Kurz herrschte eine fast erwartungsvolle Stille zwischen ihnen, dann setzten Aenne Liebig und Doro exakt gleichzeitig an: »Nein, nichts . . .«

Genauso gleichzeitig, wie sie angesetzt hatten, hörten sie auch wieder auf und sahen sich erstaunt ins Gesicht.

Mittendrin begann Aenne Liebig zu lachen. »Entschuldigung. Ich wollte Ihnen nicht vorgreifen. Haben Sie sich wehgetan?«

»N-Nein.« Das war Doro nun allein, die sprach. »Nein, gar nicht.«

Sie war so verwirrt, dass sie wie festgewachsen auf der Stelle stehenblieb, an der Aenne Liebig sie losgelassen hatte. Als ob es ihr nicht erlaubt wäre, sich zu rühren.

In Wirklichkeit war sie jedoch einfach überfordert, eine Entscheidung zu treffen. Hinaus aus dem Café, zu Kirsten zurück – die allerdings ja schon neben ihr stand – oder . . . Ja, oder . . .

»Da bin ich froh.« Aennes Lächeln hatte eine Qualität, die den Raum aufleuchten ließ. »Ich bin heute den ersten Tag hier, und ich möchte den neuen Job nicht gleich mit einem Unfall einläuten. Meine Chefin könnte das für ein schlechtes Omen halten.« Sie lachte wieder. »Und außerdem sollte man es sich nicht schon am ersten Tag mit den Kunden verderben. Das schadet dem Trinkgeld.«

Diese etwas prosaische Bemerkung brachte Doro wieder in die Wirklichkeit zurück, die sie kurz verlassen zu haben schien. Das Ganze hier war ihr wie ein Traum vorgekommen. Oder wie eine Halluzination. Speziell Aennes Lächeln, das sie völlig unvorbereitet erwischt hatte.

»Das will ich natürlich auf keinen Fall«, erwiderte sie mit etwas zusammengepressten Lippen. Sie wollte nach ihrem Portemonnaie greifen, stellte jedoch fest, dass sie ihre Handtasche am Tisch gelassen hatte, als sie so unüberlegt aufgesprungen war. »Ich werde Sie für die Unannehmlichkeiten entschädigen, die Sie durch mich hatten.«

»So war das nicht –« Aenne konnte den Satz nicht zu Ende bringen, da Doro bereits zum Tisch zurückstürzte.

»Heute zeigt sie sich nicht gerade von ihrer besten Seite«, erklärte Kirsten entschuldigend, während sie ihren Blick Doro kurz folgen, dann aber wieder zu Aenne zurückkehren ließ. »So? Es ist also Ihr erster Tag hier im Café? Ich komme nämlich ziemlich regelmäßig her und hatte mich schon gefragt, warum ich Sie noch nie hier gesehen habe.«

»Jetzt wissen Sie’s.« Aennes Blick war ebenfalls zu Doro geschweift, aber nicht wieder zu Kirsten zurück. Er hing weiterhin an der dunkel gekleideten Gestalt am Tisch, die es jetzt fertiggebracht hatte, den gesamten Inhalt ihrer voluminösen, selbstgefertigten Handtasche auf den Boden zu leeren.

»Ja, jetzt weiß ich’s.« Kirsten lächelte. »Doro ist Witwe, wissen Sie? Ihre Frau ist vor gut zwei Jahren gestorben, und sie hat sich immer noch nicht wieder davon erholt. Es war die große Liebe.«

»Das habe ich gehört«, murmelte Aenne, die Kirsten jedoch kaum zu bemerken schien. Anscheinend war ihr Blick wie festgewachsen an Doros fahrigen Bewegungen, die ihr Ziel, alles wieder in die Tasche zu stopfen, immer noch nicht erreicht hatten, da meistens die Hälfte gleich wieder herausfiel. »Sagen Sie ihr . . .« Endlich wand sie den Kopf zu Kirsten. »Sagen Sie ihr, dass es mir leidtut.« Mit einer schnellen, kraftvollen Drehung auf dem Absatz, die einer Ballett-Tänzerin Ehre gemacht hätte, wandte sie sich zur Küche und verschwand hinter der Schwingtür.

»Wo ist sie?« Obwohl sie den Kampf mit ihrer Handtasche nur unzureichend gewonnen hatte, kehrte Doro nun zu Kirsten zurück. »Ich wollte ihr doch noch etwas geben.«

»Ich glaube, meine Liebe . . .«, Kirstens Lächeln war verständnisvoll, aber auch irgendwie wissend, »sie wollte gar nichts.«

»Warum hat sie dann so unglaublich frech auf ihr Trinkgeld hingewiesen?«, fragte Doro gereizt, während ihr Blick Aenne umherirrend suchte, aber nicht fand.

»Das war ein Missverständnis, glaube ich«, sagte Kirsten. »Aber ich würde an deiner Stelle nicht auf sie warten. Ich denke nicht, dass sie so schnell zurückkommt.«

»Sie arbeitet doch hier!« Empörung ließ Doros Stimme wie in einer Welle ansteigen.

»Aber nicht für uns«, erwiderte Kirsten trocken. Sie zog einen Schein aus der Tasche und winkte einer anderen Kellnerin, derjenigen, die sie am Tisch bedient hatte. »Die Rechnung, bitte.«

Die ältere Frau kam, ließ den Bon aus der Kasse und nahm den Schein entgegen.

»Stimmt so«, sagte Kirsten, als sie das Wechselgeld heraussuchen wollte. »Und wir gehen jetzt.« Sie ergriff Doros Arm und schleifte sie fast hinaus. »Bevor du hier noch mehr Unheil anrichtest.«

»Ich?« Ungläubig starrte Doro sie an, stolperte dann jedoch nach anfänglichem Sträuben mit ihr vor die Tür. »Sie hat mir doch ihren Besen zwischen die Beine geschleudert, diese . . . diese Hexe!«

Kirsten lachte. »Na ja, diese feuerroten Haare . . . Und dann auch noch alles Locken. Bis fast runter zum Po. Das hat schon was Hexenhaftes. Das stimmt. Aber ich glaube trotzdem kaum, dass sie eine ist.«

»Locken sind das eigentlich nicht«, widersprach Doro, deren Gedanken schon wieder weitergewandert waren. »Mehr so . . . gekräuselt.«

»Ich frage mich, ob das Natur ist«, bemerkte Kirsten nachdenklich und leicht lächelnd. »Auf jeden Fall passt es zu ihr.«

»So? Denkst du das?« Doro wirkte nicht sehr begeistert. »Wahrscheinlich ist das alles nur gefärbt und von irgendeinem Trend-Friseur aufgemotzt. Sie ist so der Typ.«

Ein wenig irritiert blieb Kirsten stehen. »Was ist denn los mit dir? Du meckerst doch sonst nicht so an anderen Leuten rum. Im Gegenteil. Eigentlich bist du immer sehr kulant.«

»Bin ich das?« In Doro wuchs die Gereiztheit an, die sie schon die ganze Zeit spürte. »Vielleicht ist das mein Problem: Ich bin zu kulant.«

»Aber ganz sicher nicht irgendwelchen Frauen gegenüber, die eventuell Interesse für dich zeigen könnten«, wandte Kirsten mit einem tadelnden Gesichtsausdruck ein. »Da vergisst du jede Kulanz.«

»Ich habe kein Interesse an Frauen, die Interesse für mich zeigen könnten!«, fuhr Doro auf. »Das weißt du ganz genau. Und du weißt auch, warum!«

»Weil du für alle Zeiten an eine einzige Frau vergeben bist.« Kirsten seufzte. »Die aber leider tot ist.«

»Woran du mich nicht ständig zu erinnern brauchst!« Vor lauter Ärger vergaß Doro fast, wie sonst immer bei der Erwähnung von Utes Ableben, traurig zu werden. »Ich gehe jeden Tag zu ihrem Grab!«

»Jeden Tag? Immer noch?« Das setzte Kirsten offensichtlich in Erstaunen. »Kein Wunder, dass du dann nicht vergessen kannst.«

»Nein.« Doros Stimme klang entschlossen. »Das kann ich nicht. Und das will ich auch nicht. Niemals!«

Damit stürmte sie nun endgültig davon und ließ Kirsten stehen, die das nur mit einem weiteren Seufzer quittieren konnte. »Bitte, liebes Schicksal . . .«, sie blickte nach oben in den Himmel, »lass ihr einmal eine Frau begegnen, der das völlig egal ist. Es muss doch eine geben, die sich nicht davon abschrecken lässt.«

Kurz wanderte ihr Blick zurück zum Eingang des Cafés und wurde erneut nachdenklich.

2

»Sagtest du nicht, du bist neu in der Stadt?« Die ältere Kellnerin, die Kirsten und Doro bedient hatte, zählte das Wechselgeld, das Kirsten sich nicht hatte herausgeben lassen, ab und verstaute es in einer Seitentasche ihrer großen Kellnergeldbörse, um es dort mit einem Reißverschluss vom Rest zu trennen.

»Ja, bin ich. Wieso?« Etwas irritiert runzelte Aenne die Stirn.

»Na, das sah gerade so aus, als würdest du die beiden Damen kennen«, bemerkte Gabriele mit einem leicht, aber nicht sehr intensiv neugierigen Seitenblick.

Ruth Gogoll: Nur über meine Leiche!

1 »Nur über meine Leiche!« Dorothea Dhan, von ihrer Freundin Kirsten, die ihr gerade im Café...
Kurz herrschte eine fast erwartungsvolle Stille zwischen ihnen, dann setzten Aenne Liebig und Doro...
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Wahrscheinlich war es diese Geschichte mit der toten Ehefrau. Das war neu für Aenne. Eine Witwe,...
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Gestern, das war ihre Freizeit gewesen. Als sie mit Doro in Doros Laden Tee getrunken hatte. Heute...