Wamm! Bumm! Zosch!

Am liebsten hätte sie geschrien, aber sie trommelte sich nur eine Runde auf die Brust wie King Kong und genoss das Gefühl ihrer schwingenden nackten Brüste in der kühlen Luft hinter der Bühne für einen Moment länger. Dann griff sie sich den Kimono, den sie vor ihrem Auftritt auf einem Stuhl bereitgelegt hatte. Auch wenn sie gern nackt war, konnte sie nicht weiter so herumlaufen. Sie wollte ja schließlich keinen Massenauflauf verursachen. Darüber gluckste sie lachend auf. Träum weiter, Carolina. Aber eine Frau durfte ja noch träumen.

In dem Moment, als sie den Kimono überstreifte, öffnete sich eine Tür, die weiter ins Gebäude führte. Eine Mitarbeiterin der Veranstalterin, die sie vor ihrem Auftritt schon kurz gesehen hatte, trat daraus hervor und sah sie mit einem dermaßen gruseligen Gesichtsausdruck an, dass Carolina fast ihre ganze Euphorie über den Auftritt vergaß. Als ob jene in der Metzgerei in die Tonne für die Gedärme und Innereien schauen würde. Zutiefst abgestoßen.

So sah Abschätzung aus. Gar Ablehnung. Das war ganz genau die Reaktion, die Carolina heute hier von Anfang an erwartet hatte. Aber im Saal und gepaart mit dem dringenden Wunsch nach Diskussion und Aufklärung für die verirrte Burlesquetänzerin. Sie hatte das nicht vom Personal hinter den Kulissen erwartet. Schon gar nicht hier.

Das Schlösschen, in dem der Kongress stattfand, gehörte der Freundin einer Freundin. Nicht umsonst waren die Feministinnen hierhergekommen mit ihrem Kongress. Das hier war gelebte Diversity. Gay-friendly. Queer Community. Lesbenland. Und all das. Hier durfte sie mehr Akzeptanz erwarten. Das war hier nicht die Versammlungshalle der örtlichen Rechten.

Aber das Gesicht, das sie anstarrte, sah nach Ku-Klux-Klan aus. Oder Hexenverbrennung. Oder als ob sie im nächsten Fluss ertränkt werden würde für ihr ungebührliches Verhalten.

»Consuelo, da bist du ja.«

Eine weitere Frau kam durch die Tür, und Carolina war über das freundliche Gesicht so froh, dass sie erst jetzt merkte, wie sehr die Missachtung der Mitarbeiterin sie traf. So verwundbar war sie im Strahlen nach einem Auftritt.

Nellie war die Frau der Besitzerin und ein echtes Herzchen. Sie war so freundlich und aufgeschlossen, dass Carolina sie schon bei ihrer ersten Begegnung gleich in ihr großes Herz geschlossen hatte.

Nellie legte jetzt der Mitarbeiterin mit dem spanisch klingenden Namen die Hand auf die Schulter, als ob die Unterstützung gebraucht hätte.

Hallo?!

Wenn hier jemand eine freundliche Hand auf der Schulter verdient hatte, dann war sie das, die unschuldig torpedierte Torpedotante.

Diese Consuelo starrte sie immer noch an. Nicht einmal die Anwesenheit von Nellie schien sie davon abhalten zu können.

Wenn sie nicht so hässlich geguckt hätte, hätte die Person sogar gutaussehen können. Vermutlich war sie gutaussehend, aber Carolina konnte das in diesem Moment nicht wirklich akzeptieren. Dass hier eine gutaussehende, butchige Frau sie so ansah. Nicht, weil das genau ihr Frauentyp und sie darüber enttäuscht war, bei ihr nicht anzukommen. Sondern weil sie trotz all ihrer toughen Fassade und ihrer Vorschlaghammerpersönlichkeit sehr empfindlich war. Das war ihre Krux.

Carolina wurde für dickhäutig und teflonbeschichtet gehalten, war es aber gar nicht. Die traurige Wahrheit war, dass innen drin immer noch die kleine, dicke Carolina aus der Kleinschneuzelreuterstraße steckte, die unter dem Mobbing litt, und ein fieser Kommentar, ein abweisendes Gesicht einen ganzen Saal voller begeisterter Feministinnen in den Hintergrund treten ließ.

2 Consuelo

Consuelo konnte sich nicht helfen. Sie musste diese Frau anschauen, die da mit so viel ungebändigter Energie dem Kongress eingeheizt hatte. Sie kam überhaupt nicht mit dem zurecht, was diese Torpedotante in ihr auslöste.

Ganz viel Neid. Das war offensichtlich. Wie die Frau einfach alles von sich warf und fast nackt tanzte. Sich das traute. Das war einfach nur umwerfend. So viel innere Freiheit war für Consuelo unvorstellbar. Sich von den gängigen Schönheitsidealen so zu lösen und sich zu präsentieren, wie man war. Das war phänomenal. Und sexy. Diese Torpedotante war unfassbar sexy.

Nellies Stimme unterbrach ihr Starren. »Ich übernehme das hier hinten. Du kannst Adel helfen. Sie ist hinter der Sektbar gelandet, weil einer der Bedienungen schlecht geworden ist.«

Consuelo löste ihren Blick endlich von der Burlesquetänzerin und sah Nellie an. Erwischte gerade noch Nellies peinlich berührten Gesichtsausdruck in dem Moment, als ihr klar wurde, wo sie Consuelo gerade hinschickte: an die Sektbar.

»Kein Problem, Nellie. Ich mach das. Ihr Knöchel bringt sie wahrscheinlich schon fast wieder um.«

Das brachte ihr einen weiteren freundschaftlichen Drücker durch Nellies Hand ein.

Adel, ihre Freundin aus Kindertagen und Nellies Frau, hatte aus ihrer Jugendzeit einen kaputten Knöchel von einem Sturz vom Balkon hier im Schlösschen. Trotz einiger Operationen konnte der Fuß nie wieder richtig hergestellt werden, und sie hinkte bis heute leicht.

Jetzt, da sie schwanger war, wurde das von Woche zu Woche schlimmer. Zumindest seit ihr Babybauch so richtig groß wurde. Was für ein Megababy da in einigen Wochen rauskommen würde, war ein Scherz, den sie bisher nur Nellie gegenüber geäußert hatte. Ihr Verhältnis zu Adel hatte durch ihr Zerwürfnis vor fast drei Jahren arg gelitten.

Nellie wandte sich jetzt der Frau zu, die in einem dünnen Hauch aus Seide vor ihnen stand und fast nichts darunter trug. Sie atmete vom Auftritt noch immer schnell, und ihre Haut strahlte mit einem zart-roten Hauch. Ein Anblick, der Consuelo an ganz andere Aktivitäten erinnerte. Aktivitäten, die sie weit hinter sich gelassen hatte. An die sie nicht unbedingt erinnert werden wollte. Nicht mit diesem schwer zu ignorierenden Gefühl zwischen ihren Beinen.

Diese Torpedotante erregte sie und erinnerte sie an Sehnsüchte, die sie besser gebändigt hielt, wenn sie ihr Leben nicht wieder an die Wand fahren wollte.

Gott sei Dank fing Nellie an zu reden und unterbrach die komische Dynamik, die sie mit der Burlesquetänzerin hatte. Oder vielleicht war das auch nur sie. Sehr wahrscheinlich sogar.

»Carolina, das war großartig! Wir haben hinten im Saal mitgefiebert. Ich habe noch nie eine Burlesqueshow gesehen. Ich bin dein Fan.«

Nellie war ihr übliches quirliges Selbst und ließ den ganzen Charme ihrer freundlichen Persönlichkeit über die Torpedotante perlen. Die dankte es ihr mit einem charismatischen Lachen, das Consuelo packte und schüttelte und ihr Inneres verquirlte wie ein durchgedrehter Stabmixer.

Sie musste hier weg.

Sie wusste, der Blick, den sie den beiden Frauen zum Abschied zuwarf, war finster. Hätte sie nämlich auch nur einen Funken dessen zugelassen, was in ihr wirklich brodelte, dann hätte sie den Halt verloren. Die Höllenhunde hätten sich von der Leine gerissen und hätten all das zerfleischt, was sie sich so mühselig erarbeitet hatte. Zufriedenheit mit dem, was sie hatte. Ausgeglichenheit, innere Ruhe.

Sie hatte das Gefühl, schon jetzt nach dem einen Auftritt dieser Naturgewalt einer Frau nur noch einen lockeren Griff an dieser Höllenhundleine zu haben. Diese Frau war gefährlich für Consuelo. So viel stand fest. Das dämpfte ihr schlechtes Gewissen wegen ihres nicht gerade übermäßig freundlichen letzten Blicks.

»Wer war das denn?«, flüsterte eine Stimme in ihrem Rücken.

Das, was Consuelo im Weggehen hörte, war die angepisst klingende Stimme der Burlesquetänzerin. Der Ton schmerzte kurz in ihrer Brust, dann kam die Erkenntnis hinterher. Es war besser, wenn diese Frau von ihr angepisst war. Dann hielt sie Abstand für den restlichen Abend. Und danach musste sie sie hoffentlich nie wieder sehen.

In ihrem früheren Leben hätte sie sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen und die verlockend sexy Dame so gekonnt angemacht, bis sie mit ihr eine horizontale Oberfläche aufgesucht hätte. Vorzugsweise horizontal. Zur Not auch nicht. Da war sie nicht wählerisch gewesen. Hauptsache Sex. Und diese Torpedotante war mit Sicherheit ein Silvesterknaller im Bett. Mindestens. Vielleicht sogar ein ganzes Feuerwerk.

Lo Jakob: Die Torpedotante, ihre Feuerwehrfrau, deren Katze und das halbe Dorf

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