Und obwohl das sicher eine angemessene Begrüßung war, schien sie Emma Wickly doch ziemlich auf dem falschen Fuß zu erwischen. Sie blickte von ihrem Handy hoch und wurde fast wieder ein wenig rot, als sie Lou erkannte – die sie ja eigentlich erwartet haben musste.

»Wir haben einen Termin«, erinnerte Lou sie mit leicht hochgezogenen Augenbrauen. »Wegen des Laminats.«

»Oh. Ja.« Schnell steckte Emma das Handy in ihre Hosentasche. »Das Laminat.«

»Eben nicht mehr Laminat.« Lou lächelte. »Jetzt soll es ja Holz werden.«

»Ich weiß.« Emma war anscheinend langsam wieder bei der Sache. Was auch immer sie auf ihrem Handy angeschaut hatte. »Deshalb sind Sie hier. Ich habe da ein paar Muster vorbereitet.« Schnell ging sie auf Lou zu und wollte an ihr vorbei. »Hier drau-«

Da Lou im Türrahmen stand, hatte Emmas Hüfte sie gestreift, als sie an ihr vorbeigehen wollte, und das schien sie für einen Moment erstarren zu lassen.

Ich glaube, die Sache mit dem Dildo hat sie mehr erschüttert, als ich dachte. Lou wich leicht aus, um Emma den Platz zu geben, den sie brauchte. Das noch viel Irritierendere war allerdings, dass sie selbst jetzt auch merkte, wie ihre Hüfte an der Stelle, an der Emma sie versehentlich gestreift hatte, eine Art warmes Gefühl entwickelte.

So ein Unsinn! Da Emma weitergegangen war, drehte sie sich um und folgte ihr.

»Das hier wäre etwas, das ich empfehlen könnte«, sagte Emma, schon bevor Lou sie erreicht hatte, und nahm ein Stück Holz in die Hand, ließ ihre Finger darüberstreichen. »Sehr weich und warm von der Ausstrahlung her. Das sollte die Atmosphäre in einem . . . Massageraum ja sein.«

Lou hatte das Zögern vor dem Wort bemerkt. Ja, Frau Wicklys Gedanken waren entschieden mit etwas anderem als nur der Ausstattung eines Raumes verknüpft. Und wie ihre Finger sanft das Holz streichelten . . . Als ob sie zärtliche Gefühle dafür hegen würde. Beinahe hätte Lou geschluckt.

Emma war Handwerkerin, aber sie hatte kleine Hände. Zarte Hände, die sicherlich sehr gut . . . streicheln konnten.

Jetzt aber . . . Lou versuchte mit aller Kraft, sich am Riemen zu reißen. »Ja, ich denke . . .«, sie versuchte das Schlucken, das sich in ihr aufgebaut hatte, durch ein paar Schritte auf Emma zu zu kaschieren, »das könnte sehr gut passen.« Sie merkte, dass sie nur etwas schief einen Mundwinkel verzog, obwohl sie eigentlich hatte lächeln wollen. »Zur Atmosphäre, meine ich.«

»Aber ich habe natürlich noch mehr«, fügte Emma mit einem scheuen Lächeln hinzu. »Hier ist beispielsweise die Maserung sehr interessant.«

Bei dem Wort Maserung strichen Emmas Finger nun über das neue Muster, während sie das alte weggelegt hatte. Die Hitze, die Lou vor kurzem nur an ihrer Hüfte gespürt hatte, verlagerte sich ganz deutlich nach innen.

»Das wird natürlich glatt, wenn es dann zum Schluss versiegelt wird«, sagte Emma, legte das gemaserte Holz zu dem anderen Muster und griff nach einem dritten. »Was eigentlich schade ist. Es fühlt sich so gut an.« Sie nahm das zweite Muster ebenfalls in die Hand und reichte es Lou. »Fühlen Sie doch mal selbst.«

Oh ja. Fühlen . . . Lou wusste kaum, wie ihr geschah. Es war ein Geschäftstermin. Das hier war ganz klar ein Geschäftstermin, versuchte sie sich selbst zu erinnern.

Aber so etwas wie das, was sie jetzt gerade fühlte, hatte sie nach keinem ihrer One-Night-Stands gefühlt. Das Gefühl danach war immer . . . leer gewesen. Das hier jedoch füllte ihren Brustkorb von innen mit einer unbeschwerten Leichtigkeit, die sie beinahe zum Platzen brachte.

Sie nahm das Holzmuster in die Hand und fuhr mit dem Daumen über die gemaserten Rillen. Am liebsten hätte sie die Augen geschlossen. Wirklich ein wunderbares Gefühl. Holz war einfach so . . . lebendig. Es ließ sich mit keinem anderen Werkstoff vergleichen. »Sie lieben Holz, nicht wahr?«, fragte sie leise.

Emmas Blick, der in dem von Lou fast wie vergraben gewesen war, weil sie auf ihr Urteil zu dem Holzmuster geharrt hatte – oder etwas anderes? –, hellte sich so auf, als hätte sie nur darauf gewartet, auf dieses Thema angesprochen zu werden. »Ja, sehr«, sagte sie. »Manchmal ist es, als ob es mit mir spricht. Also ob darin schon eine Form vergraben wäre, die ich nur herausarbeiten muss. Ich muss gar nichts dazuerfinden, wenn ich beispielsweise etwas schnitze oder drechsle. Es ist alles schon da.«

»Wie der Steinbock im Fenster zum Beispiel?«, fragte Lou. »Der gefällt mir.«

»Wirklich?« Emma wirkte fast überrascht.

»Ja, wirklich.« Lou lächelte. Niedlich. Ganz eindeutig niedlich. Sie sollte das Wort doch in ihren Wortschatz aufnehmen. »Dagegen ist einen Boden zu verlegen allerdings sehr . . . unkünstlerisch.« Fast etwas schuldbewusst verzog sie das Gesicht.

»Ich bin ja auch keine Künstlerin«, sagte Emma, legte das dritte Muster nun ebenfalls zur Seite und schaute auf das Muster in Lous Hand. »Ich bin Schreinerin. Hätten Sie gern diese Art Holz? Mit dieser Maserung? Passen würde es schon.« Sie ergänzte das so umgehend, als ob sie damit das vorige Thema endgültig abschließen wollte.

»Was meinen Sie?«, fragte Lou, schaute aber mehr in Emmas blaue Augen als auf das Stück Holz, über das immer noch ihr Daumen strich.

»Sie sind die Auftraggeberin.« Emma zuckte die Schultern. »Ich richte mich nach Ihren Anweisungen.«

»Aber Sie verstehen mehr davon.« Ich muss damit aufhören! Lou legte das Muster zurück, denn langsam wurde das schon richtig peinlich, was sie da mit ihrem Daumen tat.

»Das erste Muster ist preiswerter«, sagte Emma. »Das mit der Maserung ist teurer.«

»Aber Sie finden es schöner«, vermutete Lou.

»Schon.« Erneut zuckte Emma die Schultern. »Aber Sie müssen es bezahlen.«

Lou zog eine Grimasse. »Das ist natürlich schon ein Argument.«

»Sie können es sich ja noch überlegen«, schlug Emma vor. »Manchmal muss man über so etwas eine Nacht schlafen.«

Wie wäre es, wenn du mit mir . . . Nein, nein, nein! Lou wurde jetzt langsam böse mit sich selbst. Es ging hier um ganz ernste Dinge. »Ja, vielleicht muss ich das«, gab sie zu. »Obwohl ich am liebsten Ihnen die Entscheidung überlassen würde.«

Emma schüttelte den Kopf. »Es muss Ihnen gefallen, nicht mir.«

»Es wäre mir aber lieber, wenn es Ihnen auch gefallen würde«, lächelte Lou.

Als ob sie dieses Lächeln nicht ertragen könnte, wandte Emma sich ab und beschäftigte sich mit den beiden restlichen Mustern, die sie noch nicht genau inspiziert hatten. »Ich werde wohl kaum je zur Massage zu Ihnen kommen«, sagte sie, während sie Lou nicht ansah, sondern die beiden Muster vor ihr Gesicht hielt, als müsste sie sie ganz genau miteinander vergleichen. Es hatte allerdings auch den Effekt, dass es ihr Gesicht mindestens zur Hälfte versteckte.

Manuela Schopfer: Wellness fürs Herz

1 »So kann ich das nicht durchgehen lassen!«, ereiferte Gebäudeinspektorin Donner sich. »Sie sehen...
»Pscht«, mahnte Lou. Unterdrückt brummte sie: »Halt dich zurück, wenigstens so lange, bis sie die...
»Kleines, du vergisst was Entscheidendes«, säuselte Iris mit sanfter Stimme. »Der alte Stoss stand...
Augenblicklich riss Emma die Augen auf. Gott, wie peinlich! Allein wegen einer sanften Berührung,...
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»Haben die anderen Räume auch noch Sideboards, die verstärkt werden müssen, oder haben Sie sonst...
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Ob das ihre Absicht ist? dachte Lou. Will sie nicht, dass ich sie ansehe? »Ihre . . . Kunden sind...
Dabei hatte sie sich viele Gedanken über die Umgestaltung des Massageraumes gemacht, die Muster...
Irritiert blickte Lou sie an. Die Sache mit dem Dildo klären? Seit sechs Uhr heute Morgen auf Emma...
»Pah. Das ist doch absurd.« Genervt setzte sie sich auf ihre altmodische Hollywoodschaukel, die in...
Inmitten des Raumes blieb sie stehen, hakte ihre Daumen links und rechts im Gürtel ein und nickte....