»Gut. Maxi ist eine sehr gute Kameradin«, antwortete ihre Patientin. Wow, Consuelo war so schlecht im Small Talk wie sie! Vielleicht sogar noch schlechter.

»Hallo Willa, wie schön, dich hier zu sehen! Begleitest du Maxi?« Das kam von der nur ein bisschen weniger steifen Schlösschenbesitzerin Adelheid von Gemseck. Einer sehr schwangeren Schlösschenbesitzerin. Bei ihrem letzten Besuch in der Praxis war noch kaum etwas zu sehen gewesen.

»Adel! Wie geht es dir?« Ihr war klar, dass sie die Frage nicht beantwortete, aber die Schwangerschaft toppte allen Anstand und übernahm ihre Konversationsfähigkeit. Sie war schließlich Ärztin. Die Leute verziehen ihr, wenn sie auf die Gesundheit im Allgemeinen fokussiert war. Oder rechneten es ihr sogar an. Sie galt nämlich im Dorf – laut Gerüchteküche – als sehr engagierte und fachkundige Ärztin. Das ließ sie gern über sich sagen.

Andere Gerüchte hingegen ignorierte sie. Dass jetzt sämtliche Lesben aus der näheren und weiteren Umgebung und auch andere Menschen aus der Queercommunity zu ihr als Patientinnen und Patienten kamen, hatte Weiler mächtig aufgewühlt und einige böse Zungen zu widerlichen Aussagen verleitet. Nicht ihr direkt ins Gesicht. Das würden sie vermutlich nie wagen. Aber ihr wurden Aussagen zugetragen, die im Dorf umgingen, da hätte Willa kotzen können.

Adelheid von Gemseck und ihre Frau gehörten jedenfalls zu diesem neuen Patientenstamm. Sollten die AfDler und Ewiggestrigen doch zu einem anderen Hausarzt gehen. Sie vermisste sie nicht.

Adel schenkte nebenbei weiter Sekt in Gläser, die sofort von der Theke verschwanden, sobald sie voll waren. Consuelo reichte Willa eines, das sie vor dem Andrang bewahrt hatte. Carolina bekam eines von Adel gereicht.

»Mir geht es sehr gut. Nur mein Knöchel mag das zusätzliche Gewicht, das ich mit mir rumschleppe, gar nicht. Aber da lässt sich nichts machen, da muss ich eben durch.«

Willa wollte zu einer aufmunternden ärztlichen Antwort ansetzen, als Carolina plötzlich doch wieder ihre Stimme fand. »Bis du den Braten aus deiner Röhre rausquetschen kannst, wirst du noch ganz andere Schmerzen durchstehen müssen, Schätzchen. Das ist es, was sie uns Frauen immer verschweigen.«

Unnachahmbar undiplomatisch wie immer. Aber die Schlösschenherrin, die nicht immer zugänglich und offen war, nahm es mit Humor und lachte. Consuelo hingegen sah aus, als ob sie Carolina für diese Aussage am liebsten an die Gurgel gehen würde. Oder ihr den nächstbesten Sekt ins Gesicht schütten. Dafür standen die Chancen auch gut.

Willa hatte gar nicht gewusst, dass sich die neue Feuerwehrfrau und die Schlösschenherrin überhaupt kannten, geschweige denn, dass Consuelo solch einen Beschützerinstinkt für Adel an den Tag legen würde. Sie vermutete eine Geschichte dahinter, die ihr mit Sicherheit irgendwann noch zugetragen werden würde. Vor allem, wenn sie unauffällig in die Richtung fragen würde. Darin war sie inzwischen gar nicht mal so schlecht.

»Das ist ein wahres Wort«, sagte Adel gelassen. »Ich konnte mir deine Performance leider nicht ganz ansehen, weil ich hier alles vorbereiten musste, aber was ich gesehen habe, war unerwartet und provokant. Kompliment.« Und dann verschwand sie kurz auf die andere Seite der Theke, um dort auszuschenken.

Willa fragte sich, wie viel die Tickets zu dieser Veranstaltung wohl gekostet hatten, dass der Sekt inklusive war, und ob sich das rechnete.

Adel kam zurück, und sie stellte ihr diese Frage. War doch interessant. Und ganz bald käme dann Maxi zu ihr, und der Abend konnte dann nur besser werden.

4 Consuelo

Consuelo wünschte sich irgendwo anders hin. Und das lag nicht am Alkohol, der hier in Strömen floss. Sie war überhaupt nicht in Versuchung. Sie war viel zu beschäftigt damit, was diese Frau, die sie heute Abend anscheinend nicht abschütteln konnte, in ihr auslöste. Auch angezogen war sie absolut verführerisch. Ihre Fülle betonte ihre Eleganz perfekt. Und sie hatte eine Persönlichkeit, die dazu zu passen schien. Schonungslos ehrlich und erbarmungslos direkt. Unverschämt sogar.

Es passte Consuelo gar nicht, wie sie mit Adel redete. Aber sie ertappte sich bei dem unschönen Gedanken, dass da das schlechte Gewissen sie packte. Sie selbst hatte zu ihren besten Zeiten ganz andere, viel üblere Sachen zu Adel gesagt. Sie war geradezu widerlich und tief verletzend gewesen. Sie hatte sie verbal genau dort angegriffen, wo Adel besonders verwundbar war. Gnadenlos. Das versuchte sie heute noch wiedergutzumachen. Die Schäden, die sie fast ihre Freundschaft gekostet hätten, zu reparieren. Soweit das ging.

Deshalb passte es ihr überhaupt nicht, dass hier jemand solche Dinge wie Adels Schwangerschaft verulkte. Und Adel das auch noch witzig fand.

Consuelo versuchte einzuschätzen, wie ihre Hausärztin das fand. Dr. Willa Schneck wusste sehr viel über sie. Consuelo vertraute ihr absolut. Wieso, wusste sie nicht, weil sie die Ärztin noch nicht so lange kannte. Aber sie hatte so eine zurückhaltende Ausstrahlung, die Consuelo gefiel.

Willa schien ganz damit zufrieden zu sein, dass Adel und diese Burlesquetänzerin das Gespräch bestritten. Sie hielt den Kopf ganz leicht schräg und hörte mit einem amüsierten kleinen Lächeln zu.

Consuelo beschloss, sich auszuklinken und genau das zu machen, wofür sie hier war: Sekt einschenken.

Indem sie sich auf das konzentrierte, schaffte sie es, auch alles andere auszublenden. Die vielen Menschen im Schlösschen, die sich vor allem um die Sektbar drängten. Früher waren ihr Menschenmengen egal gewesen. Seit sie trocken war, gar nicht mehr. Vielleicht hatte sie ihre Abneigung früher auch einfach weggesoffen, wie so viele ihrer Probleme. Wie ihre Schüchternheit gegenüber Frauen. Die hatte sie definitiv so erfolgreich weggesoffen, dass sie die Frauen, die Eroberungen gesammelt hatte wie Trophäen.

Sie sah kurz zu der Burlesquetänzerin hin. Wieso sie das bei dem Gedanken an Frauen und Eroberungen machen musste, war ihr nicht wirklich ein Rätsel. Wenn sie ehrlich mit sich war, wusste sie, warum. Weil sie sie einfach toll fand.

Consuelo wollte die nächste Flasche aufmachen, nur um festzustellen, dass bereits alle verbraucht waren. Der Kühlschrank war leer. Es gab nur noch alkoholfreien Sekt, der heute überhaupt nicht ging. Sie hatte keine Ahnung, ob das Zeug sonst mehr getrunken wurde, aber die Damen Feministinnen wollten den echten Stoff. Consuelo war das gleichgültig. Sie fasste weder das eine noch das andere an.

»Ich geh Nachschub holen«, sagte sie kurz zu Adel, die zusammen mit der Burlesquetänzerin Willa zuhörte. Es würde sie keine vermissen. Außer den Kongressteilnehmerinnen vor der Bar, die noch immer oder schon wieder auf Sekt warteten.

Consuelo ging um die Sektbar herum in Richtung Rezeption. Von dort führte eine steinerne Innentreppe in den Vorratskeller. Das war immer eine ganz schöne Plackerei, von dort Sachen hochzuschleppen, wenn man sich verrechnet hatte. Sie half ja nicht oft im Schlösschen aus, aber das wusste sie. Auch aus Erzählungen von Adel.

Das Lieferantentor befand sich hinter dem Schlösschen. Dort konnte man auch mit einem Rollwagen Vorräte an- und abtransportieren. Aber das dauerte jetzt zu lange.

Dass nicht für ausreichend Sekt im Vorfeld gesorgt worden war, ärgerte Consuelo. Wer hatte sich denn da so gewaltig verschätzt? Vermutlich Adel. Oder Servicechefin Claudia, die wegen bestimmter Geschichten noch immer sehr schlecht auf Consuelo zu sprechen war. Obwohl Adel ihr soweit vergeben hatte. Und auch Nellie. Ganz besonders Nellie sogar.

Was war heute nur los? Warum musste sie an all diese aufwühlenden Fehltritte ausgerechnet heute so geballt denken?

Sie würde jetzt also zwei Kisten Sekt holen. Die ließen sich auch so tragen. Das müsste dann eine Weile reichen.

Sie schlängelte sich durch Gäste und Personal und merkte nicht, dass ihr jemand folgte, bis sie die massive hölzerne Kellertür hinter sich wieder schließen wollte. Jemand hielt sie am Oberarm fest. Sie erschrak noch nicht einmal besonders, weil das Gewusel im Schlösschen ein ständiges Berühren mit sich brachte. Ihr Körper war darauf eingestellt. Aber nicht darauf, wer sie da berührte.

Lo Jakob: Die Torpedotante, ihre Feuerwehrfrau, deren Katze und das halbe Dorf

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Wamm! Bumm! Zosch! Am liebsten hätte sie geschrien, aber sie trommelte sich nur eine Runde auf die...
Danach hätte sie sie vielleicht noch ein, zwei Mal für eine Wiederholung getroffen. Spätestens...
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