»Ich . . . Ich bin zu klein«, entschuldigte Doro sich für etwas, wofür sie nichts konnte. Was allerdings auch nichts Besonderes war. Sie fühlte sich immer für alles verantwortlich, auch wenn es nicht im Entferntesten ihre Schuld sein konnte. »Und diese Sorte tun sie immer ganz nach oben. Deshalb musste ich –«

»Deshalb mussten Sie hier eine halbe Bergbesteigung veranstalten, um da ranzukommen«, nickte Ute, nahm einen weiteren Karton und stellte ihn ebenfalls auf dem Regal ab. »Das ist wirklich unverschämt, dass die nie daran denken, dass es auch kleinere Leute gibt. Aber wissen Sie was?« Sie reichte Doro eine Hand, um sie zum Aufstehen zu veranlassen. »Lassen Sie das liegen. Das ist deren Problem. Sollen sie die Sachen doch da ins Regal tun, wo man drankommt.«

»Ich . . . Ich . . . Ich weiß nicht.« Zweifelnd blickte Doro auf die Kartons. »Es war doch meine Schuld –«

»War es nicht«, unterbrach Ute sie. »Kommen Sie.«

Ihre Stimme und auch der Blick aus den graugrünen Augen, der Doro traf, hypnotisierte Doro fast. Wie in Trance hob sie die Hand und legte sie in die ihr entgegengestreckte von Ute. Der Schlag, der sie bei der Berührung traf, ließ sie jedoch fast sofort wieder zurück zu Boden sinken.

Doch Ute zog sie hoch. »Ich glaube, Sie können einen Kaffee vertragen«, beschloss sie. »Und ich vielleicht einen Kamillentee.« Sie lachte. »War ein höllischer Tag.«

Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft gewesen, von der Doro zuvor noch nicht einmal hätte träumen können.

Und das Ende ihrer Jungfernschaft.

4

Während sie so durch die Stadt schlenderte an ihrem freien Tag, dachte Aenne darüber nach, ob sie in diesem Städtchen bleiben sollte. Diese merkwürdige Vertrautheit war gleichzeitig so unvertraut. Sie hatte keinen Vergleich, kein Muster für ein heimeliges Gefühl. Sie hatte immer eher auf der Überholspur gelebt.

Die Überholspur ließ keinen Platz für Ruhe und Gelassenheit, für Freundschaften, die ohnehin nur von beschränkter Dauer sein konnten, für gemütliche Abende zu Hause, allein mit sich selbst. Aennes Leben hatte sich immer vor allem in der Öffentlichkeit abgespielt.

Sie kochte nicht selbst, sondern aß entweder in den Lokalen, in denen sie angestellt war, oder ging in ein anderes Lokal aus. Wenn sie abends nicht arbeiten musste, ging sie tanzen. Manchmal ging sie ins Kino, aber nie allein, sondern immer in Gesellschaft anderer.

Sie schloss schnell Kontakt und fand dadurch fast ohne Übergang von einer Stadt in die andere sofort Anschluss. Die meisten Menschen mochten sie auf Anhieb.

Umgekehrt traf das nicht immer zu, aber das störte Aenne nicht, denn wenn man sich hauptsächlich in Gruppen bewegte, spielte das so gut wie keine Rolle. Wenn man beispielsweise einen gemeinsamen Ausflug unternahm, fand man immer jemanden, mit dem man sich unterhalten, lachen und amüsieren konnte.

Zwar gab es praktisch in jeder Gruppe auch mindestens eine Person, die etwas nervig war, aber darüber konnte Aenne hinwegsehen. Ihr Lebensmotto war, sich über nichts aufzuregen, das nicht persönlich etwas mit ihr zu tun hatte. Und die wenigsten Dinge waren persönlich, wenn man es nicht zuließ, Menschen näher kennenzulernen.

Sie stammte aus einer Familie, die praktisch das Gegenteil von ihr selbst war. Manchmal dachte sie, Zigeuner hätten sie auf der Türschwelle abgelegt, und ihre Familie hätte ihr nur nichts davon gesagt. Aber hätte sie da nicht dunkle Haare haben müssen? Andererseits – die Krause . . . Sie empfand sich selbst als die Summe ziemlich zufällig zusammengesetzter Teile. Aus jedem Dorf ein Hund, wie ihre Großmutter gesagt hätte.

Aber auch ihre Großmutter war sehr bodenständig gewesen, wie ihre ganze Familie. Niemand von ihnen wäre je freiwillig umgezogen, schon gar nicht in eine andere Stadt, ein anderes Bundesland oder sogar ein anderes Land, beziehungsweise auf ein Kreuzfahrtschiff.

»Es ist wichtig, dass man eine Heimat hat«, hatte ihre Großmutter immer gesagt. »Einen Ort, an dem man sich zu Hause fühlt. Oder einen Menschen, bei dem man sich zu Hause fühlt«, fügte sie stets noch leise lächelnd hinzu.

Zu jenem Zeitpunkt war sie schon lange Witwe gewesen, ihren Großvater hatte Aenne nur noch als kleines Kind kennengelernt, aber für ihre Großmutter war er die große Liebe gewesen, die nach seinem Tod auch niemand ersetzen konnte.

Ihre Mutter – das war eine ganz andere Geschichte. Sie hatten sich nie verstanden. Nur selten dachte Aenne über sie nach, denn wenn sie es richtig betrachtete, hatte ihre Mutter sie aus dem Haus getrieben.

Jedenfalls Aenne sah es so. Ihre Mutter sah das ganz anders. Sie beschuldigte Aenne jedes Mal, wenn sie miteinander sprachen, dass sie die Familie im Stich gelassen hätte, dass sie kein Verantwortungsgefühl hätte, dass sie immer nur an sich selbst denken würde.

Das alles waren Charakterisierungen, mit denen Aenne sich nicht identifizieren konnte. Wohl aber sah sie einiges davon bei ihrer Mutter. Darüber mit ihr zu reden war jedoch immer hoffnungslos gewesen. Als sie einmal mit ihrer Großmutter darüber sprach, sagte die, Aennes Mutter wäre schon von Kindheit an so gewesen. Was – wie Aenne vermutete – auch ihrer Großmutter schon Probleme bereitet hatte. Auch wenn sie nicht darüber sprach.

Doch in einem waren sowohl ihre Großmutter als auch ihre Mutter sich einig: dass Aenne eine Familie gründen sollte. Obwohl die Ehe ihrer Mutter kein Erfolg gewesen war. Ihren Vater hatte Aenne nur einige wenige Male in ihrem Leben getroffen und nie eine Beziehung zu ihm aufbauen können. So, wie Aenne es sah, hätten ihre Eltern nie heiraten dürfen. Sie passten überhaupt nicht zusammen.

Ihre Mutter sah den Grund für das Scheitern der Ehe natürlich allein bei ihrem Vater, aber Aenne war sich da nicht so sicher. Mit ihrer Mutter zusammenzuleben war eine Herausforderung, die viele sicher nicht gern angenommen hätten. Deshalb hatte auch Aenne dieses Zusammenleben beendet, sobald sie ihre Lehre abgeschlossen hatte.

Die Lehre war eine kaufmännische gewesen, wie es ihre Familie gewünscht hatte. Aenne hatte sich etwas ganz anderes vorgestellt, aber zu dem Zeitpunkt, als der Lehrvertrag unterschrieben wurde, war sie noch nicht volljährig gewesen, und ihre Mutter hatte ihr wie so oft keine Wahl gelassen. Ihre Großmutter tröstete sie, dass das doch ein solider Beruf wäre, in dem sie immer eine Arbeitsstelle finden würde.

Aenne hatte sich scheinbar dem Schicksal gefügt und das getan, was man von ihr erwartete. Sie hatte sogar mit sehr guten Noten abgeschlossen, aber das bedeutete ihr nichts.

Ihr erster Weg nach dem Abschluss führte sie auf ein Kreuzfahrtschiff, um dort zu arbeiten. Und zwar nicht als kaufmännische Angestellte, sondern an den Orten, wo etwas los war, in den Bars und Diskotheken an Bord. Wenn sie dort bediente, befand sie sich immer im Zentrum des Geschehens. So war sie Kellnerin geworden.

Dabei war es dann auch geblieben, weil sie Gefallen daran gefunden hatte. Sie mochte den Umgang mit Menschen sehr, war aber vorsichtig genug, sich auf nichts Näheres einzulassen. Damit fuhr sie nicht nur auf dem Kreuzfahrtschiff, sondern auch später ihrer Meinung nach hervorragend.

Das war mittlerweile jedoch schon viele Jahre her, und sie fragte sich, ob sie des ständigen Herumreisens müde geworden war. Des ständigen Wechsels, der für sie die Regel bedeutete und nicht die Ausnahme.

Ruth Gogoll: Nur über meine Leiche!

1 »Nur über meine Leiche!« Dorothea Dhan, von ihrer Freundin Kirsten, die ihr gerade im Café...
Kurz herrschte eine fast erwartungsvolle Stille zwischen ihnen, dann setzten Aenne Liebig und Doro...
»Nein.« Aenne schüttelte den Kopf. »Ich kenne sie nicht. Hab sie heute zum ersten Mal gesehen.«...
Wahrscheinlich war es diese Geschichte mit der toten Ehefrau. Das war neu für Aenne. Eine Witwe,...
Kirsten sagte es ihr eines Tages. Beziehungsweise sie stellte eine Frage, die die Antwort bereits...
»Ich . . . Ich bin zu klein«, entschuldigte Doro sich für etwas, wofür sie nichts konnte. Was...
Denn dieses kleine Städtchen, in dem sie nun so zufällig für den Augenblick gelandet war, hatte...
Was brachte sie dann jetzt dazu, ihre Hand auf die Klinke zu legen? Das konnte sie sich selbst...
»Meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben«, erwiderte Doro jedoch ganz ruhig. »Und seither lebe...
Ute hatte ihr nie Angst gemacht. Noch nicht einmal damals bei ihrer ersten Begegnung. Sie hatte...
Dennoch fühlte sie an dem etwas schnelleren Herzschlag in ihrer Brust, dass sie sich freute, Doro...
Gestern, das war ihre Freizeit gewesen. Als sie mit Doro in Doros Laden Tee getrunken hatte. Heute...