Dennoch fühlte sie an dem etwas schnelleren Herzschlag in ihrer Brust, dass sie sich freute, Doro zu sehen. Das dunkle Kleid, die Brille, die glatten Haare – das erschien ihr auf einmal schon richtig vertraut.

Gleichzeitig wirkte der allgemein dunkle Eindruck jedoch auch ausgesprochen witwenhaft. Und mit einer Witwe hatte Aenne noch nie etwas zu tun gehabt. Allein das Wort erzeugte ganz merkwürdige Vorstellungen in ihr.

Doch das hier war ihr Job, und als Doro zu einem Tisch am Fenster ging, nachdem sie einen Blick in die Runde geworfen und Aenne entdeckt hatte, folgte sie ihr sofort.

»Es freut mich, dass Sie meine Einladung angenommen haben, Frau Dhan«, begrüßte sie sie lächelnd. »Was darf ich Ihnen bringen? Tee?«

Doro lächelte sehr zurückhaltend und schüchtern zurück. »Nein, keinen Tee. Einen Cappuccino bitte.«

»Ein Stück Kuchen dazu?«, fragte Aenne ganz automatisch. »Wir haben frischen Erdbeerkuchen.«

»Ich liebe Erdbeerkuchen«, erwiderte Doro leise. »Am liebsten mit Sahne.« Ihr Lächeln wurde verlegen, als sie kurz über ihre Hüften strich. »Aber darauf verzichte ich wohl lieber.«

»Wegen der Figur?«, fragte Aenne kopfschüttelnd. »Wieso? Sie sehen gut aus.«

Oh Mist! Warum habe ich das jetzt gesagt? In Aennes Kopf ging ein rotes Alarmlämpchen an. Fand sie Doro Dhan wirklich attraktiv? War sie deshalb gestern zu ihr in den Laden gegangen?

»Schauen Sie mich an«, fügte sie schnell hinzu. »Nur spitze Knochen. Da ist so ein bisschen Rundlichkeit doch wesentlich«, sie biss sich rasch auf die Zunge, bevor sie tatsächlich attraktiver sagen konnte, »besser«, beendete sie den Satz so harmlos wie möglich.

»Das kommt wohl auf die Perspektive an.« Doros Lächeln verbreiterte sich fast zu einem Lachen. »Ich finde, Sie sehen auch gut aus.«

Im selben Moment, als sie das sagte, errötete sie bis über beide Wangen.

Süß, dachte Aenne. Wirklich süß.

»Dann Cappuccino und ein Stück Erdbeerkuchen mit Sahne«, sagte sie. »Schmeckt doch viel besser.«

Sie lächelte Doro noch einmal an und ging für die Bestellung an den Tresen zurück.

Mannomann! Was ist denn nur mit mir los? Ohne dass sie wusste, wie ihr geschah, brach Aenne fast der Schweiß aus.

Die Arbeit konnte es nicht sein, die war nicht so anstrengend. Und sie war das ja auch seit vielen Jahren gewöhnt. Also musste es etwas anderes sein. Und was war das?

Mit aller Gewalt zwang sie sich, ihren Blick nicht zu Doro hinüberschweifen zu lassen. Glücklicherweise konnte sie sich damit ablenken, ein Stück Erdbeerkuchen abzuschneiden, während eine Kollegin die Kaffeemaschine bediente und den Cappuccino herausließ.

Aenne hatte es kaum geschafft, in aller Ruhe zum Tresen zurückzugehen, und sie hatte das wirklich gebraucht. Den Abstand. Von dieser Frau? Aus dem Augenwinkel wagte sie doch einen Blick zu Doro hin.

Die saß da, völlig harmlos und unauffällig, und blickte zum Fenster hinaus. Vielleicht um ihre heißen Wangen abzukühlen. Sah sie deshalb nicht zu Aenne?

Eine Frau um die fünfzig, die bis an die Haarwurzeln errötete wie ein Teenager. Wie war das möglich?

Doch obwohl sie sich das fragte, dankte Aenne gleichzeitig ihrem freundlichen Schicksal, das es so eingerichtet hatte, dass sie nicht zum Erröten neigte. War sie denn völlig verrückt geworden?

»Willst du die Sachen nicht an den Tisch bringen?« Das war ihre Kollegin, die sie etwas irritiert anguckte und das fragte.

»Doch. Doch, natürlich. Gleich.« Ein bisschen viele Wörter als Ersatz für ein einfaches Ja, fiel Aenne auf.

Obwohl sie das normalerweise mit schnellen, routinierten Bewegungen tat, legte sie diesmal betont langsam den Keks auf die Untertasse für den Cappuccino und stellte ihn dann neben den Teller mit dem Erdbeerkuchen auf das Serviertablett.

Normalerweise wäre sie in der Zeit, in der sie das tat, schon am Tisch gewesen, hätte gleich den nächsten Tisch bedient. Aber aus irgendeinem Grund hatte sie das Gefühl, diese Zeit jetzt zu brauchen. Wenn sie auch nicht genau wusste, warum.

Bevor sie das Tablett endgültig aufnahm, atmete sie noch einmal tief durch, um beim Umdrehen das routinierte Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern, das seit Jahren und Jahrzehnten ihr Markenzeichen war. Genauso ging sie dann an den Tisch zu Doro zurück.

»Bitte sehr, Frau Dhan. Guten Appetit.« Sie stellte Teller und Tasse vor Doro ab.

»Ach bitte . . .« Ein verlegener Ausdruck legte sich über Doros Gesicht. »Dorothea. Oder Doro. Frau Dhan . . . Das ist . . . Das war meine verstorbene Frau. Es ist ihr Name. Und natürlich auch meiner«, korrigierte sie sich scheu. »Aber ich . . . bin das . . . eigentlich . . . nicht.«

»Dann müssen Sie mich aber auch Aenne nennen«, erwiderte Aenne schnell. »Zwar habe ich meinen Nachnamen seit meiner Geburt, aber ich benutze ihn nicht viel.«

»Danke . . . Aenne.« Wieder färbte ein leichtes Rosa Doros Wangen, aber es war kein ausgewachsenes Rot wie das letzte Mal. »Der Erdbeerkuchen sieht wirklich gut aus.«

»Dann haben wir ja alle etwas gemeinsam«, warf Aenne lässig hin und merkte gleich darauf, dass diese ihre Lässigkeit auf einmal nicht mehr so passend erschien wie sonst.

Doro hatte einfach überhaupt nichts Lässiges. Sie schien ein sehr ernster Mensch zu sein. Vielleicht war sie das sogar ganz unabhängig vom Tod ihrer Frau.

»Wollen Sie nicht vielleicht auch einen Kaffee trinken?«, fragte Doro so, als ob es sehr ungewohnt für sie wäre und sie zudem gerade eine Sünde begehen würde, für die sie eine gravierende Strafe erwartete.

Nun wurde das Rosa auf ihren Wangen doch zu einem Rot, und ihre Brille schien fast von innen zu beschlagen. Beschämt nahm sie sie ab.

Unglaublich, wunderte Aenne sich. Ich dachte, so etwas gibt es nur in alten Filmen. Doros Gesicht wirkte ohne die Brille wie verwandelt. Es hatte plötzlich etwas ausgesprochen Mädchenhaftes, Jugendliches. Trotz der Fältchen um die Augen, die das Alter verrieten.

»Gern«, beantwortete sie Doros Frage zwar positiv, setzte dann jedoch bedauernd hinzu: »Aber ich bin leider im Dienst.«

Was auch sofort von der Realität unterstrichen wurde, indem ein Paar an einem anderen Tisch nach der Rechnung verlangte.

»Komme gleich.« Aenne nickte ihnen zu und wandte sich dann noch einmal an Doro. »Tut mir leid. Aber vielleicht ein andermal. Wenn ich frei habe.«

Mit großen Schritten ging sie zur Kasse, um den Bon herauszulassen.

7

Was habe ich mir nur dabei gedacht? Wie konnte ich so etwas fragen? Doro war über sich selbst entsetzt.

Mit Mühe und Not hatte sie es geschafft, die innere Hitze, die bis in ihre Wangen gestiegen war, durch den Blick aus dem Fenster abzukühlen. Am liebsten hätte sie ihre Stirn an das Glas gepresst, um das noch zu unterstützen.

Und dann kam Aenne zurück, und schon ging es wieder los. Doro wusste nicht, was sie sagen sollte, und ihre Gefühle stürzten sie in eine einzige Verwirrung. Chaos und Unordnung, wo Regeln und Ordnung hätten sein sollen.

In ihrem ganzen Leben hatte sie noch nie eine Frau zum Kaffee eingeladen. Sie wusste gar nicht, was in sie gefahren war.

Außerdem hatte sie doch gewusst, dass Aenne hier als Kellnerin arbeitete. Da kam es gar nicht infrage, dass sie mit jemandem in dem Café, in dem sie bediente, Kaffee trank, als wäre es ihre Freizeit.

Ruth Gogoll: Nur über meine Leiche!

1 »Nur über meine Leiche!« Dorothea Dhan, von ihrer Freundin Kirsten, die ihr gerade im Café...
Kurz herrschte eine fast erwartungsvolle Stille zwischen ihnen, dann setzten Aenne Liebig und Doro...
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Wahrscheinlich war es diese Geschichte mit der toten Ehefrau. Das war neu für Aenne. Eine Witwe,...
Kirsten sagte es ihr eines Tages. Beziehungsweise sie stellte eine Frage, die die Antwort bereits...
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Was brachte sie dann jetzt dazu, ihre Hand auf die Klinke zu legen? Das konnte sie sich selbst...
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Ute hatte ihr nie Angst gemacht. Noch nicht einmal damals bei ihrer ersten Begegnung. Sie hatte...
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