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»Nur über meine Leiche!« Dorothea Dhan, von ihrer Freundin Kirsten, die ihr gerade im Café gegenübersaß, normalerweise Doro genannt, schaute Kirsten missbilligend an.

»Das ließe sich bestimmt arrangieren«, erwiderte Kirsten trocken auf Doros gerade erfolgten Gefühlsausbruch. »Aber so schlimm ist es ja nun auch wieder nicht.«

»Das sagst du!« Immer noch – oder eher schon wieder, denn sie diskutierten dieses Thema nicht zum ersten Mal –, blickte Doro empört.

Augenrollend schüttelte Kirsten den Kopf. »Seit deinem fünfzigsten Geburtstag bist du wirklich komisch geworden.«

Ungläubig beugte Doro sich vor. »Mein fünfzigster Geburtstag war vor fast zwei Jahren, meine Liebe.«

»Und das habe ich auch nicht vergessen, meine Liebe«, gab Kirsten süffisant zurück. »Ich war da, falls du dich erinnerst. Bei deinem . . .«, sie schnalzte mit der Zunge, »Besäufnis. In Tränen«, fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu. »Alkohol trinkst du ja nicht.«

»Willst du mir das jetzt auch noch vorwerfen?« In einer Mischung aus fast vergangener Empörung und neu aufgekommener – oder im Hintergrund immer dagewesener – Resignation blickte Doro zuerst Kirsten an, dann auf den Tisch. »Das hat doch alles keinen Sinn mehr. Schon lange nicht.«

»Seit Ute gestorben ist. Ich weiß.« Auf einmal klang Kirstens Stimme durchaus teilnahmsvoll. »Aber das war vor deinem Fünfzigsten – wie wir gerade festgestellt haben. Und selbst der ist nun schon fast zwei Jahre her. Utes Tod noch länger.«

Bei den Worten ›Utes Tod‹ zuckte Doro zusammen.

»Tut mir leid«, sagte Kirsten sofort. »Aber es hat doch keinen Sinn, um die Sache herumzureden. Das sind nun einmal die Tatsachen. Denen du dich stellen musst. Und nicht in Tränen zerfließen oder in . . .«, sie wies auf die Kaffeetasse vor Doro, »Kaffee. Tut dir gar nicht gut.«

»Wen interessiert das?« Doro blickte kurz hoch. »Gibt nicht mehr viel anderes, das ich habe«, ergänzte sie dann schicksalsergeben, während sie den Blick wieder senkte.

»Um deinen Kummer zu ertränken? Richtig.« Kirsten nickte. »Davon rede ich ja gerade. Du bist noch nicht alt, noch nicht einmal zweiundfünfzig, und du bist noch lange nicht tot.« Sich vorbeugend griff sie nach Doros Hand. »Warum hörst du nicht auf mich? Du weißt, dass ich es nur gut meine.«

»Das weiß ich.« Doro atmete tief durch. »Aber verstehst du nicht, Kiri –«

»Natürlich verstehe ich. Oh ja, ich verstehe sehr gut.« Aufseufzend ließ Kirsten sich in ihren Stuhl zurückfallen. »Du wärst gern mit Ute gestorben. Und ihr dann beide gemeinsam vor der Himmelstür . . . Gleich darauf zusammen auf einer Wolke. Harfenspielend. Für den Rest der Ewigkeit.«

Doro riss die Augen auf. »Du verstehst eben doch nicht. Du hast immer noch Sven . . .«

»Natürlich habe ich ihn. Und darüber bin ich auch froh. So oft ich mich über ihn ärgere.« Kirsten lachte. »Aber das ist hier jetzt nicht das Thema. Du hast recht.« Erneut beugte sie sich vor. »Wenn Sven sterben würde, so kurz vor unserer Silbernen Hochzeit –«

In Doros Augen stiegen Tränen.

»Entschuldige.« Mit tröstender Entschlossenheit griff Kirsten nach Doros Hand und drückte sie fest. »So war das nicht gemeint. Aber du kannst dich wirklich nicht in Kaffee ersäufen für die nächsten dreißig Jahre. Oder mehr. Ganz allein.«

»Du meinst, zu zweit wäre das angenehmer?«, bemerkte Doro sarkastisch. Dann verzog sie die Lippen. »Aber keine Sorge. Dreißig Jahre sind es auf keinen Fall mehr. Dafür werde ich schon sorgen. Denn das hat ja sowieso alles keinen Sinn mehr . . .«

»Wirst du wohl aufhören, so zu reden!« Kirsten drückte Doros Hand so fest, dass Doro einen leisen Schmerzenslaut von sich gab.

»Au! Was machst du da?«

»Dich aufwecken, hoffe ich«, sagte Kirsten. »Ich habe das Gefühl, du bist gar nicht richtig da. Sitzt schon da oben auf einer Wolke mit einer Harfe in der Hand. Aber das ist Blödsinn! Ute war krank. Daran konnte und kann niemand etwas ändern. Und es war furchtbar. Auch daran kann niemand etwas ändern. Aber denkst du wirklich, sie hätte gewollt, dass du hier so versauerst? Sie war ein lebenslustiger Mensch. Wenn sie jetzt wirklich da oben auf einer Wolke sitzt, schüttelt sie bestimmt nur den Kopf über dich.«

»Woher willst du das wissen?« Im Inneren tief verletzt und dadurch auf einmal zu einer Wut fähig, die sie sich selbst gar nicht zugetraut hätte, sprang Doro auf. »Du hast sie nicht so gekannt wie ich. Du hast sie überhaupt nicht richtig gekannt! Sie war . . . Sie war . . . Sie war . . . meine große Liebe! Und so etwas gibt es nur einmal im Leben!«

Mit tränenblinden Augen stürzte sie los, in Richtung des gläsernen Caféausgangs.

»Hoppla! Mal langsam!«

Doro merkte nur noch, wie ein starker Arm ihren eigenen umfasste, sie festhielt, bevor sie den Boden küssen konnte. Denn dazu war sie auf dem Weg gewesen. Sie war über irgendetwas gestolpert.

»Was . . . Was . . .? Lassen Sie mich los!« Ihre Augen schleuderten Blitze. Was sie ehrlich gesagt schon lange nicht mehr getan hatten.

»Uijuijui! Was für ein Temperament!« Die andere Frau – denn es war eine Frau, die sie mit so stahlhartem Griff festhielt – lachte. »Tut mir leid, dass Ihnen mein Besen im Weg war. Aber irgendwann muss man ja mal fegen. Und das ist leider der schlechteste Moment für einen Hans-guck-in-die-Luft.«

»Dorothea«, korrigierte Doro ganz automatisch. »Dorothea-guck-in-die-Luft – wenn schon.«

»Auch recht.« Der anderen schien wirklich nichts die Laune zu verderben. »Und mein Name ist Aenne. Aenne Liebig. Nur falls Sie mich verklagen wollen.« Höchst amüsiert hob sie die Augenbrauen. »Ich möchte nicht, dass das eine unschuldige Kollegin trifft.«

Die Nonchalance der Frau, über deren Besen sie gestolpert war, brachte Doro aus dem Konzept. »Entschuldigen Sie«, murmelte sie, plötzlich wieder ihr normales Selbst. »Das wollte ich nicht. Sie verklagen, meine ich. So etwas käme mir gar nicht in den Sinn. Es war meine Schuld, das weiß ich. Ich hätte nicht einfach so . . .«, sie schluckte, »loslaufen sollen.«

»Loslaufen können Sie, so viel Sie Lust haben«, entgegnete Aenne Liebig, die ihrem Aussehen nach – weiße Bluse, schwarzer Rock, fußfreundliche Schuhe – vermutlich der ehrenwerten Gesellschaft der Kellnerinnen angehörte. »Aber vielleicht mal kurz auf die Füße schauen, wo genau sie hinlaufen.« Sie lachte erneut. »Aber ist ja nichts passiert. Alles gut.«

Schon vor einiger Zeit hatte sie Doro losgelassen und wandte sich jetzt wieder dem Fegen zu. Denn Doros Stolpern hatte etwas von dem kleinen Häufchen, das Aenne Liebig zuvor bereits zusammengefegt hatte, erneut über dem Boden um das Zentrum des Häufchens herum verteilt. Mit konzentrierter Genauigkeit versuchte sie, diese Ausreißer wieder einzufangen.

»Doro . . .« Mittlerweile hatte Kirsten sich zu ihnen gesellt, als hätten sie eine Art Wann treffen wir drei wieder zusamm’? vereinbart.

Aber natürlich waren sie nicht im Entferntesten mit den drei Hexen aus Shakespeares Macbeth zu vergleichen, die Theodor Fontane in dieser deutschen Übersetzung am Anfang seiner Ballade Die Brück’ am Tay zitiert.

Das ging Kirsten durch den Kopf, die Germanistik studiert hatte und Deutschlehrerin auf dem Wege zur Schuldirektorin war, nicht Doro, die einen Handarbeitsladen betrieb.

Im Moment verweilte Kirsten aber bei keinerlei germanistischen Gedanken, die ihr einfach aufgrund ihrer Beschäftigung mit Literatur seit Jahrzehnten immer wieder unvermittelt durch den Kopf schossen, sondern bei ihrer Sorge um Doro. »Ist irgendwas passiert?«

Ruth Gogoll: Nur über meine Leiche!

1 »Nur über meine Leiche!« Dorothea Dhan, von ihrer Freundin Kirsten, die ihr gerade im Café...
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