

Timm zwang sich zu einem Lächeln, das auf ihre Sekretärin aber mehr wie das Zähnefletschen eines Klingonen gewirkt haben musste, denn sie zog ganz schnell ihren Kopf zurück und ließ sie allein. Auch gut.

Ein umgänglicher Ton mit den Untergebenen war nur bis zu einem gewissen Punkt sinnvoll. Auch eine von Gereons Weisheiten.

Verfluchter Gereon Kaiser. Bisher hatte sie immer gedacht, dass ihre Verbindung zu ihrem alten Mentor ihr größtes Pfand für die Zukunft wäre. Jetzt in ihrer Wut kam er ihr wie ein Betonklotz vor, der sie dahin betonierte, wo er sie haben wollte. Und genau wie ein Betonklotz ließ er sich nicht einfach abschütteln.

Sie musste sich beruhigen. Wo diese plötzliche Wut herkam, wusste sie gar nicht. Das war neu. Das würde sich wieder geben. Sie musste das nur sacken lassen und wieder eine objektive Perspektive einnehmen. Genau. Sie war zu aufgewühlt, zu emotional. Typisch Frau, würde Gereon dazu sagen.

Timm stand auf und strich ihren Rock glatt. Sie ließ den Atem einmal laut ausströmen, nahm die Kaffeetasse und verließ ihr Amtszimmer.

Frau Klettke beobachtete sie verstohlen von ihrem Schreibtisch aus, sagte aber nichts. Getraute sich wahrscheinlich nicht, die Bürgermeisterin in dieser Stimmung noch einmal anzusprechen.

Timm lief den stattlichen Gang des ehemaligen Schlosses hinunter, wo der Ratssaal lag und das Trauzimmer. Er war vier Meter breit und mindestens ebenso hoch, mit altem, auf Hochglanz poliertem Parkett und einem durchgängig verlaufenden Teppich, der wirklich die gesamte Länge am Stück gewebt war. Lange Streifen in dunklen Farben, die sich von ihrem Büro bis auf die andere Seite des Schlosses verfolgen ließen.

Wohin sie auch auf ihren schwarzen Pumps ging, da die Küche und die Sanitärräume genau dort lagen.

Einmal Toilette und Kaffeeholen später war sie unter Frau Klettkes misstrauischem Blick wieder an ihren Schreibtisch zurückgekehrt. Und auch schon wesentlich ruhiger.

Nun zu der zweiten Angelegenheit, die ihr auf den Nägeln brannte. Ihr Gespräch mit den drei Frauen und die Information, die sie dabei erhalten hatte. Nicht in Bezug auf das Schwesternhaus. Die zweite Sache, die so nebenbei herausgerutscht war.

Wenn sie das alles richtig interpretierte, dann gab es im Dorf eine Quelle für Cannabis. So, wie diese Torpedotante das Wort Gras in ihre verschwurbelten Sätze eingebaut hatte, war das für Timm nach einigem Nachdenken eindeutig geworden. Auch weil sie sich eindeutig verplappert hatte.

Da Weiler nicht gerade der Hotspot des Nachtlebens war oder sonst ein großer Umschlagplatz, konnte das nur bedeuten, dass hier jemand illegalen Hanf anbaute. Und wenn Timm eins nicht gebrauchen konnte, dann war das ein handfester Skandal. Nicht in ihrem Dorf, nicht in ihrer Amtszeit, nicht, solange Cannabis noch illegal war.

Wenn sie mal nicht mehr hier war, wenn die Gesetzgebung sich änderte, dann war ihr das alles reichlich egal. Dann konnten die Kiffer der Welt ihren Stoff aus Weiler beziehen. Und auch alle zum Rauchen hierherkommen und ihre Bongs auf dem Marktplatz anzünden oder ihre Joints oder wie auch immer das hieß. Aber nicht jetzt und mit ihr.

Sie musste der üppigen Rothaarigen fast dankbar sein, dass sie diese Information unbeabsichtigt herausgelassen hatte. Die würde aber kein Dankeskärtchen von ihr bekommen. Am besten durfte sie gar nicht erfahren, dass Timm ihr Gestammel richtig interpretiert hatte.

Timms Hypothese war also, dass es im Dorf Marihuana-Plantagen gab und dass es ergo jemanden gab, der das Zeug verkaufte, das er dort anbaute. Dealen nannte man das wohl im Fachjargon.

Ihr Vorgehen war also erst einmal ganz einfach: Sie würde als ersten Schritt ihrer Recherchen alle Höfe abklappern. Unter irgendeinem Vorwand, das war ja nicht so schwer. Sie war ja schließlich die Bürgermeisterin. Dabei würde sie schon erschnüffeln, ob da irgendwas im Busche war. Wortwörtlich.

Um diese Jahreszeit gab es natürlich keine Plantagen auf den Feldern. So unkundig war sie nun auch nicht, was Landwirtschaft anging. Es sei denn, es gab Gewächshäuser? Aber das wäre ja nun wirklich zu auffällig. Wenn sie auf den Höfen nicht fündig würde, würde sie mit den großen Gärten weitermachen.

Timm lenkte sich selbst mit dieser Jagd nach der Nadel im Heuhaufen von ihrem wirklichen Problem ab. Das war ihr schon bewusst. Aber wenn sie dabei illegale Machenschaften auffliegen lassen konnte, war das die beste Medizin für ihre Sorgen.

ENDE DER FORTSETZUNG

Lo Jakob: Die Bürgermeisterin, ihre Reitlehrerin, deren Pferde und die ganze Feuerwehr

1. Akt 1 Claudia »Bürgermeisterin, dein Holzstapel brennt.« Claudia bekam die wenigen Worte kaum...
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4 Timm Timm hatte den Termin eigentlich nur mit der Dorfhausärztin vereinbart. Aber jetzt standen...
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