Gestern, das war ihre Freizeit gewesen. Als sie mit Doro in Doros Laden Tee getrunken hatte.

Heute hatte Doro auch Tee getrunken. Allein. Und nachdem die Mittagswelle vorbei war, hätte sie das normalerweise weiter getan. Wie sonst immer.

Aber dann hatte sie plötzlich die Idee gehabt, sie könnte den Laden ja auch für eine Stunde schließen. Es war höchst unwahrscheinlich, dass bis zur Abendwelle jemand kam. Sogar mehr unmöglich als unwahrscheinlich.

Gewöhnlich störte das Doro nicht. Sie musste sich vom Umgang mit Menschen immer erholen, und dazu war der stille Nachmittag, wenn sie wieder allein in ihrem Laden war, gut geeignet. Sie hatte gar nicht das Bedürfnis, dann hinauszugehen, um Menschen zu treffen.

Aber heute war alles anders gewesen. Sie hatte zur Tür geschaut und erwartet, dass Aenne hereinkam. Ehrlich gesagt hatte sie sie sogar schon hereinkommen sehen. Das Bild hatte sich so realistisch vor ihrem inneren Auge gebildet, dass sie es fast schon geglaubt hatte.

Dann war es verpufft, und ihr war klar geworden, dass sie wie immer um diese Zeit allein war. Nur kam ihr das im Gegensatz zu sonst auf einmal seltsam vor. Als ob jemand hätte da sein müssen.

Sie wusste, dass sie den Laden um diese Tageszeit ebenso wie am frühen Vormittag genauso gut hätte abschließen können. Nur tat sie das nie. Sie strickte, stickte, häkelte, nähte.

Manchmal sortierte sie auch Lieferungen ein oder machte eine Zwischeninventur, um aufzunehmen, was sie vielleicht bestellen musste, putzte, aktualisierte die Buchhaltung. Es gab immer irgendeine Kleinigkeit zu tun.

Oder sie trank einfach Tee und träumte vor sich hin. Meistens träumte sie von Ute. Sie dachte an sie, sprach mit ihr. So gut wie immer, wenn sie nichts davon abhielt, ging sie morgens auf den Friedhof, bevor sie in den Laden kam.

Dann war sie dort ganz allein mit der Erinnerung an ihre große Liebe. Die Gespräche, die sie auf dem Friedhof mit Ute begonnen hatte, führte sie später im Laden fort. Am Morgen, am Nachmittag – immer wenn sie allein war.

Vielleicht hatte sie deshalb das Gefühl, niemals wirklich allein zu sein. Dass ihr nichts fehlte. Beziehungsweise das Gefühl hatte sie gehabt. Bis zum heutigen Tag.

Sie schämte sich. Sie schämte sich wirklich. Denn in ihre Eingeweide bohrte sich eine glühende Spitze, die Verrat hieß. Auch wenn sie genau wusste, dass das nicht der Fall war, dass sie Ute nicht betrog, kam es ihr doch so vor, wenn sie nur an Aenne dachte.

Außerdem war Aenne so jung. Doro schätzte sie auf höchstens Ende dreißig. Sie wirkte jugendlich und energiegeladen. So wie sie Aenne einschätzte, hatte Doro sich noch nie gefühlt. Noch nicht einmal, als sie tatsächlich so jung gewesen war.

Irgendwie hatte sie das Gefühl, sie war immer schon alt gewesen. Deshalb hatte sie den Altersunterschied zwischen Ute und sich selbst eigentlich auch nie wahrgenommen. Mit einer jüngeren Frau hätte sie gar nichts anfangen können.

Und jetzt Aenne. Eine so viel jüngere Frau, die ihr die Schamesröte ins Gesicht trieb, weil Doro sich wie eine Ehebrecherin vorkam. Jeder Gedanke an Aenne war ein Vertrauensbruch gegenüber Ute.

Ihr Blick fiel auf den Erdbeerkuchen, der immer noch unberührt vor ihr stand, ebenso wie der Cappuccino. Sie musste sich auf genau diese banalen Dinge konzentrieren, wenn sie wieder zur Ruhe kommen wollte. Alles andere würde sie nur immer mehr ins Chaos stürzen.

Der Kuchen war gut, wie Aenne es versprochen hatte, und vom Cappuccino wusste sie das auch, sogar schon bevor sie ihn probierte, weil sie ihn schon mehr als einmal hier getrunken hatte. Mit Kirsten, denn allein kam sie nie her. Das war – wie so vieles andere – eine Premiere heute.

Alles war auf einmal durcheinandergeworfen wie Puzzleteile, die jemand wahllos auf den Tisch gepfeffert hatte. Man konnte sie zusammensetzen, aber im ersten Moment erschien das fast unmöglich. Vor allem, wenn es sehr viele Teile waren.

Bisher war ihr ihr Leben so vorgekommen, als würde es nur aus einem großen Teil bestehen. Als ein Puzzle hatte sie es nie betrachtet. So gleichförmig war es verlaufen.

Oder nein. Nicht aus einem Teil. Aus zwei Teilen. Dem Leben ohne Ute und dem Leben mit Ute.

Das Leben mit Ute stach dabei heraus wie ein Berggipfel im Flachland. Oder vielleicht eher ein Plateau, denn es waren ja fünfundzwanzig Jahre gewesen.

Auf jeden Fall erschien ihr ihr vergangenes Leben öde und leer, nachdem Ute aufgetaucht war. Als ob nie etwas passiert wäre, nie etwas irgendeine Bedeutung gehabt hätte bis zu dem Tag, als Ute sie zwischen den heruntergefallenen Cornflakeskartons fand.

Und jetzt war es – sie konnte es kaum glauben – wieder so. Nach Utes Tod war das Leben zu einer noch größeren Ödnis und Leere zurückgekehrt als fünfundzwanzig Jahre zuvor.

Denn nach diesen fünfundzwanzig Jahren wusste Doro ja, dass es etwas anderes gab. Ein Leben, das Sinn hatte. Ein Leben, das mit Freude und Zärtlichkeit gefüllt war. Mit Gemeinsamkeit statt mit Einsamkeit.

Kirsten hätte als Deutschlehrerin vielleicht darüber sinniert, dass nur drei Buchstaben die beiden Wörter voneinander unterschieden. Dass auch in der Gemeinsamkeit die Einsamkeit steckte, wenn man die ersten drei Buchstaben wegließ.

Und es gab viele Leute, die meinten, zu zweit allein wäre schlimmer als allein. Offenbar gab es Beziehungen, die so waren. Man lebte zu zweit, aber man lebte nebeneinanderher, war einsamer, als wenn man wirklich allein gewesen wäre.

So war es mit Ute nie gewesen. Mit ihr hatte Doro sich nie allein gefühlt, und schon gar nicht einsam. Damals hatte das Puzzle sich ganz von selbst zusammengefügt zu einer Einheit, ohne dass sie das Gefühl gehabt hatte, etwas dafür tun zu müssen.

Das war definitiv ein Unterschied zu ihrer jetzigen Situation. Nachdem sie vom Flachland auf ein Plateau gehoben worden war, war sie mit Utes Tod nicht nur ins Flachland, sondern auf eine noch tiefere Ebene zurückgekehrt. Sie war in ein Loch gefallen, das keinen Boden zu haben schien.

Und wenn jemand nicht in ein bodenloses Loch passte, dann war das Aenne. Niemals hätte sie das akzeptiert. Genauso wenig wie Ute und doch anders. Für Doro schien Aenne ein bisschen über der Erde zu schweben, als würden ihre Füße sie kaum berühren, während sie das von Ute nie gesagt hätte.

Ute war bodenständig gewesen. Sie war ebenso wie Doro hier in dieser Gegend geboren und aufgewachsen, hatte hier geheiratet, ihre Kinder bekommen. Und später dann Doro kennengelernt und das begonnen, was sie ihr zweites Leben nannte.

Dennoch hatte sie niemals weggewollt. Höchstens für einen Urlaub. Um dann heimzukehren und glücklich zu strahlen: Endlich wieder zu Hause! Im eigenen Bett schlafen!

Genauso sah Doro es auch. Ohne Ute wäre sie noch nicht einmal in Urlaub gefahren, weil sie sich das allein gar nicht getraut hätte.

Aber Aenne . . . Aenne war da ganz anders. Wieder schwirrte Doro dieses Wort Kreuzfahrtschiff durch den Kopf. Und nicht nur das Wort, sondern gleich ein ganzer Dampfer. Zwar wusste sie sehr gut, dass Kreuzfahrtschiffe nicht von Dampf vorangetrieben wurden, aber aus irgendeinem Grund verband sie diese Vorstellung damit.

Aenne war nicht bodenständig. Sie war ein Mensch, der alle naselang etwas Neues brauchte. Eine neue Herausforderung, eine neue Umgebung, neue Menschen. Das interessierte sie.

Wobei einer dieser Menschen im Moment Doro war. Aber nur für eine begrenzte Zeit. Bis etwas Neues, Aufregenderes kam.

Doro betrachtete sich nicht im Entferntesten als aufregend, aber sie nahm an, dass neugierige Menschen wie Aenne alles erst einmal aufregend fanden, wenn sie es zum ersten Mal kennenlernten.

Ohne es zu merken, hatte Doro den Erdbeerkuchen aufgegessen und dabei auch den Cappuccino Schluck für Schluck ausgetrunken. Nun standen nur noch ein leerer Kuchenteller und eine leere Tasse vor ihr.

Der aufmerksamen Aenne war das natürlich nicht entgangen. Auf einmal stand sie an Doros Tisch und fragte lächelnd: »Und? Wie war der Kuchen? Hat’s geschmeckt? Noch irgendwelche Wünsche?«

Wenn ich das nur wüsste, dachte Doro.

Wenn ich das nur wüsste.

ENDE DER FORTSETZUNG

Ruth Gogoll: Nur über meine Leiche!

1 »Nur über meine Leiche!« Dorothea Dhan, von ihrer Freundin Kirsten, die ihr gerade im Café...
Kurz herrschte eine fast erwartungsvolle Stille zwischen ihnen, dann setzten Aenne Liebig und Doro...
»Nein.« Aenne schüttelte den Kopf. »Ich kenne sie nicht. Hab sie heute zum ersten Mal gesehen.«...
Wahrscheinlich war es diese Geschichte mit der toten Ehefrau. Das war neu für Aenne. Eine Witwe,...
Kirsten sagte es ihr eines Tages. Beziehungsweise sie stellte eine Frage, die die Antwort bereits...
»Ich . . . Ich bin zu klein«, entschuldigte Doro sich für etwas, wofür sie nichts konnte. Was...
Denn dieses kleine Städtchen, in dem sie nun so zufällig für den Augenblick gelandet war, hatte...
Was brachte sie dann jetzt dazu, ihre Hand auf die Klinke zu legen? Das konnte sie sich selbst...
»Meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben«, erwiderte Doro jedoch ganz ruhig. »Und seither lebe...
Ute hatte ihr nie Angst gemacht. Noch nicht einmal damals bei ihrer ersten Begegnung. Sie hatte...
Dennoch fühlte sie an dem etwas schnelleren Herzschlag in ihrer Brust, dass sie sich freute, Doro...
Gestern, das war ihre Freizeit gewesen. Als sie mit Doro in Doros Laden Tee getrunken hatte. Heute...