Augenblicklich riss Emma die Augen auf. Gott, wie peinlich! Allein wegen einer sanften Berührung, die irgendwie immer noch in ihr nachschwang, so in Träumereien zu verfallen, dass Frau Gerber sie wieder zurückholen musste. Doch die Art, wie ihr Gegenüber die Blicke über Emma schweifen ließ, war nicht gerade hilfreich.

Aber kein Wunder, so, wie sie sich gerade anstellte. Sie musste sich unbedingt zusammenreißen. Ja, das musste sie. Sie wusste zwar nicht warum, aber seit sie in diese grünen Augen gesehen hatte, wollte sie diesen Auftrag noch mehr als zuvor. Und vielleicht noch mal eine Berührung wie diese eben. Warum auch immer . . .

Unruhig knetete Emma ihre Hände und suchte nach den passenden Worten, die ihr unter Lou Gerbers Blick irgendwie abhandengekommen waren. »Gern«, krächzte sie undeutlich und versuchte sich in einem angedeuteten Nicken.

Ausgerechnet! Das war selbst für sie untypisch, dass sie sich wegen eines Handschlages vergaß und hier einen völlig unprofessionellen Eindruck machte. Seltsam, was diese Frau Gerber in ihr auslöste. Leise seufzte sie in sich hinein. So was war ihr doch noch nie passiert.

Also los, spornte sie sich an. Jetzt galt es, sich zu konzentrieren.

Schnell versicherte sie sich, dass sie Notizblock und Bandmaß eingesteckt hatte, und eilte dann Lou Gerber, die sich bereits zum Gehen abwandte, zum Haupteingang hinterher.

Blöderweise war ihr erster Eindruck bei Frau Gerber wohl gründlich der Kreissäge zum Opfer gefallen. Jetzt fehlte es gerade noch, dass sie nachher vor ihr stand und nichts notieren oder ausmessen konnte, weil sie ihre Ausrüstung im Lieferwagen vergessen hatte.

Wäre peinlich geworden und hätte sie, nach Frau Gerbers Blick zu urteilen, wohl den Auftrag gekostet.

Erneut seufzte Emma leise vor sich hin und versuchte, mit Lou Gerbers langen Schritten mitzuhalten. So zielgerichtet, wie die vorging, schien sie es wirklich eilig zu haben, die Sache hinter sich zu bringen.

»Wow.« Emmas Augen weiteten sich zum zweiten Mal, als sie in die Eingangshalle trat. Sie wusste gar nicht, wo sie zuerst hinsehen sollte. So eine prachtvolle Eingangshalle hatte sie noch nie gesehen. Sie verlangsamte ihren Schritt und ließ ihre Blicke schweifen.

»Hier geht es lang«, drang Lou Gerbers Stimme gleich wieder an ihr Ohr. Sie war bereits an den Kassen und schien nun ungeduldig auf sie zu warten. »Der Boden und die anderen Arbeiten sind im Wellnessbereich.«

»Ja . . . ja, natürlich . . . ich komme«, beeilte Emma sich zu sagen.

Nur ungern riss sie sich von den imposanten Holzbalken los, die das Dach der Eingangshalle stützten. Eines war sicher, wenn sie diesen Auftrag erhalten würde, würde sie sich die Zeit nehmen und diese ganze Pracht hier in Ruhe auf sich wirken lassen.

Aber jetzt gab es Wichtigeres, und das war Lou Gerber und dieser Auftrag.

Schnell schloss Emma zu ihr auf, und noch während sie ihr den Gang entlang vorbei an den Umkleiden folgte, ließ sie ihre Blicke weiter schweifen. Alles sah gepflegt und sauber aus. Ganz, wie es sich für ein Wellness & Spa gehörte.

Die Eintrittspreise, auf die sie vorhin beim Eingang kurz einen Blick geworfen hatte, waren zwar ordentlich, aber hier bekam der Kunde auch einiges für sein Geld geboten. Sie war zwar hier, um zu arbeiten, aber selbst auf sie wirkte dieses exquisite Ambiente schon jetzt entspannend.

Dann blieb sie neben Lou Gerber stehen, und ihre Augen weiteten sich. Beinahe hätte sie ein drittes »Wow!« von sich gegeben.

»Das ist unser Wellnessbereich«, erklärte Lou. Mit der Hand deutete sie auf den Tresen, hinter dem eine Frau stand und sie freundlich grüßte. »Hier werden unsere Besucher in Empfang genommen, und da, den Korridor entlang, geht es zu den verschiedenen Massagezimmern.«

Emma fiel beinahe die Kinnlade herunter. Sie hatte ja schon vieles gesehen, aber dieser Empfangsbereich übertraf alles.

Gemütliche Sessel luden zum Verweilen ein, ein kleiner Zimmerbrunnen plätscherte unauffällig vor sich hin, und das Zusammenspiel aus dezenter Beleuchtung und diesem milden Duft entfaltete seine entspannende Atmosphäre, kaum hatte sie den Wellnessbereich betreten.

Ja, hier konnte man den Alltag wirklich vergessen.

Das Einzige, fiel es Emma gerade auf, was hier einen kleinen Stilbruch darstellte, war das Holz vom Tresen. Das passte nicht exakt zum Laminat. Je nachdem, wie das hier lief, würde sie Frau Gerber vielleicht noch den Vorschlag machen, den Tresen neu zu verkleiden, ganz im Stil vom Rest dieses Raumes, damit der hier besser ins Gesamtbild passte.

»Hier ist es«, sagte Lou, ging ein paar Schritte den Korridor entlang und zeigte auf eines der Zimmer.

Emma blieb wie angewurzelt im Türrahmen stehen. Wenn der Empfangsbereich sie nicht schon sprachlos gemacht hätte, dann das hier. So einen sorgfältig eingerichteten Raum hatte sie noch nie gesehen. Da brauchte sie keine Sekunde, um zu erkennen, dass dieser Raum darauf ausgelegt war, dass die Besucher sich hier schon beim Eintreten wohlfühlten und der Stress von ihnen abfiel.

Mal abgesehen vom Boden, der da ein paar unschöne Stellen aufwies, wäre sie hier sofort eingezogen.

Verstohlen kaute sie auf ihrer Unterlippe herum und sah sich weiter um. Im Vergleich zu ihrer Wohnungseinrichtung war das hier ein Traum. Die Massageliege schien bequemer als ihr Bett zu sein, und der dezente Duft nach . . . nach . . . was war das bloß?

Aber leider war sie ja nicht hier, um hier einzuziehen, oder sich von Lou Gerber massieren zu lassen. Das hätte sie sich auch gar nicht leisten können.

Aus dem Augenwinkel spähte sie zu ihr hinüber. So, wie Lou jetzt mit ihren Händen auf dem Rücken dastand, machte sie einen sehr attraktiven Eindruck, und Emma konnte sich daher gut vorstellen, dass die Kundinnen und Kunden unter ihren Händen förmlich dahinschmolzen. Ihr selbst hatte ja vorhin schon der Handschlag gereicht, um sie für einen Moment alles um sich herum vergessen zu lassen. Da wollte sie gar nicht wissen, wie es sich anfühlte, wenn Lou Gerbers Hände erst über ihre Schultern und dann über ihren Rücken strichen.

Schon allein der Gedanke daran ließ sie erschauern, und dieses warme Gefühl von vorhin war augenblicklich wieder da.

Unterdrückt seufzte sie leise in sich hinein und ließ die Vorstellung von Lous wohltuenden Händen auf ihrem Körper wieder los. Auch wenn der Gedanke da gewisse südliche Regionen anregte, jetzt war nicht der Zeitpunkt für solche Fantasien, auch wenn sich ihr Körper gerade heftig gegen die krasse Zensur sträubte.

Um sich und ihren Körper abzulenken, schlenderte sie mit gesenktem Blick ein paar Schritte durchs Zimmer. Denn was sie unter keinen Umständen vergessen durfte, war, weshalb sie hier war, und das waren leider nicht Lou Gerber und ihre Hände. Nein, das war dieser Auftrag, den sie wirklich ganz dringend brauchte.

Manuela Schopfer: Wellness fürs Herz

1 »So kann ich das nicht durchgehen lassen!«, ereiferte Gebäudeinspektorin Donner sich. »Sie sehen...
»Pscht«, mahnte Lou. Unterdrückt brummte sie: »Halt dich zurück, wenigstens so lange, bis sie die...
»Kleines, du vergisst was Entscheidendes«, säuselte Iris mit sanfter Stimme. »Der alte Stoss stand...
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Ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Boden gerichtet, ging sie in die Hocke und kratzte mit den...
»Haben die anderen Räume auch noch Sideboards, die verstärkt werden müssen, oder haben Sie sonst...
Und obwohl das sicher eine angemessene Begrüßung war, schien sie Emma Wickly doch ziemlich auf dem...
Ob das ihre Absicht ist? dachte Lou. Will sie nicht, dass ich sie ansehe? »Ihre . . . Kunden sind...
Dabei hatte sie sich viele Gedanken über die Umgestaltung des Massageraumes gemacht, die Muster...
Irritiert blickte Lou sie an. Die Sache mit dem Dildo klären? Seit sechs Uhr heute Morgen auf Emma...
»Pah. Das ist doch absurd.« Genervt setzte sie sich auf ihre altmodische Hollywoodschaukel, die in...
Inmitten des Raumes blieb sie stehen, hakte ihre Daumen links und rechts im Gürtel ein und nickte....