Kirsten sagte es ihr eines Tages. Beziehungsweise sie stellte eine Frage, die die Antwort bereits in sich trug. »Du stehst nicht auf Männer, oder?«

Auf Anhieb konnte Doro die Frage noch nicht einmal beantworten. Für sie hatte sich diese Frage noch nie gestellt, da es noch nie einen Mann gegeben hatte, der auf sie stand. Und auch keine Frau. Doch sie hatte einmal etwas darüber gelesen, dass es auch noch andere Alternativen gab.

Also lief sie rot an und stammelte: »Ich glaube . . . Ich glaube . . . ich bin . . . asexuell.«

Zuerst hatte Kirsten überrascht aufgelacht. Vielleicht dachte sie, Doro hätte einen Witz gemacht. Doch als sie merkte, dass das nicht der Fall war, hatte sie nur die Stirn gerunzelt. »Denkst du, dass es so etwas überhaupt gibt?«

Hätte ich doch nichts gesagt. Innerhalb einer Sekunde bereute Doro zutiefst, dass ihr das herausgerutscht war. Wie hatte das nur geschehen können? Meistens hatte sie das besser im Griff, dachte sich nur etwas, ohne es zu sagen. Aber hier musste sie wohl etwas sagen. »Doch. Habe ich gehört. Ähm . . . gelesen, meine ich«, brachte sie mühsam hervor.

Zu diesem Zeitpunkt wusste sie schon nicht mehr, wie sie aus dieser Nummer rauskommen sollte. Sie hoffte nur, dass Kirsten das Interesse daran verlieren und sie mit dieser Thematik in Ruhe lassen würde.

»Ich denke nicht«, widersprach Kirsten sofort. »Dafür ist Sex einfach viel zu . . . geil.« Sie grinste Doro fast an, als sie das sagte. »Wie kann man freiwillig darauf verzichten?«

Doro war gar nichts anderes übrig geblieben, als noch roter anzulaufen, ob sie wollte oder nicht. Irgendwelche Worte hervorzubringen, dazu war sie nicht mehr in der Lage.

Das hatte Kirstens Misstrauen geweckt. »Du willst doch nicht etwa sagen . . .« Ungläubig betrachtete sie Doro wie einen sehr exotischen Vogel, den sie in mitteleuropäischen Breiten nicht in der freien Wildbahn erwartet hätte. »Du willst doch nicht etwa sagen, dass du noch nie –?« Noch viel ungläubiger brach sie ab.

Hochrot und mittlerweile kurz vor dem Explodieren oder alternativ dem Davonlaufen konnte Doro nur nicken.

»Nicht möglich . . .« Da Ungläubigkeit nichts war, auf dem Kirsten gern verharrte, starrte sie Doro jedoch nur noch kurz an und beschloss dann, ihre Taktik den Umständen anzupassen. »Also das müssen wir auf jeden Fall ändern. Wie alt bist du jetzt? Genauso alt wie ich? Oder so ungefähr. Und immer noch Jungfrau? Das kann nicht sein.«

»Bitte, Kirsten . . .« Endlich hatte Doro sich überwinden können aufzustehen, um die Flucht aus dem Raum hinaus anzutreten.

Auch wenn man ihr das manchmal gar nicht zutraute, war Kirsten nicht unsensibel. »Jetzt habe ich dich erschreckt«, stellte sie fest. »Das wollte ich nicht. Setz dich wieder.«

Doro war ein Mensch, der sich schwer dagegen wehren konnte, Anweisungen zu befolgen. Deshalb setzte sie sich ganz automatisch zurück auf den Stuhl, den sie gerade erst verlassen hatte.

»Ich will dich bestimmt nicht bedrängen«, lenkte Kirsten ein. »Aber wenn man etwas noch nie ausprobiert hat, kann man doch gar nicht wissen, ob man es mag. Oder nicht.« Sie verzog das Gesicht. »Ehrlich gesagt habe ich noch nie jemanden getroffen, der Sex nicht mag. Das gibt es doch gar nicht.«

»Dann . . . Dann bin ich wohl die erste«, stotterte Doro tapfer. »So etwas muss es ja schließlich auch geben.«

»Wahrscheinlich.« Äußerst zweifelnd schaute Kirsten Doro an. Theoretisch musste sie die Wahrscheinlichkeit zwar in Betracht ziehen, doch praktisch konnte sie es sich einfach nicht vorstellen. »Aber . . . Aber hast du denn gar keine . . . Leidenschaften?«

»Doch«, erwiderte Doro sofort und wurde auf einmal so eifrig, wie sie es während des ganzen Gesprächs nicht gewesen war. »Handarbeiten. Wenn ich könnte, würde ich gern ein kleines Handarbeitsgeschäft eröffnen. Oder in einem arbeiten.«

»Handarbeiten?« Das war Kirsten so fremd wie irgendeine Sprache, deren Hieroglyphen sie nicht lesen oder mit einem Sinn versehen konnte. »Echt? Das magst du?« Sie ließ einen Blick über Doro schweifen. »Falsche Frage«, korrigierte sie sich dann selbst und lächelte. »Natürlich magst du das. Das hätte ich mir denken können.«

»Du . . . Du musst das nicht verstehen.« Mit einem genauso verteidigenden wie entschuldigenden Gesichtsausdruck schaltete Doro voll auf Rückzug. Sie fühlte sich furchtbar. Nun würde sie auch noch Kirsten verlieren. Die einzige Freundin, die sie je gehabt hatte. »Vergiss einfach, dass ich das gesagt habe.«

»Aber nein«, lachte Kirsten. »Du weißt doch, dass ich ein hervorragendes Gedächtnis mein Eigen nenne. Ich vergesse nie etwas.« Sie winkte ab. »Macht nichts. Ich akzeptiere jeden Menschen so, wie er ist. Und das gehört eben zu dir. Handarbeiten. Warum nicht?«

Für Kirsten war die Welt so viel einfacher als für Doro, das hatte Doro an diesem Tag nicht zum ersten Mal festgestellt. Und auch deshalb war sie froh, Kirsten zur Freundin zu haben. Was sich natürlich auch nicht änderte. Weil Kirsten tatsächlich jeden so akzeptierte, wie er war.

Die Sache mit dem Sex . . . Das war allerdings nicht so einfach für sie. Denn da war sie nun einmal der Meinung, dass man nicht über etwas urteilen konnte, was man nicht ausprobiert hatte.

Deshalb befürchtete Doro, dass Kirsten da nicht so schnell lockerlassen würde. Statt Doro mit irgendwelchen Männern bekanntzumachen, würde sie sie jetzt eben mit irgendwelchen Frauen bekanntmachen.

Doch da war glücklicherweise Ute gekommen.

»Sind Sie immer so tollpatschig?«

Das war tatsächlich die erste Frage gewesen, die Ute Doro gestellt hatte.

Und sie traf den Nagel direkt auf den Kopf. Besonders in der Öffentlichkeit war Doro oft tollpatschig. Weil sie sich unsicher und unwohl fühlte. In ihren eigenen vier Wänden war das etwas anderes, aber wenn sie gezwungen war, sich unter Menschen zu begeben, in eine größere Gruppe, ergriff sie manchmal regelrecht die Panik.

Außer wenn diese Gruppe aus Kindern bestand. Da fühlte sie sich durchaus wohl. Kinder bedrohten sie nicht. Aber Erwachsene – Fremde – waren immer und immer wieder eine große Herausforderung.

»Ach, entschuldigen Sie bitte.« Utes Stimme klang jetzt tief und beruhigend, obwohl sie zuvor genervt und dadurch etwas höher gewesen war. »Ist heute nicht mein Tag. Kann ich Ihnen helfen?«

Sie hatte sich zu Doro hinuntergebeugt, die vor einem Supermarktregal hockte, umgeben von Corn-Flakes-Kartons, die herausgefallen waren.

»Nein . . . Nein, danke«, stammelte Doro und fühlte die Hitze der Scham in ihren Kopf steigen. Wenn diese Frau doch einfach nur weitergehen und sie in Ruhe lassen würde. »Das geht schon.«

»Einer der Kartons hätte mich fast erschlagen.« Ein leises Schmunzeln umspielte Utes Lippen. »Sind ganz schön scharfkantig, diese Dinger.«

»Tut . . . tut . . . tut . . . mir leid.« Doro brachte es kaum hervor. Ihre Stimme hatte sich in einen Windhauch verwandelt, der sich in der Gasse der Regale verlor. »Das . . . das . . . Haben Sie sich wehgetan?«

»Schon in Ordnung«, beruhigte Ute sie. »Und Sie?«

»N-nein.« Doro stopfte die Kartons ins Regal zurück. Oder versuchte es, denn vor lauter Nervosität gelang es ihr nicht. Wenn diese Frau doch nur gehen würde.

»Kommen Sie. Ich helfe Ihnen«, beschloss Ute, griff sich einen Karton und schob ihn ins oberste Regal zurück. »Ist aber auch wirklich weit oben.«

Ruth Gogoll: Nur über meine Leiche!

1 »Nur über meine Leiche!« Dorothea Dhan, von ihrer Freundin Kirsten, die ihr gerade im Café...
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