Sie hoffte, dass die Feuerwehr bald käme. Die Zeit kam ihr ewig vor, aber vermutlich waren es nur Sekunden und keine Minuten, die sie jetzt schon hier in der Kälte stand und das Inferno beobachtete.

Während die Frau wieder gekonnt einen Eimer mitten ins Feuer schüttete, schlich sich der absurde Gedanke ein, dass hier genau das falsche Ding brannte. Wenn schon ein Brand, warum konnte dann nicht dieses verdammte Schwesternhaus abfackeln? Das hätte so viele ihrer Probleme gelöst. In Luft aufgelöst sozusagen. In Rauch und Asche. Brandsanierung nannte man das.

Und das war ja genau das, was ihrem Vorgänger den Posten gekostet hatte. Dass er Pläne hatte, genau das zu tun. Wenn nicht irgendeine Schriftstellerin aus dem Dorf eingestiegen wäre – aus Gründen, die sich Timm bis heute noch nicht erschlossen – und dann im Schwesternhaus einen Unfall gehabt hätte, wäre der Plan wohl nicht aufgeflogen.

Aber so waren eine Aluleiter und noch andere überführende Dinge wie Brandbeschleuniger und Brennmaterial gefunden worden. Inklusive einer Amazon-Rechnung an die Adresse ihres Vorgängers. Bescheuerter konnte man nicht sein. Das fand Timm ganz ehrlich aus tiefstem Herzen. Er hatte verdient, was danach kam. Wenn man so etwas tat, musste man es ganz anders angehen. Sodass es nicht nachgewiesen werden konnte. So würde sie das machen.

Sie beäugte den brennenden Holzstoß. Wie groß standen die Chancen, dass das Feuer noch auf das Schwesternhaus übersprang? Timm konnte das mit einem Blick abschätzen. Sie gingen gegen null. Nein, sie lagen sogar im Negativbereich. Äußerst unwahrscheinlich, lautete das Ergebnis.

Wenn diese Claudia nicht geklingelt hätte, sie das Feuer rechtzeitig selbst entdeckt hätte, hätte sie es womöglich so aussehen lassen können, als ob das Schwesternhaus ganz zufällig auch mit in Flammen aufgegangen wäre. Aber alles nichts. Und wenn sie ganz ehrlich mit sich selbst war, dann war sie gar nicht der Typ für solche Sachen. Sie hätte wahrscheinlich auch einfach so die Feuerwehr gerufen.

Die Elfe namens ›Einfach Claudia‹ hatte das mit ihrem Helfersyndrom nur schneller in die Wege geleitet. Bevor hoffentlich etwas Schlimmeres passierte.

Inzwischen blieb der Hund an der Hausecke sitzen und lief nicht mehr mit bis zum Feuer. Das lag bestimmt an der Hitze, die mittlerweile bis zu Timm an die Haustür strahlte und die Februarkälte vertrieb. Oder an den Funken, die in alle Richtungen stoben.

Ihre ungewollte Helferin würde womöglich den einen oder anderen abbekommen. Sie war allerdings dick angezogen in der winterlichen Morgenkälte. Eine Seemannsmütze saß ihr inzwischen schief auf dem Kopf, blonde kurze Locken schauten darunter keck hervor. Ihre dunkelblaue zweireihige Seemannsjacke würde bestimmt hinterher nach Rauch stinken. Sie war ein Naturtyp mit sonnengebräunter Haut selbst im tiefsten Winter. Wie alt sie wohl war? Sie strahlte eine gewisse Alterslosigkeit aus, die das schwer schätzen ließ. Timm vermutete ein paar Jahre älter als sie, aber nicht mehr als fünf.

Diese ›Einfach Claudia‹ war ein ausgewachsener Tomboy, aber irgendwie vermischt mit schlaksiger Elfe. Ein Typus Frau, der garantiert in der öffentlichen Verwaltung auffallen würde wie ein bunter Hund und schon gar keine Karriere machen würde. Für diese Mitglieder der Buchstabensuppe der LGBT und so weiter inklusive Sternchen und Gedöns gab es keinen Platz, wo Timm arbeitete, und schon gar nicht, wo sie hinwollte. Das war so sicher, wie die Kirchenglocken in Weiler jeden Morgen um fünf Uhr anfingen zu läuten. Todsicher.

Die John-Lennon-Brille rundete das Bild ab, das diese ›Einfach Claudia‹ abgab. Von den schweren Stiefeln mal ganz abgesehen. Aber ganz privat musste Timm zugeben, dass die Frau süß aussah. Und irgendwie war sie auch wirklich eine Heldin im Alltagsformat, wie sie sich da reinstürzte in den aussichtslosen Kampf, den Holzstoß löschen zu wollen mit dem alten verbeulten Wassereimer. Das würde Timm nur hier im Dorf niemals wagen zu äußern oder auch nur ansatzweise zu erkennen zu geben. Hier trug sie ihre beste neutrale Miene zur Schau. Denn Timm wollte ganz nach oben.

Endlich hörte sie von Weitem die Sirene der Feuerwehr sich nähern. Einmal quer durchs Dorf würden alle Einwohner mitbekommen, dass es irgendwo brannte. Kurz ärgerte sie sich darüber. Denn es gab ja wohl in Weiler morgens um halb sieben keinen Grund, die Sirene anzuschmeißen. Wer war denn da schon unterwegs und verstopfte die Straßen? Sie konnte höchstpersönlich die drei Personen mit Vor- und Nachnamen nennen und zur Not sogar die dazugehörige Adresse.

Ihre Helferin hätte jetzt ja aufhören können, weiter Wasser zu schleppen, aber sie machte gar keine Anstalten dazu.

»Die Feuerwehr kommt!«, rief Timm ihr zu, als sie ihren Eimer erneut geleert hatte.

›Einfach Claudia‹ sah kurz zu ihr und dann gleich wieder weg. Ignorierte sie und rannte wieder in den Garten. Sie musste doch inzwischen von dem frostigen Wasser eiskalte Hände haben. Wer lief denn im Februar bei der Kälte ohne Handschuhe umher und planschte dann auch noch mit Wasser herum?

Außerdem war Timm es nicht gewohnt, so ignoriert zu werden. Sie war hier die Bürgermeisterin. Wenn die Leute sie auch nicht besonders mochten, sie wussten ihre Kompetenz zu schätzen, und man begegnete ihr mit dem nötigen Respekt. Doch offensichtlich zählte ihr Wort nicht bei allen hier etwas. Das ärgerte sie ein wenig und sie ertappte sich dabei, wie sie ihren neutralen Gesichtsausdruck verlor und die Stirn runzelte.

Das große Feuerwehrfahrzeug kam in diesem Moment bereits in die kleine Seitenstraße eingebogen und fuhr rasant an den Autos ihrer Nachbarn vorbei, die dicht am Straßenrand parkten.

Innerhalb von Sekunden wimmelte es vor dem Schwesternhaus an Feuerwehrleuten. Schläuche wurden entrollt und andere Ausrüstung hervorgeholt.

Das war ihre Truppe. Sie war als Bürgermeisterin in Weiler automatisch auch im Vorstand der Freiwilligen Feuerwehr. Sozusagen Feuerwehrfrau Nummer eins hier im Ort. Sie hatte ja keine Ahnung vom Löschen eines Feuers, aber sie hatte darüber zu entscheiden, ob es ein neues Feuerwehrfahrzeug gab oder nicht.

Wenn sie eines in ihrer Ausbildung zu Verwaltungswirtin gelernt hatte bei ihrem alten Chef, dann dass man die Feuerwehr immer großzügig behandelte und mit der Truppe stets auf gutem Fuß stehen musste. Das war ihr bisher in Weiler geglückt.

Hier war ein gutes Übungsfeld, denn garantiert würde sie nicht in diesem kleinen Kaff versauern. Timms Pläne beinhalteten nicht so einen kleinen Ort wie Weiler. Sie war noch jung und wollte noch was reißen. Größere Städte schwebten ihr vor. Sie musste es nur geschickt anstellen, sich nichts zu Schulden kommen lassen und dann bei passender Gelegenheit den Absprung einfädeln.

Sich nichts zu Schulden kommen zu lassen, war wahrscheinlich der schwierigste von den drei Punkten. Denn das war sehr schwammig, was darunter zu verstehen war. Deshalb lebte sie in Weiler auch nicht offen. Hier in Weiler ging jeder davon aus, dass sie strunzheterosexuell war und noch nie in ihrem Leben einen queeren Gedanken hatte. Und dabei war sie so was von queer!

Heimlich lachte sie darüber. Für sich. Und ganz ausgeschlossen war es ja auch nicht, dass sie noch einen Mann treffen würde, bei dem sie in der Lage dazu wäre, ihn pro forma zu heiraten. Obwohl sie eindeutig nur auf Frauen stand, sollte das doch möglich sein. Für ihre Karriere jedenfalls wäre das das Beste.

Schneller als Timm gucken konnte, gab das Feuer klein bei unter einem Schwall professionell eingesetzten Wassers. Die kläglichen Überreste des Holzstoßes tropften vom Löschwasser.

Der Kommandant Dieter kam endlich zu ihr und erstattete Bericht. Er war dazu natürlich nicht verpflichtet, aber die Neuanschaffungen hatte sie zu genehmigen – das war eine auch ihm bewusste Tatsache. So tickte die Welt. Ein Austausch an Gefälligkeiten, Verbindungen schaffen, sich mit den richtigen Leuten gutstellen. So einfach war das. Und Timm wollte definitiv einen Teil vom großen Kuchen abhaben. Und was war daran verkehrt? Gar nichts. Die ganzen Gutmenschen, die aus irgendwelchen Gründen so taten, als ob das falsch wäre, verstand sie nicht. Damit konnte sie nichts anfangen. Das war nicht sie.

Lo Jakob: Die Bürgermeisterin, ihre Reitlehrerin, deren Pferde und die ganze Feuerwehr

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