Sehr erstaunt schaute sie die Burlesquetänzerin an. Consuelo kam überhaupt nicht dazu zu fragen, was das sollte und warum ausgerechnet die Frau, die sie so aufwühlte, hinter ihr hergekommen war. Was sie von ihr wollte.

Consuelo wurde unsanft auf den Treppenabsatz geschoben. Die Präsenz der Frau füllte die ganze Treppe, füllte Consuelos komplette Sicht. Sie konnte nichts anderes wahrnehmen.

Das Schließen der Kellertür fuhr ihr durch Mark und Bein. Kurz kam es ihr in den Sinn, die Kellertreppe hinunterzuflüchten und sich im Gewölbe unter dem Schlösschen zu verstecken. Sie kannte sich dort bestens aus. Es gab Verstecke, die sie noch aus ihrer Jugend mit Adel kannte. Die Burlesquetänzerin würde sie niemals finden. Aber wie absurd wäre das denn?

»Was hast du für ein Problem mit mir?«, fragte die Frau sie herausfordernd.

Ein Zeigefinger stupste sie in die Mitte ihrer Brust. Consuelo war keine kleine Frau. Sie hatte zwar nach ihrem Zusammenbruch massiv abgenommen, aber sie hatte Alkohol durch Sport ersetzt. Sie war muskulös und durchtrainiert wie noch nie in ihrem Leben. Aber sie kam sich gerade furchtbar mini vor. Sie traute es sich nicht zu, die Frau von sich wegzuschieben. Es war seltsam. Einschüchternd.

»Raus mit der Sprache. Ich will es wissen. Das ruiniert mir sonst den ganzen Abend.«

Ein ärgerliches Gesicht fixierte sie und war viel zu nahe. Die Frau roch sehr gut. Kein Duft, den man bei ihr erwarten würde. Nichts Aufdringliches, nichts Süß-Schweres. Ein ganz feiner, zarter Duft, der Consuelo um die Nase flirrte. Alles in Kombination machte es nicht leicht, eine Antwort zu geben. Aber Consuelo hatte das Gefühl, wenn sie nicht etwas Logisches von sich gab, käme sie hier nicht weg.

Dann roch sie den Sekt im Atem ihres Gegenübers, und irgendetwas in ihr flippte aus. Sie musste hier weg. Sie musste von dieser Frau weg. Sie würde rückfällig werden, wenn sie nicht wegkam. Alles würde von vorn losgehen. Der emotionslose Sex, ihr grenzüberschreitendes Verhalten, ihre Selbstzerstörung, das tote Gefühl.

Dass das plötzlich wie eine Welle über sie schwappte, war unverständlich. Aber es war ein fast panikartiges Gefühl.

»Lass mich los!« Consuelo versuchte, sich jetzt an der Frau vorbeizudrängen. Aber die war wie ein Fels, so unverrückbar.

Consuelo wurde von ihr jetzt an beiden Oberarmen auf Position gehalten. Sie fühlte sich wie im Schraubstock, so fest war dieser Griff.

»Ich will eine Antwort. Warum siehst du mich so an, als ob du mich verachten würdest? Was habe ich dir getan? Nenn mir einen Grund, und ich bin weg.«

Sie wollte es ja, aber ihr fiel nichts ein. Sie konnte nicht einfach sagen: Weil du die Versuchung in Person bist. Weil du mich erregt hast und ich das nicht zulassen darf. Sie durfte das nicht aussprechen. Weil es dann real geworden wäre.

Ihre Gedanken ergaben keinen Sinn, so sehr verwirrte sie diese Frau. »Ich weiß nicht, was du von mir willst. Warum machst du das?«, fragte sie.

Mit einem Mal erinnerte sie sich daran, wie sie vor knapp drei Jahren Nellie so an die Wand gedrängt hatte, wie es gerade die Burlesquetänzerin mit ihr machte. Nellie musste sich genauso gefühlt haben. So bedrängt, so schutzlos, so machtlos.

Wow. Consuelo hatte sich schon so oft dafür entschuldigt, sie hatte in ihrer Therapie darüber so lange und ausführlich geredet, dass sie gedacht hätte, das alles verstanden zu haben. Mit allem, was dazu gehörte. Nicht nur ihre Rolle als alkoholvernebelte Täterin, auch Nellies Rolle als Opfer.

Sie hatte gedacht, nicht nur Nellie hätte ihr verziehen, auch sie selbst hätte sich verziehen. Aber wenn sich Nellie nur ansatzweise so gefühlt hatte, wie sie sich gerade in diesem Moment fühlte, dann verstand sie nicht, wie Nellie ihr überhaupt hatte vergeben können. Und das hier war ja noch nicht einmal solch eine Situation wie bei Nellie damals. Die Frau wollte ja keinen Sex von ihr. So wie sie damals von Nellie.

Die Burlesquetänzerin wollte nur eine Antwort. Aber warum? Warum so? Warum jetzt?

»Sag mir, was du gegen mich hast. Sag es mir!«, fragte die Burlesquetänzerin laut.

»Nichts!« Consuelo schrie das hinaus mit all der aufgestauten Verwirrung und Angst, die diese Situation in ihr auslöste.

Sie stieß die Burlesquetänzerin mit einem Aufgebot an Kraft von sich, die von ihrer Fast-Panik herstammte. Dann sprang sie die unebene steile Steintreppe hinunter, immer eine Stufe auslassend, als ob Höllenhunde hinter ihr her wären.

»Hey!«

Der Ruf, der in den alten steinernen Gewölben widerhallte, hörte sich fast so verwirrt an, wie sie sich fühlte. Aber es kamen keine Schritte hinter ihr her.

Im zweiten Gewölbe blieb Consuelo stehen und versuchte, zu Atem zu kommen. Und vor allem auch innerlich wieder zur Ruhe.

Sie fühlte, dass es noch lange dauern würde, bis sie wieder im Gleichgewicht war. Sie nahm sich vor, nächste Woche einen Termin bei ihrer Therapeutin zu machen. Da war sie schon viele Monate nicht mehr gewesen, aber jetzt war das mal wieder fällig. Ein Treffen der Anonymen Alkoholiker setzte sie auch auf ihre Liste. Sicher war sicher. Und das allerwichtigste: Sie durfte dieser Frau nicht mehr begegnen. Auf gar keinen Fall.

Sie zückte ihr Handy, um Nellie eine Nachricht zu schicken oder Servicechefin Claudia. Sie würde den Sekt mit einem Rollwagen an den Hintereingang fahren. Ihn an die Sektbar zu bringen, müsste dann eine andere übernehmen.

Consuelo würde keinen Schritt mehr in irgendeinen Raum setzen, in dem sich die Burlesquetänzerin aufhielt. Und nach dem heutigen Abend müsste sie ihr ja nie wieder über den Weg laufen.

5 Torpedotante

Carolina griff sich Maxi aus einer ganzen Traube von Bewunderinnen heraus und zog sie hinter sich her. Maxi war zuerst etwas erstaunt und widerwillig, dann ließ sie sich aber lachend mitführen. Durch die hölzerne Doppeltür hinaus auf den gekiesten Vorplatz des Schlösschens.

Die Nacht war kalt, und Carolina konnte ihren frostigen Atem in der Luft sehen. Der November hatte eiskalt begonnen, und sie war natürlich wie immer im Herbst viel zu dünn angezogen. Aber im Moment tat die Kälte gut. Carolina war dermaßen überhitzt, dass sie sich wunderte, dass es um sie herum nicht zischte.

Wegen der Kälte waren so gut wie keine Raucherinnen draußen, und sie fand schnell eine Ecke bei winterlich eingepackten Rosensträuchern, in der sie mit Maxi ungestört reden konnte.

Das Licht der Saalfenster schien hell ins Freie, und eine Lampe in der Nähe spendete ein paar Glanzlichter.

»Ich habe gerade was richtig Irres getan.« Carolina stieß die Luft aus, die sie irgendwie trotz Reden angehalten hatte.

Maxi grinste sie an, als ob sie auf eine saftige Geschichte warten würde. »Noch irrer als sonst nach deinen Auftritten?«, fragte sie amüsiert.

Carolina konnte sich nur ein kleines Lächeln abringen. Es stimmte, nach ihren Auftritten war sie immer gut drauf und meistens scharf auf Sex. Da hatte Maxi recht. Kein Geheimnis. Aber sie wollte nicht auf etwas festgeschrieben werden, mit dem sie gerade gar nichts anfangen konnte. Und sie wollte auch sonst nicht festgelegt werden auf ein Verhaltensmuster. Sex war gerade ganz weit weg in ihrer Bedürfniswelt. Sie musste erst einmal klarkriegen, was passiert war. Auf der Kellertreppe.

Und dazu musste sie die Person, die sie am besten kannte, dazu bringen, ihr zu helfen. Maxi war eine verdammt gute Analytikerin von Carolinas Befindlichkeiten und Bedürfnissen. Sie könnte ihr bestimmt auf die Sprünge helfen.

»Nicht die Sorte irre. Die schlimme Art. Ich glaube, ich habe etwas getan, wofür ich mich schämen sollte.« Carolina schlang die Arme um sich, und das tat sie nicht nur wegen der Kälte. Sie gestand sich das ein. Erster Schritt. Sie war eine echte Bitch gewesen.

Lo Jakob: Die Torpedotante, ihre Feuerwehrfrau, deren Katze und das halbe Dorf

1. Akt 1 Torpedotante Sie hatte noch nie vor einem Kongress voller Feministinnen ihre...
Wamm! Bumm! Zosch! Am liebsten hätte sie geschrien, aber sie trommelte sich nur eine Runde auf die...
Danach hätte sie sie vielleicht noch ein, zwei Mal für eine Wiederholung getroffen. Spätestens...
Die spärlichen offiziellen Infos hatten irgendwie das Interesse der Veranstalterinnen geweckt. Was...
»Gut. Maxi ist eine sehr gute Kameradin«, antwortete ihre Patientin. Wow, Consuelo war so schlecht...
Sehr erstaunt schaute sie die Burlesquetänzerin an. Consuelo kam überhaupt nicht dazu zu fragen,...
»Mit wem hattest du Sex auf der Toilette? Oder war es ein anderer Ort?« Maxi grinste noch immer,...
»Wow. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich in seiner vollen Bandbreite erfasse. Aber ich glaube, du...