Ob das ihre Absicht ist? dachte Lou. Will sie nicht, dass ich sie ansehe?

»Ihre . . . Kunden sind bestimmt anders als ich«, fuhr Emma da schon fort. »Ihnen muss es gefallen. Selbst wenn es mir nicht gefallen sollte.«

»Nein, das sehe ich anders«, widersprach Lou. »Sie sind die Fachfrau. Und Sie haben diese Muster ja auch schon im Hinblick auf ihre Verwendung bei mir im Spa ausgesucht. Gut ausgesucht, möchte ich hinzufügen.« Wieder lächelte sie, und dieses Lächeln erwärmte sie selbst. »Im Grunde genommen könnten wir jedes davon nehmen. Keins wäre falsch.«

»Dann geht es nur noch um den Preis«, sagte Emma und legte die beiden Muster, die sie vor ihr Gesicht gehalten hatte, wieder weg. »Haben Sie diese hier schon genauer angeschaut? Vielleicht gefällt Ihnen eins davon ja noch besser.«

»Wissen Sie, was mir am besten gefallen würde?«, fragte Lou und wusste selbst gar nicht so genau, woher ihr dieser Gedanke auf einmal kam. »Wenn wir uns duzen würden. Ich möchte dir gern noch mehr Aufträge für das Spa erteilen, und ich habe das Gefühl, wir werden noch eine Weile zusammenarbeiten. Da finde ich es einfacher.« Fast etwas bittend lächelte sie Emma an und streckte ihr die Hand hin. »Lou. Also eigentlich Louisa. Aber natürlich nur, wenn du einverstanden bist?«

»Ich . . . ich . . . umpf. Emma.«, kam es etwas undeutlich zwischen den Lippen der Frau hervor, die Lou nun unwiderruflich als niedlich eingestuft hatte. Nur zaghaft schüttelte sie Lous Hand und schien ihr dabei kaum in die Augen sehen zu können. »Ich . . . ich brauch jetzt einen Kaffee. Möchtest du auch einen?«

Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte sie sich um und ging nach vorn in den Laden. Dass sie dabei mit der Hüfte ein Brett von der Werkbank schubste, als sie sich fluchtartig davonmachte, schien ihr nicht aufgefallen zu sein.

Lou blickte ihr hinterher und seufzte. Nachdenklich schob sie ihre Hände in die Hosentaschen. Emma war ganz sicher eine von diesen Frauen, für die Sex und Liebe zusammengehörten. Nur weil Lou selbst nicht an die Liebe glaubte, und schon gar nicht an ein Für immer und ewig, konnte sie nicht davon ausgehen, dass das bei Emma genauso war. Die Wahrscheinlichkeit sprach eher dagegen.

Sonst wäre es leicht gewesen. Oder zumindest leichter. Denn es gab immer noch den Unterschied zwischen einer Geschäftsbeziehung und einer privaten Beziehung. Geschäftlich mit Emma zu tun zu haben war etwas anderes, als ihr nach einem One-Night-Stand beim nächsten Mal, wenn sie Holzarbeiten durchführte, in die Augen zu sehen.

Nein, sie musste Beruf und Privates in Bezug auf Emma trennen. Mit anderen Leuten ging das vielleicht, mit Emma nicht. Sie war einfach nicht der Typ.

»Nein, danke«, rief sie in Emmas Richtung, die hinter einer Art Paravent verschwunden war. Vielleicht teilte das Küche und Toilette ab, und dort war auch die Kaffeemaschine. »Ich hatte heute schon mehr als genug Kaffee. Ich muss dann gehen. Gleich habe ich noch einen Termin.« Das war zwar erfunden, aber es erschien ihr als eine gute Ausrede, Emmas Werkstatt jetzt so schnell wie möglich zu verlassen. »Ich werde darüber schlafen, welches Holz mir am besten gefällt. Sage dir dann morgen Bescheid. Bis dann!«

Damit begab sie sich schnell zum Ausgang und verließ mit einem Gefühl, als wäre sie nun ebenfalls auf der Flucht, Emmas Werkstatt.

4

Das war jetzt nicht so gut. Emma stützte sich schweratmend auf beiden Händen vor der Kaffeemaschine ab und starrte sie an. Am liebsten wäre sie irgendwo in einem Erdloch verschwunden.

Warum war sie Frau Gerber . . . äh Lou gegenüber nur so gehemmt? Sie musste sie ja für beschränkt halten. Aber das war ihre eigene Schuld. Als Lou gekommen war, hatte sie im Internet nach dem Dildo gesucht, der ihr gestern so unvermutet aus dem Sideboard entgegengefallen war. Wie konnte sie wissen, dass Lou ausgerechnet in dem Moment hereinkommen würde?

Aber das war sie. Gut, dass sie nicht gesehen hatte, was da auf Emmas Display prangte. Aber die ganze Zeit, während Lou dagewesen war, hatte sie sich nicht von dem Gedanken lösen können, was eine Frau wie Lou mit so einem Dildo anstellte. Warum er da im Massageraum gelegen hatte.

War das überhaupt ein Massageraum? Für eine ganz spezielle . . . Massage? Aber so sah Lous Spa nun wirklich nicht aus. Ob es ihr eigener war? Oder ob sie Angestellte hatte, die . . . Spezialdienste anboten, von denen Lou gar nichts wusste? Vielleicht war es aber doch Lous, und sie verwendete ihn für ganz spezielle ihrer eigenen Kundinnen. Oder für sich selbst? Aber dann läge der Dildo wohl eher zu Hause in ihrem Nachttisch.

Warum sah man ihr, Emma, diese Dinge nur immer an? Sie hasste es, dass sie bei jeder Kleinigkeit anlief wie eine reife Tomate.

Anscheinend hatte es Lou nicht gestört. Ein bisschen hatte Emma schon befürchtet, dass sie sich den Auftrag mit Schwung hätte ans Bein nageln können, als Lou plötzlich dastand. Das wäre ein schöner Mist gewesen, denn das hätte ihre eh schon angespannte finanzielle Situation noch mehr verschlimmert.

Schnaufend strich sie sich die Strähne hinters Ohr, die sich mal wieder aus ihrem Zopf gelöst hatte. Sie hatte zwei Tassen unter den Auslauf der Maschine gestellt, und die Maschine hatte die auch blubbernd gefüllt, aber nun war Lou ja gegangen.

Sie konnte natürlich beide trinken, aber das würde ihr Herz wahrscheinlich zum Rasen bringen. Ein Schnaps wäre ihr jetzt lieber gewesen, um von der ganzen Aufregung runterzukommen. Aber es war viel zu früh am Tag, um jetzt schon etwas zu trinken. Was sowieso nicht so recht ihr Ding war, aber in diesem Fall . . .

Sie nahm eine der Tassen und setzte sich an den Tisch, stützte ihr Kinn in die Hand. Selbstvergessen strich sie mit einem Finger entlang der Holzmaserung, die sich in langgeschwungenen Bahnen über die ganze Tischplatte zog. Die einzigartige Schönheit dieses Tisches war immer wieder eine Freude für sie, ein Trost.

Sie schaute auf ihren Finger und verhielt. Würde er sie heute trösten? Seufzend zog sie den Finger zurück, nahm einen Schluck Kaffee. Ihr Herz raste sowieso schon, da machte das auch nichts mehr.

Ihr Herz raste . . . Und der Grund war ihr sehr wohl bewusst. Lou. Warum hatte sie ihr jetzt auch noch das Du anbieten müssen? Wenn man sich mit dem Nachnamen ansprach, konnte man immer noch eine gewisse Distanz wahren, aber wenn man sich duzte? Und dann fiel auch noch ein Dildo aus dem Sideboard. Was für ein Auftrag.

Manuela Schopfer: Wellness fürs Herz

1 »So kann ich das nicht durchgehen lassen!«, ereiferte Gebäudeinspektorin Donner sich. »Sie sehen...
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