Danach hätte sie sie vielleicht noch ein, zwei Mal für eine Wiederholung getroffen. Spätestens dann hätte sie zu Zeiten ihrer Ehe mal an ihre Gattin gedacht und wäre reumütig zu ihr zurückgekehrt. Ohne dass die etwas davon geahnt hätte.

Das wäre es dann für eine kurze Zeitspanne gewesen – bis die nächste Frau ihr Interesse geweckt hätte.

Consuelo dachte nicht gern an diese Phase ihres Lebens zurück, aber es war wichtig, dass sie es tat. Nur nicht, wenn sie so aufgewühlt war wie nach dieser Show gerade eben. Von dieser Frau. Der ersten Frau seit ihrer Scheidung und ihrem Zusammenbruch, die solch eine Reaktion in ihr auslöste. Vielleicht war das auch ein gutes Zeichen.

Mit diesem Gedanken öffnete Consuelo die Tür zum Vorraum des Schlösschens, wo die Sektbar aufgebaut war. Hier würden demnächst Dutzende durstige Feministinnen aus dem großen Saal hereinstürmen, wo eine sexy Burlesquetänzerin ihnen eingeheizt hatte. Der Sekt würde wohl in Strömen fließen, und eine schwangere Adel konnte das nicht bewältigen.

Vielleicht war es wirklich ein gutes Zeichen, dass sie mal wieder sexuelles Begehren gespürt hatte. Sie musste dieser Torpedotante fast dankbar sein, dass sie das ausgelöst hatte. Mehr war an der ganzen Sache nicht dran. Consuelo versuchte, das so für sich einzuordnen und damit gut sein zu lassen. Sie hatte jetzt ganz anderes zu bewältigen. Sie würde jetzt hinter einer Sektbar stehen und Alkohol ausschenken. Auch eine neue Erfahrung in ihrem neuen Leben.

Eigentlich war sie nur hier und half aus, weil ihre Freundin aus Kindheitstagen sie darum gebeten hatte. Die erste Bitte seit ihrem Zerwürfnis. Nein, das war das falsche Wort. Consuelo hatte alles getan, um die längste und beste Freundschaft ihres Lebens zu zerstören. So wie sie ihre Ehe zerstört hatte und ihr ganzes restliches Leben.

Um diese Freundschaft zu retten, würde sie selbstverständlich Alkohol ausschenken. Auch wenn das immer ihre Krücke gewesen war, ihr großer Tröster, ihr Allheilmittel und Droge der Wahl. Mit Alkohol hatte sie sich immer unbesiegbar und unwiderstehlich gefühlt. Keine Frau war zu schön gewesen, zu unnahbar oder zu hetero, um ihr, Consuelo der Verführerin, zu widerstehen.

Nüchtern sah die Welt einfach anders aus.

Damals war sie allerdings Conni gewesen, die so toxisch war, dass es selbst sie heute vor dieser Person graute. Sie wollte diesen Namen nie wieder hören. Nie wieder diese Person sein.

»Du musst das nicht machen«, sagte Adel, als sie zu ihr hinter die Bar trat. Das war natürlich sehr aufmerksam von ihrer alten Jugendfreundin.

Consuelo nahm die erste Sektflasche und machte sich daran, den Folienüberzug über dem Korken wegzupulen. »Ich werde es aber trotzdem tun«, gab sie Adel zur Antwort.

»Consuelo«, sagte Adel mit einer Mischung aus Ermahnung und Dankbarkeit in der Stimme. Eine Mischung, wie sie in ihrer Kompliziertheit nur Adel fertigbrachte. Weil Adel der vielschichtigste Mensch war, den sie kannte.

Früher hatte sie sich manchmal darüber lustig gemacht. Conni hatte das getan. Consuelo wusste den Charakter ihrer Freundin besser zu schätzen. Adel hatte zum Beispiel ihre Rückkehr zu ihrem echten, passverbrieften Namen sofort verstanden und akzeptiert. Auch wenn sie ihn selbst immer gehasst hatte. Consuelo Schlosser – wie hörte sich das denn an.

Heute fand sie ihn gut. Weil ihr Name ihre Herkunft in sich trug. Früher hatte sie sich dafür irgendwie geschämt.

Consuelo hatte die Folie endlich runter und drehte jetzt an dem Drahtgitter, das den Korken hielt. Sekt war nie ihr Lieblingsgetränk gewesen. Aber am Schluss war sie nicht mehr wählerisch gewesen. Da trank sie alles. Auch durcheinander. Sogar Pfefferminzlikör, den sie eigentlich nur mit zugedrückten Nasenlöchern hinunterbekam.

Der Korken löste sich mit einem kleinen eleganten Geräusch aus der Flasche, und das typische Perlen von Sekt stieg aus dem Flaschenhals direkt in ihre Nase. Kurz roch es irrwitzig verlockend, dann wurde es ihr fast schlecht, als ihr Gehirn alles verknüpfte, was dieser Geruch für sie bedeutete. Die Reaktion war fast die gleiche wie bei der Burlesquetänzerin. Gefahr!

Fast hätte sie die Flasche in einer Abwehrreaktion fallen lassen. Das unterdrückte sie gerade noch rechtzeitig. Es war jetzt 1022 Tage her, seit sie zuletzt Alkohol getrunken hatte. Und morgen wird der 1023. Tag, schwor sich Consuelo.

Sie befüllte die erste Ladung Sektgläser, die auf Tabletts bereitstanden. Adel beobachtete sie, während sie selbst Gläser einschenkte. Bei der zweiten Flasche lösten sich Consuelos verkrampfte Schultern etwas, und bei der dritten Flasche fühlte sie sich einigermaßen im Lot.

Dann riskierte sie einen Blick in den Vorraum, um zu sehen, wie viel Andrang Adel und ihr noch bevorstand. Der Kongress war zwar nur für die Teilnehmer*innen, wie es auf der Einladung stand. Aber die Abendveranstaltung hatte einen eigenen, offenen Ticketverkauf gehabt. Kein Wunder, dass gefühlt doppelt so viele Besucher wie bei sonstigen Veranstaltungen im Schlösschen waren.

Die Lesung von Maxi Gnädig und die Burlesquetänzerin lockten aus der ganzen Region die Lesben in Scharen an. Die DJane, die jetzt im Saal loslegte, war ein Import aus der nahegelegenen Universitätsstadt und anscheinend auch in der Szene bekannt. Was auch immer heutzutage die Szene war.

Natürlich ließ es sich auch die kleine Lesbenszene aus Bad Worich nicht nehmen, heute Abend da zu sein. Wenn schon mal was passierte im Ort. Und das, obwohl man über Adel und ihr Schlösschen sonst gern die Nase rümpfte.

Das mochte Consuelo überhaupt nicht. Diese Doppelzüngigkeit. Leider befand sich unter den Lesben aus Bad Worich auch ihre Exfrau Kerstin. Die noch immer einen ziemlichen Hass auf sie schob. Consuelo hatte schon mehrfach eine Aussöhnung versucht, hatte in jedweder Form um Verzeihung gebeten. Aber Kerstin war unerbittlich.

Mittlerweile ließ sie es so stehen. Was sollte sie machen. Es schadete mehr Kerstin als ihr, wenn sie so daran festhielt, sie zu verachten. Sie hatte ja recht, die Conni von damals zu verabscheuen. Aber sie mussten die Vergangenheit auch mal loslassen. Das war gesünder. Sie erwartete ja nicht, dass sie beste Freundinnen werden würden. Aber einen zivilen Umgang zu finden, das war Consuelos Ziel.

Kerstin ignorierte sie wie immer geflissentlich. Sie tuschelte mit ihren Freundinnen, und Consuelo konnte sehen, wie sie gemeinsam abfällig darüber redeten, dass sie hinter der Sektbar stand. Consuelo versuchte darüberzustehen.

Adel hatte inzwischen trotz der Hektik Kerstin auch wahrgenommen und zog ihre Augenbrauen sarkastisch hoch. Durch diese kleine Geste, die so typisch Adel war und alles beinhaltete inklusive der Ablehnung, die Kerstin immer gegen Adel hatte, fühlte Consuelo sich irgendwie gleich besser. Fast schon wieder heiter.

Bis mit einer Welle lachender und ausgelassener Frauen die Torpedotante an die Bar kam und einen neuen Schwung an widerstreitenden Gefühlen lostrat.

3 Willa

Willa beobachtete Maxi von Weitem im Getümmel der Kongressteilnehmerinnen. Wo war ihre Freundin eigentlich nicht in ihrem Element? Hier auf diesem Kongress mit den ganzen Frauen war sie genauso zu Hause wie bei den Jungs von der Freiwilligen Feuerwehr. Inzwischen waren dort zwar drei Frauen, aber es war trotzdem immer noch hauptsächlich ein Männerverein.

Ohne Maxi wäre sie selbst heute gar nicht im Schlösschen. Die hatte Willa einfach mitgenommen als ihre Begleitperson. Maxi hatte aus ihrem aktuellen Buch Eintagsfliegen leben länger und dem Manuskript, an dem sie gerade arbeitete, vorgelesen, das erst nächstes Jahr erscheinen würde. Dafür wurde vom Verlag aber schon kräftig die Werbetrommel gerührt, denn Maxis beliebte Hauptfigur, die Kriminalhauptkommissarin Carsta, würde darin ihr Coming-out haben. Unter einigen Verwicklungen, mehreren blutrünstigen Morden und einem Abstecher zu Menschenhändlern. Das wusste aber bisher in der Form nur Willa.

Lo Jakob: Die Torpedotante, ihre Feuerwehrfrau, deren Katze und das halbe Dorf

1. Akt 1 Torpedotante Sie hatte noch nie vor einem Kongress voller Feministinnen ihre...
Wamm! Bumm! Zosch! Am liebsten hätte sie geschrien, aber sie trommelte sich nur eine Runde auf die...
Danach hätte sie sie vielleicht noch ein, zwei Mal für eine Wiederholung getroffen. Spätestens...
Die spärlichen offiziellen Infos hatten irgendwie das Interesse der Veranstalterinnen geweckt. Was...
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Sehr erstaunt schaute sie die Burlesquetänzerin an. Consuelo kam überhaupt nicht dazu zu fragen,...
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