Wahrscheinlich war es diese Geschichte mit der toten Ehefrau. Das war neu für Aenne. Eine Witwe, die ihrer Frau nachtrauerte. Und das auch noch so intensiv.

Dazu musste man wohl geboren sein.

Und wenn sich Aenne über eins klar war, dann dass sie auf keinen Fall für so etwas geboren war.

3

Wie so oft saß Doro allein in ihrem Stübchen. Es war früher Vormittag, und da war es meistens so. Sie hätte auch später aufmachen können, aber es spielte ja keine Rolle, ob sie zu Hause in ihrem Wohnzimmer saß oder hier. Sie strickte, häkelte oder nähte und hatte sich den Verkaufsraum hier sehr ähnlich eingerichtet wie ihr Wohnzimmer zu Hause.

Hier war es sogar noch gemütlicher, weil sie in ihrem Laden all die Sachen untergebracht hatte, die Ute in ihrem gemeinsamen Wohnzimmer nicht hatte haben wollen. Doro hatte eine ausgesprochene Vorliebe für Nippes, Häkeldeckchen und Puppen oder auch Keramikfiguren, und auch wenn Ute das bis zu einem gewissen Grad toleriert und darüber gelächelt hatte, hatte sie an dem Punkt, an dem sie auf dem Sessel oder der Couch dann keinen Platz mehr neben den Puppen fand, eine Grenze gezogen.

Vielleicht war es ihre Kinderlosigkeit, die Doro dazu gebracht hatte, so viel Kitsch – denn sie wusste selbst, dass es Kitsch war, aber sie fand daran nichts Schlimmes oder Abwertendes – zu sammeln. Sie hatte sich immer Kinder gewünscht, aber da Ute schon zwei Kinder gehabt hatte, hatte sie keine weiteren mehr gewollt. Nicht einmal, wenn Doro sie bekam.

Sie war sehr viel älter als Doro gewesen, hatte ihre Mutterphase für abgeschlossen erklärt und eher darauf gewartet, Großmutter zu werden. Mit einem Kind, das nur ab und zu einmal zu Besuch kam, aber nicht mit im Haus wohnte und all das täglich verlangte, was kleine Kinder nun einmal verlangten. Inklusive fehlendem Nachtschlaf.

Großmutter war Ute tatsächlich noch geworden, aber dann hatten die dreißig Jahre, die sie älter gewesen war als Doro, ihren Tribut gefordert. Als sie sich kennengelernt hatten, war Doro in ihren Zwanzigern und Ute bereits Anfang fünfzig gewesen. So alt, wie Doro jetzt war.

Für Ute hatte damals ein neues Leben angefangen, ihr zweites nach einer Ehe mit einem Mann und den daraus hervorgegangenen beiden Kindern, die zu jenem Zeitpunkt bereits erwachsen gewesen waren. Für Doro war es das erste Leben gewesen. Das einzige bis jetzt. Und ihrer Meinung nach für alle Zeit. Denn das, was sie mit Ute gehabt hatte, würde sie nie wieder haben.

Und sie brauchte das auch nicht. Ute war ein ganz besonderer Mensch gewesen. Sie hatte Doro das gegeben, was Doro bis dahin vermisst hatte. Bis auf Kinder. Da hatten sie sich nicht einigen können. Beziehungsweise Doro hatte sich Utes Wunsch gebeugt.

Und nun war es zu spät dafür. Aber Doro bedauerte das nicht mehr. Ute hatte ihr so viel gegeben, da würde sie nicht der einen einzigen Sache nachtrauern, die sie ihr nicht gegeben hatte.

Nur Ute trauerte sie nach. Dem Menschen, der Frau, die Doro so sehr geliebt hatte, dass sie sich nicht vorstellen konnte, jemals eine andere zu lieben.

Was Kirsten immer meinte . . . Würde sie wirklich Sven durch irgendeinen beliebigen anderen Mann ersetzen, wenn er starb? Nach fünfundzwanzig Jahren?

Allein über den Gedanken schüttelte Doro nur den Kopf. Natürlich würde Kirsten das nicht tun. Wie taff sie sich auch immer gab, sie liebte Sven genauso, wie Doro Ute geliebt hatte. Immer noch liebte. Wenn man so lange zusammen war, hatte das einen Grund. Man hätte sich schließlich jederzeit trennen können.

Kirsten war Lehrerin, demnächst Schuldirektorin. Sie verdiente genug, um nicht von Sven abhängig zu sein, der ein erfolgreiches Softwareunternehmen hatte. Deshalb war sie nicht bei ihm geblieben. Die beiden hatten sich genauso gesucht und gefunden wie Ute und Doro. Nur dass sie ungefähr im gleichen Alter waren.

Wobei Doro nicht das Gefühl hatte, gesucht zu haben. Ute hatte sie einfach gefunden.

Doro war immer der Meinung gewesen, dass sie nie jemanden finden würde, der sie verstand. Bei Gleichaltrigen galt sie im besten Fall als merkwürdig, im schlimmsten – und das war der Normalfall – als spießig und verrückt. Wobei allein diese Kombination schon darauf hätte hindeuten sollen, dass sie offensichtlich etwas Besonderes war.

Aber so etwas sahen Teenager oder auch viele junge Leute zwischen zwanzig und dreißig nicht. Sie waren nur auf sich selbst konzentriert und sahen nicht ein, warum sie sich irgendwelche Mühe geben sollten, einen anderen Menschen, der offenbar auf so einer unterschiedlichen Schiene fuhr, zu verstehen.

Das war immer Doros Problem gewesen. Sie hatte durchaus versucht, ihre Altersgenossen zu verstehen, aber es war ihr selten, eigentlich nie gelungen. Vieles, was die Jugendlichen, mit denen sie dieselbe Schulklasse besuchte, taten, erschien ihr unverständlich, manchmal sogar geradewegs lächerlich. Obwohl sie das nie gesagt hätte, weil sie ein höflicher Mensch war, der andere nicht verletzen wollte.

Nicht dass sich andere darum kümmerten, ob sie sie, Doro, verletzten. Meistens merkten sie es wahrscheinlich noch nicht einmal, weil sie viel zu oberflächlich waren, um so etwas zu bemerken. Ihr kleines Leben enthielt so viele kleine Dinge, für die sie sich interessierten und die sie trotz ihrer Banalität völlig ausfüllten. Und für Doro interessierten sie sich definitiv nicht.

Auch wenn sie manchmal darunter litt, hatte Doro sich mit der Zeit an diesen Zustand gewöhnt. Sie sah, wie ihre Mitschülerinnen und Mitschüler von Einzelpersonen zu Paaren wurden, sich wieder trennten, neue Paare bildeten. Irgendwann verließen sie alle die Schule und verloren sich aus den Augen.

Niemand bemühte sich, mit Doro Kontakt zu halten, und introvertiert, wie sie war, wäre es ihr selbst nie in den Sinn gekommen, noch einmal Kontakt mit einem derjenigen aufzunehmen, mit denen sie Tag für Tag so viele Jahre verbracht hatte. Was hätte sie auch mit ihnen zu reden gehabt?

Sie machte eine Ausbildung zur Krankenschwester, weil sie gern anderen Menschen helfen wollte, aber dann merkte sie, dass das oft nicht das war, was von ihr verlangt wurde, und wechselte in den Beruf der Erzieherin. Weil sie Kinder liebte.

In der Gesamtschule mit angeschlossenem Kindergarten hatte sie dann Kirsten kennengelernt, die dort nach dem Studium angefangen hatte, als Lehrerin zu arbeiten. Oftmals ging es beim Übergang vom Kindergarten auf die Schule darum, ein Kind auf seine Eignung hin zu überprüfen, was Doro recht gut einschätzen konnte, wie Kirsten schon bald feststellte.

Kirsten hatte eine Menge Freunde und Bekannte, und aus irgendeinem für Doro unverständlichen Grund hatte sie beschlossen, dass Doro auch zu ihrem Freundeskreis gehören sollte. Sie lud Doro ein und ließ keine von Doros Ausreden gelten.

Zwar merkte sie bald, dass Doro viel zu introvertiert war, um an einem großen Freundeskreis, wie Kirsten ihn für selbstverständlich hielt und wohl auch brauchte, Gefallen zu finden, und ließ sie dann bis auf spezielle Anlässe in Ruhe. Aber dennoch war sie zu einer Konstante in Doros Leben geworden, die Doro nicht mehr missen wollte. Was Doro selbst wunderte.

Wie alle extrovertiert veranlagten Menschen wollte Kirsten Doro gern verkuppeln, weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass man sich allein wohlfühlte. Doch dabei wurde ihr schnell klar, dass Doro kein Interesse an Männern hatte. Ehrlich gesagt war das Doro noch nicht einmal selbst so ganz klar gewesen.

Ruth Gogoll: Nur über meine Leiche!

1 »Nur über meine Leiche!« Dorothea Dhan, von ihrer Freundin Kirsten, die ihr gerade im Café...
Kurz herrschte eine fast erwartungsvolle Stille zwischen ihnen, dann setzten Aenne Liebig und Doro...
»Nein.« Aenne schüttelte den Kopf. »Ich kenne sie nicht. Hab sie heute zum ersten Mal gesehen.«...
Wahrscheinlich war es diese Geschichte mit der toten Ehefrau. Das war neu für Aenne. Eine Witwe,...
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Denn dieses kleine Städtchen, in dem sie nun so zufällig für den Augenblick gelandet war, hatte...
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Ute hatte ihr nie Angst gemacht. Noch nicht einmal damals bei ihrer ersten Begegnung. Sie hatte...
Dennoch fühlte sie an dem etwas schnelleren Herzschlag in ihrer Brust, dass sie sich freute, Doro...
Gestern, das war ihre Freizeit gewesen. Als sie mit Doro in Doros Laden Tee getrunken hatte. Heute...