»Alles unter Kontrolle, Frau Anderl«, sagte der Kommandant bereits im Heranlaufen.

Sie mochte, wie respektvoll sich das anhörte. Er drückte deutlich aus, dass er wusste, wer von ihnen beiden in der Rangordnung höher stand. Nämlich die Frau Bürgermeisterin. Das gefiel ihr, war sie deshalb ein schlechter Mensch? Timm fand nicht. Sie war nur ehrlich mit sich.

»Sehr gut. Was hat denn das Feuer ausgelöst? Ich meine, es ist Ende Februar, es ist kalt und nass, wie kann da etwas aus dem Nichts heraus Feuer fangen?«, fragte Timm mit ernster Stimme.

»Tja, das fragen wir uns auch. Ich werde einen Sachverständigen kommen lassen, der sich das anschauen soll. Aber meine erste Vermutung ist Brandstiftung.«

»Brandstiftung an einem Stoß aus altem Abfallholz? Ergibt das einen Sinn?« Das kam Timm sehr absurd vor.

»Keine Ahnung. Es gab schon Seltsameres. Vielleicht Jugendliche?«, erwiderte der Kommandant mit einer blödsinnigen Mutmaßung.

»Wenn man keinen anderen Schuldigen findet, sind es im Zweifelsfall anscheinend immer Jugendliche. Gute Ausrede.« Timm konnte es nicht leiden, dass Jugendliche immer als Sündenböcke herhalten mussten. Erwachsene bauten ihrer Erfahrung nach meist den gefährlicheren Unsinn. Und auch häufiger.

»Na ja, aber wer soll es sonst gewesen sein?«, fragte der Kommandant ein bisschen kleinlaut.

»Das weiß ich doch nicht. Finden Sie es heraus. Wo ist die Polizei?« Timm hatte sich gewundert, dass sie nicht schon längst hier war.

»Wieso Polizei?«, fragte Dieter, der Kommandant, und Timm zweifelte plötzlich an seiner Eignung für diese Stellung.

»Wenn man nicht alles selbst macht . . .« Dieser Satz entfuhr Timm ungewollt. Sie kramte ihr Smartphone heraus und ließ den Kommandanten stehen. Wenn die Polizei kam, würden sie eine Aussage von der elfenhaften Helferin aufnehmen wollen, die das Feuer entdeckt hatte.

Timm stapfte mit dem Handy am Ohr durch den verwilderten Vorgarten des Schwesternhauses und versuchte, sie unter den Feuerwehrleuten und Schaulustigen ausfindig zu machen. Ziemlich schnell wurde ihr jedoch klar, dass sie verschwunden war. Ein Duo wie Tim und Struppi war doch gar nicht zu übersehen. Aber keine Spur von der Frau in ihrer Matrosenjacke und ihrem hübschen lockigen Hund.

Als der Anruf zur zuständigen Polizeidienststelle durchgestellt wurde, wo sie die Polizisten sehr gut kannte, verpasste sie es erst einmal zu antworten. So sehr irritierte es sie gerade, dass sie die Frau nicht finden konnte. Warum und weshalb war ihr selbst unklar. Sie hatte lediglich gehofft, diese ›Einfach Claudia‹ noch mal zu sehen. Nicht erfüllte Erwartung – das war alles.

Timm fing sich wieder, schob jeden Gedanken an ihre frühmorgendliche Helferin beiseite und ging ihren Pflichten nach. So wie jeden anderen Tag im Jahr auch. So wie ihr ganzes restliches Leben. Timm funktionierte immer zu hundertfünfzig Prozent. Auch wenn gerade ein Brand ihren Morgen erhitzt hatte. Nur eine weitere Erledigung auf einer ihrer endlosen Listen, die sie mit der Energie einer startenden Weltraumrakete anging.

3
Claudia

Der Drache von Weiler saß in ihrem Reiterstübchen.

Claudia hatte sich gerade nach dem morgendlichen Ausmisten – und vor allem nach dem morgendlichen Brandlegen und dann wieder löschen – einen Kaffee machen wollen.

Nichtsahnend hatte sie den kleinen Raum neben dem Stall betreten und schon beim Öffnen der Tür bemerkt, dass da jemand saß, was jedoch nicht ungewöhnlich war. Aber erst beim Stiefelabtreten hatte sie gesehen, wer es war.

Niemand aus dem Dorf hasste Claudia und ihre Tiere so wie diese Frau. Daher hatte sie Claudia bisher mit höchster Missachtung gestraft. Hetzerisches Intrigieren im Geheimen und abschätzige Blicke. Claudia direkt angesprochen hatte sie noch nie.

Aber sie hatte auch noch nie so ausgesehen wie jetzt. Die normalerweise in Form betonierte Frisur hatte sich in ein Krähennest verwandelt. Die sonst so perfekt gebügelten mausfarbenen Kleider waren verkrumpelt und fleckig. Das Gesicht aschfahl und um Jahre gealtert. Das war eine andere Version des Drachen. Aber vermutlich nicht weniger gefährlich, sondern eher mehr.

Das bestätigte sich sofort, als Conchita in ihrer freundlichen Art zu der Frau hinlief, die am ersten Stuhl des Tisches saß, und sie begrüßen wollte.

»Nimm sofort dieses dreckige Viech von mir weg!«, fauchte der Drache und stieß eine warnende Rauchsäule aus.

Zumindest interpretierte Conchita das so. Denn Claudias übertrieben freundlicher Hund, der in allen zuerst einmal Freunde sah und nie, aber auch wirklich gar nie, bellte, biss oder knurrte, fletschte die Lefzen und ließ einen drohenden grollenden Ton von tief aus der Brust erklingen. Plötzlich glich sie eher einem Wolf als einem Pudelmischling mit süßen Locken.

»Conchita«, sagte Claudia leise und klopfte sich an den Schenkel. Das reichte und Conchita war sofort an ihrer Seite.

Sie hatte sie allerdings nicht zurückgepfiffen, wie der Drache wohl vermutete, sie hatte ihr lediglich gesagt, dass ihr Platz an ihrer Seite war. Das konnte man so oder so interpretieren. Conchita wusste aber sehr wohl, dass es hieß, dass sie den Drachen im Zweifelsfall gemeinsam bekämpfen müssten.

Eigentlich wollte sie sich von der Frau nicht in ihrem eigenen Reiterstübchen vorschreiben lassen, was sie zu tun und zu lassen hatte, aber gleichzeitig konnte Claudia sich nicht vorstellen, jetzt eine Tasse Kaffee zu trinken, als ob nichts wäre.

Also blieb sie einfach stehen und wartete. Sie sah die Frau an und sagte nichts. Das war auch gar nicht nötig. Die meisten Menschen redeten eh viel zu viel und dachten, sonst würden sie nicht verstanden werden. Was aber nicht ganz stimmte, denn die Körpersprache brachte mindestens genau so viel zum Ausdruck wie das gesprochene Wort. Ein Wissen, das man im Umgang mit Pferden jeden Tag brauchte. Es funktionierte aber nicht nur bei Pferden und anderen Tieren wunderbar, Menschen reagierten intuitiv auch darauf. Selbst wenn sie sich dessen nicht bewusst waren.

Jetzt drückte Claudia mit ihrem breitbeinigen Stand, aufgestützten Armen und ihrem festen Blick aus, dass sie sich hier auf ihrem Terrain befanden, dass sie den Ton angab und dass sie auf jede Bedrohung massive Maßnahmen folgen ließe. Sie hoffte nur, ihr Tick am rechten Augenlid würde sich nicht in diesem Moment bemerkbar machen. Das passierte immer, wenn sie unter Druck stand oder nervös war. Aber jetzt gerade glücklicherweise nicht.

Der Drache von Weiler konnte ihrem festen Blick nicht standhalten und schaute weg. Auf ihre Schuhe hinunter.

Sehr gut: gesenkter Blick. Sie hat meine höhere Stellung in diesem Moment akzeptiert, analysierte Claudia. Sie, der Drache, der eigentlich Schneck hieß, und das war vielleicht auch das bessere innere Bild, das Claudia verwenden sollte, räusperte sich. Eigentlich war diese Frau doch wirklich nicht viel gefährlicher als eine Schnecke. Denn was konnte sie Claudia schon antun? Ihren Ruf hatte sie in Weiler vermutlich eh schon erfolgreich ruiniert.

»Ich will etwas kaufen«, sagte Frau Schneck und zog aus ihrer Handtasche eine Verpackung heraus.

Claudia war so geschockt, dass sie fast vergaß, ihren festen Stand aufrechtzuerhalten. Conchita neben ihr knurrte wieder ganz leicht. Von wegen, die Frau konnte ihr nichts antun. Offensichtlich nämlich sehr viel. Sie könnte sie sogar ruinieren. Aber das durfte sie sich auf keinen Fall anmerken lassen.

»Was denn kaufen?« Claudia würde so schnell gar nichts zugeben. So viel stand fest. Ihr Auge zuckte verräterisch.

»Das, was hier drin war.« Der Drachenschneck hob die kleine Schachtel hoch.

Claudia sah die Schachtel an und ließ sich Zeit mit der Antwort. Aber auch nicht zu viel, um nicht so auszusehen, als ob sie sich eine Lüge ausdenken würde. Was sie ja tat.

»Ich habe keine Ahnung, was das gewesen sein könnte«, antwortete sie schließlich. Wieder zuckte ihr Auge und sie verfluchte innerlich ihren Tick, der sie sonst nicht störte, aber gerade immens lästig war.

Lo Jakob: Die Bürgermeisterin, ihre Reitlehrerin, deren Pferde und die ganze Feuerwehr

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