Ute hatte ihr nie Angst gemacht. Noch nicht einmal damals bei ihrer ersten Begegnung. Sie hatte immer etwas ausgestrahlt, das Doro beruhigte. Weil sie immer wusste, was sie wollte.

Das Merkwürdige jedoch war – und das war es, was Doro so unendlich verwirrte –, dass diese Aenne Liebig eine ähnliche Ausstrahlung hatte. Und zweifellos wusste auch sie, was sie wollte. Sie hatte Dinge getan, die Doro niemals auch nur in Erwägung gezogen hätte. Wie zum Beispiel auf einem Kreuzfahrtschiff zu fahren.

»Ich . . . äh . . . ich glaube, ich sollte gehen.«

Aennes Stimme durchbrach ihre Gedanken fast wie die Bugwelle eines Schiffes. Eines Kreuzfahrtschiffes?

»Danke für den Tee.«

Sie hielt Doro kurz den Unterteller mit der Tasse hin, doch als Doro keine Anstalten machte, das ihr Entgegengehaltene zu nehmen, beschloss Aenne offenbar kurzerhand, die leere Tasse selbst zu der Nische zwischen den Regalen zurückzubringen. Es war ja auch Routine für sie, in ihrem Beruf.

»Gern . . . gern geschehen«, stammelte Doro, als Aenne die Tasse bereits auf dem niedrigen Unterschrank abstellte.

Sie hatte das Gefühl, dass Aenne sie so ansah, als würde sie noch etwas von ihr erwarten. Doch als Doro schon den Mund öffnen wollte, klingelte das Glöckchen.

»Guten Tag, Frau Dhan«, sagte eine aufmerksamkeitsheischende Stimme, schon bevor das Glöckchen zum zweiten Mal klingelte. »Haben Sie die Wolle bekommen?«

Hin- und hergerissen zwischen Aennes Blick, der sie immer noch festhielt, und der Kundin, die gerade den Laden betreten hatte, bewegte Doros Kopf sich ein paarmal von hinten nach vorn und zurück wie bei einem Tennisspiel.

»Ja, Frau Markwort«, sagte sie dann und wandte sich endgültig der Kundin zu. »Die Wolle, die Sie bestellt hatten, ist gestern geliefert worden.«

Ein Lufthauch streifte sie, als Aenne von hinten an ihr vorbei zur Tür ging, während Frau Markwort gleichzeitig auf sie zukam.

»Auf Wiedersehen, Frau Dhan«, sagte Aenne mit einem leichten Lächeln in der Stimme. »Vielleicht im Café?«

Das Glöckchen klingelte erneut zweimal kurz hintereinander, und schon war Aenne hinter der geschlossenen Tür verschwunden.

Obwohl Doro sich normalerweise gern über Wolle, Stricknadeln und Strickmuster unterhielt, fühlte sie sich diesmal abgelenkt, als sie das mit Frau Markwort tat. Es war wie eine Routine, die ohne ihr Zutun ablief.

Nachdem Frau Markwort gegangen war, kam schon ein paar Minuten später die nächste Kundin. Es ging auf die Mittagszeit zu, und da kamen entweder Hausfrauen, die jetzt mit dem Einkauf für das Mittagessen fertig waren, oder Berufstätige, bei denen die Mittagspause begann. Es waren ausschließlich Frauen, und das fand Doro an ihrem Handarbeitsladen auch sehr angenehm.

Sie hatte nur einen einzigen schwulen Kunden, der immer einmal wieder vorbeikam, um Sockenwolle zu kaufen. Es war ein älterer Student, der auf den ersten und sogar auf den zweiten Blick gar nicht schwul wirkte. Dass er es war, merkte man vor allem an seinem Umgang mit Frauen. Er interessierte sich einfach nicht für sie.

Bis zum frühen Nachmittag hatte Doro keine Zeit mehr, über Aennes Besuch nachzudenken. Sie war das einzige Handarbeitsgeschäft in der Nähe der Innenstadt, und auch wenn sie mit dem Geschäft nicht reich wurde, sicherte ihr das einen steten Zustrom von Kundinnen.

Am späteren Nachmittag wurde es ruhiger, bevor dann wieder eine neue Welle einsetzte, nachdem die Büros vieler Betriebe und Behörden schlossen. Auch die zweite Welle am Tag war keine gewaltige, aber steter Tropfen höhlt den Stein genauso, wie diese kleinen Wellen immer wieder ein wenig Geld in Doros Kasse spülten.

Sie war keine Geschäftsfrau, nie gewesen, und deshalb war das für sie der unwichtigste Aspekt an ihrem Handarbeitsladen. Der Umgang mit Geld hatte ihr noch nie Spaß gemacht, wohl aber der Umgang mit Wolle, Stoffen und Mustern.

Ohne Ute hätte sie den Laden jedoch nie gehabt. Ute, die Einkäuferin einer großen Autozuliefererfirma gewesen war, hatte mit den Jahren bemerkt, dass der Umgang mit den Kindern für Doro immer anstrengender wurde. Was nicht an Doro lag, sondern mehr an den Kindern und vor allem deren Eltern. Die nie auch nur den geringsten Grund sahen, ihre Kinder einmal zur Ordnung zu rufen oder ihnen Grenzen zu setzen.

Ihre Kinder waren alle die reinsten Engel und immer unschuldig, und wenn sie etwas anstellten, war das natürlich die Schuld des Kindergartens. Beziehungsweise der Kindergärtnerin. Die war eben unfähig. So mangelte es den Kindern an jeglicher Erziehung von zu Hause aus, und Versuche, das im Kindergarten auszugleichen, liefen ins Leere, kosteten die Kindergärtnerinnen jedoch jede Menge Nerven.

Doro, die die Kinder liebte, litt besonders darunter. Denn sie wollte nur das Beste für sie, wurde von den Eltern jedoch oft fast wie eine Gefängniswärterin behandelt. Bis hin zu Beleidigungen und Beschimpfungen.

Irgendwann konnte Ute das nicht mehr mitansehen und mietete den Laden für Doro an. Doro hätte das aus eigener Initiative wahrscheinlich nie getan, denn wie üblich nahm sie sich die Beschuldigungen der Eltern sehr zu Herzen und suchte die Ursache der immer schwieriger werdenden Situation bei sich.

Das Haus, in dem sich der Laden befand, war winzig – es enthielt tatsächlich nur einen Raum im Erdgeschoss und darüber einen Dachboden – und stand unter Denkmalschutz. Deshalb war es für viele Geschäfte nicht interessant. Aber für einen Handarbeitsladen reichte das völlig aus.

So hatte Doro damals zwar mit Schuldgefühlen den Kindern gegenüber, aber auch mit viel Begeisterung für den Laden alles eingerichtet und war auf einmal selbstständig. Ute, die zwar nicht selbstständig, aber seit vielen Jahren im Geschäftsleben tätig war, half ihr dabei, sich an diesen Zustand zu gewöhnen.

Und heute konnte Doro sich gar nichts anderes mehr vorstellen.

Wie es wohl war, einen Laden auf einem Kreuzfahrtschiff zu betreiben? fragte sie sich bei ihrer nachmittäglichen Teepause gegen drei Uhr plötzlich, als das Geschäft leer war.

Gleichzeitig dachte sie völlig unvermittelt und zusammenhanglos daran, dass sie hier im Laden nicht die Möglichkeit hatte, sich einen Cappuccino zu machen, den sie genauso gern trank wie Tee.

Sie hätte ihn jedoch im Café bei Aenne bestellen können. Nicht heute, denn es war ja ihr freier Tag, aber morgen, übermorgen, nächste Woche?

Und dann mit Aenne ein Café auf einem Kreuzfahrtschiff eröffnen? Sie musste über sich selbst lachen, als sie das dachte.

Dieses Lachen allein war schon etwas Besonderes. Es fiel ihr auf, dass sie auch mit Aenne gelacht hatte. Heute, als Aenne da gewesen war.

Und gelacht hatte sie schon lange nicht mehr. Jedenfalls nicht seit Utes Tod.

Dafür heute gleich zweimal?

Was hatte sich geändert?

6

Aenne war sehr überrascht, als Doro plötzlich am Nachmittag das Café betrat. Zwar hatte sie seit ihrem gestrigen Besuch im Handarbeitsladen das eine oder andere Mal an diese merkwürdige Frau gedacht, aber dass Doro tatsächlich zu ihr kommen würde, damit hatte sie nicht gerechnet. Auch wenn sie sie beim Abschied dazu eingeladen hatte.

Das war aber mehr so eine Art automatische Geste gewesen. Sie wusste noch nicht einmal so genau, warum sie das überhaupt gesagt hatte. Dorothea Dhan – nun kannte sie ja auch ihren Nachnamen, und die etwas ungewöhnliche Schreibweise hatte sie einem Schild neben der Tür entnommen, das Doro als die Betreiberin des Ladens auswies – war bestimmt keine Frau für eine schwache Stunde am Nachmittag. Und sie war noch nicht einmal Aennes Typ.

Ruth Gogoll: Nur über meine Leiche!

1 »Nur über meine Leiche!« Dorothea Dhan, von ihrer Freundin Kirsten, die ihr gerade im Café...
Kurz herrschte eine fast erwartungsvolle Stille zwischen ihnen, dann setzten Aenne Liebig und Doro...
»Nein.« Aenne schüttelte den Kopf. »Ich kenne sie nicht. Hab sie heute zum ersten Mal gesehen.«...
Wahrscheinlich war es diese Geschichte mit der toten Ehefrau. Das war neu für Aenne. Eine Witwe,...
Kirsten sagte es ihr eines Tages. Beziehungsweise sie stellte eine Frage, die die Antwort bereits...
»Ich . . . Ich bin zu klein«, entschuldigte Doro sich für etwas, wofür sie nichts konnte. Was...
Denn dieses kleine Städtchen, in dem sie nun so zufällig für den Augenblick gelandet war, hatte...
Was brachte sie dann jetzt dazu, ihre Hand auf die Klinke zu legen? Das konnte sie sich selbst...
»Meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben«, erwiderte Doro jedoch ganz ruhig. »Und seither lebe...
Ute hatte ihr nie Angst gemacht. Noch nicht einmal damals bei ihrer ersten Begegnung. Sie hatte...
Dennoch fühlte sie an dem etwas schnelleren Herzschlag in ihrer Brust, dass sie sich freute, Doro...
Gestern, das war ihre Freizeit gewesen. Als sie mit Doro in Doros Laden Tee getrunken hatte. Heute...