»Haben die anderen Räume auch noch Sideboards, die verstärkt werden müssen, oder haben Sie sonst noch Mängel, die ich mir ansehen soll?«, fragte sie deshalb schnell, um von diesem Thema abzulenken.

Mal ganz abgesehen davon, dass eine lächelnde Lou Gerber sehr sympathisch wirkte. Ja, geradezu unwiderstehlich.

»Ja.« Lou Gerber setzte nun ebenfalls wieder ihre professionell-zurückhaltende Miene auf. »Am besten, wir gehen jedes Zimmer durch und sehen uns das gemeinsam an.«

»Sehr gern.« Erleichtert atmete Emma aus.

Es sah ganz danach aus, als ob Frau Gerber immer noch daran interessiert war, sie mit diesem Auftrag zu betrauen.

Ansonsten hätte sie jetzt sicherlich nicht noch weiter Zeit in sie investiert.

3

Schreinerei Wickly, las Lou die Inschrift auf dem Schaufenster und atmete nebenher tief den Geruch von frisch geschnittenem Holz ein. Es war zwar schon eine kleine Weile her, aber so hatte es in der Schreinerei Stoss auch immer gerochen.

Interessiert betrachtete sie die Holzarbeiten, die im Schaufenster ausgestellt waren. Diese Emma Wickly hat Talent. Das musste Lou zugeben. Der Steinbock, den sie da aus einem Holzstrunk geschnitzt hatte, war wunderschön herausgearbeitet. Ein echter Hingucker.

Fast so ein Hingucker wie der Dildo, der der armen Schreinerin die Schamesröte ins Gesicht getrieben hatte. Unwillkürlich musste Lou schmunzeln.

Aber eigentlich war das nicht zum Schmunzeln. Sie schüttelte leicht den Kopf, und ihre Miene wurde eher wütend als amüsiert. Verdammte Iris! Das war ganz bestimmt ihre Schuld. Jemand anderen, der dafür verantwortlich sein könnte, konnte sie sich kaum vorstellen. Der würde sie den Marsch blasen, wenn sie sie das nächste Mal sah.

Die arme Schreinerin . . . Das war schon ganz schön peinlich gewesen. Sie wusste wirklich kaum, wie sie darauf reagieren sollte, gleich, wenn sie Frau Wickly sah. Sicher, heutzutage sollte keine Frau mehr rote Wangen kriegen beim Anblick eines Dildos, aber es war trotzdem nicht das, was man erwartete. Oder was man harmlosen Besuchern zumutete.

Und obwohl sie an gewisse Dinge gewöhnt war, musste sie sogar selbst zugeben, dass der Vorfall ihr für einen kurzen Moment die Sprache verschlagen hatte. Iris’ Verhalten wurde immer verantwortungsloser. Was, wenn eine Kundin den Dildo gefunden hätte? In Nullkommanichts wäre der Ruf des Spa ruiniert gewesen. Und Iris ebenfalls ihren Job los. Dachte sie denn gar nicht über so etwas nach?

Auf jeden Fall hatte Lou beim Anblick von Emma Wickly und ihren glühenden Bäckchen befürchtet, dass sie mitsamt ihrem Notizblock das Weite suchen würde. Das wäre ausgesprochen blöd gewesen. Ihr selbst war es nämlich wirklich wichtig, dass die Mängel so schnell wie möglich aus der Welt geschafft wurden. Und da Iris diese Schreinerei empfohlen hatte, musste sie auch gut sein. Was tat Lou nicht alles, um die gute Frau Donner zufriedenzustellen . . .

Kaum merklich nickte sie vor sich hin. Wenn Emma Wickly die gleiche Sorgfalt bei ihrem Boden, dem Sideboard und den anderen Kleinigkeiten an den Tag legte wie bei diesem Steinbock, dann würde das den Spa-Besuchern sicherlich auch gefallen und ins Gesamtkonzept passen. Aber jetzt stand erst einmal Material aussuchen auf der To-do-Liste.

Entschieden drückte sie die Klinke herunter und betrat den Verkaufsladen der Schreinerei. Hier drin war der Geruch nach Holz noch dominanter als draußen vor der Tür. Ihr sollte es recht sein, denn sie mochte ihn.

Leise schloss sie hinter sich die Tür und ging ein paar Schritte in den Raum hinein. »Hallo?« Sie reckte den Kopf.

War Emma Wickly überhaupt hier? Nach einem kurzen Blick auf ihre Armbanduhr war Lou sich jedoch sicher, dass sie nicht zu früh gekommen war. Nein, sie war pünktlich. Beinahe auf die Minute. Ganz wie es sich für einen Geschäftstermin gehörte.

Vielleicht war die Schreinerin auch nur hinten in der Werkstatt mit etwas beschäftigt und hatte die Zeit völlig vergessen.

Lou schmunzelte und schlenderte durch den Laden auf den Durchgang zu, von dem sie annahm, dass er nach hinten in die Werkstatt führte.

Nebenbei ließ sie ihren Blick über die Ausstellungsstücke schweifen, bis sie bei einem größeren Regal, in dem ein paar Holzmuster aufgetürmt lagen, ankam. Ob das die Muster für ihren Boden waren, konnte sie nur vermuten. Wenigstens sah es danach aus, dass Frau Wickly sich auf ihren Termin vorbereitet hatte, auch wenn von ihr noch nichts zu sehen war.

Gerade, als sie beim Durchgang angekommen war und die Hand hob, um gegen den Türrahmen zu klopfen, sah sie sie auch schon.

Nur ein paar Meter von ihr entfernt stand Emma Wickly gegen die Werkbank gelehnt, hielt ihr Handy vor sich und starrte gebannt darauf. Ihre Zungenspitze lugte leicht zwischen ihren Lippen hervor, und ihre Stirn kräuselte sich nachdenklich.

Augenblicklich überzog ein leichtes Lächeln Lous Gesicht. Mit verschränkten Armen lehnte sie sich gegen den Türrahmen und betrachtete sie.

Was immer es war, das Emma Wicklys Aufmerksamkeit da auf dem Display so gefangen hielt, es ließ sie niedlich aussehen.

Niedlich! Lou schreckte hoch. Was waren das denn für Gedanken? Das Wort gehörte absolut nicht zu ihrem Wortschatz. Das benutzte sie nie.

Wenn überhaupt, dann waren kleine Kinder niedlich oder Katzenbabys. Aber Emma Wickly? Nein. Sie war die Frau, die normalerweise irgendwelches Werkzeug schwang und in Lous Fall einen neuen Boden verlegen sollte. Okay, dazu noch ein Sideboard und ein paar andere Kleinigkeiten, aber mehr nicht.

Daher sollte sie die Finger von dieser niedlichen Frau lassen und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Jawohl. Schließlich standen da später mit ihren Erweiterungsplänen noch mehr als genügend Arbeiten an. Private Verwicklungen störten da nur.

Auch wenn sie zugeben musste, dass Frau Wickly wirklich attraktiv war. Nicht auf eine sexy Vamp-Art, nein, auf eine Art, die Lou faszinierte, weil sie es gar nicht recht in Worte fassen konnte. Sie strahlte so etwas aus, das sie irgendwie . . . irgendwie . . . lockte. Fast als umgäbe sie etwas Geheimnisvolles, das die anderen Frauen, die sie sonst so traf, nicht hatten.

Hoppla. Was waren das denn für Gedanken? Lou straffte ihre Schultern. Der dominante Holzgeruch musste ihr zu Kopf gestiegen sein. Ja genau.

Sie nickte und sah erneut auf die Uhr. Es wurde wirklich langsam Zeit, dass sie hier auf sich aufmerksam machte und das Laminat aussuchte.

Deswegen war sie hier und nicht, um sich mit Emma Wickly und ihrer Ausstrahlung zu beschäftigen. Also los.

»Guten Morgen, Frau Wickly«, begrüßte sie die Schreinerin.

Manuela Schopfer: Wellness fürs Herz

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