1. Akt
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Torpedotante

Sie hatte noch nie vor einem Kongress voller Feministinnen ihre Burlesqueshow aufgeführt. Vielleicht würde sie das erste Mal ausgebuht werden. Das lag durchaus im Bereich des Möglichen.

Carolina Zacharias trat als ihr Alter Ego Torpedotante auf die stockfinstere improvisierte Bühne. Sie hörte das aufgeregte Rascheln des Publikums. Fast alles Frauen. Ihr Herz wummerte vor Aufregung. Ihre Verkleidung zwickte – die Baseballuniform, für die ihre ungewöhnliche Nummer bei Insidern mittlerweile bekannt war.

Dann setzte mit einem Paukenschlag ihre Musik mit kreischenden Gitarren und einem treibenden Bass ein, Stroboskoplichter fluteten den Saal.

Eigentlich eine Schwachsinnsidee, hier aufzutreten, aber jetzt war es zu spät für einen Rückzieher. Sie stürzte sich in ihren Auftritt mit allem, was sie hatte. Und das war nicht wenig. Im Zweifel Angriff – das war ihr bewährtes Motto.

Carolina wirbelte den Baseballschläger herum, präsentierte ihre typische martialische Show und machte ihrem Namen alle Ehre. Sie hatte einen Helm mit einem Gesichtsgitter auf, darunter schwarze Streifen unter den Augen. Der erste Part ihrer Performance war aggressiv-männlich konnotiertes Angriffsverhalten und Gepose. Sie überzeichnete es bis zum Anschlag. Darin war sie so richtig gut. Sie würde die Feministinnen wie ein Torpedo wegfegen. Ob sie es wollten oder nicht.

Die Musik hämmerte durch den Saal. Carolina war froh, dadurch keine empörten Ausrufe zu hören. Und Gesichter konnte sie in dem flackernden Licht auch nicht ausmachen. Das war ein Blindflug hier.

Sie riss den Helm herunter, ließ ihre langen roten Haare herausfallen wie eine Kaskade und fauchte gleichzeitig ins Publikum. Das gehörte immer zur Show, aber ein bisschen Drohgebärde konnte hier sicherlich nicht schaden.

Sie ließ schließlich die ersten Hüllen von ihrem üppigen Körper fallen. Das war der Moment. Sieg oder Niederlage. Auf alle Fälle würde sie mit hocherhobenem Haupt hier rausgehen. Egal was käme. Das schwor sie sich, als sie ihr überdimensionales T-Shirt zusammen mit dem Helm nach hinten warf. Sie würde das hier durchziehen, bis sie wie immer nur noch im Tangaslip performte. In all ihrer weiblichen Pracht. Ihr nackter Rubenskörper würde diesen Saal flashen. Da müssten die Feministinnen sie schon von der Bühne zerren, ehe sie sich das vermasseln ließe.

Sie riss sich die Uniformhose herunter. Das ging ganz leicht, weil sie ihr Kostüm an den entscheidenden Stellen entlang der Nähte mit Klettverschlüssen ausgestattet hatte. Von Fans hatte sie sich sagen lassen, dass das noch jedes Mal beeindruckend aussah. Kraftvoll. Selbstermächtigend.

Jepp, das war sie, Torpedotante. Ihr Bühnenname sollte allen Walküren wie ihr zur Ehre gereichen. Mut machen, sagen: Wir verstecken uns nicht. Hier sind wir und wir sind schön. Jawohl!

Carolina wirbelte die Hose herum und stieß einen Schrei aus, während sie energiegeladen tanzte. Ihr Tanz war eine Mischung aus sinnlich-erotischer Provokation und den kraftvollen Bewegungen einer Kriegerin. Das war immer der beste Teil ihres aktuellen Programms. Wenn sie bis hierher gekommen war, fühlte sie sich meist schon unbesiegbar. Heute jedoch nicht ganz. Heute erwartete sie noch immer die ersten Buhrufe.

Und dann flog ihr der erste BH entgegen. Er war lila und mit Spitzen besetzt. Direkt kam ihr der Gedanke, dass Feministinnen seit den BH-Verbrennungen der siebziger Jahre doch gar keine BHs mehr trugen. So konnte man sich täuschen.

Carolina fing das zarte Wäschestück auf und rieb es sich wollüstig übers Gesicht.

Das war eine spontane Reaktion. Es war ihr noch nie ein BH zugeworfen worden und auch kein Schlüpfer. Deshalb hatte sie einfach getan, was ihr in den Sinn gekommen war. Improvisieren war Torpedotantes Spezialität. Sie liebte es zu improvisieren. Mit BHs umso mehr, wie es schien.

Und jetzt konnte sie über die Gitarrenriffs ihres Songs hinweg doch etwas hören. Die Frauen im Publikum pfiffen, schrien und jubelten. Nun kamen eine Krawatte angeflogen und eine Rose. Und schließlich auch ein Höschen. Aber hallo! Die Ladys hier waren sogar vorbereitet zu ihrem Auftritt gekommen. Carolina wagte es nicht zu hoffen, dass es sich eine Verehrerin gerade unter dem Rock hervorgezogen hatte. Was für ein Gedanke!

Mit neuem Schwung schmiss sich Carolina in die Performance. So über die Bühne gefegt war sie noch nie.

Irgendwann ließ sie ihre vollen nackten Brüste zur Musik hüpfen, ihre Brustwarzen waren mit schwarzem Klebeband kreuzförmig abgeklebt.

Als sie endlich nur noch im Slip ekstatisch tanzte, sah sie im helleren Licht der Scheinwerfer direkt vor der Bühne Frauen jubelnd mit ihr mittanzen.

Wow!

Ihr erster Gedanke war Stage Diving. Aber weil das selbst für sie eine Nummer zu abgedreht und gefährlich war, tat sie das, was ihr als Zweites in den Sinn kam: Sie ging ganz nach vorn an den Bühnenrand, hüpfte hinunter auf den Parkettboden des Saals und ließ sich von den begeisterten Damen umringen. Sollte mal jemand sagen, Carolina Zacharias würde die Gunst der Stunde nicht zu nutzen wissen.

Wenn hier nicht die Frau für immer dabei war, dann zumindest die Frau für eine heiße Nacht. So viel stand fest. Obwohl sie sich ja vorgenommen hatte, von One-Night-Stands die Finger zu lassen. Denn sie wollte ja eine echte und wahre Liebe finden.

Als sie so durch die Frauenkörper tanzte, fragte sich Carolina, warum sie eigentlich in einer monogamen Beziehung enden wollte. War das hier nicht viel besser? So viele Frauen waren hier, die sie begehren und beglücken könnte.

Aber noch während sie das dachte, gab ihr aufmüpfiges romantisches Herz eine Protestnote von sich und erinnerte an seine Bedürfnisse.

Carolina schlängelte sich aus den Verehrerinnen hinaus. Ihr Song näherte sich trotz Extended Version dem Ende. Sie sprang ausgelassen am linken Bühnenrand die drei Stufen hoch und legte gekonnt ihren getimten Schluss hin. Dann verschwand sie unter tosendem Applaus und begeistertem Johlen hinter dem Vorhang.

Feministinnen sind deutlich wilder als ihr Ruf, dachte sie glücklich. Was für ein Auftritt. Was für ein Abend. Ihr Herz wummerte jetzt aus ganz anderen Gründen als noch vor zehn Minuten. Sie war außer Atem wie selten nach einem Auftritt.

Carolina konnte das breite Grinsen im Gesicht nicht unterdrücken. Barfuß und fast nackt stand sie da und lauschte für einen kurzen euphorischen Moment dem begeisterten Publikum hinterm Vorhang.

Dann rannte sie noch einmal hinaus. Das war nicht spontan, sondern gehörte zu ihrem Auftritt. Nur wenn es gut lief. Aber das tat es eigentlich immer.

Ihre Musik hatte bereits wieder eingesetzt, und sie tanzte eine Zugabe. Dabei sammelte sie ihre Trophäen ein. Denn die würde sie auf keinen Fall zurücklassen. Unter ausgelassenen Begeisterungsrufen präsentierte sie jedes einzelne Stück noch einmal.

Den Slip hob sie sich fürs Finale auf. Sie schwenkte ihn zuerst, damit alle ihn gut sehen konnten, und dann biss sie hinein. Da, wo in ausgefülltem Zustand der weibliche Schatz verborgen lag. Sie grollte und knurrte und warf den Kopf wild hin und her.

Das löste eine weitere Welle an Zurufen aus. Gekreische sogar. Carolina grinste breit um ihr Beutestück herum, und dann fletschte sie die Zähne ins Publikum.

Unter den Zurufen verzückter Frauenstimmen stürmte sie mit dem Slip im Mund endgültig von der Bühne. Vielleicht sollte sie das mit dem Slip in eine neue Nummer einbauen. Das gefiel ihr immens gut. Und den Pussy-Liebhaberinnen im Publikum offenbar auch.

Sie blieb wieder schweratmend hinter dem Vorhang stehen und ließ die durch den Auftritt freigesetzten Endorphine durch sich durchpulsieren. Das war wie ein Rausch. Dafür machte sie Burlesque! Für dieses mächtige Gefühl. Mindestens die Hälfte der Frauen da draußen im Saal wollte sie, die Torpedotante. Die kleine, dicke Carolina aus der Kleinschneuzelreuterstraße, die immer gehänselt worden war wegen ihrer verfilzten Locken und ihrer Vorliebe für Süßigkeiten.

Lo Jakob: Die Torpedotante, ihre Feuerwehrfrau, deren Katze und das halbe Dorf

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