»Nein«, erwiderte sie schnell, bevor es noch schlimmer werden konnte. »Ich heiße nicht ›Einfach‹. Ich bin die Claudia.«

Kurz starrte die Bürgermeisterin sie an. Ihr Gesichtsausdruck war für Claudia schlicht nicht zu deuten. Sah Timm Anderl so aus, wenn sie neutral aussehen wollte und es sich verbot, irgendeinen Ausdruck zu zeigen, weil der zu negativ gewesen wäre? War das der Ausdruck, den die Dörfler emotionslos nannten? Dann passte es tatsächlich.

»Okay«, sagte die Bürgermeisterin schließlich gedehnt. »Claudia. Ich rufe jetzt Dieter, den Feuerwehrkommandanten, an.«

Auch den Moment, in dem die Bürgermeisterin zum ersten Mal ihren Namen sagte, hatte Claudia sich besser vorgestellt. Zumindest nicht so abgründig.

Claudia stand da wie ein begossener Pudel. Wie Conchita, wenn sie im Bach planschte. Aber die schüttelte sich dann einfach. Das war bei ihr keine Lösung.

Der schöne Plan, vollkommen danebengegangen.

Die Erkenntnis schlug ein wie ein Blitz in Claudias von unerwiderter Vernarrtheit verknoteten Gehirnwindungen. Ihr Plan war von Anfang an bescheuert gewesen. Und hochgradig kriminell, nicht nur so ein kleines Kavaliersdelikt, wie sie es sich eingeredet hatte. Wenn sie ehrlich mit sich selbst war. Viel schlimmer in ihrer eigenen Moralhierarchie in Bezug zu ihren anderen heimlichen Straftaten.

Sie war eine Idiotin gewesen. Das alles hatte sie sich eigentlich wunderbar zurechtgelegt: dass das Risiko ja minimal gewesen wäre. Dass der Holzstoß ja viel zu weit weg vom Haus wäre und maximal einen oder zwei der Parkbäume beschädigen könnte. Pah!

»Mit einem Eimer könnte ich schon mal Wasser draufschütten, damit es nicht um sich greift.« Claudia versuchte es noch einmal. Irgendetwas in ihr wollte noch nicht ganz die Segel streichen.

Sie hätte gleich einen Eimer deponieren sollen. Aber das wäre maximal auffällig gewesen, wenn die Brandstifterin gleich die Ausrüstung zum Löschen mitbrachte. So dämlich war sie in ihrer Vernarrtheit in die Bürgermeisterin dann doch nicht gewesen.

Doch so, wie der Wind gerade dabei war zu drehen und Funkenflug in Richtung eines Schuppens auf dem Nachbargrundstück trieb, war an ihrer Argumentation sogar etwas dran.

Das hatte sie so auch nicht geplant. Sie hatte gedacht, alle Risiken einkalkuliert zu haben, aber sie hatte einfach keine Ahnung von der potenziellen Entwicklung eines solchen Brandes.

Jetzt wurde es Claudia doch so richtig mulmig. Ihr pubertärer Scheißplan entpuppte sich gerade als solcher und mutierte zum Albtraum. Und das alles für eine Frau, die Claudia selbst jetzt, da sie vor ihr stand, nicht wirklich wahrnahm.

Eine Frau, die noch dazu vierzehn Jahre jünger war als sie. Timm Anderl sah zwar aus wie Anfang vierzig, war aber erst vierunddreißig, wie Claudia im Internet nachgelesen hatte.

Das hatte sie für ein paar Tage so konsterniert, dass sie die Vernarrtheit beiseiteschieben konnte, aber dann kam das Gefühl massiv zurück, als sie die Bürgermeisterin kurz beim Bäcker Schneck gesehen hatte. Sie hatte sich ein Eclair gekauft. Eines mit Kaffeegeschmack, das der Bäcker Schneck wie kein anderer im Umkreis von dreihundert Kilometern oder vielleicht in ganz Deutschland hinbekam.

Da ein Eclair auch Liebesknochen genannt wurde, hatte es Claudia sich zusammengereimt, dass ihre erneut ausbrechende Gefühlswallung damit zusammenhing. Sie konnte gar nicht anders, als beim Anblick der gutaussehenden jungen Bürgermeisterin mit einem Liebesknochen in der Hand in Liebe für sie zu entbrennen.

Lichterloh wie der Holzstoß, der so langsam außer Kontrolle geriet. Genauso außer Kontrolle musste sie gewesen sein, als sie ihn angezündet hatte. Als sie das hier geplant hatte. Es musste eine Form von Wahnsinn gewesen sein. Liebeswahn, falls es das gab.

Die Erkenntnis schlug noch einmal massiv wie ein Blitz ein. Sie konnte es nicht länger ignorieren. Sie musste akzeptieren, was für einen kolossalen Bockmist sie verbrochen hatte.

Claudia ließ die Bürgermeisterin stehen und rannte in den verwilderten Garten des Schwesternhauses. Es musste doch hier irgendwo einen Wasseranschluss geben. Einen alten verbeulten Blecheimer hatte sie schon im Gebüsch entdeckt.

Conchita sprang neben ihr her, als ob das das beste Abenteuer seit Langem wäre, das sie machten. Sie ließ sich auch von dem brennenden Holzstoß nicht beeindrucken. Der Pudelmischling war wirklich gut abgehärtet. Das hatte Claudia schließlich so mit ihr trainiert. Beim Ausreiten wäre ein unkontrollierbarer Hund, der auch noch vor allem Möglichen Angst hatte oder wild jagen gehen wollte, eine riesige Gefahr. Für sich selbst aber auch für die Pferde und alle anderen.

Gleich um die Ecke wurde Claudia fündig. Ein antik aussehender Wasserhahn schaute aus der Backsteinmauer des angrenzenden Gebäudes hervor.

Mit etwas roher Kraft ließ der verrostete Knauf sich drehen und es spratzte Wasser in den Blecheimer. Zuerst furchtbar rostig und unregelmäßig, dann immer klarer und in einem gleichmäßigen Strom, der den Eimer im Nu füllte.

Wie gut, dass sich hier niemand um etwas kümmerte und das Wasser nicht abgestellt war. Und auch nicht eingefroren, wie es im Februar durchaus hätte sein können.

Claudia rannte mit dem gefüllten Eimer los in Richtung Flammenmeer. Sie schaffte es, nur wenig unterwegs zu verschütten, und konnte mit Sicherheitsabstand die ersten zehn Liter Wasser schwungvoll ins Feuer gießen.

Ohne zu schauen, ob es eine Wirkung hatte, rannte sie wieder zurück zum Wasserhahn und füllte den Eimer erneut. Der Blicke der Bürgermeisterin war sie sich bewusst. Die hielt sie wahrscheinlich für wahnsinnig oder seltsam oder beides zusammen.

Willkommen im Klub. So wie der Rest des Dorfes auch. Das war sie gewöhnt. Nichts Neues. Es gab ihr einen kleinen Stich, dass das ausgerechnet die Frau, die sie beeindrucken wollte, auch tat, aber der Gedanke an das, was sie angestellt hatte, löschte das sofort.

Claudia war geheilt von ihrer Vernarrtheit. Manche Dinge musste man kauterisieren. Ausbrennen, wie der lodernde Holzstapel. Auch da würde hoffentlich nur eine hässliche verbrannte Narbe zurückbleiben und nicht mehr.

2
Timm

Timm beobachtete die Frau, die in ihrem Garten hin- und herflitzte wie eine hilfreiche, aber irre Elfe. Borgdrohne oder der Roboter R2-D2 aus Star Wars passten nicht bei solch einer großen, schmalen und anmutigen Person. Und andere hilfreiche oder weniger hilfreiche Außerirdische fielen ihr gerade nicht ein.

Sie war sich nicht sicher, ob sie sie abhalten sollte von ihrem Versuch, das Feuer zu löschen, um sie vor sich selbst zu schützen. Oder ihr helfen sollte. Diese Verwirrung führte zu für sie ungewohnter Entscheidungsschwäche. Sie blieb einfach an ihrer Haustür stehen und ließ die schlaksige Elfe machen.

Timm war nicht gerade groß. Mit ihren ein Meter einundsechzig war sie eher klein im Verhältnis zu anderen Leuten.

Als die Frau vor ihr gestanden hatte, waren sie ungefähr auf Augenhöhe gewesen, aber nur weil Timm die zwei Stufen am Eingang nicht heruntergestiegen war.

Trotz ihrer Größe sah die Frau zierlich aus. Als ob Timm sie sich unter den Arm klemmen könnte und sie davontragen.

Diese Claudia schleppte jedoch die vollen Wassereimer, als ob sie nichts wiegen würden, und war von dem Gerenne mit den Eimern auch gar nicht außer Atem. Ihr wunderhübscher rotbrauner Hund immer an ihrer Seite.

Timm beobachtete nicht nur die Frau, sondern auch den Holzstoß. Das Feuer war ihr ganz und gar ungeheuerlich. Es sah so aus, als ob es durchaus überspringen könnte auf den Schuppen der Nachbarn, und von dort aus war es nicht weit bis zum Nachbarhaus selbst. Außerdem fragte sie sich wirklich, wie das Holz überhaupt hatte Feuer fangen können. Das war ihr vollkommen schleierhaft.

Die Bemühungen dieser ›Einfach Claudia‹ sahen nicht so aus, als ob sie viel bewirken würden. Wenn sie ihren Eimer auf das Feuer kippte, wurde es an der Stelle etwas dunkler im Flammenmeer und es dampfte gewaltig in den Morgenhimmel, aber immer nur für einen kurzen Moment. Sobald das Wasser verdampft war, loderte das Feuer mit gleicher Kraft weiter.

Lo Jakob: Die Bürgermeisterin, ihre Reitlehrerin, deren Pferde und die ganze Feuerwehr

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»Nein«, erwiderte sie schnell, bevor es noch schlimmer werden konnte. »Ich heiße nicht ›Einfach‹....
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