»Nein.« Aenne schüttelte den Kopf. »Ich kenne sie nicht. Hab sie heute zum ersten Mal gesehen.«

»Die eine kommt sehr oft, ist eine richtige Stammkundin«, erklärte Gabriele. »Frau . . .«, sie überlegte kurz, »Steurer. Ja, richtig. Steurer. Sie hat viele Freundinnen, mit denen sie hier Kaffee trinkt. Manchmal kommt auch ihr Mann mit, aber der bleibt meistens nicht lange. Ist so ein Geschäftstyp, der immer im Stress ist.«

»Dorothea Steurer?«, fragte Aenne.

»Nein, Dorothea . . . das ist die andere.« Bereitwillig gab Gabriele Auskunft. »Deren Nachnamen weiß ich gar nicht. Sie ist nicht so oft hier wie Frau Steurer. Allein kommt sie nie, nur immer mit Frau Steurer, und das auch nur ab und zu. Selten. Und sie scheint meistens irgendwie . . .«, sie schloss ihre lange Börse jetzt wieder ganz und steckte sie in das Futteral, das sie um die Hüften trug, »traurig. Geistesabwesend. Ganz das Gegenteil von Frau Steurer. Sie hat einen Handarbeitsladen.«

»Frau Steurer hat einen Handarbeitsladen?« Aenne war erstaunt.

»Nein, nein.« Gabriele lachte. »Die andere. Doro. Der Laden heißt auch so. Doro’s Stübchen. Ich stricke ja nicht, aber ich hab ’ne Freundin, die da öfter hingeht, um Wolle zu kaufen. Die strickt ständig was. Für die ganze Verwandtschaft.«

Mit einem Blick ins Café stellte sie fest, dass neue Gäste gekommen waren, und begab sich zu deren Tisch, um zu fragen, was sie ihnen bringen könnte.

Aenne sah ihr kurz nach, schnappte sich dann statt des Besens einen Handfeger und brachte die Arbeit, in der Doro sie unterbrochen hatte, zu Ende. Als sie die Kehrschaufel in den Schwingeimer entleerte, musste sie wieder an diese Unterbrechung denken.

Eine merkwürdige Unterbrechung war das gewesen. Nichts Besonderes, sollte man eigentlich meinen, und trotzdem kam es ihr so vor, als wäre etwas Besonderes daran gewesen.

Was hatte Gabriele gesagt? Diese Dorothea . . . Doro, wie ihre Freundin sie genannt hatte, würde immer traurig wirken?

Ja. Ja, das stimmte. So hatte sie gewirkt. Und vor allem geistesabwesend. Sonst wäre sie gar nicht über den Besen gestolpert.

»So was hat mir gerade noch gefehlt. Gleich am ersten Tag.« Abwehrend schüttelte Aenne den Kopf.

Solche Frauen bedeuteten nur Ärger. Das wusste sie aus Erfahrung. Sie hatte schon in vielen Cafés und auch Kneipen und Gaststätten gearbeitet, sie war nicht erst seit gestern Kellnerin.

Glücklicherweise kam diese Doro ja anscheinend nicht oft. Und mit Frau Steurer gab es sicher kein Problem.

Aenne fragte sich nur, warum sie ihr gleich die halbe Lebensgeschichte der konfusen Dorothea, die sie jetzt noch immer auf dem Boden hocken und ihre Sachen zusammensuchen sah, erzählt hatte. Dass sie Witwe war, nicht darüber hinwegkam . . . Was ging das Aenne an?

Sie selbst kannte solche Bindungen und Verbindlichkeiten nicht. War immer ein freier Vogel gewesen, der in der Welt herumzog.

Sie hatte schon überall gearbeitet, selbst auf einem Kreuzfahrtschiff. Als junges Mädchen hatte sie Hummeln im Hintern gehabt. Und hatte sie eigentlich immer noch. Deshalb war sie in diese ihr neue Stadt gekommen.

Die Stadt, in der sie vorher eine Weile gelebt und gearbeitet hatte, war ihr – wie so viele andere, in denen sie dasselbe getan hatte, auch – keine Heimat gewesen. Wie schon sehr oft in ihrem Leben hatte sie ein Job nirgendwo lange halten können. Denn sie fand überall einen. Kellnerinnen waren immer gesucht. Besonders welche mit Erfahrung.

Ihr letzter Job war in einer Großstadt gewesen. Was sie eigentlich bevorzugte. Wegen der Anonymität. Aber aus irgendeinem Grund hatte ihr dieses Städtchen hier gefallen, als sie hindurchgefahren war. Sie hatte kein wirkliches Ziel gehabt. Meistens blieb sie da, wo es ihr gerade gefiel.

Und hier, in dieser mittelgroßen Stadt, gab es einiges aus beiden Welten, Großstadt und Dorf. Doch keins war so ausgeprägt. Alles schien gemächlich. Gemütlich. Auf eine gewisse Art beschaulich.

Was Aenne lange Zeit mit langweilig gleichgesetzt hatte, doch auf einmal hatte es sie angezogen, ihren Wagen abzustellen und sich die Stadt näher anzusehen. Die groß genug war, um einiges an Einkaufsmöglichkeiten zu haben. Und eine Menge Cafés. Was Aenne sehr entgegenkam. Zumal lag die Stadt in einer landschaftlich schönen Feriengegend.

Als Kellnerin war es mit der Anonymität ohnehin nie weit her, denn zumindest bei den Gästen, die man bediente, war man schnell bekannt wie ein bunter Hund. In einer Großstadt konnte man dann allerdings in einem anderen Stadtviertel völlig unbekannt sein.

Hier in dieser Stadt gab es auch etliche Stadtviertel, und somit konnte sie es sich aussuchen, ob sie eher einen kurzen Arbeitsweg oder mehr Anonymität haben wollte.

Für den Moment hatte sie ein Angebot der Besitzerin des Cafés angenommen, gleich hier im Haus zu wohnen. Es war nicht direkt eine Wohnung, mehr ein Zimmer unter dem Dach. Aber es war ein sehr großes Zimmer. Das Haus war, wie bei alten Häusern oft so üblich, sehr schmal gebaut, und das Zimmer nahm den ganzen Dachboden ein. Viele Schrägen und Dachbalken begrenzten den Wohnraum, gaben ihm aber auch ein ganz eigenes Flair.

Irgendwo am Haus hatte Aenne die Jahreszahl 1562 gesehen, und auch wenn das Haus sicherlich nicht mehr im selben Zustand war wie damals, war es doch mit Sicherheit das älteste Haus, in dem sie je gewohnt hatte.

Sie hatte sich nie viel aus alten Dingen gemacht. Für sie waren Sachen, die man kaufte, ohnehin nur Verbrauchsgegenstände. Die man benutzte, solange sie funktionierten oder einem Zweck dienten, und die man dann durch neue Sachen ersetzte.

Sie hing nicht an ihrem Besitz – von dem sie nicht viel hatte –, und sie reiste immer mit leichtem Gepäck. Alles, was sie besaß, passte in ein Auto. Sein Herz an etwas zu hängen, von dem man sich dann nicht mehr trennen konnte, war nicht ihr Fall.

Aus irgendeinem Grund kam ihr auf einmal der Gedanke, dass diese Dorothea bestimmt das genaue Gegenteil war. Was sie alles in ihrer riesigen selbstgestrickten und -genähten Umhängetasche gehabt hatte . . . Unglaublich, dass ein Mensch so viel mit sich herumschleppen konnte. Nur um Kaffeetrinken zu gehen.

Sie war bestimmt ein Mensch, der nie etwas wegwarf oder nur sehr ungern. Genauso, wie sie ihre Erinnerungen nicht wegwarf. Die Erinnerungen an ihre tote Frau.

Auch an den Tischen, die Aenne zugewiesen waren, waren neue Gäste gekommen, und sie ging hinüber, fragte nach deren Wünschen, nahm sie auf und gab sie in die Kasse ein, um dann der Besitzerin, die hinter der Theke stand, den Bon zu geben.

Während die die verschiedenen Kaffeespezialitäten mit der professionellen großen Maschine zubereitete, schnitt Aenne Kuchenstücke ab oder holte fertig belegte Brötchen aus der Glasvitrine am Eingang. Dabei musste sie nicht überlegen, weil das seit vielen Jahren Routine für sie war, egal, wo sie arbeitete, und so schweiften ihre Gedanken weiter frei durch ihren Kopf.

Mit einem freundlichen Blick, der ebenfalls zur Routine gehörte, brachte sie die Bestellungen zu den jeweiligen Tischen und wünschte guten Appetit, bevor sie sich wieder an die Theke zurückbegab. Ein automatisches Abchecken durch den Raum hatte ihr gezeigt, dass alle Gäste im Moment zufrieden waren und keiner sie rief.

Warum musste sie nur immer wieder an diese komische Dorothea denken? Das war nur eine ältere Frau um die fünfzig, klein und ein bisschen rundlich in den Hüften, während Aenne sehr groß und schlank war. Worum sie sich allerdings nie kümmerte. Sie war einfach der dünne, langgliedrige Typ, eine Bohnenstange. Schon immer hager gewesen, ganz egal, was sie aß. Aber abgesehen von diesem bedeutungs-losen körperlichen Unterschied zwischen ihnen gab es nichts Interessantes, das eine längere Beschäftigung mit einer ihr völlig fremden Frau gerechtfertigt hätte.

Ruth Gogoll: Nur über meine Leiche!

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