Ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Boden gerichtet, ging sie in die Hocke und kratzte mit den Fingernägeln über eine aufgesprungene Stelle. »Er ist wirklich schon in die Jahre gekommen«, sagte sie. »Da sind überall kleinere oder größere Stellen, die es gesehen haben.« Konzentriert und immer noch den Boden fixierend erhob sie sich und erkundete weiter den Raum. »Den Boden sollten Sie wirklich ersetzen.« Sorgsam schob sie die Massageliege ein Stück zur Seite, um die Stelle darunter besser sehen zu können. »Doch, ich denke, hier lohnt es sich nicht mehr, die einzelnen Stellen zu reparieren. Ich würde Ihnen empfehlen, das ganze Laminat rauszureißen und neu zu legen.«

Puh, stöhnte sie erleichtert in sich hinein. Es schien, als hätte sie gerade zu ihrem professionellen Ich zurückgefunden und ihren Körper erfolgreich in seine Schranken verwiesen.

»Ja, das habe ich mir auch schon gedacht«, meinte Lou und nickte angedeutet. »Folgen Sie mir.«

Emma kam gar nicht so schnell hinterher mit gucken, so flott hatte Lou das Zimmer verlassen. Eilig folgte sie ihr in das Zimmer gleich nebenan.

»Was denken Sie?«, fragte Lou. Direkt neben einem Sideboard stehend rüttelte sie daran, das sich unter ihrer Hand auch gleich bedenklich nach links und rechts neigte. »Können Sie das so verstärken oder fixieren, dass das mal eine ganze Weile hält?«

Nachdenklich rieb Emma sich übers Kinn und stellte sich vor das Sideboard. »Darf ich?« Mit dem Finger zeigte sie auf die Griffe an den Türchen. Sie wusste aus Erfahrung, dass man so was, je nach Holz und Bauart, mit ein paar Verstärkungen gut und unsichtbar von innen oder von hinten wieder stabil bekam.

»Nur zu«, sagte Lou. Kaum merklich nickte sie.

Emma ging vor dem Sideboard in die Hocke, legte ihre Finger um die Griffe und zog die Türchen auf. »Huch«, rutschte es ihr im gleichen Augenblick über die Lippen. Sie wusste gar nicht, wie ihr geschah, denn das Sideboard knackte laut und neigte sich ihr augenblicklich entgegen. Statt nach hinten auszuweichen, verlor sie das Gleichgewicht und plumpste mit dem Hintern auf den Boden.

Sie konnte nur noch untätig dabei zusehen, wie die oberste Ablage aus den Angeln brach und ein paar Handtücher zusammen mit etwas Länglichem herausrutschten. Und jetzt erkannte sie auch, was das war. Mit wummerndem Herzen starrte sie auf den schwarzen Dildo, der zwischen ihren Beinen auf dem Boden lag und sich leise surrend zwischen den Handtüchern bewegte.

Oh Gott! Augenblicklich spürte sie, wie ihr die Hitze in die Wangen schoss, als sie das ganze Ausmaß erkannte. Ein Türchen hing lose in der Luft, und das Sideboard hatte sich zur Seite geneigt wie ein untergehendes Schiff.

Okay, ruhigbleiben, sagte sie zu sich selbst und atmete tief durch. Du brauchst diesen Auftrag, und das Ding da ist nicht dein Problem. Angestrengt schluckte sie gegen die Trockenheit an, die wie Sägemehl die letzte Feuchtigkeit aus ihrem Hals saugte. »Ähm . . .«, krächzte sie, weil sie das Gefühl hatte, etwas sagen zu müssen. Aber was? Was zum verbrannten Holz noch mal sagte man in solch einer Situation?

Zugegeben, sie hatte vorhin ja schon unkeusche Gedanken gehabt bezüglich Lou und wo ihre Hände überall zum Einsatz kommen könnten, aber das kleine Schwarze da, das sich surrend auf sie zubewegte, ging ihr doch etwas zu schnell.

Hilfesuchend blickte sie zu Lou hoch, deren Augen ziemlich wütend funkelten. Mit einer schnellen Bewegung hob sie den Dildo ruckartig auf, schaltete ihn aus und legte ihn unsanft auf die Massageliege. »Ist alles okay mit Ihnen? Das tut mir furchtbar leid. Ich hoffe, Sie bekommen jetzt keinen falschen Eindruck«, entschuldigte sie sich hastig. »Hier hat sich eine meiner Angestellten wohl einen bösen Scherz erlaubt. Das wird auf jeden Fall Konsequenzen haben«, zischte sie mehr, als dass sie es laut sagte.

Doch dann fiel ihr Blick auf Emma, die sich etwas ungeschickt – verdammt, seit wann stellte sie sich so ungeschickt an? – aufzurappeln versuchte, und augenblicklich begannen ihre Mundwinkel zu zucken. Sie reichte Emma die Hand.

»Alles . . . alles gut«, stammelte Emma, nahm Lous Hand und stand mit ihrer Hilfe auf. »Nichts passiert.« Unsicher tapste sie von einem Fuß auf den anderen und wischte sich rein aus Verlegenheit den Hintern ab. »Das . . . das mit dem Sideboard tut mir sehr leid«, stotterte sie unbeholfen weiter.

Hastig rieb sie sich übers Gesicht. Die Hitze in ihren Wangen glich einem Glutofen, und es fühlte sich an, als würden da munter weiter Kohlen ins Feuer geschaufelt. Warum musste so was auch immer ihr passieren? Sie schluckte. Wenn Lou jetzt annahm, dass Emma genauso ungeschickt arbeiten würde, konnte sie den Auftrag in den Schornstein schreiben.

Doch Lou schien reichlich unbeeindruckt. »Das macht doch nichts«, sagte sie mit Blick auf die Reste des Sideboards. »Ich bin nur froh, dass Ihnen nichts passiert ist.« Aufmerksam ließ sie ihren Blick über Emma gleiten, beinahe so, als prüfe sie eingehend, ob ihr auch wirklich nichts passiert wäre. »Sind Sie sicher, dass es Ihnen gutgeht?«

Emmas Herz wummerte unter Lous prüfendem Blick noch einen Tick schneller. Oder war es eher die Vorstellung von einer Lou Gerber, wie sie es ihr mit dem Ding da auf der Massageliege besorgte? Himmel, was war bloß los mit ihr!

»Ja, ja«, bestätigte sie heftig nickend. »Ich denke . . . es ist vielleicht besser, wenn ich Ihnen ein neues Sideboard mache. Aber . . . aber das wird mir heute nicht mehr reichen.«

Mit zittrigen Fingern zog sie Notizblock und Stift hervor und starrte darauf, weil sie einfach Angst hatte, dass Lou ihr sonst vielleicht ansah, was sie da gerade in ihrer Fantasie mit ihr anstellte. Unwillkürlich wanderte ihr Blick jedoch zu dem Dildo, der noch auf der Massageliege lag.

»Ja«, schmunzelte Lou, »das glaube ich auch, dass das etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen wird.«

Emma blickte auf und sah, dass Lou sie intensiv betrachtete. Hat sie jetzt gedacht, ich starre den Dildo an, weil . . .? Oh Mann, heute trat sie aber auch von einem Fettnäpfchen ins nächste.

Um den Eindruck, den Lou bekommen haben musste, zu entkräften, tippte sie geschäftig auf ihren Notizblock. »Ich wollte mir nur eine Notiz zum Sideboard machen und wegen des Bodens.« Und dafür starre ich den Dildo an. Ja klar.

»Wenn Sie es sagen.« Lous Schmunzeln wurde eine Spur breiter.

Natürlich glaubt sie mir kein Wort. Wenn Emma aus dieser Nummer wieder rauskommen wollte, musste sie sich verdammt noch mal zusammenreißen und am besten so tun, als wäre überhaupt nichts gewesen. Das schien die beste Strategie.

Manuela Schopfer: Wellness fürs Herz

1 »So kann ich das nicht durchgehen lassen!«, ereiferte Gebäudeinspektorin Donner sich. »Sie sehen...
»Pscht«, mahnte Lou. Unterdrückt brummte sie: »Halt dich zurück, wenigstens so lange, bis sie die...
»Kleines, du vergisst was Entscheidendes«, säuselte Iris mit sanfter Stimme. »Der alte Stoss stand...
Augenblicklich riss Emma die Augen auf. Gott, wie peinlich! Allein wegen einer sanften Berührung,...
Ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Boden gerichtet, ging sie in die Hocke und kratzte mit den...
»Haben die anderen Räume auch noch Sideboards, die verstärkt werden müssen, oder haben Sie sonst...
Und obwohl das sicher eine angemessene Begrüßung war, schien sie Emma Wickly doch ziemlich auf dem...
Ob das ihre Absicht ist? dachte Lou. Will sie nicht, dass ich sie ansehe? »Ihre . . . Kunden sind...
Dabei hatte sie sich viele Gedanken über die Umgestaltung des Massageraumes gemacht, die Muster...
Irritiert blickte Lou sie an. Die Sache mit dem Dildo klären? Seit sechs Uhr heute Morgen auf Emma...
»Pah. Das ist doch absurd.« Genervt setzte sie sich auf ihre altmodische Hollywoodschaukel, die in...
Inmitten des Raumes blieb sie stehen, hakte ihre Daumen links und rechts im Gürtel ein und nickte....