Die spärlichen offiziellen Infos hatten irgendwie das Interesse der Veranstalterinnen geweckt. Was auch immer ein Krimi mit dem Thema des Kongresses zu tun hatte. Genderperformance – klang interessant, aber als Ärztin hatte sie da ehrlich zugegeben nur wenig Ahnung. Und vermutlich eine viel zu biologische Antwort auf bestimmte Angelegenheiten.

Willas Blick schweifte über den athletischen Körper ihrer Freundin. Deren biologisch-anatomische Eigenschaften brachten ihr Blut mit großer Zuverlässigkeit in Wallung. Und auch bestimmte Organe.

Maxis Schönheit lag aber auch auf der Genderperfomancelinie. Ein Mannweib war sie nicht, wie ihre Mutter abfällig behauptet hatte. Aber vermutlich hätte sie auch Heidi Klum als Mannweib tituliert, wenn sie es gewagt hätte, mit ihrer Tochter eine Beziehung einzugehen. Vermutlich war auch Willa selbst ein Mannweib. Darüber musste sie schmunzeln und verlor sich lieber wieder im Anblick von Maxi. Wie ihre Hände gestikulierten und was diese Hände an ihrem Körper alles veranstalten konnten an aufregenden Dingen.

Maxi war definitiv ein gutes Lockmittel für die Veranstalterinnen des Kongresses. Die bekannte und beliebte Krimi-Schriftstellerin, die hierher in die Gegend aufs Land gezogen war. Oder so etwas in der Art stellte sich Willa vor. Die außerdem fabelhaft aussah.

Maxi gab heute wieder das professionelle Klischee der Schriftstellerin. Und das tat sie auf ausgesprochen attraktive Art. Sie hatte ihr dunkles Jackett an, von dem Willa wusste, dass sie es nur für solche öffentlichen Auftritte besaß, und ein weißes Hemd darunter. Ihre Haare hatte sie glattgegelt, und sie trug eine Nerdbrille. So liebte es Willa, sie zu sehen. Auch wenn sie es ein bisschen albern fand, dass die Brille gar keine Stärke hatte und Maxi sie nur wegen des Effektes trug. Weil eine Schriftstellerin eben eine Brille zu tragen hatte. Darüber musste sie einfach schmunzeln. Einer Ärztin würde so etwas nie einfallen. Zumindest keiner Ärztin, die Willa Schneck hieß.

Sie reihte sich in die Schlange an der Sektbar ein, während sie den Anblick von Maxi weiter in sich einsaugte. Sie konnte sich an ihr nie sattsehen. Vor allem konnte sie es noch immer nicht glauben, dass sie ihre Traumfrau gekriegt hatte. Und das auch noch ausgerechnet in dem kleinen Kaff Weiler, in dem sie aufgewachsen war.

»Denkst du, irgendeine der liebreizenden Feministinnen wird dir deine Freundin abspenstig machen, oder warum lässt du Maxi keine Sekunde aus den Augen?«

Carolina tauchte neben ihr auf wie aus dem Nichts. Oder Willa war einfach nur in Gedanken versunken gewesen und hatte nicht bemerkt, was um sie herum vor sich ging. Aber der Moment der Überraschung war nur kurz, dann stieg sie auf die Provokation der nach ihrem Auftritt strahlenden Carolina ein.

»Erstens bin ich auch Feministin. Als Beweis sollten die Emmas in meinem Wartezimmer im zurückgebliebenen Weiler, wo die Hausfrauen noch Kittelschürzen tragen, ausreichen. Feministin sollte jede Frau mit Selbstrespekt sein. Von daher würde Maxi nicht wirklich etwas anderes kriegen als das, was sie schon hat. Und erst gestern hat sie gesagt, dass ich ›suchtmachend‹ bin. Ich glaube also nicht, dass sie mich heute Abend abservieren wird.«

Sie schaute Carolina herausfordernd an. Jetzt bist du dran! sollte ihr Gesichtsausdruck sagen.

Carolina verstand den Ausdruck sehr gut und lachte schallend los. Dass Willa sich überhaupt getraute, mit Maxis Torpedo einer besten Freundin so zu reden, war eine echte Entwicklung.

Anfangs hatte sie etwas Angst vor der massiv auftretenden Person gehabt. Als sie das erste Mal in ihre Praxis gekommen war, um sie auszuhorchen, hatte Willa befürchtet, von dem Vollweib plattgewalzt zu werden. Inzwischen wusste sie einigermaßen, wie Carolina tickte, und ließ sich von ihrer lauten und direkten Art nicht mehr einschüchtern. Außerdem wusste sie auch, was für eine loyale und gute Freundin sie war. Um sie wirklich zu verärgern, musste man, wenn sie einen erst einmal in ihr Herz geschlossen hatte, schon etwas sehr Übles tun. Sagte Maxi. Willa hatte nicht vor, das auszutesten.

»Suchtmachend – oho! Und das würde sie nicht, das stimmt. Weil ihr beide so verliebt ineinander seid, dass es fast nicht zu ertragen ist«, sagte Carolina noch immer lachend.

»Du bist nur neidisch.« Ihre Antwort kam, ohne nachzudenken. Wenn sie das getan hätte, bevor sie losredete, hätte sie sich zensiert. Denn sie wusste ja, dass Carolina auf der Suche nach der Liebe war. Bisher erfolglos.

»Und auch das ist eine Tatsache, die ich gern zugebe!« Carolina lachte darüber, aber das war ernstgemeint. Sie nahm es aber auf typische Carolina-Art mit Humor und wenig Herzeleid. Die Liebe würde schon kommen, das strahlte sie mit einer Selbstsicherheit aus, die Willa immer erstaunte.

Sie selbst hatte ja mehr gelitten, als sie noch auf der Suche war. Zeitweise war sie sich auch sicher gewesen, dass sie nie das wirklich große Gefühl finden würde.

Willas Blick huschte kurz wieder zu Maxi hinüber. Ihr ganz großes Gefühl stand dort drüben. Fast hätte sie deshalb den Moment verpasst, als ein Schatten über Carolinas attraktives Gesicht huschte. Ihre großen, ausdrucksstarken Augen waren auf etwas fixiert, das sie dunkel und verärgert aussehen ließ.

Willa versuchte, in dem Getümmel rund um die Sektbar zu erkennen, was – oder wohl besser wer – diesen Ausdruck bei ihr verursachte.

Normalerweise war Carolina nach ihren Auftritten immer überdreht gut drauf und im Flirtmodus. Da konnte sie eigentlich nichts aus der Bahn werfen. Das hatte Willa bei den drei Auftritten, die sie bisher gesehen hatte, mitgekriegt. Maxi hatte auch erzählt, dass nach ihren Auftritten Carolina wie entfesselt war und selten allein heimging. Sexbombe – das war Carolina nach einem Auftritt der Torpedotante.

Willa konnte keine Frau entdecken, die sich irgendwie auffällig benahm. Allerdings machte sie eine ihrer Patientinnen hinter der Bar aus, die bediente und versuchte, den Ansturm an Kongressteilnehmerinnen und Gästen für die Abendveranstaltung mit Sekt zu versorgen. Consuelo Schlosser wohnte seit zwei Monaten in Weiler und war seit Neuestem eine der drei weiblichen Feuerwehrfrauen. Sie schlug sich besser als Maxi in ihrer Anfangszeit, die so viele Unfälle produziert hatte, dass sie eigentlich schon wieder hatte austreten wollen. Aber da einer dieser Unfälle sie zusammengebracht hatte – oder vielleicht waren es auch alle Unfälle zusammengenommen, so oft wie Willa sie hatte behandeln müssen –, war Maxi doch noch einmal umgeschwenkt, als der Feuerwehrkommandant sie bearbeitet hatte.

Consuelo sah sie und lächelte ihr begrüßend zu. Dann sah sie Carolina neben Willa stehen, und ihr Blick gefror. Anders konnte Willa es nicht deuten. Aber der Ausdruck verschwand so schnell wieder von ihrem Gesicht, dass Willa glaubte, sich getäuscht zu haben.

Als sie jetzt endlich an die Bar treten konnte, um sich ein Glas Sekt zu nehmen, war Consuelo wieder wie immer. Sie kannte sie ja nicht gut, aber eine weitere Lesbe in Weiler war bemerkenswert genug, dass selbst Willa über ihren Schatten sprang und sich bemühte, sie kennenzulernen.

Manchmal hatte es Vorteile, die Hausärztin von fünftausend Dorfbewohnern zu sein. Sie bekam alles mit und traf so gut wie jeden und jede. Sie wusste dadurch auch, dass Consuelo einen Alkoholentzug hinter sich hatte. Hinter einer Sektbar zu arbeiten, war sicherlich nicht besonders sinnvoll. Wieso arbeitete Consuelo überhaupt hier im Schlösschen mit? Sie war doch Schreinerin, soweit sie wusste.

Carolina war neben ihr ungewöhnlich still, also blieb es an Willa hängen, die Konversation zu betreiben. Sie fühlte sich unwohl dabei, gar nichts zu sagen. Irgendetwas musste sie mit ihrer Patientin reden.

»Wie läuft es in der Feuerwehr?«, fragte sie. Sehr gut, Willa. Das klang überhaupt nicht hölzern. Warum hatte sie nicht das Naheliegende gefragt? Gerade hatte sie noch darüber nachgedacht, wie Consuelo hier hinter die Sektbar kam. Das hätte sie doch ansprechen können. Aber sie war eben einfach kein Mensch für Small Talk. Und warum konnte Carolina nicht sein wie immer und die Klappe offen haben?

Lo Jakob: Die Torpedotante, ihre Feuerwehrfrau, deren Katze und das halbe Dorf

1. Akt 1 Torpedotante Sie hatte noch nie vor einem Kongress voller Feministinnen ihre...
Wamm! Bumm! Zosch! Am liebsten hätte sie geschrien, aber sie trommelte sich nur eine Runde auf die...
Danach hätte sie sie vielleicht noch ein, zwei Mal für eine Wiederholung getroffen. Spätestens...
Die spärlichen offiziellen Infos hatten irgendwie das Interesse der Veranstalterinnen geweckt. Was...
»Gut. Maxi ist eine sehr gute Kameradin«, antwortete ihre Patientin. Wow, Consuelo war so schlecht...
Sehr erstaunt schaute sie die Burlesquetänzerin an. Consuelo kam überhaupt nicht dazu zu fragen,...
»Mit wem hattest du Sex auf der Toilette? Oder war es ein anderer Ort?« Maxi grinste noch immer,...
»Wow. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich in seiner vollen Bandbreite erfasse. Aber ich glaube, du...