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»So kann ich das nicht durchgehen lassen!«, ereiferte Gebäudeinspektorin Donner sich. »Sie sehen doch selbst, in was für einem besorgniserregenden Zustand dieser Boden ist.«

»Das ist Laminat, das kann ich problemlos auswechseln. Dafür müssen Sie doch nicht gleich den ganzen Bereich schließen.« Verständnislos sah Lou auf zu Frau Donner, während sie vor dem Corpus Delicti kniete und mit der Hand über die entsprechende Stelle fuhr.

»Nur vorübergehend. Die Stelle ist nämlich viel zu gefährlich, so, wie sie jetzt ist«, bestand Frau Donner auf ihrer Meinung. »Und woher soll ich denn wissen, ob Sie diesen Mangel auch wirklich bis zu Ihrem nächsten Termin repariert haben und dieser marode Boden keine Verletzungsgefahr für ihre Kunden mehr darstellt?« Schnaubend schob sie sich ihre dicke Hornbrille ihren Nasenrücken hoch.

»Ich versichere Ihnen, dass ich gleich nachher einen Schreiner damit beauftragen werde. Das ist in zwei bis drei Tagen erledigt.« Lou unterdrückte ein Augenrollen. Diese Stelle hier – das musste sie zugeben – war wirklich etwas unschön. Das Laminat war abgetreten, ein Stück abgesplittert, und wenn man nicht aufpasste, dann konnte man schon darüber stolpern. Aber deswegen musste die Gebäudeinspektorin noch lange nicht den gesamten Wellnessbereich ihres Wellness & Spa schließen. Auch nicht nur vorübergehend.

»Nehmen Sie das nicht auf die leichte Schulter, Frau Gerber«, mahnte Frau Donner. »Stellen Sie sich doch bitte mal vor, ich verlängere Ihnen die Betriebserlaubnis, und dann stolpert einer Ihrer Besucher genau über diese Stelle, verliert das Gleichgewicht und knallt vornüber auf dieses Möbel.«

Sie trat einen Schritt zurück und deutete gestenreich auf das Sideboard. Mit geübtem Handgriff rüttelte sie an einer Ecke, nickte und machte sich dazu eine kurze Notiz auf ihrem Klemmbrett.

Leise stöhnend erhob sich Lou wieder. Beiläufig schob sie die Massageliege an ihren Platz zurück und sah der Gebäudeinspektorin fest in die Augen. »Ich kann verstehen, dass diese Stelle da auf dem Boden ein Problem ist, aber das ist nur eine Kleinigkeit, und es ist doch unverhältnismäßig, mir deswegen den kompletten Wellnessbereich zu schließen.«

»Ich entscheide, was verhältnismäßig ist«, bestand Frau Donner mit spitz erhobenem Finger darauf. »Es liegt ganz allein in meinem Ermessen.« Sie krampfte ihre Finger ums Klemmbrett. »Oder wie wollen Sie mir garantieren, dass bei Ihrem nächsten Massagetermin hier drin niemand zu Tode stürzt?«

Unterdrückt seufzte Lou vor sich hin. In ihr sträubte sich alles dagegen, hier noch weiter mit der Gebäudeinspektorin wegen so was zu diskutieren. Das war einfach lächerlich. Und das lag keinesfalls daran, dass sie Frau Donner schon an der Nasenspitze ansehen konnte, dass diese Frau sich wohl noch nie eine entspannende Massage in einem Wellness-Center oder Spa wie dem ihren gegönnt hatte. Und es wohl auch nie tun würde.

Lou riss sich zusammen und versuchte, diplomatisch zu bleiben. »Wie wäre es, wenn ich Ihnen verspreche, dass ich dieses Zimmer hier verschlossen halte, und unsere Kunden in einem der anderen Zimmer massiert werden?« Sie schob sich ihre Hände in die Hosentaschen, um besonders unschuldig zu wirken. »Dann kann niemand hier rein, und es kann sich auch niemand an der Stelle verletzen.«

Sie hoffte inständig, dass Frau Donner sich damit einverstanden erklärte. Etwas anderes fiel ihr auf die Schnelle auch nicht ein.

Würde sie ihren Spa vollständig schließen müssen, wäre der Imageschaden immens. Denn wer weiß, was die Gerüchteküche alles hergeben würde. Zudem hätte ihr das in Anbetracht ihrer Zukunftspläne gerade noch gefehlt. Aber das musste sie der Gebäudeinspektorin nicht unbedingt auf die Nase binden.

Immerhin sah die mit ihrer gerunzelten Stirn so aus, als würde sie ernsthaft über diesen Vorschlag nachdenken.

»Gut, damit kann ich leben.« Frau Donner notierte etwas auf ihrem Klemmbrett, drehte es um und hielt es Lou hin. »Unterschreiben Sie da. Damit garantieren Sie, dass dieses Zimmer«, sie ließ ihren Blick kurz zur Massageliege schweifen und rümpfte ihre Nase, »erst wieder für Ihre Kunden zugänglich ist, wenn Sie es von allen Mängeln befreit haben und ich es abgenommen habe.«

»Natürlich.« Lou nahm das Klemmbrett und unterschrieb an der Stelle, auf die Frau Donner wiederholt mit ihrem Finger tippte.

Sie nahm das Klemmbrett wieder an sich, riss ein Doppel heraus und hielt es Lou hin. »Ich komme in ein paar Tagen noch einmal, um zu kontrollieren, ob der Schaden behoben wurde.«

»Ich werde noch heute einen Schreiner mit der Reparatur beauftragen«, erwiderte Lou artig, faltete den Zettel zusammen und steckte ihn in die Hosentasche.

»Besser ist es«, mahnte Frau Donner und sah sie streng über den Rand ihrer Brille an. »Nun, dann ist meine Arbeit hier getan.« Mit einer zackigen Handbewegung strich sie sich ihren Blaser glatt und nickte Lou kaum merklich zu. »Wir sind fertig.«

Puh, na endlich. »Bitte folgen Sie mir. Ich werde Sie noch zum Ausgang begleiten.« Und sicherstellen, dass Sie auch wirklich gehen, verkniff Lou sich zu sagen. Stattdessen schwang sie ihren Arm nach vorn und deutete entlang des Korridors zum Empfang.

»Gern.« Frau Donner nickte kaum merklich.

Während sie Richtung Ausgang gingen, schüttelte Lou innerlich den Kopf. Abgesehen vom Laminat waren es nur wenige Kleinigkeiten, die beanstandet wurden.

Sie selbst legte auch ohne die Gebäudeinspektorin großen Wert darauf, dass hier immer alles tipptopp war. Ganz egal, ob ihre Kunden bevorzugten, in einem der Bäder im Spa zu relaxen oder ob sie sich noch zusätzlich im Wellnessbereich eine erstklassige Massage gönnten. Für sie alle bot ihr Wellness & Spa eine entspannende Atmosphäre, die ihre wohltuende Wirkung auf Körper und Geist entfaltete.

Ja, sie führte hier ein Unternehmen, das sie durch harte Arbeit dahin gebracht hatte, wo es jetzt war. Und auch wenn es sie viel Schweiß und Nerven gekostet hatte, sie war stolz darauf und auch auf jeden einzelnen ihrer Mitarbeiter, die ihr Bestes gaben, um den Kunden ein Erlebnis der Extraklasse zu ermöglichen.

Am Ausgang angelangt reichte Lou der Gebäudeinspektorin die Hand. »Auf Wiedersehen und einen schönen Tag noch«, wünschte sie ihr und begleitete sie noch ein paar Schritte nach draußen, bis sich hinter ihnen die Türen wieder schlossen.

»Das wünsche ich Ihnen auch«, erwiderte Frau Donner unerwartet höflich, drehte sich auf ihren niedrigen Absatzschuhen um und stöckelte die wenigen Treppenstufen hinunter zu ihrem Wagen.

Lou stieß einen lauten Seufzer aus. Der Tag hatte doch heute Morgen so schön mit Sonnenschein begonnen.

In diesem Moment fuhr Iris, Mitarbeiterin der ersten Stunde und gute Freundin, mit ihrem blauen BMW auf den Parkplatz. »Wer war das denn?«, rief sie Lou entgegen, kaum dass sie ausgestiegen war. Schwungvoll knallte sie die Autotür zu und zeigte auf Frau Donners Wagen, der gerade an ihr vorbeifuhr.

Manuela Schopfer: Wellness fürs Herz

1 »So kann ich das nicht durchgehen lassen!«, ereiferte Gebäudeinspektorin Donner sich. »Sie sehen...
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